Filmwirtschaft:

„‘Fack ju Göhte‘ ist unser ‚heiliger Gral‘ des Kinos“

von am 06.02.2014 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft, Urheberrecht

<h4>Filmwirtschaft: </h4>„‘Fack ju Göhte‘ ist unser ‚heiliger Gral‘ des Kinos“
Martin Moszkowicz, Vorstandsvorsitzender Constantin AG I © Martin Hangen

Jugendliche sind noch immer die aktivsten Kinogänger

06.02.14 Interview mit Martin Moszkowicz, Vorstandsvorsitzender Constantin Film

„Fack ju Göhte“, der größte deutsche Kinohit des Jahres 2013, soll auch die internationalen Kinos erobern.  Der Film soll unter dem Titel „Suck me Shakespeer“ internationale Erfolge erzielen. Die Komödie lockte bis Anfang 2014 über sechs Millionen Zuschauer in die Kinos. Schräge Figuren, politisch unkorrekte Witze und beliebte Schauspieler – diese Mischung sorgte auch bei „Fack ju Göhte“ für die volle Kinosäle. Für 2015 ist eine Fortsetzung geplant. „Fack ju Göhte“ ist auch einer der erfolgreichsten Filme der Constantin AG. Fragen an den neuen Vorstandsvorsitzenden Martin Moszkowicz zur Gesamtbilanz 2013 sowie zur Constantin-Strategie, Zuschauer aller Altersgruppen zu erreichen.

medienpolitik.net: Herr  Moszkowicz , „Fack ju Göhte“ ist der erfolgreichste Film 2013 in den deutschen Kinos. In ersten Reaktionen haben Sie sich überrascht gezeigt. Waren Sie wirklich überrascht, schließlich haben Sie mit dem Hauptdarsteller und Regisseur bereits erfolgreich zusammengearbeitet?

Martin Moszkowicz: Nur über das Ausmaß des Erfolges. Ich wusste, dass der Film kommerziell erfolgreich sein würde. Nun ist der Film einer der 10 erfolgreichsten deutschsprachigen Filme aller Zeiten. Derartige Überraschungen kommen nicht ungelegen.

medienpolitik.net: Wie weit kann man solch einen Erfolg heute planen?

Martin Moszkowicz: Erfolg kann man natürlich planen, wenn auch nur in gewissen Grenzen. So war auch hier beabsichtigt, dass der Film kommerziell erfolgreich wird. In der Praxis setzen sich aber leider nicht alle Planungen auch um. Bei „Fack Ju Göhte“ hatten wir mit Bora Dagtekin den besten deutschen Komödienautor am Werk, mit Elyas M’Barek und Karoline Herfurth hervorragende Darsteller an der Spitze und mit Lena Schöhmann und Christian Becker ein erfolgserprobtes Produzententeam. Was soll da schiefgehen?

medienpolitik.net: Sie sprachen im Zusammenhang mit „Fack ju Göhte“ von einem „deutschen Kino-Phänomen“. Warum?

Martin Moszkowicz: Weil es im deutschen Kino wenige „Tadpoles“, also Kaulquappen gibt, die sich ohne bekannte Vorlage zu in einen Froschkönig verwandeln, wenn sie denn vom Publikum geküsst werden. Das war hier der Fall. Der Film hat am Ende alle Altersgruppen angesprochen.

medienpolitik.net: Sie planen für 2015 eine Fortsetzung von „Fack ju Göhte“. Wie hoch hängt dann die Latte?

Martin Moszkowicz: Das ist jetzt der Plan und, natürlich, ist auch hier ein erfolgreicher Film geplant. Wir orientieren uns aber nicht an ‚gehängten Latten‘, sondern daran, wie wir unser Publikum am besten unterhalten können.

medienpolitik.net: „Fack ju Göhte“ hat viele junge Zuschauer erreicht. Andererseits gibt es eine Tendenz, dass junge Leute weniger ins Kino gehen. Ist  es riskanter geworden auf die junge Zielgruppe zu setzen?

Martin Moszkowicz: Nein – denn diese Altersgruppe ist noch am kinoaktivsten, wenn sie denn ins Kino geht. Ein jugendliches Publikum kann alleine einen Film zum Erfolg machen und dann kommen die anderen oft nach. Dann hat man den ‚heilige Gral‘ des Kinos – den Four Quadrant Megahit.

medienpolitik.net: Hollywood-Studios stellen sich immer mehr auf die Generation 50 Plus ein. Wie sieht hier die Constantin-Strategie aus?

Martin Moszkowicz: Wir bemühen uns stets um ein ausgeglichenes Portfolio. Im besten Fall sollten da Filme für jede Altersgruppe enthalten sein. Aber natürlich liegen gute Drehbücher nicht auf der Strasse – wir sind immer auch darauf angewiesen, dass uns die Filmemacher entsprechende Stoffe anbieten.

medienpolitik.net: Wie ist die Bilanz bei Ihren Kino- und TV-Produktionen 2013 insgesamt?

Martin Moszkowicz: Durchwachsen, wobei wir mit dem Gesamtergebnis zufrieden sind. Leider haben eine ganze Reihe englischsprachiger  Lizenztitel enttäuscht.

medienpolitik.net: Die Produzenten üben seit einiger Zeit Kritik am TV-Engagement bei Spielfilmen. Ist es auch bei Ihren Projekten schwerer geworden, die TV-Sender für eine Beteiligung zu gewinnen, bzw. fiktionale TV-Produktionen zu vereinbaren?

Martin Moszkowicz: Ich verstehe die Sorgen der Kollegen gut, wobei das Thema für die Constantin Film nicht die Bedeutung hat. Wir haben seit vielen Jahren eine äußerst erfolgreiche Zusammenarbeit mit ProSiebenSat1 – unsere Produktionen werden auf Output-Basis von dem Sender ausgewertet.

medienpolitik.net: Nun fordern die Produzenten, dass ein Teil der erwarteten Mehreinnahmen aus dem Rundfunkbeitrag zweckgebunden für fiktionale Produktionen genutzt werden sollen, ist das nicht eine Illusion angesichts des politischen Populismus?

Martin Moszkowicz: Vielleicht. Aber das bedeutet ja nicht, dass man eine derartige Forderung nicht stellen muss. Mit Sicherheit eine Illusion ist, dass man besseres Fernsehen mit immer weniger Geld machen kann. Der Erfolg der hochgelobten ausländischen Fernsehformate ist mit einheimischen Produktionen durchaus herzustellen. Aber das hat eben seinen Preis. Ich bin auch sicher, dass die meisten Fernsehzuschauer ein besseres Programm einer Rückerstattung von ein paar Cent vorziehen würden.

medienpolitik.net: Wie können die deutschen Produzenten die Abhängigkeit vom Fernsehen verringern? Spielt VoD bereits eine relevante Rolle?

Martin Moszkowicz: VoD und SvoD werden immer relevanter – allerdings hat das auf das Verhältnis der Produzenten zu den Sendern wenig Auswirkungen. Das einzige was hier hilft, ist ein unternehmerischerer Ansatz. Die Produzenten müssen sich entscheiden, ob ihnen hohe Finanzierungssicherheit oder grössere Unabhängigkeit wichtiger ist.

medienpolitik.net: Sie verfilmen in diesem Jahr zusammen mit Mythos Film „Er ist wieder da“. Der Film soll 2015 in die Kinos kommen. Also genau 70 Jahre nach dem Ende des 2.Weltkrieges und dem Tod Hitlers. Ist das nicht politisch problematisch? Fürchten Sie nicht Proteste?

Martin Moszkowicz: Der Roman ist bei uns einer der großen Bestseller der letzten Zeit, auch in vielen anderen Ländern. Er nähert sich dem Thema Hitler von einer Seite, die sehr viel relevanter ist, als viele historische Aufarbeitungen. Ich bin sehr stolz, dass Christoph Müller und Timo Vermes sich entschlossen haben, dieses Projekt mit der Constantin Film zu realisieren.

medienpolitik.net: Sind politisch unkorrekte Filme gegenwärtig wieder einmal ein Trend?

Martin Moszkowicz: Das Publikum will überrascht werden, sich aber gleichzeitig nicht auf völlig unbekanntes Gebiet einlassen. Der alte Leitspruch von Billy Wilder ‚never bore your audience‘ gilt auch heute noch. Da ist es nicht ausschlaggebend, ob politisch korrekt oder nicht.

medienpolitik.net: Constantin produziert 2014 überwiegend „Actionspektakel und Komödien“. Wo bleiben die ernsten Stoffe wie „3096 Tage“?

Martin Moszkowicz: Wir haben in diesem Jahr eine ganze Reihe von hochkarätigen Filmen im Programm, darunter neue Produktionen aus Deutschland von Doris Dörrie oder Sönke Wortmann. Aber auch internationale Filme wie der neue Film von Lasse Halström.

medienpolitik.net: Sie haben sich für die Wahrung der Urheberrechte auch in der digitalen Welt eingesetzt und spezielle Anti-Piraterie-Trailer produziert. Der letzte entstand 2012. Es ist ruhiger um die Schäden durch Online-Piraterie geworden. Ist das kein relevantes Thema mehr?

Martin Moszkowicz: Doch, das Thema ist weiter virulent. Über illegale Download – und Streamingangebote werden unsere Rechte täglich massenhaft verletzt. Die Schließung von Portalen wie kino.to hat nicht zu einem Rückgang der Beliebtheit von illegalen Download- und Streaminghostern geführt. Es geht hier um eine massive Schädigung der gesamten Kreativwirtschaft.

medienpolitik.net: Was macht die Constantin selbst um ihre Filme zu schützen? Wird es wieder neue „Aufklärungstrailer“ geben?

Martin Moszkowicz: Wir setzen weiterhin auf die drei Säulen „Aufklärung, legale Angebote, Rechtsverfolgung“, bei denen wir immer wieder neue Akzente setzen bzw. Ansätze versuchen. So schreiben wir den Anti-Piraterie-Spot-Contest weiter fort. Wir werden bald die Sieger unseres Wettbewerbs 2013/2014 verkünden.

medienpolitik.net: Wo muss und kann die Politik aktiv werden?

Martin Moszkowicz: Sie muss die Rechteinhaber beim Kampf gegen gewerbliche kriminelle Download- und Streaming-Angebote unterstützen und Rahmenbedingungen schaffen, die markterhaltend wirken. Eine zivilrechtliche Verfolgung ist sehr schwer  möglich ist, weil die Betreiber anonym agieren. Die Internetzugangsanbieter sollten per Gesetz mit in die Verantwortung genommen werden genauso wie diejenigen, die Download Mafia mit Werbung unterstützen. Handlungsbedarf sehen wir auch beim Auskunftsanspruch, da die Internetzugangsanbieter immer noch nicht verpflichtet sind, die Daten ihrer Kunden zu speichern.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 2/2014 erstveröffentlicht.

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