Medienethik:

„Das Internet ist weder gut noch schlecht“

von am 17.06.2014 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Journalismus, Medienethik

<h4>Medienethik: </h4>„Das Internet ist weder gut noch schlecht“
Prof. Dr. Petra Grimm, Kommunikationswissenschaftlerin, Leiterin des Instituts für Digitale Ethik, Hochschule der Medien, Stuttgart

Journalistische Robotertexte müssen gekennzeichnet sein

17.06.14 Interview mit Prof. Dr. Petra Grimm, Kommunikationswissenschaftlerin, Leiterin des Instituts für Digitale Ethik, Hochschule der Medien, Stuttgart

„Der Traum eines anarchischen, spielerischen und machtunabhängigen Internets ist gescheitert und jetzt stellt sich die Gerechtigkeitsfrage auch in der digitalen Sphäre. Denn die Ökonomisierung des digitalen Raums kollidiert in vielerlei Hinsicht mit unseren Grundwerten“, so die Kommunikations- wissenschaftlerin Prof. Dr. Petra Grimm in einem medienpolitik.net-Gespräch. Auch der sogenannte Roboterjournalismus unterliege der journalistischen Ethik. Dabei stelle sich die grundsätzliche ethische Frage, wie eine ‚Maschine‘ Wahrhaftigkeit, Achtung der Menschenwürde, Sorgfalt usw. überhaupt erfassen und einhalten kann. “

medienpolitik.net: Frau  Grimm, nachdem das Internet Jahrzehnte überwiegend bejubelt und gehypt worden ist, wird es plötzlich seit der NSA-Affäre verteufelt. Gibt es ein gutes und böses Internet?

Petra Grimm: Das Internet ist weder gut noch schlecht. Die Semiosphäre bzw. der digitale Bedeutungsraum des Internets wird von Menschen programmiert und genutzt. Entscheidend ist, wer die Grammatik des digitalen Raums beherrscht und für welchen Zweck. Richtig ist, dass der Traum eines anarchischen, spielerischen und machtunabhängigen Internets gescheitert ist und sich jetzt die Gerechtigkeitsfrage auch in der digitalen Sphäre stellt. Denn die Ökonomisierung des digitalen Raums kollidiert in vielerlei Hinsicht mit unseren Grundwerten. Welche ethischen Konsequenzen mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft verbunden sind, ist eine akute Frage, die politische, rechtliche und ökonomische Entwicklungen betrifft.

medienpolitik.net: Sie haben ein Institut für Digitale Ethik geründet. Warum?

Petra Grimm: Das Bewusstsein um die Bedeutung der Medienethik hat im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren spürbar zugenommen. Die Sensibilität für Gefahren, die sich für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft insgesamt ergeben können, wenn die Mediatisierung weiter fortschreitet, ist größer geworden – zuletzt sicher im Zusammenhang der Debatte um Google, Facebook und die Datenspionage von NSA, GCHQ u. a. Gleichwohl ist die Medienethik als Forschungsgebiet im deutschsprachigen Raum noch nicht so prominent verankert, wie sie es angesichts ihrer wichtigen Themen sicher verdient hätte. Hier will das Institut für Digitale Ethik mit seinem speziellen Fokus auf digitale Medien und den Metaprozess der Digitalisierung einen Beitrag zur Profilschärfung leisten und Impulse für eine dringend notwendige gesellschaftliche Debatte um Chancen und Risiken digitaler Medien setzen. Es dient als Dialogforum für den intra- und interdisziplinären Austausch zwischen Medienwissenschaft, Medienpraxis und Medienpolitik (Dialog- und Netzwerkfunktion). Weiter ist erklärtes Ziel des Instituts, die Öffentlichkeit durch Veranstaltungen für aktuelle Fragestellungen der Medienethik im digitalen Umfeld zu sensibilisieren und zentrale Anlaufstelle („focal point“) für medienethische Expertise zu sein

medienpolitik.net: Das Internet ist ein Produkt von Menschen, es wird genutzt zur Kommunikation von Menschen. Warum bedarf es hierfür einer besonderen Ethik?

Petra Grimm: Die Digitale Ethik stellt als Bereichsethik eine Fortschreibung der „Medienethik“ bzw. „Internetethik“ dar. In den USA ist die Bezeichnung „Digital Ethics“ (Don Heider) in der Forschungscommunity bereits etabliert. Die Erweiterung des Anwendungsfeldes „Medien“ ist notwendig, da das digitale Zeitalter unsere Alltag und unsere Lebenswirklichkeit essentiell verändert: Unsere Lebensgewohnheiten werden zunehmend transparent und kalkulierbar – insbesondere für die vier Internetgiganten Google, Facebook, Amazon und Apple, aber auch für Dritte (z. B. Werbeunternehmen, Banken, Versicherungen, Automobilfirmen usw.). Im digitalen Zeitalter kann jeder Nutzer und Kunde getrackt, klassifiziert und vermessen werden. Die Grenze zwischen analogem und digitalen Raum, Mensch und Maschine, Öffentlichem und Privatem wird mehr und mehr brüchig. Mit dem „Internet der Dinge“ wird diese Grenze zwischen der digitalen und analogen Welt möglicherweise endgültig aufgelöst, denn das Internet verbindet sich dann mit Produkten, unserer Wohnung, unseren Kleidern und unserem Auto. Zu verbergen gibt es dann wirklich nichts mehr. Um diese Entwicklungen in ihrer ethischen Dimension zu reflektieren, ihre Folgen für die Gesellschaft zu hinterfragen, Chancen und Risiken zu erkennen, braucht es eine angewandte Digitale Ethik, die sich auf der Basis empirischer Forschung mit den Werte- und Normenfragen der digitalen Realität befasst.

medienpolitik.net: Was unterscheidet die digitale Ethik von der menschlichen Ethik?

Petra Grimm: Diese Unterscheidung ist unsinnig. Der Begriff der „Digitalen Ethik“ bezeichnet ein Anwendungsfeld. Ethik als Reflexionstheorie der Moral ist immer auf den Menschen ausgerichtet.

medienpolitik.net: Gegenwärtig wird stark über das Sammeln von Daten, die entsprechende Analyse mit Hilfe von Algorithmen und die Verknüpfung und finanziellen Verwertung diskutiert. Welche ethischen Fragen werden hier berührt?

Petra Grimm: Im Wesentlichen geht es um unsere Grundwerte Freiheit, Selbstbestimmung und den Schutz der Privatsphäre. Welche Bedeutung haben diese Ideale (noch) im digitalen Zeitalter? Und welches Menschenbild vertritt eine digitale Gesellschaft, in der Vermessung, Klassifizierung und Quantifizierung zur Gewohnheit wird? Auch die Frage der Verantwortung in Bezug auf die unterschiedlichen Akteure (Nutzer, Anbieter, Gesetzgeber etc.) stellt sich akut, z. B. in Bezug auf Datenschutz und freie Meinungsbildung.

medienpolitik.net: Bleiben dabei Bewertungen aus der „körperlichen Welt“ wie illegal und legal, unrechtmäßig, Recht auf persönliche Daten, privat, öffentlich und nicht öffentlich, weiterhin relevant?

Petra Grimm: Das Internet ist kein rechtsfreier Raum und auch kein Raum, in dem ethische Maßstäbe  obsolet wären. Die Tatsache, dass das Internet global und grenzüberschreitend strukturiert ist, hat aber zur Folge, dass nationale Regelungen und Normen nur bedingt greifen. Wir brauchen deshalb auch dringend europaweite und supranationale Mindeststandards, die die Grundrechte im digitalen Zeitalter schützen helfen. Der Weg dahin ist allerdings wohl mühsam. Eine Kooperation ethischer Forschung und zivilgesellschaftlicher Organisationen im internationalen Verbund könnte dafür ein Meilenstein sein.

medienpolitik.net: Können Algorithmen einer Ethik unterliegen?

Petra Grimm: Die Frage ist, wie algorithmische Formeln die Kommunikation, das Wissen und Handeln der Menschen beeinflusst oder gar steuert. Wenn Algorithmen – wie in der Finanzwirtschaft schön üblich – selbstständig und unkalkulierbar operieren, dann wird es besonders problematisch, da menschliches Handeln systemisch gar nicht mehr vorgesehen ist. Technik, das wissen wir spätestens seit der Entwicklung der Atombombe, ist weder politisch neutral noch ethisch irrelevant. Deshalb ist es so wichtig, sich über die die Prozesse und Auswirkungen der Digitalisierung ethisch zu verständigen.

medienpolitik.net:  Algorithmen sollen zunehmend eingesetzt werden, um journalistische Texte zu schreiben. Unterliegen diese Algorithmen dann der journalistischen Ethik?

Petra Grimm: Sicherlich. Schließlich sind diese computergenerierten Nachrichten von einem journalistischen Unternehmen zu verantworten. Als „Auftraggeber“ eines solchen Roboterjournalismus muss sich das Unternehmen an journalistischen Qualitätskriterien messen lassen. Allerdings stellt sich die grundsätzliche ethische Frage: Wie kann eine „Maschine“ Wahrhaftigkeit, Achtung der Menschenwürde, Sorgfalt usw. überhaupt „erfassen“ und einhalten? Und dass ist wohl des Pudels Kern.

medienpolitik.net: Wie transparent muss die Programmierung der Algorithmen sein? Sollten Sie als „Robot Journalism“ gekennzeichnet sein?

Petra Grimm: Unbedingt. Wenn schon solche computergenerierten Nachrichten verbreitet werden, dann müssen sie als solche gekennzeichnet sein.

medienpolitik.net: Es könnte sein, so schrieb die Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Miriam Meckel, im März 2014, dass der Journalismus in einiger Zeit einen weiteren Qualitätsansatz verteidigen muss: den „Biojournalismus” von “Bios”, das Leben: Journalismus von Menschenkopf gedacht und Menschenhand gemacht.“ Biojournalismus sei dann das Differenzierungskriterium in einem weitgehend technisierten und standardisierten Medienmarkt, geprägt durch Haltung, Stil und individuelles Erzählen. Übertreibt Miriam Meckel hier?

Petra Grimm: Im Wesentlichen bin ich auch der Auffassung, dass es um das hohe Gut der journalistischen Glaubwürdigkeit geht. Dieses kann nur garantiert werden, wenn journalistische Qualitätskriterien weiterhin gelten. Ich habe meine Zweifel, dass das bei einem entpersonalisierten Journalismus möglich ist. Journalistische Inhalte sind keine technischen Produkte, sie haben eine originäre gesellschaftspolitische Dimension, da sie Meinungsvielfalt und freie Meinungsbildung ermöglichen sollen.

medienpolitik.net: Wäre „Biojournalismus“  der gute Journalismus, der für nachhaltige Moral und moralischer Orientierung sorgt, und der Roboter-Journalismus der schlechte Journalismus, einer geistigen Wergwerfgesellschaft?

Petra Grimm: Journalistische Texte, ob computergeneriert oder von Menschen geschrieben, sind immer Quelle dafür, wie wir unser Wissen über die Welt konstruieren. Auch sogenannte „Fakten“ sind nicht neutral, sondern unterliegen einer Auswahl und Perspektive. Wenn die Auswahl allerdings an Computer delegiert wird, verlieren wir das Vertrauen in den Journalismus. Deshalb bin ich relativ optimistisch, dass sich die Verantwortlichen sehr genau überlegen werden, ob sie dieses Risiko eingehen wollen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 6/2014 erstveröffentlicht.

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