Filmwirtschaft:

„Die Machtverhältnisse sind ähnlich wie bei David gegen Goliath“

von am 24.04.2014 in Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft, Medienwirtschaft

<h4>Filmwirtschaft: </h4>„Die Machtverhältnisse sind ähnlich wie bei David gegen Goliath“
Thomas Schmuckert, Mitglied des Vorstands des Bundesverbandes der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS)

70 Prozent der deutschen Schauspieler verdienen weniger als 30.000 Euro jährlich

24.04.14 Interview mit Thomas Schmuckert, Mitglied des Vorstands des Bundesverbandes der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS)

Seit längerem klagen Schauspieler über eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen bei Dreharbeiten für Fernsehfilme und -serien. So wird kritisiert, dass angesichts des wachsenden Kostendrucks Budgets gekürzt oder so gering angesetzt werden, dass Gagen gesenkt, Drehtage reduziert und die tägliche Drehzeit erhöht wird. In einem medienpolitik.net-Gespräch fordert der Schauspieler Thomas Schmuckert, dass Lücken in der Sozialgesetzgebung geschlossen werden. Thomas Schmuckert hatte sich vor dem Interview bei Dreharbeiten leicht verletzt.

medienpolitik.net: Herr Schmuckert, wenn Sie bei einer Produktion zum Beispiel durch eine Verletzung ausfallen. inwieweit sind Sie abgesichert?

Thomas Schmuckert: Da ich aktuell eine Episodenhauptrolle spiele und in einem Arbeitsverhältnis bin, gibt es eine Ausfallversicherung. Zum Glück muss diese in meinem Fall nicht in Anspruch genommen werden, da ich weiterdrehen kann. Aber grundsätzlich: Wenn ich mich beim Dreh verletze, handelt es sich um einen Arbeitsunfall und mir würde kein finanzieller Schaden entstehen. Das Problem entstände, wenn ich mich nach dem Dreh verletzen würde, weil es seit 2007 in den ersten sechs Wochen für Schauspieler wie für alle Freiberufler oder befristet Beschäftigten kein Krankengeld ab dem 1. Tag mehr gibt.

medienpolitik.net: Ist das symptomatisch für die soziale Absicherung von Schauspielern?

Thomas Schmuckert: Es ist insofern symptomatisch, als Schauspieler wie alle befristeten Beschäftigten – das greift ja auch gerade im Wissenschaftsbereich und bei Journalisten immer mehr um sich – durch viele Maschen in den sozialen Netzen fallen. Für diese modernen Arbeitsverhältnisse bestehen große soziale Lücken: beim Arbeitslosengeld, wo man innerhalb der zweijährigen Rahmenfrist oft nicht die notwendigen Tage zusammenbekommt, beim Krankengeld sowie beim Elterngeld, wo man vergessen hat, dass eine Schauspielerin wenn sie schwanger ist, kein Engagement beim Film mehr erhält, weil das finanzielle Risiko bei einer möglichen Verletzung für die Produzenten viel zu groß ist.

medienpolitik.net: …außer bei einem Thüringer „Tatort“.

Thomas Schmuckert: Ja, aber solche Fälle gibt es selten, denn das Haftungsrisiko ist viel zu hoch.

medienpolitik.net: Nun denkt der eine oder andere, dass die Schauspieler sowieso genug Geld verdienen und es kein Problem sei, ein paar Wochen über die Runden zu kommen, bis sie ihren nächsten Job haben…

Thomas Schmuckert: Für eine Handvoll Schauspielerinnen und Schauspieler mag das gelten wie in vielen Berufen, wo es häufig eine kleine gutverdienende Schicht gibt. Aber eine Studie der Universität Münster belegt, dass 70 Prozent der Schauspielerinnen und Schauspieler in diesem Land unter 30.000 Euro Brutto im Jahr verdienen und nur vier Prozent über 100.000 Euro. Das heißt, die Schere klafft gewaltig auseinander und weit über die Hälfte der deutschen Schauspieler lebt unter dem deutschen Bruttodurchschnittsverdienst.

medienpolitik.net: Was ist die Schlussfolgerung daraus?

Thomas Schmuckert: Die Lücken in der Sozialgesetzgebung müssen geschlossen werden. Das betrifft nicht nur Schauspieler. In Berlin zum Beispiel werden über 50 Prozent aller wissenschaftlichen Nachwuchskräfte nur noch befristet angestellt. Finanziell bedeutet das, dass sich die Bedingungen in der Film- und Fernsehwirtschaft deutlich verändern müssen, damit Schauspielerinnen und Schauspieler nicht in noch größerem Ausmaß Teil des Prekariats werden.

medienpolitik.net: Es gibt seit Januar 2014 den ersten Gagen-Schauspieler-Tarifvertrag. Weshalb gab es bisher keinen solchen Tarifvertrag?

Thomas Schmuckert: Das beruht darauf, dass es in Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern und vor allem Amerika keine starke Schauspielergewerkschaft gegeben hat, die einen solchen Vertrag hätte verhandeln können. In Dänemark gibt es seit 80 Jahren eine Schauspielergewerkschaft, in Deutschland mit dem BFFS seit knapp acht Jahren.

medienpolitik.net: Mit wem haben Sie diesen Tarifvertrag abgeschlossen?

Thomas Schmuckert: Wir haben ihn gemeinsam als Verhandlungspartner mit ver.di und mit der Produzentenallianz abgeschlossen. Er gilt seit dem 1. Januar 2014.

medienpolitik.net: Was regelt der Tarifvertrag unter anderem, was vorher nicht geregelt war?

Thomas Schmuckert: Im Kern regelt er eine Anfängergage, weil eines der größten Grundprobleme für uns ist, dass die Gagen in den letzten Jahren dramatisch gefallen sind und es deshalb notwendig war, eine Untergrenze einzuziehen. Wir sind uns bewusst, dass Schauspielergagen stark vom Marktwert jedes Einzelnen abhängen und wollen uns auch nicht in die Hoheit der Agenten einmischen, diese Gagen zu verhandeln. Aber gegen das Dumping musste eine Untergrenze eingezogen werden. Deswegen haben wir sie definiert als Einstiegsgage für Berufsanfänger. Es ist genau mit Positiv- und Negativdefinitionen geregelt, was ein Anfänger ist. Also, Anfänger ist zum Beispiel nicht jemand, weil er das erste Mal für das ZDF dreht. Auch ein Schauspieler mit 20 Jahren Bühnenerfahrung, der aber kaum gedreht hat, gilt nicht als Anfänger, usw. Diese Anfängergage liegt bei 750 Euro pro Drehtag, wobei man sich immer vergegenwärtigen muss, dass ein Drehtag die Spitze des Eisbergs ist und ein ganzes Leistungsspektrum erfasst. Der Drehtag hat quasi 40 Stunden, weil er die gesamte Vorbereitungszeit umfasst, die Kostümproben, die Regie- und Maskenproben bis hin zur Nachsynchronisation. Und natürlich das Kernstück unserer Arbeit, die Rollenfindung, resultierend aus einer genauen Drehbuch- und Szenenanalyse, , das Textlernen, Proben und darüber hinaus eine Vielzahl anderer Tätigkeiten.

medienpolitik.net: Ist im Tarifvertrag auch Ihre Arbeitszeit geregelt? Man liest immer wieder, dass Schauspieler 14 bis 16 Stunden arbeiten, weil man aus Kostengründen mit weniger Drehtagen auskommen muss…

Thomas Schmuckert: Die Arbeitszeiten sind nicht im Schauspieler-Tarifvertrag geregelt, weil sie Bestandteil des Manteltarifvertrages sind. Die Arbeitszeit wird derzeit mit der Produzentenallianz verhandelt. Die Arbeitszeiten am Set sind ein großes Dilemma, weil durch die stagnierenden, zum Teil sogar gesunkenen Budgets die Arbeitszeiten immer weiter ausgedehnt wurden. Bei einer Arbeitsschutzkontrolle würde wahrscheinlich ein Viertel aller Produktionen große Probleme bekommen. Zwölf bis 13 Stunden sind noch durch tarifvertragliche Regeln erlaubt, aber auch Arbeitszeiten von 14 bis 16 Stunden sind in der Realität leider keine Ausnahme.

medienpolitik.net: Vor einiger Zeit hat sich einer Ihrer Kollegen öffentlich über diese langen Arbeitszeiten beschwert. Man hört jedoch relativ selten von Schauspielern einen öffentlichen Aufschrei…

Thomas Schmuckert: Der öffentliche Aufschrei erfolgt nicht nur von Schauspielern viel zu selten, sondern von allen an der Produktion Beteiligten. Das liegt daran, dass alle Angst haben, beim nächsten Mal nicht mehr besetzt zu werden. Die Machtverhältnisse sind ähnlich wie bei David gegen Goliath.

medienpolitik.net: Wer ist in dem Fall Goliath – der Produzent, der Sender, der Filmförderer?

Thomas Schmuckert: Gegenüber den Schauspielern der Produzent, aber nur mittelbar, weil letztlich der Produzent abhängig von den Sendern ist. Solange die Sender keine ausreichenden Budgets für fiktionale Werke zur Verfügung stellen, wird der Druck auf die Produzenten abgewälzt und in der Folge als schwächste Glieder der Kette auf die Teammitglieder und die Schauspieler.

medienpolitik.net: Es gibt heute neue technische Entwicklungen und man hat Routinen und Erfahrungen. Ist es nicht möglich, Einsparungen vorzunehmen, ohne dass die sozialen Bedingungen und der Inhalt darunter leiden?

Thomas Schmuckert: Die Entwicklung der Technik fängt die verminderte Drehzeit nicht ab und Erfahrung hatten auch die Filmemacher in den 70er Jahren. Technische Neuerungen führen zu anderen Arbeitsbedingungen, zum Beispiel beim Licht am Set oder bei der Postproduktion. Aber das heißt ja nicht, dass man deswegen deutlich schneller ist. Qualität braucht immer Zeit. Und wenn ein „Tatort“ heute statt in 32 nur noch in 21 Tagen gedreht wird, kann man sich ausmalen, was das bedeutet. Das heißt, es wird ein immer größeres Pensum pro Tag gedreht bei gleichzeitig fallenden Honoraren und Gagen. Zugleich wird von den Sendern angesichts der innovativen Serien zum Beispiel aus Amerika erwartet, dass die Qualität gesteigert wird. Das ist die Quadratur des Kreises.

medienpolitik.net: Die oft gelobten amerikanischen Serien haben ein Vielfaches mehr an Budget zur Verfügung als die deutschen Serien. Ärgert Sie als Schauspieler, dass in den Feuilletons und auf den Medienseiten vieler Zeitungen seit Monaten gegen das deutsche Fernsehen angeschrieben wird nach dem Motto „Das ist alles Schlecht und Billigware, schaut euch die Amerikaner an“?

Thomas Schmuckert: Da ich zudem synchronisiere und viele dieser amerikanischen Serien in- und auswendig kenne, überfällt mich manchmal eine Traurigkeit, wenn ich sehe, mit welchen Möglichkeiten dort gearbeitet werden kann. Ich habe aber das Gefühl, dass peu à peu ein Aufwachen und Umdenken auch in Deutschland stattfindet. Zum Beispiel dreht X Filme als Kinoproduzent demnächst zum ersten Mal eine Vorabendserie in Deutschland. Nachdem, was ich über das Drehbuch weiß, werden dort neue Wege beschritten, auch inhaltlich. Die Frage ist, wie man nach dem Vorbild amerikanischer innovativer Serien auch in Deutschland Formate entwickeln kann, die nicht eine Fortsetzung des immer Gleichen sind und ob der Mut vorhanden ist, so etwas in Deutschland zu finanzieren.

medienpolitik.net: Nun könnten die Sender etwas weniger produzieren und mehr wiederholen, um in solche Serien zu investieren. Aber damit wäre Ihnen auch nicht sehr geholfen…

Thomas Schmuckert: Damit wäre vor allen Dingen den Zuschauern nicht geholfen, die dann immer wieder die gleichen Filme zu sehen bekämen. Deshalb lautete die Forderung der Produzenten, Regisseure, Autoren und Schauspieler im Zusammenhang mit der Rundfunkbeitragsdiskussion, für fiktionale Werke in Deutschland mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Denn anders sind Qualität, faire Arbeitsbedingungen, eine angemessene Vergütung und darüber hinaus als „Kür“ zukunftsweisende Programminnovationen nicht zu finanzieren.

medienpolitik.net: Sie sprachen die Kinobeteiligung an. Inwieweit werden Schauspieler, wenn Filme wie „Fack ju Göhte“ Erfolg im Kino haben, schon heute beteiligt?

Thomas Schmuckert: Bei Produktionen bis zum Stichtag 1. Januar 2014 überhaupt nicht. Zudem können Kinoproduktionen in der überwiegenden Mehrheit nur finanziert werden, weil Schauspieler ihre Gagen zurückstellen – also nur einen Bruchteil, wenn überhaupt, ihrer Gage erhalten. Das ist ein Geschenk, das Schauspieler und andere Kreative an die Produktion machen, weil die Finanzierung  vieler Kinoproduktionen in unserem Land auf  recht wackligen Beinen steht. Erst mit dem Ergänzungstarifvertrag „Erlösbeteiligung Kino“ ist jetzt geregelt, dass bei Produktionen, die ab dem 01.01.2014 gedreht werden – also wahrscheinlich erst 2015 –die Kreativen in einem bescheidenen Rahmen erlösbeteiligt werden. Und zwar ab dem Punkt, wo der Film so viel Geld eingespielt hat, dass der Produzent Filmförderungsgelder zurückzahlen muss. Dies ist  ein Paradigmenwechsel.

medienpolitik.net: Profitieren Sie von Wiederholungen im Fernsehen?

Thomas Schmuckert: Nein. Bis in die 90er Jahre hinein gab es bei den öffentlich-rechtlichen Sendern selbstverständlich Wiederholungshonorare für Schauspieler. Beim Ersten und zunehmend auch beim ZDF wurden diese Wiederholungshonorare sukzessive abgebaut bis zu dem Punkt, dass heute nur noch für immer weniger Produktionen des ZDF überhaupt Wiederholungsgagen bezahlt werden. Es gibt aber auch hier einen  Paradigmenwechsel, weil der BFFS für die Schauspieler, genauso wie der Regieverband für die Regisseure, eine Vereinbarung mit ProSiebenSat.1 abschließen konnte, wo zum ersten Mal Folgebeteiligungen für Fernsehwerke vereinbart wurden, die von ProSiebenSat.1 beauftragt sind.   Vorher gab es bei Privatsendern überhaupt keine Folgevergütung. Das wollen wir auch mit ARD und ZDF sowie RTL erreichen.

medienpolitik.net: Werden Sie inzwischen von den Sendern als eigenständiger Partner bei solchen Fragen akzeptiert?

Thomas Schmuckert: Der BFFS ist als größter Einzelverband der hiesigen Film- und Fernsehindustrie natürlich zu einem wichtigen Gesprächspartner der Sender geworden und vertritt ihnen gegenüber die Interessen der Film- und Fernsehschauspieler

medienpolitik.net: Gegenwärtig wird darüber diskutiert, dass die Sieben-Tage-Regelung der Mediatheken verändert wird, das heißt, dass auch fiktionale Werke länger kostenlos gezeigt werden können. Interessiert Sie das als Schauspieler, der ja üblicherweise einen Rahmenvertrag mit den Produzenten hat?

Thomas Schmuckert: Wir halten diese Ausweitung ohne fairen Interessensausgleich für die Produktionsfirmen und Kreativen für eine Katastrophe. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk will die Urheber und Leistungsschutzberechtigten nur an den Erlösen angemessen beteiligen. Erlöse fallen aber nicht an, da das Angebot der Mediatheken kostenlos ist. Gleichzeitig wird es aber unmöglich, Verwertungserlöse z.B. über Video-on-Demand zu erzielen, wenn es ein dauerhaftes kostenloses Parallelangebot gibt. Dies schädigt die wirtschaftliche Grundlage der Produzenten. Viele Werke, die für das Fernsehen hergestellt werden, sind längst nicht mehr zu 100 Prozent durch den Sender finanziert. Bei Dokumentationen ist die Situation besonders fatal: Hier beträgt der Anteil höchstens noch 60 Prozent. Wenn in der Folge dadurch weniger Werke hergestellt werden oder Produktionsfirmen pleitegehen, betrifft uns das direkt.

medienpolitik.net: Die Künstlersozialkasse funktioniert eigentlich gut. Warum befürchten Sie, dass es hier Probleme geben könnte?

Thomas Schmuckert: Die Künstlersozialkasse ist eine der großartigsten Einrichtungen, die wir im Sozialbereich haben und sie funktioniert auch. Aber es ist dringend notwendig, dass eine flächendeckende Überprüfung der Unternehmen stattfindet, damit auch alle, die Kreative beschäftigen, in die Kasse einzahlen und nicht die beitragsehrlichen Unternehmen die Dummen sind. Dieses Gesetz zur Prüfung sollte bereits im vergangenen  Jahr verabschiedet werden, wurde dann aber durch die Abgeordneten der Koalition, vor allem der FDP, verhindert.

medienpolitik.net: Es gibt auch Hochrechnungen, nach denen die Einnahmen der Künstlersozialkasse höher wären, wenn alle bezahlen würden…

Thomas Schmuckert: Die Einnahmen wären deutlich höher. Als Folge dieses nicht umgesetzten Gesetzes mussten bereits die Beiträge zur Künstlersozialkasse deutlich erhöht werden, von 3,9 % auf 5,2 %. Nach den derzeitigen Aussichten wird das so weitergehen. Weil die Künstlersozialkasse zu 20 Prozent steuerfinanziert ist, ist das Wasser auf die Mühlen derjenigen, die immer wieder die Künstlersozialkasse als Einrichtung angreifen und infrage stellen…

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 4/2014 erstveröffentlicht.

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