Hörfunk:

„Es ist bei DAB+ etliches in Bewegung“

von am 13.08.2014 in Archiv, Hörfunk, Rundfunk

<h4>Hörfunk: </h4>„Es ist bei DAB+ etliches in Bewegung“
Dr. Gerd Bauer, Direktor der Landesmedienanstalt Saarland

2015 sollen 85 Prozent der deutschen Bevölkerung DAB+ mobil empfangen können

13.08.14 Interview mit Dr. Gerd Bauer, Direktor der Landesmedienanstalt Saarland

Nach über siebenjähriger Abstinenz baut Blaupunkt wieder Autoradios mit Digitalradio-Empfang. Das neue Modell beherrscht auch den modernen Standard DAB+. Das Traditions- unternehmen Blaupunkt war einer der Vorreiter in Deutschland beim Thema Digitalradio im Auto. Nach dem Scheitern des alten DAB-Standards zog sich Blaupunkt aus der Produktion von DAB-Autoradios zurück. Bis 2016 sollen insgesamt 90 Sendeanlagen für bundesweite Multiplexe existieren. Schon heute liegt die technische Reichweite von DAB+ bei 75 Prozent der Bevölkerung.

medienpolitik.net: Herr Bauer, ich finde um DAB+ ist es gegenwärtig ruhig geworden. Ist das ein gutes oder schlechtes Zeichen?

Gerd Bauer: Ihren Eindruck, dass es um DAB+ ruhig geworden ist, kann ich so nicht teilen. Es gibt gerade in den letzten Monaten etliche Entwicklungen, die DAB+ eine gute Zukunftsperspektive eröffnen. Beispielhaft zu nennen sind Entwicklungen im europäischen Ausland, in dem DAB+ zunehmend zum Thema wird. Die Eurochip-Initiative der EBU, mit der die Geräteindustrie veranlasst werden soll, in ganz Europa ausschließlich Endgeräte anzubieten, die analoge und digital-terrestrische sowie Internet-Radio-Signale verarbeiten können, gewinnt im politischen Raum national wie europäisch zunehmend Gehör. Auch die Bemühungen um einen zweiten bundesweiten Multiplex von Seiten mehrerer Interessenten bestätigen eine positive Entwicklungsperspektive für DAB+. Hierzu trägt sicherlich auch die Erwartungshaltung der KEF in Richtung auf eine deutliche Perspektive für den Umstieg von UKW auf DAB+ bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten bei. Insofern mag die Oberfläche der Digitalradioszene ruhig wirken – was mit Blick auf einige Rückschläge der Vergangenheit durchaus nicht beunruhigt. Aber unter diesem vordergründig stillen Digitalradio-See ist etliches in Bewegung.

medienpolitik.net: Wie sieht gegenwärtig die DAB+-Verbreitung aus?

Gerd Bauer: Auch hier gibt es eine positive Bewegung: Die Zahl der Standorte, von denen aus Digitalradio abgestrahlt wird, nimmt immer mehr zu. Schon jetzt ist DAB+ in Deutschland gut ausgebaut. Mobil sind bereits heute 75 % der Einwohner mögliche Digitalradio-Hörer und fast 60 % der Fläche für den Empfang von Digitalradio geeignet. Auch portabel-indoor ist Digitalradio für eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung bereits heute empfangbar. Ziel muss es selbstverständlich bleiben, Digitalradio flächendeckend verfügbar zu machen. Ich begrüße insbesondere die Bemühungen des Deutschlandradio in diese Richtung außerordentlich. Dessen Planungen sehen vor, dass schon Ende nächsten Jahres über 85 % der Einwohner und fast 90 % der Fläche Deutschlands mobil mit Digitalradio-Angeboten versorgt werden können. Beim portabel-indoor-Empfang wäre dann fast 2/3 Deutschlands versorgt.

medienpolitik.net: Aber wie steht es um das Interesse der Kunden? Ist auch hier Bewegung zu spüren?

Gerd Bauer: Bereits im letzten Digitalisierungsbericht der Medienanstalten vom September 2013 wurde deutlich, dass Digitalradio und der Übertragungsstandard DAB+ im Markt angekommen sind. Die Verkaufszahlen von Digitalradio steigen weiter an. Der digitale Radioempfang gewinnt gegenüber UKW stark an Boden. Schon im letzten Jahr empfingen fast 5 Prozent der deutschen Bevölkerung Radioprogramme auch über Digitalradio und nutzen dafür 2,7 Millionen DAB+-Empfangsgeräte. Allein 2013 wurden über eine halbe Million Digitalradios in Deutschland verkauft. Digitalradio ist im klassischen Handel angekommen und hat damit auch den Massenmarkt erreicht. Der Anteil von DAB+ Geräten an verkauften Radiogeräten insgesamt geht dabei deutlich nach oben. Schon jetzt dürften mehr als 3 Millionen Geräte im Markt sein. Das ist ein großer Erfolg für Digitalradio.

Dieser Erfolg wird sicherlich durch jüngste Marketing-Aktivitäten zusätzlich befördert. So ist z.B. vor wenigen Wochen im größten deutschen Bundesland NRW eine medienübergreifende Werbekampagne für DAB+ erfolgreich abgeschlossen worden. Dort ließen sich über 160 Elektrofachmärkte von Experten zu DAB+ schulen und legten Informations- und Werbematerial in ihren Geschäften aus. In vielen Städten Nordrhein-Westfalens berichteten die Marktleiter, dass die Kunden während der Kampagne verstärkt nach den neuen Digitalradio-Geräten fragten und sich mit großem Interesse über die angebotenen DAB+ Programme informierten.

Auch beim Verkauf von Autos mit Empfangsmöglichkeit für DAB+ gibt es weitere Fortschritte. Autofahrer profitieren bekanntlich besonders vom Radioempfang über DAB+, weil er zukunftsweisende Verkehrsdienste mit klarem und hochwertigem Empfang verbindet. Darüber sind sich Experten aus Automobil- und Geräteindustrie sowie Rundfunkveranstalter, Politik und Regulierung einig. Auf einer länderübergreifenden Fachtagung in Zürich im Mai 2014 verständigten sich Vertreter der Rundfunkbranche sowie Automobil- und Geräteindustrie darauf, gemeinsame Strategien zu entwickeln, um zusammen die Markteinführung von DAB+ im Auto zu beschleunigen. Laut Verband der Automobilindustrie (VDA) steigt die Kundennachfrage nach Digitalradio im Auto stetig. Bereits heute würden in Deutschland zehn Prozent aller Neuwagen mit DAB+ ausgeliefert.

Gerd Bauer: Solche Möglichkeiten gibt es sowohl in Bezug auf bundesweite wie auch in Bezug auf landesweite Angebote. Ich freue mich über die positive Resonanz auf die Ausschreibung in Baden-Württemberg und über die jüngste Initiative der Medienanstalt Hamburg-Schleswig-Holstein, Übertragungskapazitäten auszuschreiben. Und ich begrüße das bereits angesprochene Interesse am Aufbau eines zweiten, plattformgestützten Multiplexes. Hier würde sicher in besonderer Weise die Chance bestehen, zusätzliche Interessenten für Digitalradio über zusätzliche Spartenangebote sowohl musischer wie informierender und beratender Art zu gewinnen. medienpolitik.net: Welche Möglichkeiten sehen Sie das Angebot an DAB+-Programmen zu erweitern?

medienpolitik.net: Stehen weitere nationale Frequenzen zur Verfügung?

Gerd Bauer: Derzeit stehen solche Frequenzen noch nicht zur Verfügung, weil es zunächst einer medienrechtlichen Zuordnungsentscheidung der Ministerpräsidentenkonferenz an die Landesmedienanstalten nach dem Rundfunkstaatsvertrag bedürfte. Ich würde mich freuen, wenn demnächst nicht nur der Weg für DVB-T2, sondern auch für eine Ausdehnung des bundesweiten Digitalradio-Angebots durch die MPK freigemacht werden konnte.

medienpolitik.net: Die privaten Radios haben bisher eine ambivalente Position zu DAB+. Ändert sich das mit der weiteren Verbreitung? Wird DAB+ von mehr privaten Radios unterstützt als noch vor zwei oder drei Jahren?

Gerd Bauer: Aus meiner Wahrnehmung wird die Auflösung bisheriger Zögerlichkeiten gegenüber Digitalradio sich verstetigen, wenn sowohl der Ausbau des Sendernetzes als auch die Gerätepenetration weiter Tempo aufnehmen. Beides sind notwendige Schritte in Richtung auf eine für private Radios unverzichtbare Refinanzierungsmöglichkeit bei eigenem Digitalradio-Engagement.

medienpolitik.net: Die privaten Radios sprechen sich nach wie vor gegen ein festes Abschaltdatum für UKW aus. Würde das nicht DAB+ voranbringen? Die Simulcastverbreitung von Programmen kostet den privaten Sendern doch auch Geld?

Gerd Bauer: Die Erfahrungswerte in dritten EU-Ländern sprechen gegen ein unkonditioniertes Abschaltdatum. Auch verfassungs- und europarechtliche Aspekte stehen einem solchen fixen Datum möglicherweise im Wege. Umgekehrt macht ein Abschaltdatum grundsätzlich als zusätzlicher Impuls für Digitalradio Sinn. Ich begrüße deshalb, dass das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur erste Schritte für einen Zeitplan zum Ausstieg aus der UKW-Übertragung befördern will. Ein vom Ministerium beauftragtes Gutachten von IRT und EMR, das zur IFA präsentiert werden soll, wird hier, so denke ich, wichtige technische wie rechtliche und rechtsvergleichende Impulse für einen solchen Zeitplan leisten können.

medienpolitik.net: Wird die Online-Verbreitung das Radio doch schneller digitalisieren als DAB+?

Gerd Bauer: Kurze Antwort: Nein. Online-Verbreitung wird für die Gattung Radio aus technischen und finanziellen Gründen nie eine solitäre Ablösungsperspektive für UKW sein können. Online ist ein wichtiges Element für eine sowohl – als auch- Digitalisierung des Hörfunks. Es stellt keine realistische Alternative zu DAB+ für Hörfunk-Broadcasting dar.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 8/2014 erstveröffentlicht.

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