Verlage:

„Alles außer Quetschkommode“

von am 16.07.2014 in Archiv, Journalismus, Verlage

<h4>Verlage: </h4>„Alles außer Quetschkommode“
Sebastian Turner, Gesellschafter und Herausgeber des „Tagesspiegel“

Tagesspiegel.de ist eine der
erfolgreichsten deutschsprachigen
Nachrichtenseiten im Netz

16.07.14 Interview mit Sebastian Turner, Gesellschafter und Herausgeber des „Tagesspiegel“

„Der Tagesspiegel“ in Berlin will für politische Entscheidungsträger und politisch Interessierte noch relevanter werden. Die Tageszeitung wird bereits heute von mehr Politikentscheidern gelesen als jede überregionale Abonnementszeitung – und alle überregionalen Abo-Zeitungen zusammen (36 Prozent). 54 Prozent der politischen Entscheider in der Hauptstadt greifen bei der täglichen Lektüre zum „Tagesspiegel“. So gibt die Redaktion seit Mai tägliche einen kuratierten Newsletter „Tagesspiegel Morgenlage“ heraus. Für das im Februar eingeführte Angebot für Politikentscheider „Tagesspiegel Agenda“, das als eigenes Zeitungsbuch zu den Sitzungswochen des Deutschen Bundestages erscheint, ist eine Umstellung auf wöchentliche Erscheinungsweise vorgesehen.  Neben „Tagesspiegel Agenda“ und „Tagesspiegel Morgenlage“ bietet der Verlag künftig auch hochspezialisierte politische Monitoring-Dienste für die Analyse von Parlament und Gesetzgebung an. Gestartet wird mit den Fachgebieten Energie-, Gesundheits- und Netzpolitik. Weitere Themen sind in Vorbereitung. Seit Januar 2014 ist Sebastian Turner Gesellschafter und Herausgeber des „Tagesspiegel“.

medienpolitik.net: Herr Turner, was hat Sie daran gereizt, Gesellschafter und Herausgeber des „Tagesspiegel“ zu werden?

Sebastian Turner: Seine einzigartige Stellung als meinungsbildende Hauptstadtzeitung mit sehr normalen Branchenkümmernissen. Dazu die Zusammenarbeit mit einem Team, in dem die Zusammenarbeit Freude macht – neben Stephan-Andreas Casdorff, Lorenz Maroldt und Florian Kranefuß hier in Berlin auch mit Dieter von Holtzbrinck und Giovanni di Lorenzo. Es gibt reizlosere Konstellationen.

medienpolitik.net: Berlin gilt als schwieriger Zeitungsmarkt. Wie will sich der „Tagesspiegel“ hier weiterhin behaupten?

Sebastian Turner: Einerseits mit Kontinuität – der Tagesspiegel hat in den letzten 20 Jahren kontinuierlich Marktanteile gewonnen. Das möchten wir gerne fortsetzen. Und andererseits mit neuen Ideen. Dabei denken wir besonders an die Gruppen, bei denen der Tagesspiegel eine besonders starke Stellung hat und stellen uns die Frage: Wie können wir ihnen noch mehr bieten, was ihnen niemand anderes bietet? Bei den Politik-Entscheidern in der Hauptstadt hat der Tagesspiegel beispielsweise eine singuläre Reichweite. Über die Hälfte von ihnen greift zum Tagesspiegel. Zum Vergleich: FAZ, SZ, Welt und Handelsblatt sind nicht annähernd so stark in dieser Gruppe verbreitet – nicht einmal gemeinsam. Für sie haben wir Agenda als redaktionelles Buch zu den Sitzungswochen, Tagesspiegel Morgenlage als digitalen Frühservice und Politikmonitoringdienste neu im Angebot.

medienpolitik.net: Auch der Werbemarkt in Berlin gilt im Vergleich zu anderen Regionen als eher schwächlich. Mit welchen Geschäftsfeldern und kompensiert der „Tagesspiegel“ die Auflagenrückgänge und stagnierenden Werbeeinnahmen?

Sebastian Turner: Der Tagesspiegel hat ein sehr erfolgreiches Online-Angebot, das den Break even überschritten hat. Die neue Sparte „Konzepte und Kooperationen“ liegt deutlich über Vorjahr.  Wir haben seit Februar einen neuen Schwerpunkt der Politik-Berichterstattung für Politik-Insider: Tagesspiegel Agenda erscheint als eigenes Zeitungsbuch zu den Sitzungswochen des Deutschen Bundestages und aufgrund des Erfolgs im Anzeigen- und Lesermarkt bald wöchentlich. Das neue Angebot schreibt bereits in den ersten drei Monaten durch neu gewonnene Anzeigenkunden schwarze Zahlen, einzelne Ausgaben sind sogar ausgebucht.

medienpolitik.net: Die „Berliner Morgenpost“ und die „Berliner Zeitung“ sind Teil großer Regionalverlage die Synergien nutzen können. Welche Chancen hat der „Tagesspiegel“ als Einzelkämpfer?

Sebastian Turner: Wir haben besonders hübsche Schwestern: Die „Zeit“ und das „Handelsblatt“. Beide entwickeln sich gut und liefern uns wichtige Anregungen, wie gehobene Medienangebote auch wirtschaftlich erfolgreich sein können.

medienpolitik.net: Welche Rolle soll der „Tagesspiegel“ im publizistischen Orchester der Hauptstadt spielen?

Sebastian Turner:  Alles außer Quetschkommode.

medienpolitik.net: Der „Tagesspiegel“ hatte auch Jahre nach dem Mauerfall – nach meiner Ansicht – das Image einer Westberliner Zeitung. Ist das heute vollständig überwunden? Wie ist die Akzeptanz in den eher östlichen Bezirken?

Sebastian Turner: Wohl keine deutsche Stadt hat einen so starken Wandel, Austausch und Zuwachs in der Bevölkerung in den letzten zwei Jahrzehnten erlebt. Und keine Abonnementzeitung in der Stadt konnte sich dabei besser entwickeln als der „Tagesspiegel“. 1995 hatten wir ein knappes Viertel vom Kuchen der Abonnementzeitungen. Heute sind es 33 Prozent und eine Nr. 1 Position bei nahezu allen gehobenen Gruppen, ob Entscheider, Multiplikatoren oder höhere Einkommen und Ausbildung, auch bei den Studenten. Dieser Zugewinn wäre nicht möglich gewesen, wenn man nicht alle Teile der Stadt im Blick hat. Die Zugezogenen sind ein guter Indikator für die Attraktivität auf beiden Seiten der früheren innerstädtischen Grenze.

medienpolitik.net: Sie haben jüngst neue Printprodukte für Kunst in Berlin und Freizeit in Berlin und Brandenburg und über Gesundheit herausgebracht. Warum investieren Sie weiterhin in solche Print-Produkte?

Sebastian Turner: Sie bieten eine sehr gute Möglichkeit, die Reputation und Attraktivität der Marke „Tagesspiegel“ zu stärken und auch über Spezialthemen an die Tageszeitung heranzuführen. Außerdem sind sie wirtschaftlich attraktiv.

medienpolitik.net: Aber von „Zitty“ haben Sie sich getrennt. Warum?

Sebastian Turner: Wir wollen uns mit unseren Print- und Online-Aktivitäten auf unsere Kernmarke „Tagesspiegel“ konzentrieren, auch weil wir gelernt haben, dass Zitty als eingeführte, eigenständige Marke in den vergangenen Jahren wenig von unserer Dachmarkenstrategie profitiert hat.

medienpolitik.net: Werden die neuen Print-Angebote von entsprechenden Online-Aktivitäten begleitet?

Sebastian Turner: Alle neuen Aktivitäten werden von einem passenden Kranz umfasst, das kann Online sein, aber auch Veranstaltungen oder Clubkonzepte oder Bücher oder weiterführende Beratungsangebote, etwa im Bereich Gesundheit.

medienpolitik.net: Die Funke Mediengruppe baut in Berlin ein digitales Zentrum auf, DuMont konzentriert seine Digitalaktivitäten in Köln, davon profitiert auch die „Berliner Zeitung“. Auf welche Kompetenzen kann der „Tagesspiegel“ bei seinen digitalen Aktivitäten zurückgreifen?

Sebastian Turner: Tagesspiegel.de ist eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Nachrichtenseiten im Netz. Die Zahl unserer Unique Visitors liegt beim doppelten und dreifachen unserer direkten Wettbewerber. Wir führen das auf gut gemachte Inhalte zurück – daran wollen wir festhalten.
medienpolitik.net: Welche Rolle spielt die Urban Media bei Ihren digitalen Angeboten?

Sebastian Turner:  In Urban Media sind alle digitalen Aktivitäten der Tagesspiegel-Gruppe gebündelt und als unsere digitale Vermarktungstochter ist sie ein wesentlicher Baustein unseres Digitalerfolges. Dazu gehört auch ein umfangreiches Portfolio externer Partnersites.

medienpolitik.net: Dann kann man sicher davon ausgehen, dass die Bedeutung digitaler Angebote für die Umsatzentwicklung der Tagesspiegel –Gruppe weiter zunehmen wird? Welche sind das vor allem?

Sebastian Turner:  Wir sehen in der Digitalisierung einen attraktiven Wachstumsmarkt, der unser Portfolio erweitert und zusätzliche Vertriebskanäle öffnet. Wir führen unter den Berliner Abozeitungen nicht nur bei der Website, sondern auch beim „Paid Content“: Unser e-Paper hat die höchste Auflage.

Unser Digital-Engagement trägt sich und die Reichweite wächst auf hohem Niveau. Auch der Umsatzanteil und Ergebnisbeitrag wachsen erfreulich.

medienpolitik.net: Aber die Inhalte auf tagesspiegel.de sind noch frei. Wann ändert sich das?

Sebastian Turner: Vorläufig nicht. Wir beobachten die Entwicklung unserer Markt-Mitgestalter aufmerksam. Wenn eine Strategieänderung sinnvoll ist, werden wir sie einleiten.

medienpolitik.net: Das „Handelsblatt“ hat mit „Handelsblatt live“ ein neues digitales Produkt auf den Markt gebracht, das sich deutlich von Handelsblatt-Online unterscheidet. Ist das ein Weg auch für regionale Tageszeitungen wie den „Tagesspiegel“?

Sebastian Turner: Das „Handelsblatt“ ist eine sehr erfolgreiche B2B-Marke, die bei den Wirtschaftsmedien nahezu ohne Konkurrenz ist. Das schafft besonders günstige Monetarisierungschancen für digitale Inhalte, wie auch die Beispiele Financial Times und Wall Street Journal zeigen. Der „Tagesspiegel“ ist dagegen Akteur in dem am dichtesten besetzten Zeitungsmarkt in Europa mit neun Zeitungen mit Lokalteil – aber in diesem Haifischbecken sind wir bei nahezu allen gehobenen Gruppen in der Hauptstadt die Nr.1 – von den Politikentscheidern über die CEOs bis hin zu den Studenten. Ein ausländischer Gast hat es wunderbar zusammengefasst: “Der   ‘Tagesspiegel’ is the most important read of the most important people in the most important city of the most important country on our continent.” Nicht ganz so klangvoll: Der Tagesspiegel ist das Leitmedium der Hauptstadt. Aus dieser singulären Stellung heraus wollen wir uns weiter entwickeln.

Tagesspiegel.de ist eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Nachrichtenseiten im Netz. Die Zahl unserer Unique Visitors liegt beim doppelten und dreifachen unserer direkten Wettbewerber.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 7/2014 erstveröffentlicht.

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