Musikwirtschaft:

„Der digitale Raum muss aktiver gestaltet werden“

von am 27.03.2014 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Kreativwirtschaft, Medienförderung, Medienkompetenz, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Musikwirtschaft, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Rede, Urheberrecht

<h4>Musikwirtschaft: </h4>„Der digitale Raum muss aktiver gestaltet werden“
Prof Dieter Gorny © BVMI, Markus Nass

Transformationsprozesse der Kreativwirtschaft müssen genauso gefördert werden wie in der Automobilindustrie

27.03.14 Rede von  Prof. Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie e. V.

– Es gilt das gesprochene Wort –

Keine Angst, hier folgt jetzt keine Abhandlung über die Herausforderungen der digitalen Revolution. Ich möchte bewusst nicht an dieses Kapitel der digitalen Debatte anknüpfen. Statt dessen möchten wir gerade auch mit dieser Konferenz dazu anregen, Themen der digitalen Agenda, die in der Vergangenheit oft losgelöst voneinander betrachtet wurden, in einem größeren Kontext, im Sinne einer nachhaltigen Digitalen Ökonomie, ganzheitlich zu diskutieren. Eine Digitale Ökonomie, die Inhalte und Technologie als zwei sich gegenseitig befruchtende Seiten einer Medaille begreift.

Die Bedeutung dieser Digitalen Ökonomie für Europa hat die EU-Kommissarin für Digitale Agenda Neelie Kroes aktuell in einem Beitrag für die FAZ betont, in dem sie treffenderweise herausstellt, dass Europa „weder über eine Wirtschaft mit niedrigen Kosten noch eine Kultur mit hoher Risikobereitschaft verfügt“. So sei man dann „ängstlich und verwundbar angesichts gigantischer amerikanischer Innovatoren und unermüdlicher asiatischer Fabriken.“

So sehr sie hier einen entscheidenden Punkt trifft, legt sie in ihrer weiteren Betrachtung einmal mehr den Fokus allein auf die technologische Seite, wenn es darum geht, einen „offenen, vernetzen Kontinent“ zu schaffen. Auch wir sehen das große Potenzial digitaler Innovationen und haben es längst in unserem digitalen Angebot verinnerlicht – gerade die neuen Streaming-Dienste zeigen, wie der kooperative Modus von IT und Inhalt heute bereits tagtäglich gelebt wird. Es ist deshalb ärgerlich, wenn nicht nur auf europäischer Ebene immer wieder eine einseitig technologische Industriepolitik beschworen wird und nur darin die Chancen des digitalen Wandels gesehen werden.

Wo bislang vieles einfach und vermeintlich unintendiert geschah, muss der digitale Raum endlich aktiver gestaltet werden, sei es bei Datenschutz und Big Data, Jugendschutz, Haftungsregeln oder eben bei den Persönlichkeitsrechten und dem Urheberrecht. Erst wenn in dem nun nicht mehr so neuen Raum die Spielregeln klarer sind, wird nicht nur das Wirtschaften für die verschiedenen Akteure, sondern letztlich auch die gesellschaftliche Akzeptanz besser. Soviel steht dabei schon heute fest: Der Traum, dass sich dieser Raum von allein reguliert, ist nicht zuletzt mit der Datenaffaire ausgeträumt.

Während in ideologisch aufgeladenen Debatten lange darüber diskutiert wurde, ob Daten überhaupt gespeichert werden dürfen, erleben wir, wie hier bereits – nicht zuletzt auch mithilfe der Verbraucher selbst – Fakten geschaffen wurden. Wenn also sowieso permanent Daten gesammelt und gespeichert werden und wir auch wissen, dass permanent Daten gesammelt und gespeichert werden, warum akzeptieren wir das nicht als Tatsache, blicken hinter die Fassaden der digitalen Coolness und beginnen, als Gesellschaft aktiv zu definieren, wie wir damit umgehen wollen?

Als Musikindustrie haben wir in den vergangenen Jahren in unserem Wirkungsbereich daran gearbeitet, diese – reale und nicht virtuelle – digitale Ökonomie mitzugestalten und trotz der allseits bekannten Risiken, die digitalen Märkte entwickelt. Wenn wir heute von der „Plattenindustrie“ sprechen, treffen wir eine Branche an, die sich gerade in den letzten zwei Dekaden rasant und zum Teil auch dramatisch verändert hat. Dabei bestimmt schon lange nicht mehr nur ein Medium den Markt, sondern viele ganz unterschiedliche Wege, Musik zu hören und zu nutzen, koexistieren nebeneinander und sorgen für eine neue Dynamik.

Die aktuelle Vielfalt, sei es beim Repertoire oder im Vertrieb, ist das Ergebnis tiefgreifender Transformationsprozesse, die bekanntermaßen ihre Spuren hinterlassen und die Flexibilität sowohl der Musikfirmen als auch der Künstler gefordert haben. Dass heute Millionen Songs nicht nur als Download, sondern auch per „Flatrate“ bezahlt und teils sogar werbefinanziert gratis legal im Netz zur Verfügung stehen, zeigt, wie weit sich die Branche neuen Geschäftsmodellen und Vertriebswegen geöffnet und allen Risiken zum Trotz die digitalen Herausforderungen angenommen hat. Eine risikoreiche Diversifizierungsstrategie, die sich nach der aktuellen Bilanz der Branche bezahlt macht: Nach 15 verlustreichen Jahren und nach einer Halbierung der Umsätze seit 1997 erholt sich der deutsche Musikmarkt momentan und konnte 2013 sogar erstmals wieder ein Wachstum verzeichnen.

Jetzt könnte man sagen: Es geht uns doch wieder gut! Europa wächst und auch im deutschen Musikmarkt sehen wir nach 15 Jahren wieder ein leichtes Plus. Sicher, die Markterholung lässt aufatmen – dass wir uns aber vor dem Hintergrund eines halbierten Marktes bereits über ein Geschäftsjahr am Rande der Stagnation und unterhalb der Inflationsrate freuen, zeigt nur, welche Wegstrecke wir hinter uns haben. Trotz des Hoffnungsschimmers bleiben Sorgen, zumal wir in Deutschland nach wie vor eine Light-Version des digitalen Wandels erleben. Nach wie vor machen die physischen Musikprodukte drei Viertel des Marktes aus. Was passiert, wenn diese physische Säule plötzlich zu wackeln beginnt, erleben wir aktuell in Japan, wo der Markt im letzten Jahr um 16 Prozent eingebrochen ist.

Auch ist es nicht so, dass sich die digitalen Herausforderungen plötzlich in Luft aufgelöst hätten. Natürlich ist es angenehmer, die Schattenseiten des Netzes auszublenden und auf das legale Angebot zu fokussieren. Das bildet aber unsere Realität nicht ab. Die sieht so aus, dass das legale Angebot nach wie vor in einem gestörten Markt überleben muss. Dass dabei die illegalen Angebote, mit allen Kollateralschäden, sehenden Auges geduldet werden und die legalen Anbieter das Nachsehen haben, wäre in jedem anderen Wirtschaftszweig wohl kaum vorstellbar.

Fakt ist, dass die illegale Nutzung geistigen Eigentums nach wie vor in hohem Maße stattfindet, wie eine aktuelle Erhebung unserer Dachorganisation IFPI aufzeigt. So nutzen weltweit 26 Prozent der Internetuser unlizenzierte Dienste, um sich im Internet mit Musik und anderen Inhalten zu versorgen – vorbei am legalen Markt und damit an den Künstlern und ihren Partnern. In Deutschland beläuft sich die Zahl derer, die ihre Medieninhalte per Tauschbörse oder Sharehoster beziehen, auf fast sechs Millionen Menschen. Eine traurige Bilanz, mit der wir uns nicht abfinden können und wollen und die einmal mehr zeigt, wie wichtig es bleibt, den digitalen Raum rechtlich so zu gestalten, dass eine faire und funktionierende digitale Ökonomie entstehen kann.

Statt die Rechteinhaber hier zu stärken, haben wir im vergangenen Jahr mit Sorge verfolgen müssen, dass die berechtigte zivilrechtliche Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen drastisch beschnitten wurde, mit der Folge einer weiteren Bagatellisierung. In dem politischen Vakuum, in dem wir uns oft wiederfinden, sind es zumeist die Gerichte, die nach jahrelangen Prozessen Klarheit für die Rechteinhaber schaffen müssen. Das zeigt die Providerhaftung, die ebenso dringend gesetzlich geregelt werden muss wie die Geräteabgabe, die seit Jahren zu Lasten der Kreativen sich selbst überlassen wird. Missstände, die von der neuen Regierung mit Blick auf die gesamte Kultur- und Kreativwirtschaft bereits identifiziert wurden und die nun mit Priorität behandelt werden sollten.

Handlungsbedarf besteht auch bei der Aufklärung. Nachdem in den vergangenen Jahren viel über Medienkompetenz debattiert wurde, muss es hier endlich weitergehen. Neben den Diskussionen um Big Data & Co sind viele Nutzer weiterhin verunsichert, was die Frage der legalen und illegalen Nutzung von Medieninhalten betrifft. Um den Verbrauchern in diesem Dschungel eine Orientierungshilfe an die Hand zu geben und dem legalen Markt den Rücken zu stärken, haben wir Ende 2013 die Initiative PLAYFAIR ins Leben gerufen. Damit sind wir bewusst mit einer Aufklärungsinitiative in Vorleistung gegangen, von der wir uns wünschen, dass der Funke auch auf andere Branchen und vor allem die neue Regierung überspringt, die die Aufklärung im Koalitionsvertrag explizit als Ziel verankert hat. Gerade mit Blick auf die vieldiskutierten Abmahnungen ist das letztlich auch im Interesse der Verbraucher selbst.

Wenn wir über Rahmenbedingungen sprechen, lohnt sich jedoch auch der Blick auf andere Branchen. Es ist nicht verständlich, warum industrielle Transformationsprozesse, zum Beispiel in der Automobilindustrie, von der Politik gefördert und begleitet werden, in der Kreativwirtschaft vergleichbare Prozesse wirtschaftspolitisch dagegen eher dem Zufall überlassen werden. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft mit ihrem Umsatzvolumen von 150 Milliarden Euro pro Jahr im Koalitionsvertrag zu den sieben Leitmärkten in Deutschland gezählt wird, ist das nicht akzeptabel. Neelie Kroes hebt in ihrem Beitrag hervor, dass die IT- und Telekommunikationsbranchen ihren eigenen Wert haben, darüber hinaus aber einen wichtigen Beitrag zur übrigen Wirtschaft liefern, zum Beispiel der Automobilindustrie. Das ist bei der Kultur- und Kreativwirtschaft doch nicht anders, die mit ihren Inhalten, Motor für Milliardenumsätze in den unterschiedlichsten Branchen ist.

Aber auch innerhalb der Kreativwirtschaft sind viele Schieflagen zu beobachten, bestes Beispiel ist für mich die halbierte Mehrwertsteuer für gedruckte Werke. Warum ist ein Beethoven auf einem Tonträgermedium weniger wert ist als ein gedruckter Dostojewski auf Papier? Ein Beispiel, das exemplarisch zeigt, dass der Wert des Kulturguts nach wie vor noch nicht im Zentrum der politischen Debatte angekommen ist.

Als Musikbranche haben wir in den letzten Jahren viel über den digitalen Raum gelernt und werden nicht selten als Vorreiter für andere Branchen gesehen. Auch wenn diese digitale Expertise zu einer neuen und wichtigen Kompetenz geworden ist, die vor allem von den Künstlern geschätzt wird, liegt unser eigentliches Geschäft, auf das wir uns auch in Zukunft konzentrieren möchten, nicht im Internet, sondern in der Musik: Als Partner der Kreativen wollen wir Talente entdecken, fördern und im Markt platzieren; Musik kuratieren und dabei künstlerische Vielfalt schaffen.

Rede von Prof. Dieter Gorny vom 26.03.14 auf der zweiten Kulturkonferenz des Bundesverbandes Musikindustrie, die unter dem Titel „Wie viel Musik steckt in der Digitalen Ökonomie?“ statt fand.

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