Rundfunk:

Grenzenlos, crossmedial oder doch analog?

von am 07.03.2014 in Allgemein, Archiv, Dualer Rundfunk, Gastbeiträge, Hörfunk, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk, Social Media

<h4>Rundfunk: </h4>Grenzenlos, crossmedial oder doch analog?
Claus Grewenig, Geschäftsführer des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien e.V. (VPRT)

Zur Jugendstrategie der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten

07.03.14 Von Claus Grewenig, Geschäftsführer des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien e.V. (VPRT)

So richtig schlau wird man in den letzten Monaten aus den Bemühungen von ARD und ZDF hinsichtlich einer „Verjüngungskur“ ihrer Angebote nicht. Eine Zeit lang argumentieren ARD und ZDF, Jugendliche würden nicht mehr über das klassische Fernsehen, sondern im Wesentlichen über das Internet erreicht. Als Motor für ein öffentlich-rechtliches Jugendangebot soll nun dennoch ein TV-Kanal dienen. Gleichzeitig steht eine Reduzierung der Digitalkanäle zur Debatte, womöglich aber unter Beibehaltung eines doppelten öffentlich-rechtlichen Nachrichten- und Informationskanals. Das erste von ARD und ZDF vorgelegte Konzept für ein gemeinsames Jugendangebot hatte bei den Ministerpräsidenten keinen durchschlagenden Erfolg. Parallel bedienen sich die ARD-Anstalten für ihre Radio-Jugendwellen immer häufiger aus dem üppigen analogen UKW-Frequenztopf.

Die Anstalten fordern ein crossmediales Angebot, welches sich insbesondere durch interaktive Beteiligung sowie die Einbeziehung von Social Media und User Generated Content auszeichnet. Als für eine Verzahnung von Fernsehen, der jungen ARD-Hörfunkwellen und des Onlinebereichs geeignete inhaltliche Themenschwerpunkte werden u. a. Fiktion, Information und Unterhaltung inklusive Musik und Comedy genannt. Darüber hinaus wurden im Vorfeld der anstehenden Ministerpräsidentenkonferenz Stimmen laut, dass es neben einer linearen Basisversorgung eine nonlineare und interaktive Onlineplattform für Jugendliche geben solle, die am besten weitgehend auf einen Sendungsbezug sowie auf Verweildauerfristen unter Aufgabe der 7-Tage-Regel verzichtet – also ein Freifahrtschein für das Internet. Dass von der zeitlich begrenzten Abrufbarkeit zahlreiche Ausnahmen über die verabschiedeten Telemedienkonzepte bestehen, ist entweder nicht bekannt oder wird schlichtweg negiert.

Spannend ist auch die Rolle der Landes-Hörfunkwellen, deren Erfolg bei der jungen Zielgruppe als wichtiger Träger bei der Etablierung des bundesweiten Jugendangebots gilt. Obwohl der Ruf der Anstalten, die Jugendlichen verstärkt im Telemedienbereich „abholen“ zu müssen, zuletzt besonders eindringlich war, wird gerade im Radio aber wieder verstärkt auf die analoge UKW-Verbreitung gesetzt – ein Widerspruch in sich. Dies belegen die zu Beginn des Jahres vorgenommenen Frequenzumwidmungen beim SWR zugunsten von „Das Ding“ sowie die aktuell bekannt gewordenen und rechtlich äußerst fragwürdigen Absichten des BR zu einem Frequenztausch von BR Klassik zugunsten von BR Puls, die den Klassikhörer als „Digital Native“ erscheinen lassen wollen.

Für den VPRT und die Unternehmen wird entscheidend sein, wie die Medienpolitik das nachgebesserte Konzept sowie die Entwicklungen bei den genannten ARD-Radios – mit Nachahmungspotenzial für andere Landesrundfunkanstalten – einordnen wird. Existenziell wichtige Frage für die privaten Free- und Pay-TV-(Sparten)-Programme sowie die Hörfunkunternehmen wird sein, wie die Länder sicherstellen, Wettbewerbsverzerrungen auch im Hinblick auf die crossmediale Ausrichtung auszuschließen.

Von außen betrachtet könnte man bei der Debatte um ein trimediales Angebot den Eindruck gewinnen, als sei die Ansprache der jugendlichen Zielgruppe von einer Erlaubnis der Politik abhängig. Dem ist nicht so: man dürfte es schon heute. Und so gibt es sie bereits – die Angebote für die Jugend. Neue jüngere Formate wurden getestet, die Digitalkanäle wie EinsPlus und ZDFneo inklusive der nonlinearen TV-Angebote neu positioniert. Unter Verweis auf die Änderung des Mediennutzungsverhaltens wurde der Telemedienbereich massiv ausgebaut. Mediatheken wie z. B. die Radio-Mediathek oder die ARD-Jugend-Mediathek „Einslike“, Apps, Blogs, Podcasts und onlinespezifische Sendeformate (z. B. „Tagesschau in 100 Sekunden“, „heute 100 sec“) sollen dem jungen Publikum durch ihre zeitsouveräne Nutzung entgegenkommen. Im Radiobereich der ARD wurden diverse lineare Angebote für Jugendliche etabliert, die wiederum durch Webchannels, Onlineforen, Video- und Musikstreams etc. begleitet werden. Die ARD hat zudem teilweise ihre Radiojugendmarken ins Fernsehen verlängert. Insoweit mag die mit dem Jugendangebot angesteuerte Trimedialität zwar unter Bündelungs- und Effizienzvorteilen zu betrachten sein, birgt aber das Risiko einer weiteren „Verdoppelung“ eines ohnehin umfassenden Angebots, gegen dessen Ausweitung die Politik bislang nichts unternommen hat.

Sollten sich die Ministerpräsidenten dennoch für eine Beauftragung des Jugendangebots entscheiden, dürfen jedenfalls nicht jegliche Schranken zum Wettbewerbsschutz über Bord geworfen werden. Ein öffentlich-rechtliches Jugendangebot muss konkret definiert sein und die thematischen Schwerpunkte inklusive Kultur und Bildung müssen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Inhaltliche und zeitliche Grenzen sind unerlässlich. Verweildauern wie z. B. bei Lizenzware oder Sport sowie eine Negativliste mit unzulässigen Inhalten begrenzen die Auswirkungen auf den Markt. Ohne Sendungsbezug als Grundprinzip bei den Telemedienangeboten würde der Auftrag uferlos.

Durch die Multiplikation der Angebote im Wege von trimedialen Konzepten sehen sich insbesondere die privaten Hörfunksender benachteiligt. Sie verfügen nicht über cross- bzw. trimediale Strukturen, die von der ARD schon heute etwa bei Musik- und Off-Air-Events ausgespielt werden. Da nicht auszuschließen ist, dass das von ARD und ZDF vorgelegte Konzept Elemente zur gegenseitigen Reichweitensteigerung von TV und Radio beinhaltet, müssen auch hier Maßnahmen getroffen werden. Die vermeintliche Nähe zur Jugend beim Radio kann kein Argument für Crossmedia-Marketing sein. Anhaltspunkt für eine sinnvolle Begrenzung solcher Crosspromotion-Aktivitäten bietet eine Bestimmung aus dem ORF-Gesetz (§ 14 Abs. 7). Und nicht zuletzt: Bundesweit darf nur das Deutschlandradio agieren. Dies muss zwingend auch bei den trimedialen Entwicklungen sowie einer bundesweiten Vernetzung und Bündelung von ARD-Programmen beachtet werden.

Was bedeutet das alles für die Politik? Schon heute nutzen ARD und ZDF die ihnen zustehenden Freiräume aus und haben vermehrt die Jugend im Blick. Ein neuer trimedialer Anstrich bedeutet für sich noch keinen Erfolg und birgt Risiken für den Wettbewerb. Man sollte „mehr Auftrag“ wagen und die Anstalten auf diesen Kern verpflichten – das aber gern in den Hauptprogrammen und im bestehenden Angebot. Mit über 20 TV-Kanälen und über 60 regulären Radioprogrammen sollte die Fläche hierfür vorhanden sein!

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