Rundfunk:

„Wir müssen Jüngere abholen, wo sie sind“

von am 09.07.2014 in Archiv, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„Wir müssen Jüngere abholen, wo sie sind“
Tom Buhrow, Intendant des WDR / Bild: © WDR/Herby Sachs

WDR will mehr jüngere Zuschauer digital erreichen

09.07.14 Interview mit Tom Buhrow, Intendant des WDR

Tom Buhrow, seit einem knappen Jahr Intendant des Westdeutschen Rundfunks, will mehr Jugendliche mit seinem Programm erreichen. Mit einem Budget von drei Millionen Euro jährlich sollen neue, möglichst auch crossmedial angelegte Formatideen gefördert werden. Die Kunst sei es, ein jüngeres Programm zu bieten und gleichzeitig das Stammpublikum nicht zu verprellen. Hier versuche der WDR immer wieder, Neues auszuprobieren. So hat der WDR zusammen mit der Kölner Firma Codevise Solutions Limited das Online-Tool Pageflow für „Interactive Storytelling“ entwickelt, welches Journalisten die Möglichkeit gibt, sich bei der Erstellung von Online-Reportagen auf den Inhalt zu konzentrieren. Um mehr Jugendliche anzusprechen, setzt der WDR auch auf digitale Verbreitungswege wie DVB-T2.

medienpolitik.net: Herr Buhrow,  welche Konsequenzen hat die Transformation der Medien und der Medieninhalte für ein öffentlich-rechtliches Programm wie den WDR? Reicht es, wie bisher, weiter vor allem auf die lineare Verbreitung der Angebote zu setzen?

Tom Buhrow:  Nein, das reicht sicher nicht – und das tun wir auch nicht. Ein aktuelles Beispiel: Der Münsteraner Tatort „Der Hammer“ wurde vor kurzem rund zwei Millionen Mal in der ARD-Mediathek abgerufen – ein neuer Rekord. Gerade beim „Tatort“ kann man die Entwicklung der zeitversetzten Nutzung von Programmangeboten sehr gut beobachten. Die Sendung ist bei der linearen Ausstrahlung mit bis zu 13 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern äußerst erfolgreich, insbesondere auch bei den Jüngeren. Dann kommen in der Mediathek noch einmal diejenigen hinzu, die es nicht pünktlich um 20.15 Uhr vor den Fernseher geschafft haben oder einfach selbst bestimmen wollen, wann sie den „Tatort“ sehen wollen. Manche schauen sich den Film auch ein zweites Mal an. Das Interessante dabei: Da kannibalisiert sich nichts, die hohen Abrufzahlen in der Mediathek wirken sich also nicht negativ auf die Einschaltquoten aus. Es passt ins Bild, dass der Fernsehkonsum allen Vorhersagen zum Trotz auch bei den jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauern nahezu konstant geblieben ist. Gleichzeitig steigt die Nutzung von On-demand-Angeboten weiter an. Das heißt, dass wir im Rahmen der rechtlichen Vorgaben unsere Programme auf möglichst vielen Verbreitungswegen ausspielen müssen – linear ebenso wie zeitunabhängig -, um unser Publikum zu erreichen.

medienpolitik.net: Das Bundesverfassungsgericht hat jüngst noch einmal betont, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk „auch technisch nicht auf einen bestimmten Entwicklungsstand beschränkt werden“ darf. Bedeutet das auch für den WDR einen größeren Spielraum für digitale Angebote, zum Beispiel für Jugendliche?

Tom Buhrow:  Diese technische Entwicklungsgarantie ist Teil des Rundfunkstaatsvertrages. Dass sie vom Bundesverfassungsgericht noch einmal bestätigt wurde, ist für uns enorm wichtig. Alles andere wäre auch kaum nachvollziehbar. Gäbe es sie nicht, würden wir vermutlich noch in schwarz-weiß senden. Wir sehen das gerade bei der Diskussion um die künftige Nutzung des so genannten Ultrahochfrequenz-Bandes in Europa. Über diese Frequenzen findet maßgeblich die digital-terrestrische Rundfunkübertragung statt, auch bekannt als DVB-T. Anders als bei der Kabel- oder Satellitenverbreitung ermöglicht die Terrestrik allen Nutzern, öffentlich-rechtliche Programme stationär, mobil und ohne Zusatzkosten zu empfangen und das in hervorragender Bild- und Tonqualität. Was wir jetzt planen, ist die Weiterentwicklung dieser Technik zu DVB-T2. Die Umstellung wird dazu führen, dass die Sender deutlich verringerte Verbreitungskosten hätten und einige Programme auf DVB-T2 in hochauflösendem HDTV übertragen werden könnten. Für uns geht es jetzt darum, inwieweit der Umstieg mit den Plänen der Europäischen Kommission vereinbar ist, die die notwendigen Frequenzen auch an andere Interessenten, etwa an Mobilfunkunternehmen, vergeben könnte. Und natürlich sind die digitalen Verbreitungswege enorm wichtig, um gezielt Jüngere anzusprechen. Ein gutes Beispiel ist 1LIVE, das mit knapp zehn Millionen Abrufen pro Monat der erfolgreichste deutsche Radiosender im Internet ist. Aber unser Spielraum ist nicht unendlich, etwa was unsere Angebote in den Mediatheken angeht. Hier sind wir durch die gesetzlich geregelte Verweildauer bestimmter Sendungen eingeschränkt. Außerdem haben Produzenten natürlich digitale Nutzungsrechte. Das heißt: Wir können nicht alles anbieten, was wir wollen. Auch finanziell ist nicht immer alles möglich, was wir uns wünschen würden. Aber klar ist, dass wir technisch auf der Höhe der Zeit sein müssen, damit wir auch in Zukunft für unser Publikum und gerade auch für die Jüngeren attraktiv sind.

medienpolitik.net: Wie sieht hier generell Ihre Strategie aus, über die digitale Distribution und auch neue Formate mehr Jugendliche für die Angebote des WDR im Fernsehen und Hörfunk zu erreichen?

Tom Buhrow:  Zuallererst gilt: Wir müssen Jüngere da abholen, wo sie sind – im Internet und auf den mobilen Geräten. Und mit Inhalten, die in ihrer Welt spielen. Der geplante Jugendkanal ist da ein wichtiges Instrument. Im Hörfunk sind wir ja bereits sehr weit: 1LIVE ist das erfolgreichste junge Radioprogramm Europas und – wie bereits erwähnt – auch im Netz und in den sozialen Medien sehr stark präsent. Komplizierter wird es etwa mit dem WDR Fernsehen, das ausdrücklich ein Programmangebot für alle Zuschauerinnen und Zuschauer ist, unabhängig vom Alter. Die Kunst ist, ein jüngeres Programm zu machen und gleichzeitig unser Stammpublikum nicht zu verprellen. Hier versuchen wir, immer wieder Neues auszuprobieren. Ein aktuelles Beispiel ist die interaktive politische Late Night-Show „Was zur Wahl“ mit Max von Malotki. Dieses Format wurde erstmals zur Bundestagswahl im vergangenen Jahr ausgestrahlt und wird jetzt zur Europawahl fortgesetzt. Die Sendung orientiert sich natürlich stärker an der Lebenswelt eines jüngeren Publikums als dies in anderen politischen Programmen der Fall ist. Darüber hinaus können sich die Zuschauerinnen und Zuschauer live einklinken, zum Beispiel über Facebook oder Twitter.

Um noch gezielter junges Programm im WDR zu fördern, haben wir unseren so genannten „Innovationstopf“ in einen „Verjüngungstopf“ umgewandelt. Mit einem Budget von drei Millionen Euro jährlich sollen neue, möglichst auch crossmedial angelegte Formatideen gefördert werden. Unabhängig von diesem Topf halte ich es für ganz wichtig, dass wir bei der Planung unserer Programme crossmediale Formate und digitale Angebote von vornherein mitdenken.

medienpolitik.net: Neue Programmideen kosten meist auch Geld. Nun haben Sie vor einem halben Jahr angekündigt, bis 2015 nicht nur 60 Millionen sondern 90 Millionen Euro einzusparen. Bleiben Sie bei diesem radikalen Sparkurs, obwohl – unabhängig von dem neuen Rundfunkbeitrag – die KEF sogar einen Überschuss von ca. 500 Mio. Euro für die ARD festgestellt hat? Etwas davon wird ja auch auf den WDR entfallen.

Tom Buhrow:  Das ist leider ein Irrglaube, der sich hartnäckig hält. Fakt ist: Wir können das Geld nicht einfach nehmen und darüber verfügen. Zudem wurde der Rundfunkbeitrag seit 2009 nicht mehr erhöht – und soll nun sogar gesenkt worden. Unser Defizit bleibt also bestehen.

medienpolitik.net: Mehrere Länder haben bereits angekündigt, den Beitrag von 17,50 Euro bis 2020 festzuschreiben. Auf der anderen Seite fordern Produzenten höhere Budgets, Schauspieler höhere Gagen, Fernsehkritiker bessere Serien, Politiker mehr Sendungen für Jugendliche usw. Wie soll das gehen?

Tom Buhrow:  Mit Ihrer Feststellung haben Sie Ihre Frage eigentlich bereits beantwortet. Sie haben Recht: Die Kosten steigen, während unsere Einnahmen gleich bleiben. Und das betrifft dann leider auch die Menschen, mit denen wir zusammen arbeiten.

medienpolitik.net: Wo werden Sie bei der Weiterentwicklung des WDR-Fernsehens die Schwerpunkte legen?

Tom Buhrow:  Für das WDR Fernsehen wünsche ich mir das, was ich vorhin schon angesprochen habe: Neues ausprobieren, auch mal Risiken eingehen. Gleichzeitig haben wir zahlreiche bewährte und von den Zuschauern geschätzte Sendungen. Wie das dann im Einzelnen aussehen wird, da möchte ich unserem neuen Fernsehdirektor Jörg Schönenborn nicht vorgreifen!

Der Beitrag wurde im promedia NRW Special 2014 erstveröffentlicht.

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