Rundfunk:

Nicht schon wieder die Glaubensfrage

von am 24.03.2014 in Digitale Medien, Gastbeiträge, Hörfunk, Internet, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>Nicht schon wieder die Glaubensfrage
Prof. Dr. Stephan Ory, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk (APR)

Radiobranche fordert „Euro-Chip“

24.03.14 Von Prof. Dr. Stephan Ory, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk (APR)

Ein „Digitalradio-Gipfel“ fand unlängst beim Bayerischen Rundfunk in München statt. Die einen berichteten danach von einem wichtigen Impuls. Die anderen sprachen von einem Hochamt mit der Predigt, UKW 2025 zwangsweise abzuschalten. Das hatten wir doch alles schon einmal, als auf der Expo 2000 das Jahr 2015 als analoges Verfallsdatum für Radio formuliert wurde. 2012 hat man das allerdings wieder aus dem Telekommunikationsgesetz herausgestrichen.

Smart-Radio-Initiative

In einem Punkt gibt es eine sogar recht hohe Zustimmungsquote in der Radiobranche: Der „Euro-Chip“ muss her. Was beim Fernsehen unter dem Stichwort „Interoperabilität“ schon lange auch als gesetzliche Vorgabe gilt, soll auch dem Hörfunk helfen: Alle neuen „Devices“, mit denen man Radio hören kann, sollen Internetradio, Digitalradio und UKW-Radio gleichermaßen empfangen können – und zwar einschließlich der jeweiligen Zusatzdienste. „Smart-Radio“ wäre sicherlich der bessere Begriff. Das ist ein Projekt, das von der EBU vorangetrieben wird, dem in Europa verschiedene Privatradios, in Deutschland die Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk (APR) beigetreten sind. Wenn man modernen Radios unter die Haube schaut, ist diese Forderung gar nicht einmal so revolutionär, wie sie vielleicht scheint. Damit haben wir drei Übertragungswege und wir haben – das geht dann in der Diskussion schon wieder unter – drei Anwendungsfälle.

Radio im Web, auf DAB+ und über UKW

Knapp 3.000 Webradios gibt es alleine in Deutschland, so genau weiß es niemand, denn diese Angebote sind zulassungsfrei und die Anzeigepflicht nach dem Rundfunkstaatsvertrag nimmt niemand so richtig ernst. Der Markt ist ein riesenlanger Longtail. Die Angebote reichen von Ablegern der starken UKW-Marken bis zu einem Content, den man früher in den offenen Kanälen fand.

Digitalradio (DAB+) steht denen zur Verfügung, die im engen UKW-Spektrum nicht zum Zuge kommen und gleichwohl massenattraktive Angebote am Markt etablieren möchten. Der bundesweite Multiplex und die darin verbreiteten Angebote sind ein gutes Beispiel dafür. Eigentlich ist das Deutschlandradio ein Prototyp dieses Anwendungsfalls – seine bundesweit 317 genutzten UKW-Frequenzen für beide Programme sind teuer und bringen dennoch keine Flächendeckung. Digitalradio kann die bundesweite Verbreitung für kleineres Geld bringen, nämlich für 3,3 Mio. € je Programm statt zehn Mio. € für die analoge terrestrische Verbreitung, rechnet Steul vor.

Und dann gibt es die UKW-Anbieter mit festen Sendegebieten, einer treuen Stammhörerschaft, einer funktionierenden technischen Infrastruktur und leicht zu bedienenden, massenhaft vorhandenen Endgeräten beim Nutzer. Lokale Radiostationen sind hier ein Beispiel. Warum sollen die das aufgeben?

Wann ist Digitalradio günstiger als Webradio?

Dass Digitalradio und Webradio ihre Existenzberechtigung nebeneinander haben, ist in der Branche bei allen Akteuren nicht im Streit. Jedenfalls nicht auf der MetaEbene. Aus der Sicht eines einzelnen Rundfunkanbieters geht es um die Frage, wann es für ihn interessant sein könnte, aus dem Internet ins Digitalradio zu wechseln. Webradio ist im Erfolgsfall teuer, so die These – die wir hier unterstellen, ohne auf die Möglichkeiten des Kostensharings und der Refinanzierung auch bei erfolgreichen Webradios einzugehen. Ein Gutachten der TUM School of Management München wurde beim Digitalradio-Gipfel vorgestellt. Danach soll sich der Umstieg schon bei 0,1 Prozent Anteil an der mobilen Reichweite in einem jeweiligen Sendegebiet lohnen. Dies vergleicht einerseits die Äpfel des Programmanbieters mit andererseits den Birnen des Anbieters zuzüglich den Bananen seiner Nutzer. Es wurde nämlich miteinander in Bezug gesetzt, was für ein bestimmtes Datenvolumen im Digitalradio vom Anbieter und was im Webradio vom Anbieter sowie vom Nutzer auf seiner Mobilfunkrechnung zusammen gezahlt wird. Die Kalkulation aus Sicht des Programmanbieters betrachtet indes die eigenen Aufwendungen für den einen oder anderen Vertriebsweg. Wo unter dieser Prämisse der geeignete Umstiegspunkt liegt, wurde auch auf Nachfrage nicht genannt, das sei nicht Untersuchungsauftrag gewesen.

Geht man davon aus, dass der Nutzer mit seiner Mobilfunkrechnung den Kostenanteil der Verbreitungskosten von Webradio zahlt, dürfte der aus betriebswirtschaftlicher Sicht erforderliche Marktanteil deutlich höher liegen, vielleicht bei fünf Prozent der mobilen Nutzung. Das bedeutet, dass der Anteil am Hörermarkt insgesamt noch einmal höher liegt. Bei einer Konkurrenz von 24 Massenprogrammen – so die Unter-stellung des Gutachtens – muss man im Webradio schon sehr aus dem Longtail herausgewachsen sein, um sich den Umstieg auf das Digitalradio aus betriebswirtschaftlicher Sicht zu überlegen.

Zugegebenermaßen gibt es für Unternehmen zusätzliche Überlegungen wie etwa, den Hörern einen stabilen Empfang ohne Zuzahlung zu bieten. Das setzt dann aber einen großen Erfolg der Euro-Chip-Initiative voraus. Zugleich zeigt es den Unterschied zur Diskussion beim Fernsehen, wo mit HD+ ein Konzept, den Rezipienten zukünftig jenseits des Internets an den Vertriebskosten zu beteiligen, erörtert wird.

Wann ist Digitalradio günstiger als UKW?

Auch für den Umstieg von UKW zu Digitalradio gibt es Argumente jenseits der ExcelTabellen. Michael Oschmann begründete als Gesellschafter von Radiostationen sein Engagement im Digitalradio damit, dass man nicht im Verdacht stehen wolle, das Radio analog solange zu spielen, bis es sich erledigt hat, um es dann zu schließen. Das ist ein klares Bekenntnis zur Gattung, dem Oschmann ein zweites Argument nachschob: Radio müsse für junge und kreative Mitarbeiter attraktiv bleiben, um sich weiterzuentwickeln. Wohin diese Entwicklung gehen muss, zeigte Florian Fritsche auf der Gipfelveranstaltung am Beispiel von ehedem 90elf, bei dem Digitalradio ein wichtiger aber eben nicht der einzige Baustein einer Strategie war.

Damit nähern wir uns der Frage, wann UKW-Anbieter zu Digitalradio wechseln sollten. Die Antwort hat in erster Linie etwas mit den am Markt tatsächlich vorhandenen Endgeräten zu tun. Die Automobilindustrie zum Beispiel könnte statt freundlicher Commitments ihren Beitrag für das Digitalradio mit attraktiven Preisen für Geräte, einer intensiven Verkäuferschulung und dem richtigen Anreiz bei der Provisionierung ihrer Verkäufer sorgen. Aber das ist ja fast schon wieder eine polemische Anmerkung.

Es geht nicht um Technik, es geht um die Hörfunkordnung

Das Problem von Willi Steul als Intendant des Deutschlandradios ist gut verständlich. Er will nicht alleine im Digitalradio senden und auf UKW verzichten mit der Gefahr, dass die ARD dort bleibt wo sie ist und Steul dann in ein paar Jahren den Vorhalt erhält, seine Programme empfange ja niemand, wozu es die eigentlich noch geben soll. Steul muss also die ARD mitziehen. Die ARD-Anstalten wollen nicht, dass sie UKW-Senderketten freigeben, die dann von privaten Konkurrenten betrieben werden – also kommt die Forderung nach einer „UKW-Abschaltung“. Das liegt ziemlich nah an den Gedanken, die auch Karlheinz Hörhammer als Chef von Antenne Bayern haben könnte, nur eben ohne Abschaltdatum.

Der Unterschied ist ein zutiefst medienpolitischer. Für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wurde auf dem Münchner Gipfel in die Diskussion geworfen, welch schönen neuen Programme man noch im Digitalradio verbreiten könne. Programmzahlbegrenzungen oder ähnliche sperrige Vokabeln kamen nicht zur Sprache. Dabei können die Strategen darauf verweisen, dass Digitalradio nur durch neue Programme attraktiv gemacht wird. Gemeint sind aber immer die eigenen neuen Angebote, nicht jene der Privaten. „Liebe private Konkurrenz, kommt mit neuen Programmen auf unsere Multiplexe, wir zahlen die Zeche bis genug Endgeräte am Markt sind, so dass ihr das ab dann am Markt finanzieren könnt; so schaffen wir das gemeinsam!“ Ein solches Angebot hat niemand vom öffentlich-rechtlich finanzierten Lager formuliert. Dabei geht man wohl auch bei den Anstalten davon aus, dass entsprechend der Erfahrung bei DVB-T rein öffentlich-rechtliche Radiomultiplexe nicht ausreichend Hörer zum Systemwechsel treibt.

Was wäre mit UKW, wenn DAB+ gut läuft?

Angenommen, man hätte genug Digitalradios im Markt und könnte also den Anstalten und den landesweiten Privatanbieter das Sparangebot machen, UKW abzuschalten und ohne Verlust jeden Hörer digital zu erreichen und das mit weniger Geld und mit mehr Zusatzangeboten, dann stellt sich erstmals wirklich die Frage, was man dann mit den frei werdenden UKW-Frequenzen machen will? Lässt man hier eine neue Programmentwicklung zu oder nicht?

Das ist eine andere Frage als die „Abschaltung“, die auch jene Programme aus UKW zwingen würde, die sich im Digitalradio nicht gut aufgehoben fühlen. Für lokale und weitgehend auch regionale Angebote hat nach wie vor noch niemand eine sinnvolle Konzeption im Digitalradio auf den Tisch gelegt. Warum also soll man diese Ebene der Meinungsvielfalt zwangsweise abschalten – oder zumindest die Abschaltung androhen? Freie UKW-Frequenzen könnten in diesem Lang-Langfristszenario genutzt werden, um die analogen Versorgungen zu stabilisieren.

Was dann unter Umständen im UKW-Band an Technik zur Verfügung stehen würde, um etwas anderes zu machen, weiß heute niemand. Zu „DRM plus“ hat die rheinland-pfälzische LMK eine ganz überschaubare Fangemeinde für diesen Sommer wieder nach Kaiserslautern in die VIP-Lounge des Fußballstadions eingeladen. Für das Seminar einer technischen Universität ist das sicher ein interessantes Gedankenspiel. Ist aber Webradio, Digitalradio und analoges UKW mit der Euro-Chip-Initiative erfolgreich, was Voraussetzung für alle vorstehenden Überlegungen wäre, gibt es für einen neuen Standard – jedenfalls in absehbarer Zeit – keine Geräte. Oder wir warten, bis die DRM-Enthusiasten mit ihrer Planung fertig sind und sich ihren Weg in die Chips erobert haben, um dann mit Digitalradio anzufangen. Das ist nun völlig unrealistisch.

Von irgendeinem sinnvollen Masterplan ist die Branche vor und nach dem Gipfel soweit entfernt wie eh und je. Was auf gar keinen Fall hilft, ist ein erneuter Glaubenskrieg. Die Digitalradio-Interessenten sollen ihre Chance haben, aber UKW nicht tot reden. Und die UKW-Veranstalter sollen denjenigen, die freiwillig in DAB+ senden, nicht die Existenzberechtigung absprechen. Der Euro-Chip hilft allen, weil er alle Vertriebswege zukunftssicher macht. Über den Rest kann man diskutieren, wenn der Markt soweit ist. Vorher hat das alles den Charakter von Planspielen. Schade um die Zeit.

 Der Beitrag ist eine Vorabveröffentlichung aus der promedia-Ausgabe Nr. 4/2014.

Die Rede von  Dr. Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios, zur Zukunft des UKW auf dem Digitalradio-Gipfel 2014 können Sie bei uns hier nachlesen.

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