Kreativwirtschaft:

„Sie werden von mir nicht hören, dass die Unterhaltung tot ist“

von am 12.06.2014 in Kreativwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren

<h4>Kreativwirtschaft: </h4>„Sie werden von mir nicht hören, dass die Unterhaltung tot ist“
Ute Biernat, Geschäftsführerin UFA Show & Factual

„Deutschland sucht den Superstar“ ist nicht Vergangenheit

12.06.14 Interview mit Ute Biernat, Geschäftsführerin UFA  Show & Factual

„Sie werden von mir nicht hören, dass die Unterhaltung tot ist“, das war einer der ersten Sätze aus einem Interview mit der Chefin einer der wichtigsten deutschen Entertainment-Schmieden, der UFA Show & Factual. Natürlich begründet Ute Biernat ihre These, die in den vergangenen Wochen von einigen Medien geäußert worden ist: „Heutzutage sitzt nicht mehr nur die klassische Familie vor dem Fernseher, wir haben vielmehr verschiedenste Gruppen vor den Bildschirmen. Die Fernsehnutzung bewegt sich seit Jahren auf sehr hohem Niveau und nur weil ‚Wetten dass..?‘ demnächst nicht mehr läuft, gucken die Leute nicht weniger Fernsehen.“ Die größte Chance im Entertainment-Bereich sei, die Tür für neue Köpfe zu öffnen. „Live als großes, kompaktes Event ist unschlagbar. Live als Mittel zum Zweck allein reicht heute nicht aus, denn dazu ist eine Live-Show zu teuer und aufwendig“, so Biernat.

medienpolitik.net: Frau Biernat, Norbert Himmler, der ZDF-Programmdirektor, hat kürzlich die Einstellung von „Wetten, dass..?“ mit den großen Veränderungen in der Mediennutzung begründet. Hat sich die Samstagabend-Unterhaltungssendung im Fernsehen überlebt?

Ute Biernat: Der Samstagabend war, ist und bleibt eine Herausforderung – ganz unabhängig davon, dass „Wetten dass..?“ eingestellt wird. Natürlich kann der Samstagabend noch mit Unterhaltung bespielt werden, aber wir müssen uns auch fragen, inwiefern sich die Sehgewohnheiten verschoben haben und wen wir tatsächlich erreichen können. Im Übrigen sind viele Programme im Fernsehen zu vorhersehbar geworden, manchmal fehlt einfach die Überraschung.

medienpolitik.net: Heißt das, dass das Lagerfeuer, um das sich die Familie scharrt, auch am Samstagabend erloschen ist?

Ute Biernat: Viele Menschen vor einen Schirm zu bekommen, funktioniert sicherlich noch. Allerdings ist die Frage, wie oft im Jahr und vor allem wie oft zu dem gleichen Thema. „Lagerfeuer-Fernsehen“ braucht einen besonderen Aufhänger oder muss als Event konzipiert sein.

medienpolitik.net: Aber die Fernsehnutzung ist seit Jahren konstant. Wie ist das, wenn die Familien weniger gemeinsam fernsehen, zu erklären?

Ute Biernat: Gegenfrage: Wer ist denn die Familie? Heutzutage sitzt nicht mehr nur die klassische Familie vor dem Fernseher, wir haben vielmehr verschiedenste Gruppen vor den Bildschirmen. Das können Patchwork-Familien sein, WG-Mitbewohner oder einfach eine Gruppe von Menschen, die sich über ein bestimmtes Thema definiert. Die Fernsehnutzung bewegt sich seit Jahren auf sehr hohem Niveau und nur weil „Wetten dass..?“ demnächst nicht mehr läuft, gucken die Leute nicht weniger Fernsehen.

medienpolitik.net: Ist der Ausweg bei der Unterhaltung noch stärkere Zielgruppen-orientierte Formate?

Ute Biernat: Ausweg? Sie werden von mir nicht hören, dass die Unterhaltung tot sei. Zielgruppen sind wichtig, aber es geht in der Unterhaltung nicht um genauestens definierte Altersgruppen, sondern viel eher um relevante Themen und deren Aufbereitung. Ich möchte keine Frauensendung sehen, nur weil ich eine Frau bin, oder ein sogenanntes „Best Ager“-Programm, weil ich über 50 bin. Ich schalte ein, was mich interessiert und anspricht.

medienpolitik.net: Sie decken mit Ihren Formaten vor allem die Zielgruppe der 14-49-Jährigen ab. Macht es Sinn, spezielle Unterhaltungsformate z.B. für die 14-18-Jährigen und die 19-26-Jährigen zu entwickeln? Wenn ja, wo sollten diese gesendet werden?

Ute Biernat: Worin unterscheiden sich 18- und 19-Jährige? Das wäre mir, ehrlich gesagt, zu kleinteilig. Junge Zuschauer kann man heute genauso wenig ausgliedern wie die Älteren. Mir geht es um interessante Themen und überzeugende Darbietungen, die sowohl 15- als auch 25-Jährige begeistern.

medienpolitik.net: Die ARD hat recht erfolgreich „Dalli Dalli“ reanimiert. Hätten auch andere klassische Unterhaltungsformate wie z.B. „EWG“ – natürlich leicht modernisiert – heute eine Chance ein größeres Publikum zu gewinnen? Sie haben es mit „Sag die Wahrheit“ für den SWR auch versucht.

Ute Biernat: Was heißt hier versucht? „Sag die Wahrheit“ läuft seit elf Jahren total erfolgreich im SWR! Damit haben wir bewiesen, dass man frühere Gameshow-Formate mit Erfolg zurück auf den Bildschirm bringen kann. Mit „Sag die Wahrheit“ waren wir die ersten und ich bin nach wie vor der Meinung, dass Gameshows gerade heute funktionieren können. Die Grundspielideen der alten Formate sind gut und bieten leichte Unterhaltung. Die fehlt meines Erachtens zurzeit.

medienpolitik.net: Video-on-Demand und Pay-Plattformen kündigen auch in Europa verstärkt die Produktion eigener fiktionaler Serien an. Warum werden nicht Entertainment-Formate in Auftrag geben, die im Free-TV Marktanteile von 30 Prozent und mehr erreichen?

Ute Biernat: Genau das versuchen wir, aber der Vorteil von fiktionalen Serien auf Pay-Plattformen ist die Wiederholbarkeit. Aufgrund der Formatiertheit von Entertainment-Shows hat der Zuschauer eher das Gefühl, er habe das oder etwas Ähnliches schon gesehen. Die größte Chance im Entertainment-Bereich ist die Tür für neue Köpfe zu öffnen.

medienpolitik.net:  Gibt es international erfolgreiche Entertainment-Formate als Paid-Angebote?

Ute Biernat: In Italien läuft „X Factor“ erfolgreich bei Sky. International für Furore gesorgt haben bei den Paid Content Anbietern besonders Serien wie „House of Cards“ (Netflix) und „Bosch“ (Amazon).

medienpolitik.net:  VoD gilt als Fernsehen der Zukunft. Über VoD werden aber vor allem Serien, TV- und Spielfilme gesehen. Ist das Fernsehen der Zukunft die Vergangenheit von Entertainment-Formaten wie DSDS?

Ute Biernat: „Deutschland sucht den Superstar“ zum Beispiel ist keinesfalls Vergangenheit. Wir arbeiten ständig an der Erneuerung unserer Casting-Formate und in der diesjährigen Staffel hatten wir so viele Neuerungen wie noch nie, aber es müssen auch neue Show-Ideen her. Deshalb konzentrieren wir uns auf Eigenentwicklungen von Entertainment-Formaten gemeinsam mit deutschen Sendern und unseren internationalen Kollegen. Allgemein glaube ich, dass nicht jedes Format über VoD Erfolg haben kann, aber bestimmte Genres wie Game oder Comedy sicherlich.

medienpolitik.net:  Wie wichtig ist der Live-Effekt heute für TV-Entertainment?

Ute Biernat: Live als großes, kompaktes Event ist unschlagbar. Live als Mittel zum Zweck allein reicht heute nicht aus, denn dazu ist eine Live-Show zu teuer und aufwendig. Daher müssen wir uns schon fragen, in welchem Verhältnis eine Live-Show zu den anders produzierten Folgen in einer Staffel stehen sollte. In diesem Punkt geht es allen Ländern gleich, weshalb auf internationaler Ebene bei FremantleMedia derzeit intensiv daran gearbeitet wird.

medienpolitik.net: Den Trend der jüngsten MIP in Cannes sollen vor allem fiktionale Formate bestimmt haben, weniger die klassische Unterhaltung. Wo sehen Sie die Ursachen?

Ute Biernat: Fiktionale Formate können international koproduziert und oft wiederholt werden. Unterhaltungsformate haben in der Regel einen Wettbewerbscharakter – ähnlich wie bei einem Fußballspiel –, dem man sofort beiwohnt, aber nicht zeitversetzt mehrfach in der Wiederholung sehen möchte. Die Factual-Formate der Unterhaltung haben es da leichter.

medienpolitik.net: Wirkt sich hier langsam auch die „Onlinesierung“ des Fernsehens aus, da sich ja Jugendliche im Internet vor allem Serien ansehen?

Ute Biernat: Serien im Netz ansehen macht vor allem Spaß, weil man oft gleich alle Folgen hintereinander weggucken kann, amerikanische Serien sogar im Original – und das alles, wann es einem am besten passt. Aber es gibt auch genau das gegenteilige Phänomen: „Tatort“ schalten Millionen Deutsche jeden Sonntagabend um Punkt viertel nach acht ein und einige schaffen sich sogar ein regelrechtes Event durch gemeinschaftliches Tatort-Gucken in Kneipen.

medienpolitik.net:  Inwieweit entscheidet die Vernetzung mit sozialen Medien heute über den Erfolg von Entertainment-Formaten?

Ute Biernat: Wenn ich mein Publikum immer und überall erreichen möchte, kann ich auf soziale Medien nicht mehr verzichten. Während der 11. Staffel „Deutschland sucht den Superstar“ verzeichnete RTL 76 Millionen Videoabrufe und 3,62 Millionen Facebook-Aktivitäten zum Thema „DSDS“. Wir haben durch Facebook, Twitter und Co. also enormes Potential, die Zuschauer stärker an die Marken zu binden. Aber die sozialen Medien entscheiden nicht über den Erfolg eines neuen TV-Formates. Wenn die Idee nicht ausreicht, können auch die sozialen Medien das Format nicht pushen.

medienpolitik.net: Welche Anregungen erhalten Sie aus dem Internet? Finden sich dort Ideen, die die klassische TV-Unterhaltung revolutionieren können?

Ute Biernat: Natürlich finde ich im Netz Videos und Bilder, die mich begeistern. Aber ich habe bisher noch keinen Clip gesehen, der mich zu einem Format inspiriert hat. Optisch setzen YouTuber im Grunde auch nichts anderes ein als klassische Fernsehtechniken und Kameraperspektiven. Für Talente ist das Netz sicher ein guter Platz, sich auszuprobieren. Es gibt heute sonst kaum noch andere Möglichkeiten. Das Thema Nachwuchs ist gerade in der Unterhaltung nicht zu vernachlässigen. Nachwuchsmoderatoren müssen stärker gefördert werden und sich austesten dürfen. Wo sollen die „Verkäufer“ unserer Ideen heute sonst noch her kommen?

medienpolitik.net: Was ist mit Ihren Internet-Ambitionen? Sie haben verschiedene Formate auch für Online-Plattformen produziert. Was ist gegenwärtig im Online von Ihnen „on Air“ und was ist in Arbeit?

Ute Biernat: Von UFA Show & Factual werden die großen Marken wie „DSDS“ oder „Das Supertalent“ im Netz verlängert. Außerdem haben wir mit der Gründung des UFA LABs – 2009 in Berlin und 2012 auch bei uns im Haus in Köln – eine Einheit geschaffen, die originären Online-Content herstellt. Seit unserer Kooperation mit dem Multi-Channel-Network Divimove haben wir das Programm „Shootrs“ aufgesetzt, bei dem wir YouTuber und Online-Talente in den Bereichen Development- und Production-Support, Aufbau von Reichweite und Vermarktung unterstützen. Aktuell arbeiten wir hier unter anderem mit „DSDS“-Kandidatin Kim Gloss zusammen, mit Schauspieler und Comedian Daniele Rizzo, Rapper Kollegah und Minecrafter Docm77.

Der Beitrag wurde im promedia NRW Special 2014 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen