Rundfunk:

„prodesse et delectare – nützen und ergötzen“

von am 05.06.2014 in Archiv, Filmwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„prodesse et delectare – nützen und ergötzen“
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen I © ARD/WDR/Herby Sachs

Das Erste plant neue Krimiserie über das Berlin der 20er Jahre

05.06.14 Interview mit Volker Herres, Programmdirektor Das Erste

Der WDR-„Tatort: Der Hammer“ am 13. April erzielte eine Sehbeteiligung von 12,87 Millionen, das entspricht einem Marktanteil von 35,1 Prozent. Das Münsteraner Ermittlerduo Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Gerichtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) avancierten mit  dieser „Tatort“-Episode zur bisher meistgesehenen TV-Sendung dieses Jahres. „Wer ein breites Publikum informieren möchte, der muss aber auch unterhalten, muss nützen und ergötzen können, prodesse et delectare, das finden Sie bereits bei Horaz“, so Volker Herres in einem medienpolitik.net-Gespräch. Zugleich kündigte Herres im Zusammenhang mit den umstrittenen Box-Übertragungen im Ersten an, dass man im Spätsommer beraten werde, wie es weiter geht, und darüber mit den Gremien eine ergebnisoffene Diskussion führen werde. „Da schwingt vieles mit in dieser Debatte, auch die Frage, ob Toleranz nicht eigentlich dort anfängt, wo man etwas hinnimmt und akzeptiert, auch wenn man es persönlich ablehnt.“

medienpolitik.net: Oliver Welke hat kürzlich im „Stern“ gesagt „Die Programm-Macher halten ihr Publikum für zu doof.“ Warum unterschätzen Sie die Zuschauer?

Volker Herres: Ich bin kein Welke-Interpret. Aber ich halte das Publikum für intelligent. Denn so verhält es sich bei der Programm Auswahl.

medienpolitik.net: Muss fast alles – abgesehen von den Nachrichten und den Brennpunkten – auch im Ersten nur unterhaltend sein?

Volker Herres: Wie kommen Sie denn darauf? Sie sollten sich das Programm des Ersten genauer ansehen, zum Beispiel allein schon der Montagabend: Nach der Hauptausgabe der „Tagesschau“ zeigen wir eine Natur-Dokumentation, gefolgt von „hart aber fair“. Nach den „Tagesthemen“ haben wir mit der „Story im Ersten“ und im unmittelbaren Anschluss mit „Geschichte im Ersten“ einen ganzen Abend fast ausschließlich der Dokumentation gewidmet. Politische Magazine gibt es im Hauptabend dienstags und donnerstags, mit „Plusminus“ am Mittwochabend haben wir ein wöchentliches Wirtschaftsmagazin im Programm, und Das Erste hat einen festen Sendeplatz für 90-minütige Dokumentarfilme, hat Kultur-, Auslands-, Morgen- und Mittagsmagazine, u.v.m. Aber: Wer ein breites Publikum informieren möchte, der muss aber auch unterhalten, muss nützen und ergötzen können, prodesse et delectare, das finden Sie bereits bei Horaz.

medienpolitik.net: Natürlich gibt es auch im Ersten anspruchsvolle „Tatorte“ und Fernsehfilme, aber ist das gemessen am Gesamtangebot nicht zu wenig?

Volker Herres: Im Fiktionalen bieten wir ein so vielfältiges Angebot, wie wohl kein anderes Vollprogramm. Und wir greifen oft und gern relevante gesellschaftliche, politische und historische Themen auf, wie etwa demnächst mit unseren Filmen über Elisabeth Selbert, Clara Immerwahr oder die „Bornholmer Strasse“. Noch bevor das Urteil im NSU-Prozess gesprochen wird, planen wir bereits einen fiktionalen Dreiteiler über die Geschehnisse zu drehen, mit dramaturgisch ausgefeilten Perspektivwechseln. Die Degeto richtet ihr Programm gerade neu aus, mit vielversprechenden Stoffen, wie etwa einem Politthriller über den Tod des ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel oder Biografien über Moderator Hans Rosenthal und den Tierfilmer Bernhard Grzimek, den Ulrich Tukur spielt. Gespräche führen wir auch mit Tom Tykwer, der die Regie einer neuen Krimiserie mit dem Arbeitstitel „Babylon Berlin“ übernehmen möchte. Diese spielt im Berlin der 1920er Jahre und basiert auf den Kriminal-Bestsellern von Volker Kutscher. Fiktion ist bei uns relevant, aber sie soll auch Spaß bringen. Wir machen kein Programm für Leute, die wenn, dann nur im Keller lachen.

medienpolitik.net: Selbst beim „Tatort“ setzt sich der „Blödel“-Stil aus Münster immer mehr durch. Fordern Sie so etwas von den Anstalten?

Volker Herres: Der „Blödel“-Stil, wie Sie es nennen, hat großen Erfolg beim Publikum, ist aber nur eine Farbe beim „Tatort“. Schauen Sie sich die letzten „Tatorte“ aus Wilhelmshaven, München oder Köln an: Hier wurden sehr ernste, gesellschaftlich relevante Themen aufgegriffen. Und auch der „Tatort“ aus Münster ist facettenreicher als von Ihnen vermutet.

medienpolitik.net: Vor einigen Tagen schrieb die „Berliner Zeitung“, das (deutsche) Fernsehen befinde sich in seiner tiefsten Krise. Teilen Sie diese Einschätzung?

Volker Herres: Ach wissen Sie, diese Endzeit-Visionen sind fast so alt wie das Fernsehen selbst. Ich teile diese Einschätzung überhaupt nicht und unser Publikum ebenso wenig. Und ich darf Uwe Kammann zitieren, den ehemaligen Vorsitzenden des Grimme-Instituts: „Das deutsche Fernsehen muss sich vor nichts verstecken, auch nicht vor amerikanischen Serien.“

medienpolitik.net: Aber wo bietet das Fernsehen, also auch das Das Erste, Platz für Neues, Überraschendes, was nicht aus dem Internet kopiert worden ist?

Volker Herres: Wir bieten täglich Neues. Mit Kopien aus dem Internet spielen Sie möglicherweise auf das neue „Quizduell“ im Ersten mit Jörg Pilawa an: Mit dem „Quizduell“ wollen wir Deutschlands beliebteste App ins Fernsehen bringen und unseren Zuschauer etwas wirklich Neues bieten und mit Jörg Pilawa haben wir den besten Moderator dafür. Selbstverständlich arbeiten wir intensiv an der Behebung der technischen Probleme. Wir haben alle technischen Anforderungen auf den Prüfstand gestellt. Inzwischen funktioniert auch die App.  Aber selbst mit den technischen Problemen am Anfang ist das „Quizduell“ beim Publikum gut angekommen.

medienpolitik.net: Wo gab es in den letzten fünf Jahren Innovationen im Ersten?

Volker Herres: Innovation heißt wörtlich „Neuerung“, und die finden Sie bei uns in jedem Genre. Etwa beim „MittwochsFilm im Ersten“, der aktuelle Themen der Zeit fiktional beleuchtet und auch gestalterisch neue Wege beschreitet. Beispiele habe ich ja bereits genannt. Und im Herbst zeigen wir hier mit „Altersglühen“ (AT) ein Improvisation-Drama: Senta Berger, Mario Adorf und weitere namhafte Darsteller spielen 90 Minuten lang ohne jegliches Drehbuch – es geht um Speed-Dating, soviel sei schon verraten. Das ist Improvisationstheater im TV, – hat so auch noch keiner gemacht.

medienpolitik.net: Alles ändert sich an der Mediennutzung und der Distribution, nur Das Erste bleibt anscheinend wie es ist?

Volker Herres: Wieso? Sie können die Sendungen des Ersten in der Mediathek Das Erste und auch mobil, zum Beispiel über die Das Erste App und auf Smart TVs über die HbbTV-Anwendungen sehen. Darüber hinaus ist Das Erste durchgehend als Livestream – mobil und auf dem PC – verfügbar.

medienpolitik.net: Sie haben in Ihrer Rede in Zürich im vergangenen Jahr gesagt, „das Fernsehen ist weiterhin das Leitmedium“. Aber hat es nicht an Relevanz für die Meinungsbildung deutlich gegenüber dem Internet verloren? Finden Sie sich damit ab?

Volker Herres: Das Netz ist weit mehr als ein neues Medium, es ist eine Metastruktur. Sie können im Netz einkaufen, Geschäfte erledigen, spielen, kommunizieren, recherchieren u.v.m. Das betrifft alle Bereiche, auch die klassischen Medien. Fernsehen ist ja nicht die Technik, sondern ich spreche über Inhalte, die entscheidend bleiben. Und da bieten wir ein breites Qualitätsangebot, das seinen Platz auch in der digitalen Welt finden kann. Immerhin wird uns in vielen Umfragen immer wieder aufs Neue bestätigt, unverzichtbarstes Programm, mit den umfassendsten und glaubwürdigsten Informationen zu sein. Und genau da liegt unsere Chance: In der Fülle auch schwer einzuschätzender Informationen, wächst das Bedürfnis nach Orientierung und vertrauenswürdigen Absendern.

medienpolitik.net: Ist das Fernsehen wirklich noch das Lagerfeuer? Wenn ein Fernsehfilm wie die 20. Donna Leon-Verfilmung jüngst einen Marktanteil von 20 Prozent mit über 7 Millionen Zuschauern erreicht, dann haben die Zuschauer diesen Film doch nicht mehr nur vor einem Fernseher gesehen, sondern auf mehreren Geräten, die in der Wohnung stehen, auf dem PC oder dem Tablet.

Volker Herres: Es ist immer noch das Lagerfeuer.  Die GfK veröffentlicht in ihren Zahlen ausschließlich die lineare Fernsehnutzung, und die lag in diesem Fall nun mal über 7 Millionen. Und wenn dann noch am PC, mobil oder auf dem Tablet „Donna Leon“ gesehen wird, umso besser.

medienpolitik.net: Das Erste hat sicher auch noch große Relevanz bei Sportereignissen wie der Fußball-WM oder den Olympischen Spielen, aber ist das nicht zu wenig?

Volker Herres: Sie haben die „Sportschau“ im Ersten vergessen – die erfolgreichste Sportsendung im deutschen Fernsehen, und die bietet nicht nur Fußball, sondern Leistungssport in all seinen Facetten. Denken Sie an die Liveübertragungen vom Wintersport, der Leichtathletik, der DTM usw. Aber davon abgesehen: Das Erste hat natürlich auch auf vielen anderen Feldern seine Relevanz, gerade was die Meinungsbildung anbelangt, die Sie ansprachen. Hier will ich nur die Hauptausgabe der „Tagesschau“ mit durchschnittlich fast neun Millionen Zuschauern in Erinnerung rufen. Und in politisch kritischen Situationen beobachten wir immer wieder, wie viele Menschen die professionell verlässliche Information bei uns suchen.

medienpolitik.net: Sie haben angekündigt, den Vertrag mit dem Boxstall Sauerland in der  bisherigen Form nicht verlängern zu wollen. Warum? – Sind Sie unzufrieden mit den Kämpfen, hat  die Debatte in den Rundfunkräten Wirkung gezeigt oder liegt es tatsächlich nur am Geld, wie Sie es begründet haben?

Volker Herres: Zunächst einmal sind die finanziellen Spielräume für den Erwerb von Sportrechten tatsächlich enger geworden. Wir haben die Etatansätze dafür in den letzten Jahren mehrfach gekürzt. Das konnte zum Teil durch sehr gute Verhandlungsergebnisse aufgefangen werden, wofür ich allen Beteiligten sehr dankbar bin, namentlich dem Sportrechte-Intendanten Ulrich Wilhelm, der Geschäftsführung unserer SportA und der ARD-Sportkoordination. Aber jetzt stoßen wir an Grenzen, die schon allein finanziell ein Engagement im Boxsport im bisherigen Umfang ab 2015 nicht mehr ermöglichen.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielt dabei die Debatte in Ihren Gremien?

Volker Herres: Dort gibt es viele, ernst zu nehmende Stimmen, aber auch ein breites Meinungsspektrum. Das belegt die Pluralität der Gremienzusammensetzung und das ist gut so. Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts – und die sollte man sich gerade nach dem jüngsten ZDF-Urteil auch nochmals in toto zu Gemüte führen – sollen die Vertreter der gesellschaftlich relevanten Gruppen ja mehr vertreten als die jeweiligen Eigeninteressen. Sie vertreten und repräsentieren die Allgemeinheit.

medienpolitik.net: Was heißt das für die Zukunft des „Boxen im Ersten“?

Volker Herres: „Boxen im Ersten“ ist eine starke Marke, um die sich vor allem der MDR verdient gemacht hat. Boxsport-Übertragungen erfreuen sich großer Beliebtheit beim Publikum, insbesondere bei Jüngeren und in den neuen Bundesländern, wo die Sportart eine andere Tradition hat. Boxsport hat immer auch zum Programmangebot des Ersten gehört, zurück bis zu den Legende gewordenen Kämpfen eines Cassius Clay. Wir  werden also im Spätsommer beraten, wie es weiter geht, und darüber dann auch mit unseren Gremien eine ergebnisoffene Diskussion führen.

medienpolitik.net: Was sagen Sie jenen, die Boxen generell ablehnen, weil es auf die Verletzung des Gegners zielt?

Volker Herres: Das ist ein nachvollziehbarer Einwand. Und deshalb achtet gerade der Sauerland-Boxstall, mit dem wir sehr gute Erfahrungen gemacht haben, ganz besonderes auf die sportmedizinische Betreuung seiner Boxer. Gesundheitliche Risiken gibt es aber ehrlicherweise in vielen Spitzensportarten. Denken Sie an den Skisport, Reitspringen, Rennsport u.a. Aber der Boxsport war kulturgeschichtlich immer eine Besonderheit, weniger im gutbürgerlichen Milieu angesiedelt, sondern ein Aufsteigersport im Integrationssegment der Gesellschaft. Deshalb von manchem anti-kleinbürgerlichen Intellektuellen gelegentlich sogar glorifiziert. Da schwingt vieles mit in dieser Debatte, auch die Frage, ob Toleranz nicht eigentlich dort anfängt, wo man etwas hinnimmt und akzeptiert, auch wenn man es persönlich ablehnt.

medienpolitik.net: Wie zufrieden sind Sie denn mit der sportlichen Attraktivität der Kämpfe?

Volker Herres: Spannend wird, was sich im Nachwuchsbereich tut, sowohl beim Profiboxsport als auch bei den Amateuren, die sich im Reglement ja annähern. Sportarten kennen Konjunkturen, und  leben von einzelnen, herausragenden Leistungsträgern. Denken Sie in der Vergangenheit nur an Tennis oder den Radsport. Oder beobachten Sie die aktuelle Saison der DTM, wo gleich sieben herausragende Fahrer aller drei Marken als Champions an den Start gehen. Im Boxsport ist für mich derzeit eine der interessantesten Nachwuchshoffnungen der Berliner Tyron Zeuge, ein ehemaliger Sportsoldat der Bundeswehr. Der war 2010 deutscher Meister der Amateure im Halbschwergewicht, gewann in diesem Jahr als Profi den Titel als WBO-Juniorenweltmeister im Supermittelgewicht und ist ein vor allem technisch versierter Boxer.

medienpolitik.net: Sie haben auch gesagt, „Der Kunde ist König. Der Markt ist ein Nachfrage-, kein Angebotsmarkt mehr.“ Welche Konsequenz hat das für das Programm des Ersten?

Volker Herres: Dass wir die vielfältigen Interessen des breiten Publikums ernst nehmen und in eine attraktive, ebenso vielfältige und abwechslungsreiche Programmplanung umsetzen.

medienpolitik.net: Als Sie im November 2008 Ihr Amt antraten, war das Smart-TV noch in den Kinderschuhen, VoD wurde kaum genutzt, es gab noch keine Tablet-PCs. Welche Rolle spielt das heute für Ihre Programmplanung?

Volker Herres: Wir planen unser Programm für die lineare Nutzung. Digital kann Das Erste ja zeitunabhängig und überall genutzt werden. Aber crossmediale Ansätze spielen bei Formatpflege und bei der Formatentwicklung eine zunehmende Rolle.

medienpolitik.net: Die Diskussion in Social Communities spielt für alle TV-Programme eine immer größere Rolle. Auch für Das Erste?

Volker Herres: Facebook und Twitter sind bei uns ein großes Thema: Die Facebook-Seiten des „Tatorts“ beispielsweise gehören zu den meist genutzten Plattformen in Deutschland.

medienpolitik.net: Möglicherweise wird es keinen Jugendkanal geben. Also muss Das Erste mehr dafür tun, Jugendliche zu erreichen. Haben Sie schon einen Plan dafür in der Schublade?

Volker Herres: Wir erreichen jüngere Zuschauer mit zahlreichen Formaten, wie dem eben genannten „Tatort“, mit der „Sportschau“ und natürlich mit allen Sportübertragungen. Jüngere Menschen sehen sehr gerne den „Eurovison Song Contest“, den „Echo“, aber auch „Tagesschau“. Als Vollprogramm bietet Das Erste Sendungen für alle Altersgruppen mit den unterschiedlichsten Interessen und Bedürfnissen – keiner muss sich ausgeschlossen fühlen. Klar ist aber auch, wir müssen unsere Inhalte mit zeitgemäßer Machart und Ansprache und auch über jüngere Protagonisten sowie die Themensetzungen  auf der Höhe der Zeit halten. Da geht’s mir manchmal zu geduldig zu.

medienpolitik.net: Wenn Sie Ihr Programm für das 2. Halbjahr betrachten. Auf welche Schlagzeile hoffen Sie?

Volker Herres: Mir fallen spontan drei Schlagzeilen ein: „SommerKino im Ersten – 13 Free-TV-Premieren mit vielen Highlights“, „Deutschland im WM-Finale – heute Abend im Ersten“, „Filme und Doku im Paket – drei große Themenabende im Herbst im Ersten“.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 6/2014 erstveröffentlicht.

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