Filmwirtschaft:

„Keine Bank dieser Welt wäre das Risiko eingegangen“

von am 02.07.2014 in Archiv, Filmwirtschaft, Medienwirtschaft

<h4>Filmwirtschaft: </h4>„Keine Bank dieser Welt wäre das Risiko eingegangen“
Prof. Dr. Klaus Schaefer, Geschäftsführer des FilmFernsehfonds Bayern I Foto: © Kurt Krieger

FFF Bayern will Kinoinvestitionsförderung aufstocken

02.07.14 Interview mit Prof. Dr. Klaus Schaefer, Geschäftsführer des FilmFernsehfonds Bayern

„Keine Bank dieser Welt wäre das Risiko eingegangen, für einen solchen Film ein erfolgsbedingt rückzahlbares Darlehen zu geben. Auch private Investoren scheuen dieses Risiko“, so verteidigt Prof. Dr. Klaus Schaefer, Geschäftsführer des FFF Bayern, die Förderung des 2013er Primus „Fack ju Göhte“. Zugleich wandte sich Schaefer gegen erneute Forderungen, die Filmförderung stärker zu zentralisieren:  Es würde ein Drittel des Fördervolumens wegbrechen, denn schon haushaltsrechtlich dürften die Länder ihre Fördermittel nicht an die FFA überweisen.

medienpolitik.net: Herr Schaefer, Sie haben jüngst in Cannes das Transmedia-Film-Projekt „Sie heißt jetzt Lotte“/“Call her Lotte!“ präsentiert. Ist dieses digitale Projekt, das verschiedene audiovisuelle Möglichkeiten verbindet, eine „Eintagsfliege“ oder deutet es eine Richtung an, in die sich die Förderung des FFF Bayern künftig stärker bewegt?

Klaus Schaefer: Transmediale Erzählformen bewegen die Branche und dort vor allem jüngere Kreative und Produzenten. Vieles ist hier noch im Experimentierstadium, vor allem fehlt es bisher noch an überzeugenden Geschäftsmodellen. Als Förderinstitution beobachten wir diese Entwicklung sehr sorgfältig, auch und gerade im Hinblick darauf, ob und wie man diese Entwicklung begleiten soll. Bereits jetzt können wesentliche Teile eines transmedialen Projekts, also der Kino- oder Fernsehfilm und ein elektronisches Computerspiel in der Produktion gefördert werden. Auch und gerade im Rahmen der Projektentwicklungsförderung können wir transmediale Ansätze mit Förderung begleiten. Denkbar ist, das in Zukunft noch weiter auszubauen.

medienpolitik.net: Wie groß ist inzwischen der Anteil von digitalen audiovisuellen Projekten  einschließlich Games?

Klaus Schaefer: Hier stellt sich zunächst die Frage, was ein „digitales audiovisuelles Projekt“ eigentlich ist. Denn inzwischen bedienen sich nahezu alle audiovisuellen Projekte, die wir fördern, digitaler Techniken. Dies gilt für den Kino- wie für den Fernsehfilm, die mit digitalen Kameras gedreht, digital bearbeitet und am Ende digital projiziert bzw. gesendet werden, und für den Bereich der elektronischen Computerspiele sowieso.

medienpolitik.net: Ich meine vor allem Projekte wie „Sie heißt jetzt Lotte“…

Klaus Schaefer: Wir reden also hier nicht von einem kreativen Schöpfungs- oder Gestaltungsvorgang, sondern über einen Vertriebsweg. Dazu kann ich sagen, dass nahezu alle Projekte, die wir aus unserem 30 Millionen Euro Topf fördern, früher oder später im Rahmen ihrer Auswertung digital online verbreitet werden. Bei den meisten Games, die wir fördern, ist dies sogar der erste oder einer der ersten Verbreitungsarten, bei Filmen fördern wir nur Projekte, deren Erstauswertung für das Kino oder für das Fernsehen vorgesehen ist.

medienpolitik.net: Man kann nur fördern, was gefördert werden möchte. Wie viele Projekte werden bei Ihnen im Schnitt im Jahr eingereicht?

Klaus Schaefer: Über ausbleibende oder zu wenige Förderanträge aus Bayern und darüber hinaus konnten wir uns beim FFF bisher noch nie beklagen. Die bayerischen Film- und Fernsehproduzenten sind aktiv, produktiv und kreativ und wir können angesichts des Volumens unseres Fördertopfs in keiner Vergabesitzung all das fördern, was eingereicht wird. Im Filmbereich liegt der Schwerpunkt beim Kinofilm und aufwendigen Fernsehproduktionen, aber auch interessanten Dokumentarfilmprojekten. Hier haben wir im Jahr über alle Förderpforten hinweg 400-500 Anträge. Im Vergleich dazu ist die Zahl der Games-Einreichungen eher bescheiden, aber bei den 20-30 Förderanträgen pro Jahr sind viele interessante und kreative Projekte dabei.

medienpolitik.net: Von wo gehen Ihrer Meinung nach gegenwärtig die stärksten Impulse für innovative digitale Projekte aus: Von etablierten Filmproduzenten, von jungen Absolventen aus den Filmhochschulen oder von Start-ups aus dem Technologie-Bereich?

Klaus Schaefer: Es sind ganz eindeutig die jungen Produzenten und Filmemacher, die neu in den Markt drängen und nach Möglichkeiten suchen, Nischen zu finden, die noch nicht von den etablierten älteren und auch noch nicht ganz so alten Produktionsfirmen besetzt sind. Sie verstehen transmediale Projekte als kreative und wirtschaftliche Herausforderung zugleich, da es ja nicht ausreicht, transmediale Erzählwelten zu erfinden und zu bauen, sondern weil man auch effektive Vermarktungsstrategien für diese entwickeln muss.

medienpolitik.net: Bei den Förderbereichen existiert bisher kein Bereich für Online- oder Web-Videos/Projekte. Warum nicht?

Klaus Schaefer: Schon bei seiner Gründung hat sich der FilmFernsehFonds Bayern auf die „Königsklasse“, den Kinofilm fokussiert ergänzt durch ausgewählte Projekte aus dem Fernsehbereich, so genannte Eventprojekte mit hohem künstlerischen und wirtschaftlichen Produktionswert. Filmprojekte, direkt für Video oder DVD produziert, wurden ganz bewusst ausgeklammert. Hintergrund ist, dass das Kino ein in seiner Form einzigartiges Medium ist, was an den visuellen und akustischen Möglichkeiten des Kinosaals mit großer Leinwand und aufwendigen Surround-Audioanlagen ebenso liegt wie am Zwang der Nutzer zur ausschließlichen Konzentration auf das Werk und letztlich auch am Gemeinschaftserlebnis. Kulturpolitisch wurde der Kinofilm als eine herausragende Kunstform des 20. Jahrhunderts als erhaltenswert und förderwürdig (und auf Grund des engen Marktes leider auch förderbedürftig) identifiziert. Ergänzt wurde dies um die Förderung aufwendiger Fernsehproduktionen, was aber gleichzeitig bedeutet, dass die Masse der TV-Movies und Serien, die das deutsche Fernsehen produziert oder in Auftrag gibt, eben nicht gefördert werden kann. Was nun eigenständige Online- oder Webproduktionen betrifft, wurde bisher der Nachweis einer vergleichbaren Förderwürdigkeit und auch Förderbedürftigkeit nicht angetreten. Vielmehr zeigt die bereits jetzt verfügbare Masse von audiovisuellen Onlineprojekten, dass hier eine lebhafte und durchaus kreative Szene auch ganz ohne Förderung entstehen kann. Für den großen Kinofilm oder die Fernseheventproduktion ist dies nahezu undenkbar. Die Antwort ist deshalb nicht, wer diesen Bereich nachhaltig fördern sollte, sondern ob dieser Bereich überhaupt einer Förderung bedarf. Wir werden auch dies aufmerksam beobachten, weil das Angebot von Online-Filmen und Serien stark in Bewegung ist.

medienpolitik.net: Ein Blick auf Ihre Online-Seite sowie die Online-Seiten „Mediennetzwerk Bayern“ und „Medienpuls Bayern“ zeigen, dass es in Bayern eine sehr aktive junge Szene gibt, wie bei den Audiovisual Media Days 2014. Wie profitiert die klassische Filmproduktion in Bayern davon?

Klaus Schaefer: Wir beobachten, dass viele der jungen Produzenten, die transmedial unterwegs sind, Anschluss finden an klassische Film- oder Fernsehproduzenten, denen dieses spezielle Know-how fehlt und die sich selbst auch mit ihren Produktionen neue Auswertungsformen erschließen wollen. Die Transmedialität in unserer Branche als solches ist ja nichts Neues, wenn man bedenkt, wie viele Filme auf vorbestehenden Werken beruhen oder wie wiederum aus Filmen Fernsehserien, Bücher oder Spiele werden können. Neu aber ist der Ansatz, bereits von der Konzeption eines Projekts an mehrere Erzählwelten im Auge zu haben und gleichzeitig zu verwirklichen.

medienpolitik.net: Bayern war Vorreiter bei der Kinodigitalisierung und Sie waren auch als erste „fertig“. Wo liegen für Sie die Haupteffekte dieser Kinorevolution?

Klaus Schaefer: Der Haupteffekt der Digitalisierung der Kinos ist keineswegs revolutionär sondern eher banal: Nur mit einem digitalen Projektor ist ein Kino heute noch in der Lage, überhaupt neue Filme zu bekommen und spielen zu können. Die Umstellung war also in erster Linie eine Frage neuerer, vielleicht besserer Technik und der Distribution, weniger eine Frage neuer Inhalte. Einzig die Möglichkeit, vermehrt auch 3D-Filme zu zeigen, ist eine gestalterische Errungenschaft der Kinodigitalisierung. Alle anderen Möglichkeiten der digitalen Produktionstechniken, wie etwa die digitale Bildbearbeitung und die Erschaffung völlig neuer digitaler Effekte, erforderte nicht zwingend auch digitale Projektoren, da eine Umwandlung der digitalen Endfassung von Kinofilmen auf analoge Formate durchaus möglich war und praktiziert wurde. Allerdings ist es für Produktion und Verleih nun bequemer, die digitale Endfassung eines Filmes auch digital ausliefern zu können. Der Kinobetreiber, der in die Digitalisierung seiner Säle investieren musste, hatte von dieser Vereinfachung keine unmittelbaren Vorteile.

medienpolitik.net: Hat sich durch die neue Technik auch im Angebot, vor allem der kleineren Kinos, etwas verändert? Sind Arthouse- und Programmkinos experimentierfreudiger geworden?

Klaus Schaefer: Kleinere Kinos können nun auf Grund der stark reduzierten Kopienkosten und der einfacheren Distribution leichter an Filme kommen, als zu Zeiten des Zelluloidfilms. Sie können kurzfristiger Filme programmieren und auch wieder aus dem Programm nehmen und auch einmal ausgefallene Filmangebote testen, ob sie vom Publikum angenommen werden. Allerdings bestimmen immer noch Produzenten und Verleiher, welches Kino mit welchem Programm beliefert wird, und das setzt der Experimentierfreude manchmal Grenzen.

medienpolitik.net:   Sehen Sie Chancen, die neue digitale audiovisuelle Filmwelt stärker in diese Kinos zu bringen, auch, um ein junges Publikum im Kino zu halten?

Klaus Schaefer: Die Erfahrung zeigt, dass nicht die Frage der Produktionstechnik und der Projektionstechnik Zuschauer in das Kino bringt, sondern letztlich immer die Inhalte entscheiden. Dies hat sich zum Beispiel bei der 3D-Euphorie, die vor einigen wenigen Jahren viele erfasste, gezeigt. Nach dem Anfangshype, ausgelöst durch den Film „Avatar, ist längst die Erkenntnis eingekehrt, dass die Frage, ob ein Film im Kino reüssiert, nicht daran zu messen ist, ob er in 2D oder in 3D gezeigt wird, sondern ob er sein Publikum emotional erreichen und fesseln kann. Entscheidend ist es, eine gute Geschichte zu erzählen, dann sind die Technik und manchmal auch das Medium zweitrangig.

medienpolitik.net:  Muss es jetzt eine Nachfolgeförderung für die Kinodigitalisierung geben?

Klaus Schaefer: Wir wissen, dass die neue digitale Projektionstechnik leider reparaturanfälliger und kurzlebiger ist, als das die guten alten analogen Kinoprojektoren waren. Dies bedeutet, dass die Kinobetreiber in Bezug auf die Projektionstechnik künftig einen höheren Investitionsbedarf haben werden, als dies früher der Fall war. Für die Förderung heißt das, dass wir zwar kein neues Sonderprogramm für die Kinodigitalisierung brauchen, aber unsere reguläre Kinoinvestitionsförderung aufstocken müssen. Einen entsprechenden Antrag haben wir für den nächsten Doppelhaushalt beim Freistaat Bayern eingebracht.

medienpolitik.net: Es wird an der deutschen Filmförderung (wieder mal) kritisiert, dass sie zu viele Filme und zu  viel mit der Gießkanne fördere. Wie sehen Sie das?

Klaus Schaefer: Wir haben schon immer eine Förderung mit der Gießkanne abgelehnt, was uns nicht immer Freunde bei den einreichenden Produzenten, Verleihern und Drehbuchautoren verschafft hat. Wir versuchen uns in unserer Entscheidungspraxis auf wenige künstlerisch, inhaltlich und/oder wirtschaftlich aussichtsreich erscheinende Projekte zu konzentrieren. Dies stößt oft auf Enttäuschung und Unverständnis bei den Antragstellern, die nicht verstehen wollen, warum man nicht wenigstens „einen kleineren Betrag“ zugesprochen bekommen hat. Die Ergebnisse unserer Förderpraxis zeigen aber in der Summe, dass wir damit richtig lagen, auch wenn von Fall zu Fall die Erwartungen an ein Projekt nicht oder nicht in dem erhofften Umfang eingetreten sind. Eine Ausnahme von diesen strengen Grundsätzen gibt es allerdings beim Nachwuchs: Hier bemühen wir uns, im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten so viel wie möglich Projekte auf den Weg zu bringen.

medienpolitik.net: Wie widerstehen Sie der Versuchung viele Projekte zu fördern, weil das natürlich auch Standortförderung bedeutet? Oder widerstehen Sie dieser Versuchung gar nicht und fördern bewusst viel, um damit die bayerische Filmwirtschaft zu stärken?

Klaus Schaefer: Jedes Projekt, das wir fördern, muss nach unseren Richtlinien einen Standorteffekt vorweisen und hat in der Regel einen sehr viel höheren, als dies nach den Regularien vorgeschrieben ist. Der Bayerneffekt ist bei uns eine conditio sine qua non, mit der wir aber deshalb relativ entspannt umgehen können, weil sie bei allen Anträgen erfüllt ist. Das bedeutet, dass wir ganz vorrangig nach Inhalt und Erfolgsaussichten auswählen, der Bayerneffekt wäre ohnehin bei jedem Projekt gewährleistet.

medienpolitik.net: Würde die jährliche deutsche „Filmausbeute“ mit einer zentralen Filmförderung, ohne Länderförderer, anders aussehen?

Klaus Schaefer: Ich glaube nicht, dass es wünschenswert wäre, die Entscheidung über eine kulturelle, inhaltlich basierte Förderung einer einzigen Stelle zu überlassen, mit der Folge, dass alle, die nicht durch dieses Nadelöhr gelangen, ihre Projekte in die Tonne hauen könnten. So manche Filmperle könnte dadurch niemals realisiert werden. Außerdem würde schlichtweg ein Drittel des Fördervolumens in Deutschland wegbrechen, wenn die Länderförderungen verschwinden würden. Denn schon haushaltsrechtlich dürften die Länder nicht einfach ihre Fördermittel an den Bund bzw. die FFA überweisen. Filmpolitisch würden sie das auch nicht wollen, da die Filmförderung Teil eines gelebten Föderalismus und der verfassungsmäßig garantierten Kulturhoheit der Länder ist, die ganz wesentlich dazu führt, dass wir in Deutschland nicht einen kreativen „Wasserkopf“ in Berlin haben, sondern eine bunte kulturell und kreativ aktive Landschaft von Filmschaffenden und Produzenten an vielen Standorten in unserem Land.

medienpolitik.net:  War es wirklich nötig, solch einen Mainstream-Film wie „Fack ju Göhte“ zu fördern?

Klaus Schaefer: Als wir die Förderentscheidung für „Fack Ju Göhte“ getroffen haben, hatte dieser Film noch keinen einzigen Zuschauer erreicht. Er war noch nicht einmal produziert und keine Bank dieser Welt wäre das Risiko eingegangen, für einen solchen Film ein erfolgsbedingt rückzahlbares Darlehen zu geben. Auch private Investoren scheuen dieses Risiko, weil niemand voraussagen kann, ob ein Filmprojekt, auch wenn es kommerziell angelegt ist, tatsächlich zu einem Kassenschlager wird. Deshalb braucht es auch für solche Filme Förderung! Ein Regulativ ist ja schließlich auch die Tatsache, dass wirtschaftlich erfolgreiche Filme bei uns die Förderung inklusive Zinsen wieder zurückzahlen müssen und das Geld damit wieder dem Förderkreislauf zugeführt wird. Damit bleibt uns genug Spielraum, auch experimentelle, Arthouse- und Dokumentfilme zu fördern, was wir ja auch in hinreichendem Maße tun. Mehr davon würde nur zu der auch von Ihnen wieder kritisierten „Gießkanne“ führen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 7/2014 erstveröffentlicht.

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