Verlage:

„Das Internet ist für die Verlage ein Segen“

von am 23.06.2014 in Archiv, Internet, Journalismus, Medienordnung, Verlage

<h4>Verlage: </h4>„Das Internet ist für die Verlage ein Segen“
Helmut Heinen, Präsident des BDZV und Herausgeber der „Kölnischen/Bonner Rundschau“

BDZV droht mit Klage gegen Mindestlohn

23.06.14 Interview mit Helmut Heinen, Präsident des BDZV und Herausgeber der „Kölnischen/Bonner Rundschau“

„Sollte das Gesetz unverändert in Kraft treten, gibt es gute Gründe, dagegen vorzugehen. Es ist bedauerlich, dass der Gesetzentwurf keine detaillierte Folgenabschätzung für die Wirtschaft vorsieht. Das hat der bei der Bundesregierung angesiedelte Normenkontrollrat auch deutlich bemängelt“, so der Präsident des BDZV Helmut Heinen in einem medienpolitik.net-Gespräch. Helmut Heinen war jüngst von der Delegiertenversammlung der Verlegerorganisation im Amt bestätigt worden. Heinen betonte anlässlich seiner Wahl, um die Interessen der Branche zu bündeln, bedürfe es einer professionellen Kultur der Zusammenarbeit zwischen den Verlagsunternehmen. Als Spitzenorganisation der Branche wolle der BDZV in diesem Prozess die Führungsrolle übernehmen. 

medienpolitik.net: Herr Heinen, Sie stehen seit 14 Jahren an der Spitze des Zeitungsverlegerverbandes. Wie hat sich die Situation der Zeitungen in dieser Zeit verändert, wie sehr hat sie sich verschlechtert?

Helmut Heinen: Als ich im Jahr 2000 das Präsidentenamt angetreten habe, hatten die Zeitungen noch eine Gesamtauflage von über 30 Millionen Exemplaren. Heute sind es 22 Millionen. Der Anteil der Werbeerlöse am Gesamtumsatz lag bei 64 Prozent, der Vertrieb bei 36 Prozent. Heute ist das Verhältnis umgekehrt und der Vertrieb die stärkste Säule unseres Geschäfts. Schon damals zeichnete sich ab, wie stark das Internet unser Anzeigengeschäft – allem voran bei den Immobilien-, Auto- und Stellenanzeigen – tangieren würde. Die Konkurrenz mit ganz neuen Wettbewerbern war noch längst nicht so ausgeprägt wie heute. Google war gerade ein Jahr alt und von Social Media ahnte niemand etwas. Kurzum: 14 Jahre später hat sich das Zeitungsgeschäft völlig verändert. Neben den unbestreitbaren Einschnitten im Kerngeschäft war und ist das Internet für die Verlage gleichwohl auch ein Segen. Denn Dank der vielfältigen digitalen Ausspielmöglichkeiten erreichen Zeitungsmarken heute mehr Menschen als je zuvor. Über 80 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung sind Zeitungsleser – auf Papier, auf dem iPad oder anderen Tabletcomputern, auf Smartphones. Was der Zeitungsbranche weltweit noch fehlt, sind wirklich nachhaltige digitale Geschäftsmodelle.

medienpolitik.net: In dieser Zeit sind die Zeitungen mehrfach für tot erklärt worden. Worauf führen Sie zurück, dass sie immer noch recht lebendig sind?

Helmut Heinen: Wäre es nach Bill Gates gegangen, dann wäre ich womöglich gar nicht BDZV-Präsident geworden. Er hatte nämlich für das Jahr 2000 das Ende der gedruckten Zeitung vorausgesagt. Es kursieren ja so einige Daten für die große Zeitungsapokalypse. Doch die Verlage strotzen vor Vitalität. Nie war diese Branche so agil, so innovativ und auch mutig in ihren Unternehmungen. Ich denke, es ist vor allem der exzellente Journalismus, den die Zeitungen in allen Bereichen liefern, der das Medium so stark macht. Dazu kommt die tiefe lokale Verankerung, vor allem aber in der Region. In den vielen Städten und Gemeinden sind die Zeitungen weitaus mehr als die Mittler von Informationen und Meinungen. Sie sind Teil des Lebens vor Ort. Nicht selten sind sie sogar der Motor, der das Zusammenleben in Gang hält. All das schafft Glaubwürdigkeit und Vertrauen und macht die Zeitungen auch in digitalen Zeiten zu starken Marken.

medienpolitik.net: Was halten Sie für die größte Herausforderung für die Verleger für die nächsten Jahre?

Helmut Heinen: Die größte Herausforderung ist für mich die langfristig nachhaltige Refinanzierung von professionellem Journalismus. Denn Journalismus ist und bleibt der Kern unserer Verlage. Konkret geht es darum, das Kerngeschäft, nämlich die Zeitung, in all ihren Ausprägungen konsequent weiterzuentwickeln. Dabei muss es uns gelingen, die Bezahlkultur aus der gedruckten Zeitungswelt in die digitale zu übertragen. Die Werbung allein wird nicht ausreichen. Daneben werden die Verlage in noch viel stärkerem Maße als schon bisher neue digitale Inhalte und auch Dienstleistungen anbieten. Welche das sein werden, muss jedes Haus für sich entscheiden. Dabei stehen zwei Fragen im Vordergrund: Was wollen meine Kunden? Und: Was passt zu meinem Verlagsunternehmen beziehungsweise zu meiner Zeitungsmarke? Der Aufbau von zusätzlichen Standbeinen ist für die Zeitungsverlage ja überhaupt nichts Neues. Früh gründeten sie beziehungsweise beteiligten sich an Anzeigenblättern, erhielten im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten Beteiligungen an Radio- und Fernsehstationen. Heute beteiligen sich Regionalverlage an Start ups, die zum Teil recht nah, zum anderen Teil aber auch sehr weit weg vom Verlagsgeschäft Aktivitäten entfalten.

medienpolitik.net: Welche politischen Rahmenbedingungen sind erforderlich, damit sich die überwiegend mittelständischen Zeitungsverlage auch gegen die globalen Player behaupten können?

Helmut Heinen:  Da gibt es aus meiner Sicht drei wesentliche Punkte. Erstens: ein Suchmaschinenanbieter mit mehr als 90 Prozent Marktanteil entscheidet praktisch im Alleingang, welche Angebote die Nutzer im Internet überhaupt lesen. Auf der anderen Seite wird Zeitungen zum Beispiel der Zugang zum Rundfunk mit dem Argument der Sicherung der Meinungsvielfalt erschwert oder zum Teil unmöglich gemacht. Dieses Ungleichgewicht bedarf dringend einer Korrektur in Regulierung und kartellrechtlicher Betrachtungsweise.

Zweitens: es muss sichergestellt werden, dass die Inhalte der Zeitungen auf allen Plattformen auffindbar bleiben und schnell erreichbar sind. Die Sicherung von Netz- und Suchmaschinenneutralität ist daher von enormer Bedeutung für die Chancengleichheit im Internet und für eine freie plurale Meinungsbildung.

Drittens: die Geschäftsfelder der Verlage dürfen nicht weiter durch staatliche Eingriffe beschränkt werden. Ob Zwangsangaben in der Werbung, undifferenzierte Datenschutzregelungen, das Ausweiten der Aktivitäten der Rundfunkanstalten, eine im Vergleich zu Global Playern wie Google stärkere Steuerbelastung, die Bürokratie- und Kostenbelastung durch den geplanten Mindeststundenlohn – immer wieder hat der Gesetzgeber die negativen Folgen für die Presselandschaft nicht bedacht oder geduldet. Hier brauchen wir ein grundsätzliches Umdenken, wenn die Zeitungslandschaft in Deutschland erhalten bleiben soll.

medienpolitik.net: Laut eines Gutachtens ist der Mindestlohn für Zeitungszusteller verfassungswidrig. Werden Sie gegen den Mindestlohn klagen?

Helmut Heinen: Sollte das Gesetz unverändert in Kraft treten, gibt es gute Gründe, dagegen vorzugehen. Es ist bedauerlich, dass der Gesetzentwurf keine detaillierte Folgenabschätzung für die Wirtschaft vorsieht. Das hat der bei der Bundesregierung angesiedelte Normenkontrollrat auch deutlich bemängelt.

Der BDZV hat eine eigene Folgenabschätzung für die Branche vorgenommen und der Politik zur Verfügung gestellt. Hierzu wurde eine anonyme Umfrage unter den Mitgliedern durchgeführt. Die Ergebnisse sind repräsentativ: ca. 2 Millionen Haushalte könnten nicht mehr zu betriebswirtschaftlich sinnvollen Bedingungen beliefert werden. Rund 16.000 Zusteller (von insgesamt 160.000 Zeitungszustellern in Deutschland) sowie zahlreiche Lokalredaktionen wären hiervon betroffen. Eine flächendeckende Versorgung wie bisher wäre nicht mehr gewährleistet. Die zusätzliche Gesamtbelastung der Verlage würde ca. 225 Millionen Euro pro Jahr betragen.

Zeitungsboten sind aufgrund des engen Zeitfensters für die Zustellung zu ca. 90 Prozent geringfügig Beschäftigte. Wo ein anderer Mindestlohnbezieher Sozialabgaben leisten muss, würde ein Zusteller also 8,50 netto bekommen. Völlig unklar ist auch, wie die vorgesehene Arbeitszeit-Dokumentationspflicht für Arbeitgeber mit Blick auf den selbständigen nächtlichen Einsatz von 160.000 Boten – an gleichvielen Abholstellen – praktisch umsetzbar sein soll. In jedem Fall werden erhebliche Einschnitte in die Freiheiten zu erwarten sein, die Zusteller derzeit bei der Ausführung Ihrer Tätigkeit haben.

Die Staatsrechtler Prof. Dr. Degenhardt, Universität Leipzig, und Prof. Dr. Dr. Di Fabio, Universität Bonn und ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht, kommen in ihren Gutachten übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass die Einführung des Mindestlohns in Höhe von 8,50 Euro einen unverhältnismäßigen Eingriff in die Pressefreiheit, Art. 5 Grundgesetz, bedeuten würde. Art. 5 GG unterscheidet sich – so die Gutachter – in seiner Schutzwirkung für die freie Presse wesentlich von anderen Grundrechten, die von anderen Branchen in Anspruch genommen werden könnten. Die Presse habe insoweit eine grundrechtliche Sonderstellung.

medienpolitik.net: Google hat sein Play Kiosk gestartet, in dem auch Zeitungen vertreten sind. Nach wie vor verdienen Plattformen an den Apps der Zeitungen mit und diktieren die Rahmenbedingungen. Wie können sich die Zeitungsverlage aus dieser Abhängigkeit befreien?

Helmut Heinen:  Grundsätzlich steht es ja jedem Verlag frei, ob er seine Produkte im Kiosk von Apple oder Google oder ganz woanders anbietet. Es gibt Verlage, die da grundsätzlich sehr zurückhaltend sind und wiederum andere, die überall präsent sein wollen. Zunächst wurde ja überall der Eindruck erweckt, als sei ohne Kiosk unser Digitalgeschäft überhaupt nicht zu machen. Doch das war ein Trugschluss. Das Gros des digitalen Vertriebs läuft unter dem Label der einzelnen Zeitung. Das Angebot von so genannten Digi-Abos und Bundles, bestehend aus den Komponenten ePaper, App, Website und Print, läuft sehr zufriedenstellend.

medienpolitik.net: Sie haben die EU-Kommission wegen ihrer relativ passiven Haltung gegenüber z.B. von Google kritisiert. Was erwarten Sie hier von der künftigen Kommission?

Helmut Heinen: Im Bereich der Internet-Suche hat sich eine äußerst problematische Struktur entwickelt. Googles marktbeherrschende, fast monopolhafte Stellung ist unstreitig. Diese Stellung nutzt das Unternehmen aus, wenn es seine eigenen Angebote in den allgemeinen Suchergebnissen begünstigt und Wettbewerber herabstuft. Derzeit scheint es, als ob die EU-Kommission – anders als in anderen Fällen – nicht bereit ist, diese Selbstbegünstigung im Monopol zu unterbinden. Wir fordern dringend von dieser und der künftigen Kommission eine konsequente Fortführung des Missbrauchsverfahrens. Google muss alle Dienste und Inhalte, einschließlich seiner eigenen, den gleichen Vorgaben unterwerfen.

medienpolitik.net: Die Länder und der Bund wollen in einer gemeinsamen Kommission eine Rahmenvereinbarung für eine digitale Medienordnung erarbeiten. Inwieweit tangiert Sie dieses Thema, da ja Zeitungen bisher keinerlei Regulierungen unterliegen?

Helmut Heinen: Eine neue Medienordnung muss die Pressefreiheit technologieneutral sicherstellen. Auch im Internet bleibt ein Text ein Text und die Presse bleibt – auch wenn Artikel durch Videos begleitet werden – Presse. Daher darf die digital verbreitete Presse nicht stärker beschränkt werden, als die gedruckte Presse. Andernfalls würde die Pressefreiheit im Zuge weiterer Digitalisierung nach und nach erodieren.

medienpolitik.net: In den Verlagen entstehen viele Innovationen, die Zeitungen erreichen mit ihren Inhalten mehr Leser als nur über den Print-Weg jemals erreicht worden sind. Auf der anderen Seite gibt es kein einheitliches Agieren bei Bezahlinhalten, gegenüber Plattformanbietern oder anderen Wettbewerbern. Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Interessen der Branche noch besser zu bündeln?

Helmut Heinen: Sie meinen, von jetzt auf gleich sollten alle Verlage generalstabsmäßig den Schalter umlegen? Ein kühner Gedanke – von der kartellrechtlichen Relevanz einmal ganz abgesehen. Doch die Strategien der Verlage beim Thema „Paid Content“ sind recht vielfältig und deshalb nur schwer zu vereinheitlichen. Es gibt Verlage, die beispielsweise in ihrer Digitalstrategie voll auf Reichweite setzen, dementsprechend ihre Inhalte auch weiterhin gratis anbieten. Andere, und das sind mittlerweile fast 80 Verlage, arbeiten mit Bezahlsystemen. Die meisten mit dem so genannten Freemium-Modell, bei dem die Redaktion festlegt, welche Inhalte zu welchem Zeitpunkt gegen Entgelt angeboten werden, und welche frei sind. Andere nutzen das so genannte Metered-Modell, bei dem der Nutzer eine bestimmte Anzahl von Artikeln unentgeltlich erhält, bevor er dann nach dem 10. oder 15. Artikel am Kassenhäuschen steht. Ich bin überzeugt, dass auf mittlere Sicht die große Mehrheit der Verlage auf Bezahlinhalte setzt. Und ich rechne damit, dass noch in diesem Jahr der 100. Verlag seine Leser bitten wird, für Zeitungsinhalte im Netz in die Tasche zu greifen. Das A und O wird sein, relevante und vor allem exklusive Inhalte anzubieten und ein großes Stammpublikum zu binden, das für ein solches Angebot auch gerne zahlt. Was das Thema „Kooperationen“ grundsätzlich angeht, so gibt es aus meiner Sicht noch viel Potenzial. Gerade in der digitalen Welt muss nicht jeder Verlag das Rad neu erfinden. Hier können die Unternehmen gemeinsam an Produkten und Services arbeiten, schon allein um Skaleneffekte zu erreichen. Und auch im Bereich der Redaktion gibt es sicher noch weitere Möglichkeiten, mit vernetzten Ressourcen den Lesern einen noch besseren Journalismus zu liefern. Die Entwicklungen bleiben auf jeden Fall sehr spannend.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 7/2014 erstveröffentlicht.

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15 KommentareKommentieren

  • Jeeves - 24.06.2014 Antworten

    „ein Suchmaschinenanbieter mit mehr als 90 Prozent Marktanteil entscheidet praktisch im Alleingang, welche Angebote die Nutzer im Internet überhaupt lesen.“
    .
    Ich lese jeden Tag drei, vier seriöse Tageszeitungen im Netz und brauchte dazu noch nie (!) „Suchmaschinenabbieter“. So wie mir geht’s womöglich auch anderen erwachsenen Menschen? Man geht doch direkt zu FAZ, SZ, Bildblog, fefe, Postillon, law blog, dem Don, etc. weil man’s in seinem „Lesezeichen“ gespeichert hat, genau wie eine oder zwei Handvoll persönlicher Blogs, das Übersetzungsprogramm Leo, den Duden, und was man eben so täglich benutzt. Nochmal: Dazu brauch‘ ich keine Suchmaschine.
    Jetzt ist mir ein Rolladengurt gerissen, da such‘ ich ’nen Fachmann in der Nähe, der’s mir repariert und DA benutz‘ ich gerne eine Suchmaschine, und zwar nicht die bekannte Große, die mit der NSA verbandelt ist, sondern eine andere.

  • Jeeves - 24.06.2014 Antworten

    „…abbieter“?
    Sorry: „…anbieter“ latürnich.

  • Martin Heusel - 24.06.2014 Antworten

    Ich verstehe die Frage nicht: „Laut eines Gutachtens ist der Mindestlohn für Zeitungszusteller verfassungswidrig. Werden Sie gegen den Mindestlohn klagen?“

    Ich habe lediglich ein Gutachten gefunden, nach dem der Mindestlohn nicht verfassungswidrig ist. Warum müssen die alten Medien stets so tun als hätten sie Recht?

    http://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++10c4ed94-be2d-11e3-a39c-52540059119e

  • Daniel - 24.06.2014 Antworten

    Der Mindestlohn ist ein Eingriff in die Freiheit, ob nun Presse-, Vertrags- oder sonstwas. Die liebe Presse sollte sich nicht immer nur dann regen, wenn es ihr selbst ans Eingemachte geht. Sie hätte diesen Mindestlohn schon vor Jahren entzaubern können als das, was er ist: Ein neues Problem, mit dem die Politik vorgibt, von ihr selbst geschaffene alte Probleme (Aufstocken, Hartz4-Zwang) zu lösen.

  • Anfrage - 24.06.2014 Antworten

    Löhne unter 8,50 sind eine unsägliche Sauerei und gehören endlich abgeschafft. Komischerweise haben die Einführung von Mindestlöhnen in allen anderen Ländern um uns herum weder dazu geführt, dass die Menschen nicht mehr zu Friseur gehen noch, dass sie keine Zeitungen mehr kaufen. Ich finde es immer wieder anmaßend, wenn einer dieser „Spitzenverdiener“ sich hinstellt und lamentiert. Das ist gelebte Ignoranz.

  • T. Maier - 24.06.2014 Antworten

    Wenn jemand die Pressefreiheit gefährdet, sind es die Verantwortlichen in den Verlagen, welche die Qualität immer weiter senken.

    Der Medienökonom Frank Lobigs von der TU Dortmund berichtet von traumhaften Renditen von 10 – 20 % bei Verlagen. Da gehört es wohl zum Geschäftsprinzip Teile der Redaktion und Drucker und die ganze Lieferkette bis zum Abonnenten mit kleinen Löhnen abzuspeisen.

    Nehmen wir einmal an der Mindestlohn sei in der Anwendung in diesem Bereich nicht praktikabel. Dann bietet sich banalerweise an, die Stücklöhne nach der Goldenen Lohnregel jedes Jahr zu steigern (allg. Arbeitsproduktivität + Inflationsziel). Dabei muss natürlich rückwirkend ein langer Zeitraum berücksichtigt werden, um die stagnierenden Stücklöhne vergangener Jahre auszugleichen. Da greift verdi zu kurz, wenn es meint „In halbwegs anständigen Zustellbetrieben bekommen die Zusteller auch heute schon einen Stundenlohn von über 8,50 Euro. Ein gesetzlicher Mindestlohn trifft also die ’schwarzen Schafe‘ der Branche und erfüllt damit seinen Zweck…“ – ohne gewerkschaftliche Organisation/Tarifbindung fehlte und fehlt die Anpassung!

    Die Ausgaben des einen sind die Einnahmen des anderen. Die Wirtschaft wächst nicht, wenn man anderen Löhne vorenthält. Es braucht überall kaufkräftige Kunden.

    Der BDZV gibt selbt an, dass die Vertriebserlöse steigen. Erlöse aus Anzeigen/Beilagen fallen. Offensichtlich bieten Verlage diese so billig an, dass pausenlos Werbung beiliegt bzw. extra an Nicht-Abonnenten zu Spotpreisen verteilt werden muss! Also Kosten auf der Zusteller.

    Mag ja sein dass Zusteller nicht direkt „kontrolliert“ werden, unter Zeitdruck und Kontrolle stehen sie trotzdem. Immer wieder werden Fehler in der Verwaltung einfach den Zustellern als Reklamation zugeschrieben.

  • Thomas R. - 24.06.2014 Antworten

    Entschuldigt bitte, medienpolitik.net, aber man sollte vielleicht etwas vorsichtiger sein, Google vorzuwerfen, die eigenen Angebote bevorteilt zu behandeln, wenn man GLEICHZEITIG den Präsidenten des Spitzenverbandes der eigenen Branche interviewt, ohne ihm auch nur eine einzige kritische Frage zu stellen.

    Wurde das Interview von seinem Sohn geführt oder warum gibt es keine kritischen Nachfragen?

  • karpatenhund - 24.06.2014 Antworten

    Heinen belügt sich selber mit diesem Interview. Die Branche soll „agil, innovativ und mutig“ sein? Vielleicht in den kühnsten Träumen der Zeitungsverleger. Fakt ist, dass die Verlage vom Internet getrieben werden. Die Innovationen kommen nicht aus Eigeninitiative, sondern weil die Branche mit dem Rücken an der Wand steht. Die Abonnentenzahlen sinken, die Auflage ebenfalls, der Werbemarkt schrumpft. Was bleibt den Verlagen anders übrig, als neue Wege zu suchen? Ob es dabei besonders innovativ ist, das Geschäft teilweise ins Netz zu verlagern – nachdem sich das Internet lange etabliert hat und die Kunden von den gedruckten Erzeugnissen dorthin abwandern – lasse ich mal dahingestellt. Vielleicht sollte man in dem Kontext auch ansprechen, was die Zeitungsverlage in den letzten Jahren geleistet haben und wofür sie – zumindest in Teilen der Bevölkerung – stehen: Ausbeuterstellen in Bezug auf Volontäre, das Aufbohren von Agenturmeldungen ohne eigene Rechercheleistung, die Durchsetzung des Leistungsschutzrechts für Presseverleger, das von sämtlichen namhaften Urheberrechtsexperten einhellig abgelehnt wurde, die Abschiebung der Verantwortung für schlechte Entwicklungen auf Internetunternehmen wie Google, Selbstbezogenheit, fehlende Neutralität in der Berichterstattung (Stichworte: Leistungsschutzrecht; Ukraine-Konflikt), die Unfähigkeit, geistiges Eigentum bei der Berichterstattung zu achten (Ich erinnere an Fotos mit der Quellenangabe „Internet“; oder das von der FAZ ohne vorherige Nachfrage aus einer Gratiszeitschrift geklaute Interview mit Ludwig Poullain; von Twitter-Klickstrecken möchte ich gar nicht erst anfangen). Wenn Heinen das als „agil, innovativ und mutig“ ansieht, tut er mir leid. Große Visionen oder ein funktionierendes Konzept für die Zukunft hat er dann anscheinend für seine Branche nicht in der Tasche.

    Auch die Behauptung, Zeitungen seien Teil des Lebens vor Ort, sieht nur auf den ersten Blick gut aus. Nach meinen Erfahrungen stimmt das eher für die ältere Bevölkerung. Die jüngere Bevölkerung hat sich längst von Zeitungen distanziert und kommuniziert und vernetzt sich auf andere Weise. Sie braucht keinen Gatekeeper, der ihnen täglich mindestens 12 Stunden alte „News“ in gedruckter Form vorsetzt. Sie kommuniziert über soziale Netzwerke, erhält Neuigkeiten über Whatsapp, Twitter, Facebook & Co und stolpert gelegentlich über einen Link zur Lokalzeitung. In der jungen Bevölkerung, die größtenteils einigermaßen technik- und internetaffin ist, haben die Verlage ihre Integrationswirkung längst verloren. Wenn die Zeitungsverlage es nicht schaffen sollten, in den nächsten Jahren junge Kunden an sich zu binden – was auch aufgrund der steigenden Flexibilität der Menschen immer schwieriger wird – sterben ihnen die treuen Kunden weg.

    Zum Dinosaurierimage der Zeitungsverlage passen die weiteren Aussagen von Heinen in diesem Interview: Sofort verweist er darauf, dass die Zukunft der Verlage von anderen abhängt. Inzident schiebt er die Schuld für Probleme im Zeitungsverlagswesen anderen zu. Google sei zu mächtig, die Bundesregierung reguliere zu viel und der Mindestlohn sei verfassungswidrig, weil er die Verlage finanziell belaste. Besonders bei der letzten Aussage darf der Leser gespannt sein, ob das Bundesverfassungsgericht den Gutachten folgt. Wahrscheinlich ist, dass das Argument der Kosten nicht ausreicht, damit das Bundesverfassungsgericht tatsächlich eine Verletzung von Art. 5 GG annimmt. Der Grund ist einfach: Der Mindestlohn tangiert Art. 5 GG allenfalls indirekt in einem Randbereich. Zwar ist auch die Verbreitung von Presseerzeugnissen von der Pressefreiheit geschützt; aber nicht um jeden Preis. Bereits heute werden für Zeitungszusteller (Stück-) Löhne gezahlt, die sich hart an der Grenze der Sittenwidrigkeit bewegen. Unter diesen Umständen wird das Bundesverfassungsgericht kaum geneigt sein, die Zeitungsverlage zu Gunsten der Reichweite dabei zu unterstützen, ihre Beschäftigen auszubeuten.

    Wenn die Zeitungsverlagsbranche mit solchen Ansichten tatsächlich überleben will, kann man ihr nur viel Glück wünschen. Bei so vielen leeren Worten und so wenig stichhaltigen Zukunftskonzepten und Visionen wird sie das dringend nötig haben.

  • Alter Jakob - 24.06.2014 Antworten

    „(…) Völlig unklar ist auch, wie die vorgesehene Arbeitszeit-Dokumentationspflicht für Arbeitgeber mit Blick auf den selbständigen nächtlichen Einsatz von 160.000 Boten – an gleichvielen Abholstellen – praktisch umsetzbar sein soll. In jedem Fall werden erhebliche Einschnitte in die Freiheiten zu erwarten sein, die Zusteller derzeit bei der Ausführung Ihrer Tätigkeit haben.“

    Die Armen Zeitungszusteller. Die dürfen dann nicht mehr mitten in der Nacht für unterbezahlte Arbeit extra lang mit dem eigenen Rad etwas für ihre Gesundheit tun (und sind dabei selbstverständlich total frei), sondern bekommen einen festgesetzten Stundenlohn, den sie dann zu allem Überfluss auch noch für ihre tatsächlich geleisteten Stunden abrechnen sollen. Die werden sich aber ärgern!

    Sich prekäre Beschäftigungsverhältnisse als Freiheit bei der Arbeitsausführung schönzureden, da muss man wohl Verlegerverbandspräsident sein. Sowas nennt man, glaube ich, Chuzpe.

  • karpatenhund - 24.06.2014 Antworten

    @Alter Jakob: Der Witz an der Sache ist, dass die Zeitungszusteller wahrscheinlich auch in Zukunft nicht nach geleisteten Stunden bezahlt werden. Der Stücklohn bleibt zulässig. Bedeutet: Zeitungszusteller bekommen Geld pro zugestellter Zeitung, die Arbeitgeber werden dabei auch in Zukunft relativ unrealistische Zustellmengen pro Stunde zugrunde legen, die allenfalls in Großstädten mit hoher Bevölkerungsdichte erreicht werden können. Das bedeutet: Da man nicht plötzlich wesentlich weniger Zeit für die Zustellung einer Zeitung ansetzen kann, wird der Stücklohn pro Zeitung zwar steigen müssen; aber auch in Zukunft werden die meisten Zusteller vermutlich deutlich unter 8,50 €/Stunde verdienen.

  • Vainamoinen - 24.06.2014 Antworten

    Geschäftsideen, die nur dann funktionieren, wenn Angestellte weniger als 8,50 pro Stunde verdienen, sind schlechte Geschäftsideen. Wenn die Rundschau also noch nicht einmal lukrativ genug für so extrem niedrige Stundenlöhne ist, dann einfach weg damit, Problem gelöst.

  • alex - 24.06.2014 Antworten

    zeitungausträger und freiheiten? jeden morgen telefonisch an- und abmelden und wehe, man trägt mal später aus, dann wird man aus dem bett geklingelt oder der anruf ist nicht durchgekommen, dann wird die abholstation auf vor der eigenen haustür kontrolliert, dann dauernd beschwerden und gerne mal spontan sonderverteilungen, weil man bei so einem minijob natürlich den ganzen tag zeit haben muss und bestimmt nix anderes vorhat, zwischendurch die netten hinweise, die man auf seine privatnummer geschickt bekommt – natürlich ohne die möglichkeit, zurückzusimsen, da hat man nur nen ab (die sms kommen ungern zu geschäftszeiten), bei dem man sich nicht sicher ein kann, dass die nachricht auch rechtzeitig ankommt

  • alex - 24.06.2014 Antworten

    ergänzung: nach stück wird trotzdem bezahlt, die ganze anruferei dient angeblich der sicherung der zusteller … wohl eher der kontrolle, dass auch ja bis sechs ausgetragen wurde, nachtzuschlag gibt es sonst nicht (hört sich großartig an, bringt aber nix, weil nur formale trennung, würde man bis sieben austragen, wäre der grundlohn halt höher, viel weiter können sie nicht runter, müssten dann selbst austragen

  • Redakteur - 24.06.2014 Antworten

    Agil, innovativ, mutig? Echt, Herr Heinen?

    Ich bin selbst Redakteur einer Tageszeitung, die dem BDZV angehört. Dass einzig Innovative, was dieser Verlag in den vergangenen Jahren zustande gebracht hat, sind immer neue Sparmodelle, die den Journalismus sukzessive abschaffen. Inhalte und Qualität spielen keine Rolle mehr – Hauptsache billig. Kompetenz der Mitarbeiter wird von der Chefredaktion eher als Bedrohung aufgefasst, eine eigene Meinung nicht geschätzt. Wer im eigenen Haus Kritik übt, wird kaltgestellt. Wie will man da nach draußen glaubwürdig als vierte Macht im Staate agieren, wenn man nicht mal intern Eier in der Hose hat? Und unsere Volontäre werden nach abgeschlossenem Volontariat in die Arbeitslosigkeit „entlassen“. Der Verleger steht derweil ratlos davor und hat offenkundig keinen Plan, wohin die Reise seines Unternehmens gehen soll.

    Gäbe es eine Alternative in der Region, hätten vermutlich 90 % der Redaktion längst gekündigt. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass dies ein Einzelfall ist.

  • Alter Jakob - 30.06.2014 Antworten

    Aber die Verlegerlobby hat es (zumindest vorerst) offenbar geschafft die Zeitungsausträger vom Mindestlohn auszunehmen…

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