Filmwirtschaft:

„Der politische Film ist unsere Identität“

von am 05.02.2014 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Interviews

<h4>Filmwirtschaft: </h4>„Der politische Film ist unsere Identität“
Dieter Kosslick, Direktor der Internationalen Berliner Filmfestspiele (Berlinale) I © Marc Ohrem Leclef, Berlinale

Deutsche Filme mit Rekordbeteiligung auf diesjähriger Berlinale

05.02.14 Interview mit Dieter Kosslick, Direktor der Internationalen Berliner Filmfestspiele (Berlinale)

Der deutsche Film hat mit insgesamt 120 Produktionen und Ko-Produktionen einen starken Auftritt bei der 64. Berlinale. Allein im offiziellen Wettbewerb um den Goldenen Bären konkurrieren vier in Deutschland entstandene Regiearbeiten – so viele wie aus keinem anderen Land. Im vergangenen Jahr war nur ein deutscher Film im Berlinale-Wettbewerb. Mit über 400 Filmen, zehn Sektionen und fast 500.000 Kinobesuchern ist die Berlinale das inzwischen größte Publikumsfilmfestival der Welt. Weitere knapp 800 Filme werden auf dem parallel zur Berlinale laufenden European Film Market für professionelle Filmeinkäufer gezeigt.

medienpolitik.net: Herr Kosslick, es sind mehrere deutsche Filme im Wettbewerb, die sich auch mit der deutschen Kultur befassen, sogar mit der deutschen Klassik…

Dieter Kosslick: Ja, Schiller beflügelt uns auch bei der Berlinale. Am Samstag den 8. Februar haben wir als Wettbewerbsfilm die Weltpremiere des Films von Dominik Graf „Die geliebten Schwestern“ im Programm. Inhalt des Films ist Schillers Liebesverhältnis zu den Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld. Und da kommt natürlich auch der Meisterschreiber Goethe auf dem roten Teppich vorbei.

medienpolitik.net: Weite Teile des Wettbewerbs wirken in diesem Jahr wie eine Reise in die Vergangenheit…

Dieter Kosslick: Bei einigen Filmen muss ich „leider“ sagen. Wir haben mehrere Reisen in die deutsche Vergangenheit und zwei davon hängen sogar zusammen. So zeigen wir den Film „Monuments Men“ im Wettbewerbsprogramm und etwas später ist im Zoo-Palast die Weltpremiere von Volker Schlöndorffs Film „Diplomatie“ zu sehen. Das ist die Geschichte in Paris, 24 Stunden vor Eintreffen der Monuments Men. Es geht um die letzte Nacht vor Hitlers Befehl, Paris in die Luft zu sprengen, was durch einen schwedischen Diplomaten verhindert wurde. Einer ist ein stattlicher Hollywood-Film, in Babelsberg gedreht, der andere ist ein großes Kammerspiel. Dann zeigen wir einen Dokumentarfilm über die Öffnung des Konzentrationslagers von Bergen-Belsen, bei der Hitchcock damals – vor 68 Jahren – am Schnitt beteiligt war: „German Concentration Camps Capital Survey“. Den hat gerade das Imperial War Museum in London restauriert. Fragmente  davon liefen bereits vor 20 Jahren im Forum. Den Film zeigen wir jetzt in der vollständigen Fassung.  Man sollte ihn auf das Brandenburger Tor projizieren, damit die Bilder jeder sieht, der sagt, die Taten der Nazis hätte es nicht gegeben. Dazu gibt es einen ‚Making-of-Film‘, der beschreibt, warum dieser Film nicht mehr gezeigt worden ist. Im Panorama gibt es einen Film mit dem Titel „Der Anständige“, in dem private Dokumente Himmler und sein Familienleben zeigen und uns die Montrosität des ‚normalen‘ Nazis noch deutlicher vermitteln.

Das sind Ausflüge in die Vergangenheit von sehr unangenehmer Art. Am ersten Wochenende kommt dann noch ein Film über das Nordirland-Drama „71“, von dem ehemaligen Talent Campus Teilnehmer Yann Demange. Weiterhin bietet das Programm einen sehr speziellen deutschen Rückblick: Nach 44 Jahren wird zum ersten Mal wieder der Film „Baal“ von Volker Schlöndorff in der Regie und mit Rainer Werner Fassbinder in der Hauptrolle gezeigt. Nach der Premiere hatte Brechts Frau, Helene Weigel, den Film ins Archiv verbannt.

medienpolitik.net: Sie waren bisher immer stolz darauf; dass sich viele Filme mit aktuellen Themen befassten. Sind Themen wie die Finanzkrise oder die Probleme der Dritten Welt diesem Jahr nicht so präsent?

Dieter Kosslick: Vielleicht nicht auf den ersten Blick. Aber im Berlinale Special zeigen wir „We Come as Friends“ von dem Regisseur Hubert Sauper. Hubert Sauper ist ein österreichischer Dokumentarist, der den Welt bewegenden Film „Darwin‘s Nightmare“ gedreht hatte. Im neuen Film „We come as friends“ geht es darum, wie die Amerikaner und andere Länder Afrika, vor allem Zentralafrika, ausbeuten. Beim Sehen dieses Filmes kann einem der Atem stehen bleiben. Der Film „Watermark“ dagegen zeigt, was mit dem Wasser auf der Welt passiert. Weitere zwei aktuelle Filme des Wettbewerbes und bei Berlinale Special sind die große Charakterstudie des Gewerkschaftsführers Cesar Chavez, der sich für Mindestlöhne der mexikanischen Plantagenarbeiter im Weinbau eingesetzt hat und als work in progress ein Dokumentarfilm von Martin Scorsese über „The New York Review of Books“, eine der interessantesten und anspruchsvollsten Publikationen in den USA zu Kultur und Politik. Ein aktuelles Thema greift auch der Film von Feo Aladag „Zwischen Welten“ auf, den sie über die deutschen Soldaten in Afghanistan gedreht hat. Wir zeigen auch drei in der Gegenwart spielende chinesische Filme und mit „Macondo“ einen österreichischen Film, der sich mit Problemen von Emigranten und Aussiedlern beschäftigt. Weitere aktuelle Filme sind der griechische Wettbewerbsbeitrag „To Mikro Psari“ und der vom World Cinema Fund geförderte „Historia del miedo“. Dieser Film beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Veränderungen in Lateinamerika.

medienpolitik.net: Sie halten also auch 2014 an Ihrem Anspruch fest, ein politisches Festival zu bieten?

Dieter Kosslick: Selbstverständlich, das ist seit 64 Jahren unsere Identität. Und die künstlerische Auseinandersetzung mit unserer Welt ist irgendwie immer auch politisch.

medienpolitik.net: Sie sind abhängig, von dem was Ihnen die Produzenten zuliefern. Resigniert man nicht manchmal angesichts der Vielfalt und der Größe der Probleme, die aus den verschiedenen Teilen der Welt zu uns dringen?

Dieter Kosslick: Die Berlinale resigniert nicht. Wenn sie heute über politische Filme sprechen, dann sind diese vielfach anders umgesetzt als früher. Es gibt sehr viele Dokumentarfilme, Filme die anders gemacht sind und Filme mit sehr verschiedenen Ansätzen. Zum Beispiel der erwähnte Film „Watermark“. Da gibt es keine Dialoge oder Voice Over. Sie sehen nur gigantische Bilder zu dem, was mit dem Wasser in der Welt passiert. Das ist ein größerer Kommentar als alles, was jemals zu Wasser gesagt wurde. Es gibt weltweit nach wie vor sehr viel Filme über das Engagement der Menschen für ihre Zukunft, ihr Leben und die Umwelt. Einen Ausschnitt daraus bieten wir immer auf der Berlinale.

medienpolitik.net: In diesem Jahr kommen viele Filme aus Deutschland, zudem auch Koproduktionen mit deutscher Beteiligung. Hat Sie diese Vielfalt überrascht?

Dieter Kosslick: Nein, denn wir haben uns ja damit beschäftigt. Wir haben vier deutsche Filme im Wettbewerbsprogramm. Es gibt in den verschiedensten Konstellationen 120 Filme mit deutscher Beteiligung. Die unterschiedlichsten Förderelemente, vom DFF, der FFA über die regionalen Förderer bis hin zu unserem World Cinema Fund, von denen auch wieder zwei Filme im Wettbewerb laufen und drei Filme von Teilnehmern von Berlinale Talents. Diese vielfältigen Fördermöglichkeiten machen sich natürlich auch im Filmangebot bemerkbar. Es wäre eher etwas ungewöhnlich, wenn solche Filme wie „Monuments Men“ und „Grand Budapest Hotel “ nicht auf der Berlinale laufen würden. Zudem präsentieren wir  im Zoo-Palast die nominierten Filme für den Deutschen Filmpreis 2014. Deutschland ist in diesem Jahr gut vertreten und wir sind als Filmland auch gut an anderen Filmen beteiligt.

medienpolitik.net: Wir erleben seit einigen Monaten eine Debatte über die Filmförderung, die angeblich negative Auswirkungen auf die Filmwirtschaft hat und zu viel Masse und zu wenig Klasse stimuliert. Nun zeigt die Berlinale mehrere gute deutsche Filme, die auch international für Aufmerksamkeit sorgen. Wie erklären Sie sich diesen Wiederspruch?

Dieter Kosslick: Für mich ist es kein Widerspruch. Ich glaube, das muss man differenzierter sehen. Natürlich haben wir seit Jahren – in einem Jahr mehr, im anderen weniger- erfolgreiche deutsche Filme. Darunter sind auch viele künstlerisch interessante Filme. Ich teile diese negative Sicht nicht und bin immer überrascht, in welcher Vielfalt inzwischen deutsche Filme finanziert werden und welche Budgets dabei inzwischen bewegt werden. Die Klagen, die damit zusammenhängen sind meistens Verteilungskämpfe in Sinne von: Wie stark hat sich das Fernsehen beteiligt, zuviel oder zu wenig, wer sichert sich welche Rechte, usw..  Es geht allgemein um die Refinanzierbarkeit von deutschen Filmen. Das ist aber ein anderes Kapitel. Aus Sicht der Berlinale aus muss ich sagen, wir waren mit den Filmen, die wir gesehen haben, zufrieden.

medienpolitik.net: Es gibt die Meinung, der deutsche Film ist trotz der Filmförderung gut.

Dieter Kosslick: Naja, da fragen Sie den Falschen. Ich habe 20 Jahre Filmförderung in Hamburg, in NRW und auch auf europäischer Ebene betrieben. Wenn ich mir vorstelle, dass es die regionalen Filmförderungen oder die FFA und das europäische MEDIA-, jetzt Creative Europe Programme, das sind nur die drei Institutionen, bei denen ich gearbeitet habe, nicht mehr gäbe, dann würden wir wahrscheinlich beklagen, dass es den deutschen Film nicht mehr gibt. Die Millionen Gelder kann man nicht aus dem Markt ziehen und dann glauben, dass es besser wird. Diese Diskussion kann ich nicht nachvollziehen. Dass es wie bei allen Dingen kritische Punkte gibt und dass Verbesserungen  erforderlich sind, verstehe ich. Aber ohne Filmförderung gibt es gar nichts und die Verfassungsmäßigkeit der FFA hat das Bundesverfassungsgericht gerade bestätigt.

medienpolitik.net: Sie hatten in den vergangenen Jahren beklagt, dass es unter den deutschen Produzenten „Verweigerer“ gab, die ihren Film nicht auf der Berlinale, sondern auf anderen Festivals zeigen wollten. Anscheinend hatten Sie diese Sorge für 2014 nicht, bei der Palette von guten deutschen Filmen.

Dieter Kosslick: Nein, aber da herrscht auch ein Missverständnis. Ich erinnere mich an eine Diskussion im Kino „Babylon“ mit Lars von Trier, bei der er gefragt worden ist, warum er seine Filme nicht auf der Berlinale zeigt. Worauf er antwortete, dass er gehört habe, wie grausam hier das Publikum sei. Da habe ich mir gedacht, irgendetwas stimmt hier nicht. Das Publikum ist nach wie vor begeistert. Das Publikum würde gar nicht in solchen Massen kommen, wenn die Berlinale nicht den Ruf hätte, die Filme zu zeigen, die auch das Publikum gern sehen möchte. Es gibt in jedem Jahr Leute, die extrem auf der Berlinale „herum kloppen“. Da kann ich auch nichts machen. Das ist aber auch nicht neu, das war schon bei Moritz de Hadeln so. Vor dem Publikum brauchen sich die Filmemacher also nicht fürchten.

medienpolitik.net: In eine Ihrer Pressemeldungen zum „Forum Expanded“ stand: „Das Kino denkt sich neu“. Betrifft das nur diese Sektion oder lässt sich das gegenwärtig verallgemeinern?

Dieter Kosslick: Das lässt sich durchaus verallgemeinern. „Forum Expanded“ ist sozusagen unsere Speerspitze. Irgendwann werden die Festivals vielleicht so aussehen, wie jetzt „Forum Expanded“. Es wird sehr viel mehr Korrelationen mit anderen Kunstgattungen und Korrelationen, die den bisher üblichen Medien-und Produktionsrahmen sprengen, geben. Das hängt auch damit zusammen, dass Zuschauer heute im Internet andere Filme aber auch multimediale Angebote sehen, als sie es bisher gewohnt waren. TV-Serien wie „ House of Cards“ bekommen so einen anderen Stellenwert. Die Menschen richten sich nicht mehr nach Programmrastern, sondern sie suchen und nutzen guten Content, egal über welchen Weg. Dadurch, dass die Zuschauer andere Sehgewohnheiten haben, Filme über Mediatheken und im Internet sehen können, ändern sich auch die Filme. Bei der Berlinale gibt es schon seit Jahren Fernsehmehrteiler zu sehen. Im letzten Jahr haben wir zum Beispiel „Top oft he Lake“ gezeigt. Es ändert sich nicht nur beim „Forum Expanded“ etwas, sondern beim ganzen Festival.

medienpolitik.net: Wann wird sich das auch im Wettbewerb wiederspiegeln? Wenn ich mir die Liste der nominierten Filme ansehe, habe ich den Eindruck, dass sind noch gute klassische Spielfilme.

Dieter Kosslick: Teilweise ja, teilweise nein. Der Film „Die geliebten Schwestern“ ist kein klassischer Spielfilm, mit fast drei Stunden Länge. Die unzensierte Fassung von Lars von Trier, mit zweieinhalb Stunden, ist schon gar kein klassischer Spielfilm. Im Special zeigen wir „Galapagos Affair“, eine sehr interessante Geschichte: Niemand weiß, dass die Einwohner, die bis heute die Galapagos-Inseln bevölkern, deutscher Herkunft sind. Im Berlinale Special können Sie die verschiedensten Formen von Filmen sehen. Vom Spielfilm bis zum Dokumentarfilm oder bis zur komplett sprachlosen Dokumentation, wie „Watermark“. Wir nennen sie ‚dokumentarische Formen‘.

medienpolitik.net: Sie haben für den „European Film Market“ eine Ko-Direktorin benannt, die sich um das Fernsehen kümmern soll. Da kann man doch vermuten, dass das Fernsehen stärker bei der Berlinale Einzug halten wird?

Dieter Kosslick: Es gibt bei „European Film Market“ bereits das Fernsehen. Inzwischen haben wir in Berlin einen der drei größten Filmmärkte der Welt. Wenn ich nach den Zahlen gehe, wird es auch in diesem Jahr wieder so sein. Im europäischen Filmmarkt ist Medien-Konvergenz schon lange vollzogen. Es werden schon längst Formate für alle Plattformen verkauft: Für das Kino, das Internet, das Fernsehen, das Handy. Ich glaube, das ist auch ein großes Potenzial für die Berlinale, denn wer kann schon einen so extrem gewachsenen und gleichzeitig etablierten Markt vorweisen wie die Berlinale. Die Frage wird nicht mehr sein, ob wir ein Film-oder ein Fernsehfestival sind, sondern welcher Content, welche Themen werden wir in welchen Formen bei der Berlinale präsentieren. Da haben wir schon heute die unterschiedlichsten Formen in den unterschiedlichsten Sektionen. Das wir uns mit den verschiedenen Formaten beschäftigen, hängt auch damit zusammen, dass wir den Markt noch intensiver für das Fernsehen nutzen müssen. Wir müssen noch offensiver sein und zeigen, dass wir ein Markt für alle audiovisuellen Produkte sind. Schließlich ist der Markt das Rückgrat des Filmfestivals.

medienpolitik.net: Das heißt, Sie hätten auch kein Problem damit, wenn ein Fernsehfilm den Wettbewerb eröffnen würde?

Dieter Kosslick: Den Film muss ich mir erst vorher ansehen. Das kann ich nicht theoretisch beantworten. Im Moment eröffnen wir mit einem Film. Um ein Wort von Gertrude Stein abzuwandeln: „Ein Film ist ein Film, ist ein Film…“ und mit so einem Film eröffnen wir die diesjährige Berlinale.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 2/2014 erstveröffentlicht.

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