Musikwirtschaft:

„Der Kern jeglicher Kreativökonomie bleibt der Künstler“

von am 27.03.2014 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Medienförderung, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Musikwirtschaft, Rede, Urheberrecht

<h4>Musikwirtschaft: </h4>„Der Kern jeglicher Kreativökonomie bleibt der Künstler“
Philip Ginthör, Geschäftsführer Sony Music GSA I © Monique Wüstenhagen/BVMI

Musik und kreative Inhalte sind ein unabdingbarer Kultur- und nachhaltiger Wirtschaftsfaktor

27.03.14 Rede von Philip Ginthör, Geschäftsfüher der Sony Music GSA

Von wem und wie wurde der Musikwirtschaft eigentlich der Stecker gezogen?

Und warum ist sie jetzt Role Model und verzeichnet weltweit nicht nur Anerkennung anderer Mediengattungen – sondern auch (moderates) Wachstum in den weltweit wichtigen Märkten?!

Ich freue mich heute die Keynote zur „neuen digitalen Ökonomie“ zu halten. Zur Frage, wie agieren Entertainment Companies im wachsenden digitalen Umfeld, wie steuern wir das Business, wie halten wir nicht nur Kurs, sondern verändern diesen auch, wenn‘s notwendig ist?

Ich muss sie ein wenig enttäuschen. So viel Neues gibt es aus unserer Sicht in einem Punkt gar nicht mehr. Denn: wir haben keine Trennung von digitaler und analoger Ökonomie. Wir betreiben längst ein Formate und Bedürfnisse vereinendes Geschäftsmodell, bestehend aus stationärem Handel, aus digitalen Erlösmodellen und aus Nebengeschäften wie Live, Lizenzen, Brand Partnership.

Im Rennen um die spannendsten Künstler, die besten Songs, die größten Emotionen und die Mobilisierung der Musikfans hat sich eigentlich nur das Werkzeug verändert. Ich spreche heute darüber, wie wir dies verinnerlicht haben. Und uns so von „Plattenlabels“ zu digitalen Entertainment Companies gewandelt haben. Denn es geht voran. Das zeigen die jüngsten Zahlen…
Die wichtigsten Märkte weltweit wachsen. Digital ist DER Wachstumsmotor und Treiber dieser Entwicklung. So auch in Deutschland. Das erste mal seit 15 Jahren eine Umsatzsteigerung im Gesamtmarkt – um immerhin 1,2%.

Sony Music ist treibender Teil dieser Entwicklung.

  • Sony Music ist im letzten Jahr organisch gewachsen
  • Sony Music ist im letzten Jahr überproportional digital gewachsen
  • Wir haben im vergangenen Jahr mehr Umsatz als im Vorjahr erzielt
  • Eine solide zweistellige Rendite

Die Digitalisierung hat die Musikindustrie ins Herz getroffen. Heute ist sie das Herzstück der Musikindustrie! Während wir früher ausschließlich im stationären Handel Umsätze generierten, weil wir CDs und LPs von A nach B brachten und vermarkteten sind wir heute neben dem Transaktionsgeschäft im Reichweitenbusiness angekommen. Die klassisch getrennten Aufgaben von Vertrieb und Promotion verwischen. Es geht um Aufmerksamkeit, um Clicks, um Downloads und um Streams. Es geht um das Kommunizieren und Verfügbarmachen unserer Inhalte und das Erreichen der Musikfans auf allen Kanälen und Plattformen.

Dafür müssen wir Relevante, also gute Produkte schaffen, die den Menschen Ihre Aufmerksamkeit und Interesse wert sind.
Musik ist DER Treiber von digitalem Traffic, eine Art Brandbeschleuniger für Kommunikation und Business im Netz:

  • 9 der 10 beliebtesten Facebook Profile sind von Musikern/Bands
  • Unter den Top 10 der beliebtesten twitter User sind 7 Musikstars
  • 9 der 10 meistgesehen Videos auf YouTube sind Musikvideos
  • In Sozialen Netzwerken in 20 Ländern tauschen sich 67 Prozent der User zuerst über Musik und Filme aus – vor Sport und Politik

Deswegen sind heute Werbeeinnahmen und Abonnentengebühren von Streamingdiensten fester und ein weiter wachsender Bestandteil unserer Umsätze. Deswegen wollen wir unsere Musik auf allen Kanälen dieses weitverzweigten Netzwerks. Und deswegen wollen wir einen fair share der Werbe- und Abonnementerlöse für unsere Künstler und unsere Labels.

Dazu investieren wir massiv in Talent. Natürlich in jenes der Künstler, aber auch in jenes der Mitarbeiter unserer Company. Denn um die Format- und Plattformvielfalt zu bedienen und zu managen, brauchen wir unterschiedliche Köpfe mit kontroversen Ansätzen. Relevante Inhalte und damit Reichweite herzustellen bedeutet auch, weiterhin Geld in die Hand zu nehmen!

Ich glaube – und das will ich hier ganz klar herausstellen – an die Vielfalt der Formate. Physisch ist nach wie vor ein wichtiger Pfeiler des hiesigen Marktes. Streaming das jüngste Zugpferd der Creative Industries. Die Bedeutung wird wachsen. Rund 35 Prozent der Einnahmen des deutschen Marktes werden in 4 Jahren laut Prognose durch Streaming erwirtschaftet. Das Schöne heute ist, dass jeder Musikfan inzwischen genau das Angebot findet, das er will: Ich kann direkt den neuesten Dance Hit streamen, mir von meiner Lieblingsband das Album als Bundle downloaden oder das Deluxe Package mit Fotobooklet und Zusatz DVD kaufen. Oder mir die Platte besorgen, wenn ich auf Vinylsound stehe.

Aber nur ein Markt mit breiter, gesunder Handelslandschaft und engagierten Partnern – physisch UND digital – kann für weiteres Wachstum sorgen. Der Kern jeglicher Kreativökonomie – ob digital oder analog – ist und bleibt: der Künstler, der Kreative, der Mensch! Es beginnt immer mit Suche und dem Aufbau von Talent. Ein junger neuer Künstler wird also gehört und es glaubt jemand an den Erfolg und die Relevanz: Der A&R Manager. Das ist der Initialfunke.

Dieser Funke darf kein Strohfeuer werden, sondern ein Flächenbrand – indem wir nachhaltig neue Künstlerkarrieren aufbauen. Dafür treten wir jeden Tag an! Bei den Entwicklungsausgaben ist die gesamte Musikbranche alles andere als knauserig. Weltweit werden jährlich 4,5 Mrd. US Dollar – das sind 26 Prozent der Einnahmen – in Talentaufbau und Künstlerentwicklung gesteckt. Die Branche investiert. Neben der beschriebenen Formatvielfalt zählen aber vor allem die Rahmenbedingungen dazu. Diese müssen sicherstellen, dass

1. Künstler als Urheber für ihre Arbeit angemessen entlohnt werden und

2. die Kreativwirtschaft die Möglichkeit hat, die entsprechenden Einnahmen zu generieren.

Ich sehe den Gesetzgeber hier klar in der Pflicht. Es geht nicht um die Subvention zum Start neuer Modelle – das macht die Branche schon selbst! Aber es muss rechtliche Rahmenbedingungen geben, die das Urheberrecht im digitalen Zeitalter schützen. Dazu zählt:

  • Die Host Provider müssen in die Verantwortung genommen werden. Sie sind in der Prüfungspflicht der Inhalte und diese muss durch sie selbst geregelt werden.
  • Das Urheberecht muss in Anwendbarkeit und Durchsetzbarkeit im digitalen Zeitalter ankommen. Die Politik hinkt hier noch hinterher!

Aber nicht nur beim Gesetzgeber, auch branchenübergreifend ist Nachholbedarf:

  • Die Werbewirtschaft sollte auf illegalen Portalen wie Share Hostern im Web keine Werbung mehr schalten.
  • Und auf Suchmaschinen sollten keine illegalen Links mehr gelistet werden. Ein Anfang wäre gemacht, würden beim Listing zuerst die legalen vor den illegalen Links aufgeführt – nicht einmal das ist die Regel!
  • Und wir fordern mit Nachdruck eine Einigung von GEMA mit YouTube. Denn sonst gehen unseren Künstlern auf einer hochfrequentierten Plattform nicht nur nachhaltig substantielle Einnahmen, sondern damit auch die Wertigkeit ihres Rechts an kreativer Arbeit schlechthin verloren.

Es geht in erster Linie um die Rechte der Künstler. Es geht darum, Musik und kreative Inhalte als unabdingbaren und bereichernden Kulturfaktor zu bewerten. Im letzten Schluss übrigens auch als nachhaltigen Wirtschaftsfaktor!

Ich bin frohen Mutes, wenn ich die Vielzahl an spannenden Künstlern und Veröffentlichungen sehe, die Vielzahl an Möglichkeiten der Kommunikation und Distribution. Die Vielzahl an wachsenden Chancen durch neue Erlösmodelle. Und die Vielzahl an guten Impulsen aus der Branche, aus unserem Haus und auch aus den Häusern der Mitbewerber.

Es kann gelingen! Es wird gelingen! Wir alle haben es in der Hand!

Keynote von Philip Ginthör vom 26.03.14 auf der zweiten Kulturkonferenz des Bundesverbandes Musikindustrie, die unter dem Titel „Wie viel Musik steckt in der Digitalen Ökonomie?“ statt fand.

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