Plattformen und Aggregatoren:

„Video-on-Demand als ORF-‚Feinkostladen‘“

von am 30.07.2014 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Rundfunk

<h4>Plattformen und Aggregatoren: </h4>„Video-on-Demand als ORF-‚Feinkostladen‘“
Dr. Alexander Wrabetz, Generaldirektor des ORF

ORF beteiligt sich an VoD-Portal „Flimmit“

30.07.14 Interview mit Dr. Alexander Wrabetz, Generaldirektor des ORF

Der ORF will den österreichischen Video-On-Demand-Anbieter „Flimmit“ kaufen. „Flimmit“ vermarktet derzeit mehr als 2000 Filme und Serien, der Großteil davon sind österreichische Produktionen. Der ORF möchte mit dem Kauf dem US-Streaming-Anbieter Netflix zuvorkommen, der noch dieses Jahr in Österreich startet. Der Stiftungsrat hat die Komplettübernahme des kostenpflichtigen Filmabrufportals genehmigt. Nun muss der Deal noch von der KommAustria geprüft werden. Die VoD-Plattform soll sich über Werbung, Abonnement und Abrufgebühren finanzieren. „Dieses Projekt, so der ORF-Generaldirektor in einem medienpolitik.net-Gespräch, „stellt auch eine wichtige kulturpolitische Initiative zugunsten der österreichischen Filmwirtschaft dar.“

medienpolitik.net: Herr Wrabetz, Sie planen den Einstieg bei „Flimmit“, einem kommerziellen VoD-Portal. Warum?

Alexander Wrabetz: Damit soll dem Trend zum nicht linearen Online-Video-Konsum Rechnung getragen und eine strategische Position in diesem neuen, wachsenden Markt abgesichert werden. Wir wollen damit vor allem auch für die international so erfolgreiche österreichische Filmproduktion im Inland eine Plattform schaffen und setzen damit die in unserer Unternehmensstrategie „ORF 2020“ festgelegte Nutzung neuer Ausspielplattformen für unseren Content um.

medienpolitik.net: Ist die Sorge vor Netflix für den ORF nicht unbegründet? Sie sind bei den österreichischen Angeboten mit Abstand Marktführer, nach wie vor ist die TV-Nutzung auch bei jungen Zuschauern noch sehr groß.

Alexander Wrabetz: Das stimmt schon. Lineares Fernsehen wird auf absehbare Zeit nicht an Bedeutung verlieren und der ORF hat eine sehr starke Marktposition. Andererseits darf man aber auch die Zukunftsentwicklungen nicht versäumen. Angesichts der rasanten Zunahme der Konkurrenz durch Marktgiganten wie Apple, Netflix, Amazon und Co muss man sich rechtzeitig vorbereiten. Wobei unser Projekt nicht in direkter Konkurrenz zu den großen mit US-Filmen und Serien bestückten Portalen steht, sondern eher ein ergänzender ‚Feinkostladen‘ sein soll. Trotzdem wollen wir nicht warten, bis der Markt komplett besetzt ist und in Österreich im gerade entstehenden Universum von Over-the-Top-Video aktiv mit einer eigenen Plattformen auftreten.

medienpolitik.net: Ist die Beteiligung an einer kommerziellen Plattform nach österreichischem Medienrecht unproblematisch?

Alexander Wrabetz: Wir legen natürlich höchsten Wert auf die genaue Einhaltung aller entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen und planen im ersten Schritt eine Minderheitsbeteiligung an „Flimmit“, durchgeführt von den ORF-Tochterfirmen ORF-Enterprise und ORF comm, um Synergien im Bereich des Contentgeschäfts und der Technik optimal zu nutzen. Die Gesellschaft wird im sogenannten  „stand alone“ kommerziellen Bereich tätig sein.

medienpolitik.net: Werden die Produzenten an den Einnahmen aus VoD auch beteiligt?

Alexander Wrabetz: Dieses Projekt stellt auch eine wichtige kulturpolitische Initiative zugunsten der österreichischen Filmwirtschaft dar. Die Plattform soll dem in den letzten Jahren international so erfolgreichen österreichischen Film einen digitalen Marktplatz bieten und einen notwendigen Beitrag zur Refinanzierung österreichischer Film- und Fernsehproduktionen liefern, indem auch die Filmwirtschaft an Lizenzerlösen beteiligt wird.

medienpolitik.net: Können sie sich vorstellen auch Programme von ARD und ZDF über diese Plattform zu verbreiten?

Alexander Wrabetz: Durchaus, die deutschen öffentlich-rechtlichen sind ja unsere langjährigsten und verlässlichsten Partner.

medienpolitik.net: Wird mit der neuen VoD-Plattform das kostenlose Angebot in der TVthek reduziert?

Alexander Wrabetz: Nein. Mit der Beteiligung an „Flimmit“ sollen ergänzend zur TVthek die Geschäftsmodelle SVoD (der Kunde abonniert des gesamte oder Teile des Angebots) und TVoD (der Kunde kauft einzelne Titel) verfolgt werden. Die neue Plattform wird die freien Angebote der TVthek ergänzen.

medienpolitik.net: Können die Einnahmen aus dieser Vermarktung dazu beitragen mittelfristig die Rundfunkgebühr in Österreich zu senken?

Alexander Wrabetz: Alles, was man über die VoD-Plattform zum Download zur Verfügung stellt, muss ja a priori auch produziert werden, und zwar primär fürs Fernsehen oder Kino. An einer ausreichenden Finanzierung der Leistungen des ORF als Produzent führt kein Weg vorbei. Abgesehen davon hat der ORF sein Programmentgelt seit rund 15 Jahren nicht mehr voll an die Inflation angepasst. Der ORF ist also real in den vergangenen Jahren für sein Publikum sogar günstiger geworden. Zur Gesamtfinanzierung wird „Flimmit“ nur einen sehr kleinen Beitrag leisten und auch das erst nach einer längeren Aufbauphase. Das ist vor allem auch ein strategisches Investment.

medienpolitik.net: Sind Programme des ORF bereits auf kostenpflichtigen VoD-Plattformen vertreten?

Alexander Wrabetz: Ja. ORF-Programme sind derzeit auf verschiedenen ausgewählten Plattformen verfügbar.

medienpolitik.net: Wie bewerten Sie die Perspektive dieser VoD-Plattformen im Vergleich zur klassischen linearen TV-Nutzung?

Alexander Wrabetz: Klassisches, lineares TV wird auch 2020 noch die meist verbreitete Form des Fernsehens sein. Wir rechnen aber damit, dass der nonlineare TV-Konsum innerhalb weniger Jahre von derzeit 2 Prozent auf zumindest 20 Prozent anwachsen wird. Daher müssen wir, unseren Content auch auf den neuen Vertriebswegen anbieten, das haben auch die Studie n und Analysen im Rahmen unseres Strategieprozesses „ORF 2020“ klar unterstrichen.

medienpolitik.net: Wird der ORF damit vor allem junge Zuschauer schneller verlieren?

Alexander Wrabetz: Der ORF ist in der glücklichen Position auch in den jungen Publikumssegmenten noch Marktführer zu sein. Das hat auch gerade die Fußball-WM in Brasilien gezeigt, wo wir erfreulicher Weise wieder Top-Werte bei den Jungen erzielen konnten. Aber gerade die jungen Menschen stellen sich am raschesten auf neue Medienangebote ein. Öffentlich-rechtliche müssen hier präsent sein, sonst verlieren sie mittelfristig an Relevanz.

medienpolitik.net: Inwieweit leidet darunter heute bereits die Reichweite des klassisch verbreiteten ORF-Angebotes?

Alexander Wrabetz: Gar nicht, bisher. Die Reichweiten bleiben im Wesentlichen konstant bzw. wachsen gering. ORF-Content auf allen Plattformen anzubieten ist eine Ergänzung zum linearen Konsum.

medienpolitik.net: Haben Sie einen Überblick über eine Gesamtreichweite des ORF – also über alle Verbreitungswege?

Alexander Wrabetz: Wir sind Marktführer im Fernsehen mit rd. 36 Prozent Marktanteil, im Radio mit rund 74 Prozent Marktanteil und haben das meist genutzte österreichische Content-Angebot im Internet. An einer kumulierten Betrachtung der Gesamtreichweite quer über alle Medien arbeiten wir gerade. Im Zentrum steht dabei die Frage, wieviel Touchpoints haben die Österreicherinnen und Österreicher über den Tag verteilt mit den ORF-Content quer durch alle Mediengattungen. Wir sind gerade dabei, ein neues Messsystem zu entwickeln, das, ergänzend zur klassischen Reichweiten- und Marktanteilsmessung, eine integrierte Betrachtungsweise ermöglichen wird.

medienpolitik.net: Wie stark werden die ORF-Programme/die TVthek bereits über Smart-TV genutzt?

Alexander Wrabetz: Inzwischen steht das Angebot der Videoplattform sowohl A1-TV- als auch UPC-Digitalkunden zur Verfügung, ist via Apple TV und Samsung- sowie LG-Smart TV nutzbar, ist auch in den drei wichtigen österreichischen Kabelnetzen LIWEST, Salzburg AG und kabelplus verfügbar und kann auch via HbbTV für den digitalen Empfang über Kabel, HD-Satellit, Kabel und Terrestrik abgerufen werden. Smart-TV ist ein wichtiges Zukunftsthema.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 8/2014 erstveröffentlicht.

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