Medienwissenschaft:

Internetnutzung zulasten traditioneller Medien

von am 17.03.2014 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Gastbeiträge, Internet, Kommunikationswissenschaft, Rundfunk, Studie

<h4>Medienwissenschaft: </h4>Internetnutzung zulasten traditioneller Medien
Prof. Dr. Wolfgang Seufert, Professur für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Ökonomie und Organisation der Medien an der Friedrich-Schiller-Universität Jena I © Anne Günther/FSU

Der Einfluss der verfügbaren Zeit auf die Mediennutzung

17.03.14 Von Prof. Dr. Wolfgang Seufert, Lehrstuhl Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Ökonomie und Organisation der Medien an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die Kommunikationswissenschaft beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, warum Menschen bestimmte Medien mit einer bestimmten Häufigkeit und Dauer nutzen. Empirisch lassen sich große Unterschiede im individuellen Mediennutzungsverhalten feststellen. Dies gilt für alle Mediengattungen und inhaltlichen Genres: Während manche Personen täglich mehrere Stunden fernsehen, nutzen andere das Medium Fernsehen nur sporadisch. Es gibt Vielleser von Büchern und Intensivnutzer von klassischer Musik ebenso wie Personen, die im Verlauf eines Jahres kaum ein Buch in die Hand nehmen oder keine einzige Klassik-CD hören. Diese unterschiedlichen Vorlieben für einzelne Mediengattungen und –genres werden überwiegend auf unterschiedliche Persönlichkeitseigenschaften zurückgeführt, also auf Verhaltensprägungen durch das soziale Umfeld sowie auf psychografische Merkmale.

Medien werden danach also deshalb unterschiedlich häufig und unterschiedlich lang genutzt, weil jeder Mensch individuell unterschiedliche Bedürfnisstrukturen hat und er aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen mit Medien davon ausgeht, dass sein akutes Bedürfnis nach Information, Unterhaltung, sozialer Interaktion etc. am besten durch die Nutzung eines bestimmten Medienangebotes befriedigt werden kann. Nach diesem in der Kommunikationswissenschaft weit verbreiteten Erklärungsansatz sind die verschiedenen Medien zudem aufgrund spezifischer Eigenschaften für die Befriedigung unterschiedlicher Bedürfnisse unterschiedlich gut geeignet. Medien ergänzen sich insofern überwiegend in ihren Funktionen und stehen in keiner engen Konkurrenzbeziehung zueinander. Deshalb würden neue Medien die bei ihrer Einführung jeweils existierenden Medien auch niemals vollständig verdrängen können.

Die von uns durchgeführten Analysen zum Mediennutzungsverhalten gehen allerdings davon aus, dass Häufigkeit und Dauer der Nutzung einzelner Mediengattungen  und –genres nicht nur von den individuellen Vorlieben der einzelnen Nutzer abhängen. Genauso wie der Kauf von Konsumgütern nicht allein davon abhängt, welchen Nutzen wir von einzelnen Produkten erwarten, sondern auch davon, wie viel Geld wir für den Konsum insgesamt zur Verfügung haben, gehen wir davon aus, dass das individuelle Mediennutzungsverhalten mit der täglich verfügbaren Zeitmenge, in der Medien genutzt werden können, variiert. An einem Tag mit viel Freizeit wird man diese anders auf verschiedene Mediennutzungsaktivitäten und nicht-mediale Aktivitäten aufteilen als an einem Tag, an dem man nur wenig Freizeit hat. Der Nutzungsumfang von Medien wird zudem davon abhängen, wie lange an diesem Tag die Tätigkeiten zur Bewältigung des Alltags dauern, die eine Nebenbeinutzung von Medien mit verminderter Aufmerksamkeit erlauben (Körperpflege, Mahlzeiten, Einkäufe, Hausarbeiten, Wegezeiten etc.). Die Mediennutzung wird danach also nicht nur von den individuell unterschiedlichen Vorlieben (den Medienpräferenzen) sondern auch von den Zeitrestriktionen beeinflusst, denen der einzelne jeweils unterliegt.

Die im Rahmen eines von der DFG finanzierten Forschungsvorhabens durchgeführte Analyse verwendete Daten der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation aus den Jahren 1995, 2005 und 2010. In diesen Erhebungen wurden jeweils über 4000 Erwachsene nach der zeitlichen Struktur ihres Tagesauflaufs am Vortag und nach der Nutzungsdauer aller relevanten elektronischen Medien und Printmedien gefragt. Damit lässt sich untersuchen, wie sich die Zunahme oder Abnahme der Freizeitmenge bzw. der Zeiten mit Aktivitäten zur Alltagsbewältigung auf die Nutzung einzelner Mediengattungen auswirkt. Gleichzeitig lässt sich damit auch untersuchen, ob eine längere oder kürzere Nutzungsdauer einer Mediengattung systematisch mit einer längeren oder kürzeren Nutzungsdauer von anderen Mediengattungen einhergeht, ob zwischen ihnen also eher komplementäre oder substitutive Beziehungen bestehen. Da Medienpräferenzen und Zeitverfügbarkeit analytisch getrennt betrachtet werden, lässt sich schließlich durch Vergleich der Erhebungsdaten von 1995 und 2005 bzw. 2010 auch überprüfen, ob und in welchem Umfang das Aufkommen des neuen Mediums Internet zu einer signifikanten Veränderung der Präferenzen für die anderen Mediengattungen geführt hat. Folgende Ergebnisse sind aus unserer Sicht besonders relevant:

  • Mit zunehmender Freizeitmenge steigt die Nutzung aller Medien an, allerdings ist dieser Effekt unterschiedlich stark ausgeprägt. Beim Medium Fernsehen ist der Einfluss der verfügbaren Freizeit doppelt so stark wie bei der Hörfunk-, Internet- oder Zeitungsnutzung. Von jeder zusätzlichen Minute Freizeit wurden im Jahr 2010 im Durchschnitt über 30 Sekunden zusätzlich für die TV-Nutzung aufgewendet. Für die Internetnutzung waren es nur rund 10 Sekunden, für die Zeitungsnutzung sogar nur  2 Sekunden.
  • Mit der Dauer der Zeit, die für Körperpflege, Mahlzeiten, Einkäufe, Hausarbeiten oder Wegezeiten verbracht wird, stieg 2010 vor allem die Nebenbeinutzung des Radios. Mit jeder Minute dieser Tätigkeiten nahm die Radio-Nebenbeinutzung um 30 Sekunden und die Nebenbeinutzung des Fernsehens um 15 Sekunden zu. Das Internet spielte als Nebenbeimedium im Jahr 2010 noch so gut wie keine Rolle.
  • Es gibt keine systematische Komplementärbeziehung zwischen zwei Mediengattungen in der Art, dass eine größere (oder geringere) Nutzungsdauer des einen Mediums systematisch mit einer größeren (oder geringeren) Nutzungsdauer eines anderen Mediums einhergeht. Starke Zeitungsleser sind also beispielsweise nicht automatisch auch starke Internetnutzer. Vielmehr lassen sich für 2010 zwischen allen Mediengattungen Substitutionsbeziehungen feststellen, die allerdings durchweg sehr schwach ausgeprägt sind. Diese Ergebnisse bestätigen damit das Bild, wonach zu einem bestimmten Zeitpunkt immer eine bestimmte funktionale Arbeitsteilung zwischen Mediengattungen besteht, bei der einzelne Medien aus Sicht der Mediennutzer für die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse jeweils besonders gut geeignet sind.
  • Langfristig verändert das Auftreten eines neuen Mediums allerdings die Präferenzen für die alten Medien durchaus. Vergleicht man das Mediennutzungsverhalten von 1995 und 2005 bzw. 2010, so zeigt sich, dass die stärkere Nutzung des Internet zu einem Rückgang der Präferenzen für alle anderen Mediengattungen geführt hat. Dabei waren diese Verdrängungseffekte zwischen 2005 und 2010 nur noch gering. Die wesentlichen Verhaltensänderungen haben bereits im Zeitraum von 1995 bis 2005 stattgefunden. Mit der Verbreitung des Internet gibt es vor allem weniger Personen, die ihre Freizeit bevorzugt zur Zeitungslektüre nutzen. Der negative Einfluss auf die Präferenz für Zeitungsnutzung in der Freizeit war jeweils doppelt so stark wie der negative Effekt auf die Präferenzen zur Radio- bzw. TV-Nutzung in der Freizeit. Da die Möglichkeit der mobilen Internetnutzung das Nutzungspotenzial des Internets noch einmal deutlich erweitert, ist zu vermuten, dass dies in Zukunft noch stärker zulasten der Nutzung traditioneller Medien gehen wird.

Die Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Wolfgang Seufert und Dr. Claudia Wilhelm sind im Band 30 der  Reihe Rezeptionsforschung bei der Nomos Verlagsge­sell­schaft mit dem Titel „Mediennutzung als Zeitallokation. Zum Einfluss der verfügbaren Zeit auf die Medienauswahl“ erschienen. (Baden-Baden 2014, 233 Seiten, 39 Euro, ISBN 978-3-8487-1093-5) 

Eine Leseprobe daraus finden Sie hier.

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  • Es brennt im Blätterwald - Flutlicht - [...] Geschäftsmodelle die hart erworbene Leserschaft bei der Stange zu halten. Jüngste IVW Zahlen und aktuelle Studien zur veränderten Mediennutzung…

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