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„Online ist zum Motor geworden“

von am 10.06.2014 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Verlage

<h4>Verlage: </h4>„Online ist zum Motor geworden“
Oliver Stock, Chefredakteur von Handelsblatt Online und Mitglied der Chefredaktion des „Handelsblatt“

Handelsblatt Online macht auch ohne Paywall Gewinn

10.06.14 Interview mit Oliver Stock, Chefredakteur von Handelsblatt Online und Mitglied der Chefredaktion des „Handelsblatt“

Die Verlagsgruppe Handelsblatt hat Oliver Stock (48), den Chefredakteur von Handelsblatt Online, in die Chefredaktion des „Handelsblatt“ berufen. Damit wird er der erste Digitale in der Chefredaktion seit Gründung der Zeitung 1946. Mit diesem Schritt wächst die Bedeutung des digitalen Bereichs für Deutschlands Wirtschaft- und Finanzzeitung. „Inzwischen“, so Oliver Stock gegenüber medienpolitik.net, „hat der Online-Bereich eine eigene Identität gewonnen und ist auch für die ‚klassische‘ Redaktion zum Motor geworden.“ In dem Gespräch wendet sich der Online-Chef gegen die Tendenz, journalistische Texte mit Hilfe von Algorithmen erstellen zu lassen: „Ich glaube es gibt Trends, bei denen muss man nicht unbedingt Erster sein. Ich glaube nicht, dass Roboter Journalisten ersetzen können.“

medienpolitik.net: Herr Stock, seit einigen Wochen sind Sie Mitglied der Chefredaktion und führen die Gesamtredaktion, nicht nur für den Online-Bereich. Warum führt das „Handelsblatt“ wieder zusammen, was vor einiger Zeit getrennt worden ist?

Oliver Stock: Das war bei uns nie getrennt, sondern es ist nebeneinander gewachsen. So wie alle anderen Medienhäuser, haben wir vor 15 oder 20 Jahren die digitalen Medien entdeckt und es hat sich ein Bereich entwickelt, der am Anfang eher ein Eigenleben führte, doch dann sehr bewusst gesteuert worden ist. Inzwischen hat der Online-Bereich eine eigene Identität gewonnen und ist auch für die „klassische“ Redaktion zum Motor geworden. Wenn man die Entwicklung mit einem Auto vergleicht, dann könnte es man so definieren: Erst war der Online-Bereich das fünfte Rad am Wagen, dann ist er zum Vierten geworden und jetzt ist er am Antriebsstrang.

medienpolitik.net: Existiert trotzdem noch eine eigene Online-Redaktion?

Oliver Stock: Ja bei uns gibt es eine eigene Online-Redaktion. Dreißig Kollegen sind fest angestellt und rund 30 sind freie Mitarbeiter, die ausschließlich für die Online-Seite arbeiten. Das haben wir bewusst so gesteuert, um die Potenziale in diesem Bereich voll ausreizen zu können und um zu zeigen, dass dort guter Journalismus entsteht. Das muss aber nicht immer in dieser Form fest gefügt bleiben.

medienpolitik.net: Denken Sie trotz des digitalen Booms des „Handelsblattes“ weiter von Print aus?

Oliver Stock: Wir denken von keinem Kanal aus, sondern wir denken vom Leser aus. Wir glauben, der Leser interessiert sich dafür, wie schnell, aktuell, exklusiv sein Medium ist, wie viel Hintergrund und Meinung es bietet. Der Leser nutzt dann für diese Inhalte die entsprechenden Kanäle, die ihm zur Verfügung stehen. Und wir versuchen die Inhalte optimal zu verteilen.

medienpolitik.net: Die meisten Leser, die für Ihre Inhalte bezahlen, haben Sie im Printbereich. Sicher gibt es Einige, die neben dem Print-Abonnement ein Digital-Abonnement haben, aber die Mehrheit greift morgens zur Print-Zeitung. Muss das nicht honoriert werden?

Oliver Stock: Wir haben beim „Handelsblatt“ eine eiserne Regel: Wir stellen nichts, was wir in den bezahlten Angeboten verkaufen, for free auf irgendwelche Seiten. Im Gegensatz zu vielen Mitbewerbern werden bei uns die Leser nicht abkassiert für etwas, was sie anderswo umsonst bekommen können. Der kostenlose Online-Bereich ist ein Angebot, das neugierig auf das machen soll, was wir in unseren Bezahlwelten noch zu bieten haben.

medienpolitik.net: Auch bei Ihrem kostenlosen  Online-Angebot findet sich der Hinweis  „exklusiv“. In welchem Zusammenhang sind diese Informationen exklusiv?

Oliver Stock: Wir haben auch auf unserer Online-Seite Artikel, die man noch nicht wo anders lesen kann. Und da setzen wir den „exklusiv-Button“ davor, weil das eine eigene Geschichte ist, die im Augenblick, solange es noch niemand abgeschrieben hat, nirgends wo anders zu finden ist.

medienpolitik.net: Ist es nicht ein erheblicher Aufwand, dem gedruckten Produkt, dessen Inhalte man auch als E-Paper und teilweise auch in „Handelsblatt LIVE“ findet, online noch etwas mit eigenen Inhalten daneben zu stellen?

Oliver Stock: Natürlich, der Aufwand ist gewaltig. Man muss Online eine gute Nachrichten-Abdeckung bieten. Alles was an allgemeinen Nachrichten zugänglich ist, müssen wir sowieso liefern. Darüber hinaus wollen wir etwas Besonderes berichten, sonst gäbe es keinen Grund Handelsblatt Online zu lesen. Man benötigt im Online-Kanal exklusives Material und muss es für die Nachrichtenlage speziell aufbereiten und veredeln. Das ist unser Job. In der Exklusivität können wir nicht diese Menge an Scoops liefern, mit der die Printredaktion mit mehr Zeit und mehr Manpower aufwarten kann. Wir haben andere Qualitäten, wir sind schneller, können farbiger erzählen, in dem wir mit Bildern und Videos arbeiten. Jeder Kanal muss seine Stärken ausspielen.

medienpolitik.net: Warum haben Sie neben dem E-Paper noch „Handelsblatt LIVE“ kreiert?

Oliver Stock: „Handelsblatt“ LIVE ist die modernste Form, in der im Moment Journalismus präsentiert wird. Der Leser erhält viele Zusatzfunktionen, die das E-Paper nicht bietet. Angefangen von Videos bis zur Möglichkeit, sich die Zeitung nach seinen Vorlieben selbst zusammen zu stellen. Jeder Konzern braucht ein Vorzeigeobjekt, von dem man sagen kann, das ist jetzt state of the art und für uns ist das „Handelsblatt LIVE“.

medienpolitik.net: Hat sich damit nicht das klassische E-Paper überlebt?

Oliver Stock: Es gibt Fans vom E-Paper. Viele Leser wollen ganz bewusst eine Optik, wie man sie aus der Zeitung gewohnt ist, in die digitale Form übertragen. Solange es nachgefragt wird und wir dafür Abonnenten haben, bieten wir es natürlich an.

medienpolitik.net: Wo haben Sie mehr Abonnenten, bei „Handelsblatt Live“ oder beim E-Paper?

Oliver Stock: Zurzeit haben wir beim E-Paper noch mehr Abonnenten. Aber das schichtet sich langsam um. medienpolitik.net: Sie waren die erste Zeitung, die vor vier Jahren ein Nachtbüro eingerichtet hat, um 24 Stunden News zu bieten.

medienpolitik.net: Honoriert das der Nutzer?

Oliver Stock: Immer ist jemand wach und das gilt vor allen Dingen für unsere mobilen Leser. Viele Geschäftsleute, die durch die Welt fahren, gehen in verschiedenen Zeitzonen auf unsere aktuellen Seiten. Die Zeit, in der man sagen konnte, eine Online-Seite steht still, ist genauso vorbei wie das Testbild im Fernsehen.

medienpolitik.net: Da Sie eine sehr flexible Leserschaft haben, die sich auch über ausländische Quellen informieren kann, erhebt sich dennoch die Frage, ob sich der finanzielle Aufwand lohnt.

Oliver Stock: Der finanzielle Aufwand hält sich in Grenzen. Wir haben eine Redaktion in New York, die nachts ab 22.30 Uhr die Online-Seite steuert. Morgens 6.30 Uhr holen wir das wieder zurück. Wir haben die Redaktion in New York vor diesem Hintergrund ausgebaut. Sie erstellt uns die Morgenausgabe der LIVE App und wird künftig auch in eine Global Edition eingebunden sein, die wir herausbringen werden. Das „Handelsblatt“ auf Englisch. Es sind die Korrespondenten, die wir für die Texte aus den USA brauchen.

medienpolitik.net: Handelsblatt Online  hat im vergangenen Jahr Gewinn erzielt, obwohl Sie keine Paywall errichtet haben, sondern die Inhalte frei sind. Wie ist Ihnen etwas gelungen, das den meisten Zeitungs-Online-Seiten bisher nicht gelingt?

Oliver Stock: Wir haben ein spezielleres Angebot und einen spezielleren Leserkreis als die meisten Seiten. Mit der Anzahl der Visits liegen wir im Ranking der großen Nachrichtenportale auf Platz zehn, sind aber die Nummer Eins bei den Wirtschaftsnachrichten. Diese attraktive Lesergruppe honorieren unsere Anzeigenkunden und wir können somit die Seite besser monetarisieren.

medienpolitik.net: Man hört, dass vor allem Agenturen die Werbung schalten, bei den Online-Seiten nur nach Reichweite gehen, und eine ausgewählte Zielgruppe nicht honorieren. Es ist interessant, dass Sie andere Erfahrungen machen…

Oliver Stock: Das ist für uns sicher anders. Ich höre immer wieder von unseren Vermarktern, dass wir bei „Handelsblatt“-Online mehr verlangen können als selbst eines der ganz großen Portale.

medienpolitik.net: Andere Branchen, wie zum Beispiel die Musikindustrie, haben die Medien-Transformation relativ erfolgreich vollzogen. Warum tun sich die Zeitungsverlage immer noch so schwer, Ihrem Beispiel zu folgen?

Oliver Stock: Ich glaube man muss genau herausfinden, wofür Leser bereit sind zu zahlen. Die Verlage haben lange den Fehler gemacht, ihre Leistungen zu verschenken. Wenn Langnese solange Eiscreme verschenkt hätte, wie wir journalistische Leistungen, dann gäbe es Langnese längst nicht mehr. Es ist ein Wunder, dass die Branche das überlebt hat. Wenn man z.B. erkennt, dass der Verkauf von einzelnen Artikeln schlecht funktioniert, dann sollte man Online ganz Pakete, Apps oder andere digitale Produkte anbieten. Oder erstellt Dossiers, E- Books und bündelt das Ganze. Leser finden Dossiers ganz spannend, weil vielleicht etwas Überraschendes darin steckt, was sie nicht gesucht haben, was aber für sie nützlich ist. Und für Journalismus der Überraschungen liefert, kann man auch mehr Geld verlangen.

medienpolitik.net: Hubert Burda sagte, Qualitätsjournalismus ist künftig nicht mehr zu finanzieren. Wird das „Handelsblatt“ bald die letzte Qualitätszeitung sein?

Oliver Stock: Das klingt verlockend, wäre aber auch schade. Ich glaube, wenn Qualität heißt: dass der Journalismus schnell ist, auf einem hohen Niveau, dass er Spaß macht und meinungsbildend ist, dann lässt er sich an Leser und Anzeigenkunden verkaufen. Dieses uralte Geschäftsmodell kann man auch auf die neue Welt übertragen.

medienpolitik.net: Verschiedene Verlage experimentieren mit dem sogenannten Roboter-Journalismus. Angesichts der vielen Analysen und Fakten in Ihrem Blatt, müsste Sie das doch auch interessieren?

Oliver Stock: Ich glaube es gibt Trends, bei denen muss man nicht unbedingt Erster sein. Ich glaube nicht, dass Roboter  Journalisten ersetzen können. Das liegt vor allem daran, dass sie nie zu individuellen Leistungen fähig sein werden. Genau das ist es, was Journalismus und ein journalistisches Angebot auszeichnet. Wenn eine Maschine die Meldung schreibt, wird sie überall gleich sein. Wir benötigen  aber journalistische Inhalte, mit denen man sich von anderen Medien abheben kann.

medienpolitik.net: Nun gibt es auch im Journalismus Routineprozesse…

Oliver Stock: Ja sicher, bei einer Meldung, dass das Bruttosozialprodukt um 0,1 Prozent gewachsen ist, benötigt man für die reinen Fakten sicher keinen Redakteur. In der Zeit, indem die Maschine diesen Satz schreibt, kann der Journalist etwas anderes machen. Zum Beispiel Hintergründe analysieren, die Fakten werten, Meinungen einholen. Bei der reinen Faktenaufbereitung können uns Algorithmen vielleicht Standartarbeiten abnehmen, damit mehr Zeit für individuelle Leistungen bleibt.

medienpolitik.net: Viele Zeitungen haben Probleme ihre Redaktionen zu finanzieren. Es kommt zu Zusammenlegungen, Auslagerungen und Ähnlichem. Ist das nicht der Strohhalm, nachdem viele greifen um Kosten zu sparen? Auch weil man vielleicht denkt, dass die Leser sowieso nur eine Tageszeitung haben und somit die Identität mit anderen Blättern nicht auffällt.

Oliver Stock: Ich glaube, Leser haben ein sehr genaues Gespür dafür, wann ihnen ein Journalist, ihre Tageszeitung oder das Medium, mit dem sie sich informieren, etwas liefert, von dem sie Neues erfahren, an dem sie sich reiben können, dem sie zustimmen können oder auch nicht. Das sind individuelle Leistungen, die ein Maschinenjournalismus nicht liefern kann. Das, was sie Strohhalm nennen, wird nicht dazu führen, dass diejenigen, die sowieso  keine Luft mehr bekommen, plötzlich wieder durchatmen können.

medienpolitik.net: Was wissen Sie über Ihre Online-Nutzer?

Oliver Stock: Wir verfügen über vielfältige anonyme Daten unserer Leser und das Leseverhalten, in dem Sinne, das wir sehen können, was gut gelesen wird, wann das Interesse erlahmt und ob an anderer Stelle weiter gelesen wird. Das genau benötigen wir, um die Seite zu steuern. Wir haben ein Datensystem eingeführt, was misst, welche Performance welcher Artikel hat und diese mit den Tagen davor vergleicht und bewertet. Das System hilft uns die Seite optimal zu steuern.

medienpolitik.net: Das Wissen über die Leser spielt für die Positionierung und den wirtschaftlichen Erfolg der Zeitung eine noch größere Rolle als bisher schon?

Oliver Stock: Ja, dass erleben wir überall. Wenn man im Netz surft, erscheint plötzlich eine Anzeige zu einem Produkt, was man vor Kurzem gekauft oder für das man sich interessiert hat. Das liegt daran, dass die Seite den Nutzer erkennt und gespeichert hat, dass Interesse an einem bestimmten Produkt besteht. Hinter diesem System stecken Algorithmen, die wir auch einsetzen und die helfen, ein Angebot noch stärker auf die Interessen der Leser auszurichten.

medienpolitik.net: Von Google oder Amazon kennt man das inzwischen. Wie weit ist der Weg bis zur individualisierten Zeitung, bis zum individualisierten „Handelsblatt“?

Oliver Stock: Das wäre eine interessante Vorstellung. Jeder der sich über ein digitales Medium informiert, bekommt ein Angebot, was optimal auf seine Wünsche ausgerichtet ist. Wir haben mit der App schon die Möglichkeit, dass man sich die Seite selbst einrichten kann. Das ist für Leser sicher interessant. Es darf nur nicht so weit gehen, dass die Überraschung weg ist. Journalismus lebt davon, dass der Leser auf dem Weg zu dem Artikel, den er sucht, fünf andere Beiträge liest, die er gar nicht gesucht hat und niemals gefunden hätte. Diesen Überraschungseffekt müssen wir uns unbedingt erhalten.

medienpolitik.net: Bei „Handelsblatt LIVE“ sind auch Videos eingebunden. Welche Bedeutung haben Videos in nächster Zeit für Ihre Angebote?

Oliver Stock: Die Bedeutung von Videos steigt. Wir sind dabei, im digitalen Bereich eine sehr spezifische Form des Journalismus zu entwickeln. Der besteht aus den Nachrichten und Reportagen in Texten und dazu Filme, Bilderstrecken, Audiodateien, animierte Graphiken und spielerische Elemente. Es entwickelt sich eine Form des Journalismus, die nur auf diesem Medium stattfinden kann. Und dazu gehören Videos und deshalb sind sie wichtig.

medienpolitik.net: Wann wird man sich das bewegte „Handelsblatt“  auf dem Smart-TV anschauen können?

Oliver Stock: Das wird in absehbarer Zeit nicht passieren. Wir sollten den privaten und den öffentlich-rechtlichen Sendern, die diese Spielfläche benutzen, erst einmal keine Konkurrenz machen. Da wären wir derzeit nur zweiter Sieger.

Der Beitrag wurde im promedia NRW Special 2014 erstveröffentlicht.

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