Rundfunk:

„Der Wettbewerb in der Branche wird schärfer“

von am 22.04.2014 in Allgemein, Archiv, Dualer Rundfunk, Filmwirtschaft, Interviews, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk, Top Themen

<h4>Rundfunk: </h4>„Der Wettbewerb in der Branche wird schärfer“
Peter Weber, Justitiar des ZDF

ZDF spart bei Spielfilmlizenzen zugunsten von Auftragsproduktionen

22.04.14 Interview mit Peter Weber, Justitiar des ZDF

Mit einem Auftragsvolumen von 575,2 Millionen Euro war das ZDF 2013 größter Einzelauftraggeber der deutschen TV-Produzenten. 2009 betrug das Volumen – nach eigenen Angaben – 553 Millionen Euro. Damit lag es 2013 um 22 Millionen Euro höher. Insgesamt wurden Aufträge an 500 Unternehmen vergeben. Es wurde vor allem in fiktionale Produktionen und die Unterhaltung mehr investiert, wie Peter Weber, Justitiar des ZDF, in einem Gespräch mit medienpolitik.net betont. Bei der Auftragsvergabe ist für das ZDF „die Sicherstellung einer pluralistischen und leistungsstarken deutschen Produzentenlandschaft“ ein wichtiger Aspekt.

medienpolitik.net: Herr Weber, in welche Genres wurde mehr investiert als vor vier Jahren? Wo flossen die 22 Millionen hin?

Peter Weber: Es ist richtig, auch im Jahr 2013 war das ZDF größter Einzelaufgeber fiktionaler Auftragsproduktionen. Die Nachhaltigkeit unseres Engagements kommt in den weiter anwachsenden Investitionssummen zum Ausdruck. Dabei wurden im vergangenen Jahr rund 500 Unternehmen beschäftigt. Bei der Auftragsvergabe spielen strategische Überlegungen eine wichtige Rolle. Ein wichtiger Aspekt ist die Sicherstellung einer pluralistischen und leistungsstarken deutschen Produzentenlandschaft. Dies gewährleistet, dass keine Abhängigkeit von marktbeherrschenden Programmlieferanten entsteht. Es wurde insbesondere im fiktionalen Programm und in die Unterhaltung mehr investiert. Beim fiktionalen Programm floss mehr Geld in die Beschaffung von TV-Movies, in erster Linie Einzelstücke, z. B. für den Fernsehfilm der Woche oder in Komödien. Dies ging innerhalb des fiktionalen Bereichs zu Lasten der Telenovelas am Nachmittag und einzelnen Krimireihen. Bei der Unterhaltung ergaben sich Mehrinvestitionen in Spiel- und Quizshows sowie in Comedy.

medienpolitik.net: Dennoch hat die KEF festgestellt, dass die Aufwendungen für das Programm gesunken sind. Womit hängt das zusammen?

Peter Weber: Die IST-Programmaufwendungen des ZDF haben sich im Betrachtungszeitraum 2009 – 2012 gemäß KEF-Systematik erhöht. Dies spiegelt sich auch in einem erhöhten Auftragsvolumen bei den deutschen TV-Produzenten wieder.

medienpolitik.net: Wurde dennoch beim Programm gespart?

Peter Weber: Das ZDF steht angesichts seit 2008 unveränderter Rundfunkgebühren/-beiträge insgesamt vor Einsparnotwendigkeiten. Personal- und Verwaltungskosten werden soweit möglich gekürzt. Sparnotwendigkeiten gehen jedoch angesichts dieser Entwicklungen – denen wir uns ohne Wehklagen zu stellen haben – auch nicht am Programm vorbei. Sie betreffen alle Bereiche und den Eigenproduktionsbereich sogar stärker als das Verhältnis zu ZDF-Produzenten. Hierbei steht die Optimierung von Produktionsverfahren im Vordergrund.

medienpolitik.net: Wie weit sind von den Einsparungen auch Produktionen, die von deutschen Produktionsfirmen für das ZDF realisiert werden, betroffen?

Peter Weber: Im Jahre 2013 wurde im Vergleich zu 2009 mehr in Eigen- und Auftragsproduktionen investiert. Dafür wurde deutlich bei den Lizenzen reduziert. Diese Einsparungen betreffen vor allem internationale Kinofilmpakete. Dies ist nicht zuletzt auch ein Beleg dafür, dass dem ZDF der deutsche Produzentenmarkt besonders am Herzen liegt. In 2013 wurden nämlich statt internationaler Spielfilmlizenzen mehr Fernsehfilme im heimischen Markt in Auftrag gegeben, wovon die deutsche Produzentenlandschaft profitiert hat.

medienpolitik.net: Mehre Verbände der Filmwirtschaft verweisen auf geringere Budgets für vergleichbare Produktionen im Vergleich zu vor einigen Jahren. Ist das nicht ein Widerspruch?

Peter Weber: Grundsätzlich erfolgt die Budgetfestsetzung aufgrund von Kalkulationsgesprächen mit den Produzenten, unabhängig ob es sich um voll- oder teilfinanzierte Produktionen handelt. Das ZDF dürfte dabei der Sender mit dem höchsten Anteil vollfinanzierter fiktionaler Auftragsproduktionen sein.

Hierzu haben wir mit der Allianz Deutscher Produzenten lange Verhandlungen geführt und unter dem Stichwort „Kalkulationsrealismus“ in Vereinbarungen sichergestellt, dass u. a. mit der Anerkennung zusätzlicher Berufsbilder eine als vollfinanzierte kategorisierte Auftragsproduktion auch vollfinanziert ist. Hinzu kommen Handlungskosten und Gewinnaufschläge. Zusätzlich wird der Auftragsproduzent bereits seit den 70er Jahren an Erlöse aus kommerziellen Nachverwertungen beteiligt. Soweit sich also beispielsweise aus digitalen Produktionstechniken Kostenreduktionen bei Budgets ergeben heißt dies nicht, dass Herstellungskosten nicht auskömmlich kalkuliert wären. Allerdings wird der Wettbewerb nicht nur in dieser Branche schärfer.

medienpolitik.net: Der Regieverband kritisiert, dass seit Jahren die Gagen und Honorare, etwa von Drehbuchautoren und Regisseuren stagnieren. Während von 1998 – 2013 die Rundfunkgebühren um ca. 27 % gestiegen sind, blieben die Honorare für Autoren und Regisseure in etwa konstant. Schafft das ZDF ein Programmvermögen zuungunsten der Kreativen?

Peter Weber: Mit Drehbuchautoren hat das ZDF als erster Sender allgemeine Vergütungsregeln vereinbart, die Gagen und Honorarsteigerungen umfassen, aber auch Anpassungen der Vergütungsstrukturen an die digitale Welt. Die Behauptung, die Honorare seien 1998-2013 konstant geblieben, ist schlicht falsch. Anders als kommerzielle Sender schließt dabei das ZDF nicht in erster Linie Buy-out-Vereinbarungen, sondern vereinbart Wiederholungshonorarmodelle oder sogenannte Korbabgeltungen, d. h. Vergütungen für die Nutzung des Werkes in den ZDF-Angeboten über eine gewisse Zeitstrecke. In allen Modellen kommen Erlösbeteiligungen des Autors bei kommerzieller Nachverwertung hinzu.

Mit dem Regieverband haben wir entsprechende Vereinbarungen verhandelt. Leider kam es trotz des Angebots substantieller Vergütungssteigerungen bisher nicht zu einer Einigung. Stattdessen hat es der BVR vorgezogen, das Schlichtungsverfahren einzuleiten. Wir hoffen, dass es in diesem Rahmen zu vernünftigen Vereinbarungen kommen wird. Die Regisseure werden vom ZDF allerdings bereits heute angemessen vergütet. So sind die durchschnittlichen Regiehonorare einzelvertraglich regelmäßig angehoben worden. Diese Anhebungen der Ersthonorare belaufen sich vom 1996 bis einschließlich 2012 auf mehr als 40 %.

Hinzu kommen Wiederholungshonorare. Die vom BVR immer wieder aufgestellte Behauptung, die Regiehonorare seien seit Jahrzehnten unverändert ist daher nachweislich falsch!

medienpolitik.net: Vor allem eine Neubewertung der Rechtesituation bei der digitalen Verwertung wird von den Produzentenverbänden gefordert. Wird das ZDF hier den Produzenten entgegen kommen?

Peter Weber: Die Vergütungssystematik für Fernsehauftragsproduzenten habe ich dargestellt. Sie basiert entsprechend der Idee einer Auftragsproduktion nicht auf der Vergütung einzelner Nutzungen, sondern der Honorierung der Herstellungsleistung mit Herstellungskosten, Handlungskostenaufschlägen und Gewinn. Trotz dieser Vergütungslogik beteiligt das ZDF seit Jahrzehnten den Produzenten an Erlösen aus kommerziellen Nachverwertungen. Die diesbezüglichen Gewinne werden hälftig geteilt und zwar ohne dass zuvor die Herstellungskosten des ZDF amortisiert wurden. Mit diesem Modell war das ZDF der erste Sender in Deutschland und Jahrzehnte lang auch der Einzige, der diese Produzentenförderung betrieben hat.

Entsprechende Regelungen wurden dann auch in den letzten Jahren in zahlreichen Vereinbarungen mit den Produzentenverbänden weiter ausgebaut. Sie enthalten angemessene Vergütungsvereinbarungen, die entsprechend den Erwartungen der Länder auf Augenhöhe vereinbart wurden. Für eine Neubewertung der Rechtesituation besteht daher auch bei der digitalen Verwertung kein Anlass.

medienpolitik.net: Inwieweit erhalten die Produzenten für die Einstellung ihrer Programme in die Mediathek eine zusätzliche Vergütung?

Peter Weber: Entsprechend dem veränderten Nutzungsverhalten des Zuschauers in der konvergenten digitalen Welt, in der Inhalte zu Zeiten der Wahl des Zuschauers verfügbar sein müssen, hat der Gesetzgeber auch den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Erfüllung verfassungsrechtlicher Vorgaben auf Telemedien erweitert. Eine gesonderte und zusätzliche Vergütungsnotwendigkeit des Auftragsproduzenten ergibt sich in der dargestellten Vergütungssystematik daraus nicht. Autoren, Regisseure und Darsteller erhalten grundsätzlich Vergütungszuschlägen für Online-Nutzungen über siebenTage  hinaus, soweit keine Pauschalabgeltungen vereinbart sind.

medienpolitik.net: Es ist im Gespräch, dass die Sieben-Tage-Frist bei den Mediatheken verändert wird. Wird es dafür auch einen finanziellen Ausgleich geben?

Peter Weber: Ob der Gesetzgeber die 7-Tagesfrist verändert, bleibt abzuwarten. Die Beschränkungen in der Verweildauer ergeben sich nicht in erster Linie aus dem Gesetz, da wir auch heute nach Maßgabe von Telemedienkonzepten Produktionen länger einstellen können. Allerdings ergeben sich Beschränkungen teilweise aus Rechtefragen, aber auch Streamingkosten, aus journalistisch-redaktionellen Bedürfnissen und Nutzerinteressen. Auch wenn der Gesetzgeber hier Spielräume erweitern sollte, werden wir bei der Nutzung und Einstelldauer der Produktionen auf die Interessen der Produzenten Rücksicht nehmen.

medienpolitik.net: Verbände der Filmwirtschaft hatten vorgeschlagen, einen Teil des „Beitragsüberschusses“ in das Programm zu investieren. Für welche Programme hätte das ZDF gerne mehr Geld zur Verfügung, um die Qualität zu erhöhen?

Peter Weber: Der neue Rundfunkbeitrag hat mit einer größeren Beitragsgerechtigkeit den Ländern Spielräume eröffnet. Diese haben entsprechend dem Zuschauerinteresse einen Teil für eine Beitragssenkung vorgeschlagen, die restlichen Überschüsse stehen ARD und ZDF nicht zu. Sie werden vielmehr für etwaige Evaluierungsmaßnahmen oder aber für eine von den Ländern angestrebte Beitragsstabilität zurückgelegt.

medienpolitik.net: Sie haben mit der Produzentenallianz ein Transparenzabkommen geschlossen. Warum erfolgte die Veröffentlichung nicht bisher schon?

Peter Weber: Das ZDF strebt mit der abgeschlossenen Vereinbarung eine weitere Erhöhung der Transparenz bei der Auftragsvergabe an. Damit soll die angemessene Beteiligung der Produzenten am Wettbewerb im Programm abgesichert werden, die inhaltliche Qualitätsstandards optimiert und den Grundsätzen der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit im Umgang mit Beitragsmitteln entsprochen werden. Formatwettbewerbe wie das jährliche „TV Lab“ von ZDFneo, der 2012 durchgeführte Format-Pitch für das Tagesprogramm oder der Ideenwettbewerb „ Show Up“ für Unterhaltungssendungen zeigen beispielhaft, dass an der Transparenz der Auftragsvergabe auch bereits bisher gearbeitet worden ist. Die Vereinbarung wird nunmehr sukzessive umgesetzt und die entsprechenden Daten im Online-Angebot des ZDF veröffentlicht.

medienpolitik.net: Die Produzentenallianz fordert einen Paradigmenwechsel von der Auftragsproduktion zur Lizenz. Was hält das ZDF von dieser Idee?

Peter Weber: Ein Paradigmenwechsel hinzu zu einem Lizenzmodell erscheint nicht zielführend. Sachgerecht ist, dass eine vollfinanzierte Auftragsproduktion auch eine umfängliche Übertragung der Rechte erfordert. Umgekehrt können sich Lizenzmodelle nicht an den Herstellungskosten zuzüglich Unkosten und Gewinnaufschlag orientieren. Vielmehr muss das ZDF bei zeitlich und inhaltlich beschränktem Erwerb von Nutzungsrechten eine wirtschaftliche Bewertung der konkret eingeräumten Sende- und Online-Rechte anhand von Marktpreisen vornehmen. Ein Lizenzpreis liegt unterhalb der Herstellungskosten. Dies führt notwendigerweise weg von einer Vollfinanzierung von Auftragsproduktionen. Der Auftragsproduzent müsste nach diesen Modellen wesentlich stärker unternehmerisch auftreten und selbst wirtschaftliche Risiken der Produktion bzw. deren Auswertbarkeit übernehmen. Damit birgt das vorgeschlagene Modell nicht zuletzt auch die Gefahr einer Konzentration des Produzentenmarktes, da nur große, kapitalstarke und oft konzerngebundene Produzenten einen entsprechenden Vertrieb aufbauen können und zur Mitfinanzierung von Auftragsproduktionen in der Lage sind.

Auch die Berufung auf eine angeblich allgemein übliche internationale Vertragspraxis ist nicht zutreffend. Österreich, Schweiz, Belgien und Dänemark praktizieren beispielsweise auch nach wie vor das Modell der klassischen vollfinanzierten Auftragsproduktion, bei der alle Rechte auf das Sendeunternehmen übertragen werden. Vielfach werden nicht einmal Beteiligungsrechte, wie sie die oben beschriebenen Vereinbarungen mit den Produzentenverbänden vorsehen, gewährt.

Das oft zitierte BBC-Modell stellt die Produzenten nicht besser. Das britische Modell bezieht sich lediglich auf 25 % des Produktionsvolumens (50 % werden von der BBC Inhouse produziert, 25 % stehen bei der Auftragsvergabe sowohl den Inhouse-Produzenten als auch unabhängigen Produzenten offen). Das ZDF hingegen vergibt den weitaus größten Anteil seines fiktionalen Produktionsvolumens an Auftragsproduzenten, die mit dem ZDF nicht gesellschaftlich verbunden sind. Das „BBC-Modell“ bezieht sich nicht nur auf Vollfinanzierungen. Ab einem Finanzierungsanteil der BBC von 25 %, das heißt auch für Teilfinanzierungen selbst in untergeordnetem Umfang, erhält die BBC bei kommerzieller Verwertung der Rechte durch den Produzenten eine Erlösbeteiligung von mindestens 15 % vom Nettogewinn. Bei Teilfinanzierungen stehen damit der BBC bereits heute umfangreichere Rechte als dem ZDF zu.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 4/2014 erstveröffentlicht.

 

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