Rundfunk:

Deutschland zahlt – auch freiwillig

von am 30.07.2014 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>Deutschland zahlt – auch freiwillig
Dr. Holger Enßlin, Mitglied des Vorstands der Sky Deutschland AG

Pay-TV wächst in Deutschland zweistellig

30.07.14 Von Dr. Holger Enßlin, Mitglied des Vorstands der Sky Deutschland AG

Es hat etwa zwanzig Jahre gedauert. Aber seit ein paar Jahren sieht die Fernsehwelt anders aus: Nach Einführung der Rundfunkgebühren im Jahr 1923 bekommen die Deutschen zunehmend Lust auf hochwertige Programminhalte, für die sie freiwillig bezahlen. Neben den per Staatsvertrag beschlossenen Beiträgen für ARD und ZDF wird mit freiwilligen Entgelten im Pay-TV-Markt mittlerweile ein Umsatz von mehr als 2 Milliarden EUR (2013) erzielt. Mit rund sieben Millionen Abonnenten hat sich nach unternehmerischer Ratio veranstaltetes Pay-TV inzwischen als feste dritte Säule in der deutschsprachigen Fernsehlandschaft etabliert.

Programminvestitionen von über 800 Millionen EUR zeigen bei einem prozentual zweistelligen Wachstum (11,5 Prozent 2013), dass House of Cards, Game of Thrones, die Fussball-Bundesliga und viele andere audiovisuelle Angebote auf immer breiteres Interesse stoßen. Woran liegt das?

Zum einen haben wir es mit einem goldenen Zeitalter des Fernsehens zu tun. Serien, die von ihrem Umfang und ihrer Erzähltiefe her durchaus mit Romanen von Dostojewski mithalten können, lassen Zuschauer in komplexe und anspruchsvolle Handlungen einsteigen. Wer hätte nach Dschungelcamp und Dieter Bohlen gedacht, dass auch Wirtschaftsunternehmen erfolgreich für Qualität sorgen können? Die Deutungshoheit über Qualitätsfernsehen liegt damit längst nicht mehr allein bei den Öffentlich-Rechtlichen. Der deutsche Markt wird von einer pluralistischen Gesellschaft getragen, die bereit ist, Qualität nicht nur im Gewand öffentlich-rechtlicher Schaffenskraft auf 3sat und arte zu dulden, sondern Qualität aktiv gegen Bezahlung nachzufragen.

Nicht nur Zuschauer und Veranstalter freuen sich über dieser Erfolgsgeschichte. Auch die gesamtwirtschaftlichen Effekte sind eindrucksvoll belegt. Pay-TV ist in Deutschland zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden. Das Unternehmen Sky Deutschland zum Beispiel hat erhebliche Effekte auf die Gesamtwirtschaft: Von Sky hängen rund 24.000 Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland direkt oder indirekt ab. Die dahinter stehenden Arbeitnehmer erzielten 2013 ein Nettoeinkommen von ca. 350 Millionen EUR und trugen mit mindestens 200 Millionen EUR lohnabhängiger Steuern zum Ausgleich der öffentlichen Haushalte bei.

Bei einem eigenen Umsatz in Höhe von 1,3 Milliarden EUR sorgt Sky 2012 für einen externen Umsatzeffekt in der deutschen Wirtschaft in Höhe von mindestens 2,0 Milliarden EUR.

Das „Goldene Zeitalter“ des Fernsehens ist daher längst kein US-Phänomen mehr. Auch hier im deutschsprachigen Markt verändert sich die TV-Landschaft rasant. Hierzu gehören auch eigene Produktionen, wie sie bei Sky schon seit einiger Zeit gemeinsam mit Partnern aus der Branche auf der Agenda stehen.

Auch das Free-TV hat erkannt, dass sich nicht nur mit Werbung Geld verdienen lässt. Auch für Free-TV-Inhalte wird der Zuschauer inzwischen zur Kasse gebeten, z.B. mittels einer „Technik-Pauschale“ bei der Nutzung einer App für frei empfangbare Inhalte. Wohlgemerkt: Es handelt sich um eine App und nicht um die Installation eines Heimkinos. Wird hier also für Technik oder für Inhalte ein Entgelt aufgerufen und damit im Ergebnis Pay-TV angeboten? Könnten Verlage wirtschaftlich gesunden, wenn sie nicht mehr mühsam versuchten, mit den Inhalten Geld zu verdienen? Vielleicht könnte es der „Express“ mal mit einer „Technik-Pauschale“ versuchen.

Diese Marktentwicklungen zeigen, dass gegenwärtig viele Akteure auf die Erfolgsstory Pay-TV aufspringen möchten. Doch die weitere Entwicklung von Pay-TV in Deutschland wird maßgeblich auch durch regulatorische Rahmenbedingungen bestimmt.

Der regulatorische Rahmen gibt die Spielregeln für die Verbreitung audiovisueller Medien vor und gilt genauso für den Wachstumsmarkt Pay-TV. Das Regulierungs-Setting hat sich in der Vergangenheit grundsätzlich bewährt und seine originäre Aufgabe erfüllt: Die Medienvielfalt im Rundfunk konnte sich entwickeln und das liegt nicht zuletzt an dem von der Regulierung ermöglichten Spielraum. Wir haben in Deutschland eine bunte und gesunde Mischung aus öffentlich-rechtlichen Programmen, werbefinanzierten Angeboten und Bezahlsendern. Es mag eine Plattitüde sein: Die medialen Zeiten ändern sich. Daher muss es heute darum gehen, Medienregulierung zukunftsfest und fair für alle Marktteilnehmer auszugestalten. Dabei müssen gewisse Privilegien aber auch weiterhin gelten. Denn nur so kann für die gesellschaftspolitisch notwendige Meinungsvielfalt effektiv Sorge getragen werden.

Die sich verändernden Zeiten lassen sich beispielhaft an folgender Beobachtung festmachen: Die internetfähigen Endgeräte sind unsere alltäglichen Begleiter geworden. Sie sind unsere digitalen Helferlein: Wettervorschau, Fahrkartenkauf, soziale Medien. Und darüber hinaus sind die Geräte Rundfunkempfangsgeräte. Sowohl über den ans WLAN angeschlossene Fernseher als auch übers Tablet kann der Zuschauer das TV-Programm verfolgen oder auf Abruf zum selbst gewählten Zeitpunkt „nach-sehen“. Lineare und non-lineare Dienste wachsen immer stärker zusammen.

Diesen Veränderungen trägt der bestehende Regulierungsrahmen nicht mehr ausreichend Rechnung, da er strikt zwischen linearem Rundfunk und non-linearen Abrufdiensten, sogenannten Telemedien, unterscheidet. Welches regulatorische Pflichtenheft Anwendung findet, hängt davon ab, in welcher dieser beiden Verbreitungssysteme ein Anbieter operiert. Ein Blick auf die Nutzungsgewohnheiten jüngerer Zuschauer verrät, dass die Art der Übertragung – linear oder non-linear – für den Rezipienten aber immer unbedeutender wird. Warum also sollte die Verbreitungsart weiterhin als Leitkriterium für das Regulierungsniveau dienen? Die regulatorische Trennung spiegelt weder die technische noch die ökonomische Realität des Medienmarktes wider. Die Regulierung muss daher an die tatsächlichen Gegebenheiten angepasst werden, um allen Teilnehmern die gleichen Chancen auf dem Markt einzuräumen. Insbesondere für solche Anbieter, die identische Inhalte sowohl als lineares Programm als auch in der Form von Abrufdiensten anbieten, erfordern die unterschiedlichen Regulierungsregimes eine komplexe operative Handhabung ihrer Produkte. Für ein und denselben Inhalt gelten bei der linearen Verbreitung andere Bedingungen als bei der non-linearen Bereitstellung. Die regulatorische Trennung hat folglich handfeste unternehmerische Auswirkungen. Dies ist im Übrigen eine Herausforderung, der sich reine Abrufdienste nicht stellen müssen.

Wir schlagen daher eine Opt-In-Regulierung für alle Marktteilnehmer vor, die unabhängig von der Technologie (Linearität) des audiovisuellen Dienstes konzipiert ist. In der Folge müsste Rundfunk technologie- und verbreitungsneutral verstanden werden und alle Anbieter audiovisueller Dienste mit einschließen. Im Ergebnis müssten alle Anbieter audiovisueller Medienangebote zur Einhaltung eines gemeinsamen Standards verpflichtet werden. Gleichzeitig hätten sie die Wahl, sich einer weiterführenden Regulierung zu unterwerfen. Die zweite, optionale Stufe würde dem Standard entsprechen, dem heute lineare Rundfunkangebote unterliegen, zum Beispiel einem besonderen Jugendschutzniveau. Damit möglichst viele Anbieter von der zweiten Regulierungsstufe Gebrauch machen, sollte der Regulierer entsprechend attraktive Bedingungen schaffen. Eine besondere Zertifizierung durch die Medienaufsicht wie auch ein besonderer Schutz dieser zertifizierten Inhalte können die Medienanbieter dazu anreizen, in die Stufe zwei zu optieren.

Medienkonvergenz und immer stärker zusammenwachsende Geschäftsmodelle machen einen neuen regulatorischen Kriterienkatalog zwingend erforderlich. Im Ergebnis muss sich eine modern verstandene Regulierung in zweifacher Hinsicht messen lassen: Sie schützt die Interessen der Nutzers und stattet die Inhalteanbieter, die sich freiwillig weitergehenden Pflichten unterwerfen, mit Privilegien im Sinne des Zuschauers aus. Ein Opt-In-Modell bietet eine zeitgemäße Lösung für diese Herausforderungen. Von einem solchen Regulierungsmodell könnten alle Marktteilnehmer – lineare wie non-lineare Inhalteanbieter – profitieren. Sky Deutschland setzt darauf, dass heute der notwendige Mut für regulatorischen Fortschritt aufgebracht wird. Nur so können Wettbewerb und Meinungsvielfalt auch zukünftig auf dem bunten Markt der Bewegtbilder gesichert werden.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 8/2014 erstveröffentlicht.

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