Hörfunk:

„Pragmatisch und ideologiefrei“

von am 11.08.2014 in Allgemein, Archiv, Hörfunk, Rundfunk

<h4>Hörfunk: </h4>„Pragmatisch und ideologiefrei“
Klaus Schunk, Vorsitzender des Fachbereichs Radio und Audiodienste des VPRT und Geschäftsführer von Radio Regenbogen

Private Radioveranstalter fordern Must-Carry-Regelung auf digitalen Plattformen

11.08.14 Interview mit Klaus Schunk, Vorsitzender des Fachbereichs Radio und Audiodienste des VPRT und Geschäftsführer von Radio Regenbogen

Die privaten Radios setzen auf eine duale Strategie: Zum einen verbreiten sie ihre Programme weiter über UKW und zum anderen nutzen sie alle digitalen Verbreitungswege, um Hörer zu erreichen. Das geschieht sehr häufig auch mit neuen Angeboten. Nach wie vor empfangen 94 Prozent der Bundesbürger ihre Radioprogramme über UKW. Deshalb positionieren sich die meisten privaten Veranstalter sowohl gegen eine Priorisierung von DAB+ als auch gegen einen Abschalttermin für UKW.

medienpolitik.net: Herr Schunk, in  NRW sind UKW-Frequenzen für eine zweite landesweite Kette ausgeschrieben worden. Ist das angesichts des Vormarsches digitaler Nutzungswege nicht anachronistisch?

Klaus Schunk: Nein, absolut nicht. UKW ist über alle Programme und Altersgruppen hinweg mit weitem Abstand die häufigste Art, Radio zu hören: 94% der Bevölkerung bundesweit empfangen ihre Radioprogramme über UKW, lediglich 4,8% nutzen, oft auch parallel, Digitalradio. UKW wird auf Grund dieser starken Verankerung im Hörermarkt noch auf lange Zeit der wichtigste Weg sein Radio zu hören und ist wegen seiner großen Reichweite noch absehbar der einzige Verbreitungsweg, über den sich die privaten Radioanbieter über Werbeeinnahmen refinanzieren können. Es ist auch zu begrüßen, dass mit dem neuen Mediengesetz in NRW zumindest der Versuch unternommen wird, die Überversorgung des WDR einzudämmen und neue Frequenzen für eine weitere private Kette zu erschließen.

medienpolitik.net: Ist  DAB+ inzwischen eine Alternative für UKW?

Klaus Schunk: Nein und es weit davon entfernt. Über 90 % der verkauften Radiogeräte sind immer noch reine UKW-Empfänger. Monatlich werden durchschnittlich um die 500.000 UKW Radiogeräte verkauft, wir schätzen, dass darunter rund 30.000 neue DAB+ Geräte sind. Das ist nach über zweieinhalb Jahren nach Marktstart immer noch ein sehr niedriges Niveau. Um eine ähnliche Nutzungssituation wie im UKW-Bereich zu erreichen, die aus Sicht der Privatradios erforderlich wäre, um auch auf diesem Übertragungsweg wirtschaftliche Perspektiven zu entwickeln, ist es also noch ein sehr weiter Weg.

Dabei möchte ich gern ein weit verbreitetes Missverständnis ausräumen: Oft wird bei der Betrachtung von DAB+ nur auf die technische Verfügbarkeit abgestellt. Für die Refinanzierung aus Werbung ist für die Privatradios aber einzig die tatsächliche Nutzung entscheidend. Nach dem Digitalisierungsbericht 2013 der Landesmedienanstalten waren bundesweit Digitalradio und DAB+ aber nur für 0,2 bis 0,9 Prozent der Deutschen die meistgenutzte Radioempfangsart. Deshalb darf die Debatte zum Analog-Digitalumstieg nicht auf DAB+ verkürzt werden. Technologie ist nicht zu verordnen, sondern setzt sich beim Verbraucher durch oder nicht. Es käme ja zu Recht auch niemand auf die Idee, der Automobilindustrie Verbrennungsmotoren zu verbieten, um Elektromotoren in den Markt zu drücken. Am Ende entscheidet der Hörer darüber, wie er Radio empfangen möchte. Und für uns gilt, pragmatisch und ideologiefrei: Wir sind überall dort, wo unsere Hörer sind.

medienpolitik.net: Nach wie vor hat man den Eindruck, dass die Radios die digitale Verbreitung nur mit „angezogener“ Handbremse betreiben. Warum?

Klaus Schunk: Dieser Eindruck wäre falsch. Ganz im Gegenteil: Wir stehen im Thema Digitalisierung fest auf dem Gaspedal. Alle privaten Radiomacher sind vom Umstieg des Radios von der analogen in die digitale Welt überzeugt. Mit unseren Angeboten, die wir unseren Hörern über alle Verbreitungswege zugänglich machen, fördern wir diesem Umstieg intensiv. Unsere Angebote hören Sie heute digital im Netz online, über Apps mobil, über RadioDNS via SmartRadio oder SmartTV und auch über DAB+.

medienpolitik.net: Sie sprechen sich nach wie vor gegen ein festes Abschaltdatum für UKW aus. Würde das nicht DAB+ voranbringen? Die Simulcastverbreitung von Programmen kostet den privaten Sendern doch auch Geld?

Klaus Schunk: Ja, die Übertragungskosten für DAB+-Angebote von privaten Radios kommen zu den UKW-Verbreitungskosten hinzu. Da wir ausschließlich von Werbeeinnahmen abhängig sind und nicht Garantie finanziert wie die öffentlich-rechtlichen Kollegen, kann unser Umstieg von Analog auf Digital nur über ein funktionierendes UKW-Geschäftsmodell refinanziert werden. Solange sich dieses nicht entsprechend über DAB+ darstellen lässt, ist die UKW-Verbreitung für uns alternativlos.

medienpolitik.net:  Sie fordern eine digitale Must-Carry-Regelung für private Radios auf digitalen Plattformen. Warum. Man kann doch im Internet problemlos alle Sender finden, die dort vertreten sind?

Klaus Schunk: Mit der steigenden Zahl der Radio- und Audioangebote wird die Auffindbarkeit von Programmen für die Hörer immer wichtiger. Entscheidend für die Refinanzierung privater Radios ist ihre Reichweite – und der schadet es, wenn die Angebote nicht oder nur sehr aufwändig gefunden werden können. Dabei geht es nicht um die Frage, wie unsere Programme im Internet gegoogelt werden können, sondern darum, ob, wie bzw. wo wir in den Netzen und auf Endgeräten dargestellt werden. Darauf haben wir als Radio-Anbieter keinen Einfluss. Die Geräteindustrie oder Plattformanbieter fungieren hier als Gatekeeper und erschweren oder erleichtern die Auffindbarkeit von Programmen durch die Reihenfolge in ihren Programmführern.

Beispiel Kabel: Hier geht es um die Gleichbehandlung der privaten mit gebührenfinanzierten Radios bei der Darstellung in EPGs und Navigatoren. Es kann nicht sein, dass alle öffentlich-rechtlichen Angebote vor den privaten bis Platz 50 gelistet werden, obwohl es sich um landesweite bzw. regionale Angebote handelt. Ihnen kommt in anderen Bundesländern als ihrem eigentlichen Verbreitungsgebiet kein besonderer Stellenwert zu. Faktisch bedeutet eine solche Darstellung die Einführung eines öffentlich-rechtlichen nationalen Radios zu Lasten der privaten regionalen und lokalen Angebote. Hier müssen radiospezifische Regelungen geschaffen werden, die diese Fehlentwicklung korrigiert.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 8/2014 erstveröffentlicht.

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