Rundfunk:

„ARTE ist das Gegenteil von Infotainment“

von am 20.08.2014 in Allgemein, Archiv, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„ARTE ist das Gegenteil von Infotainment“
Alain Le Diberder, Programmdirektor von ARTE I Foto: Frédéric Maigrot/ARTE

ARTE erreicht mehr Zuschauer mit anspruchsvollem Programm

20.08.14 Interview mit Alain Le Diberder, Programmdirektor von ARTE

Der deutsch-französische Kulturkanal ARTE präsentierte im 1. Halbjahr eindrucksvolle Dokumentationen und politische Filme, zu denen die 24-Stunden-Reportage „24h Jerusalem“ gehörte. Diese Dokumentation hat in Deutschland und Frankreich über 11 Mio. Zuschauer erreicht und wurde 140.000 Mal auf der ARTE-Mediathek abgerufen. Für Alain Le Diberder, den ARTE-Programmdirektor, war das zwar ein „Ausnahmeprojekt“,  aber das aktuelle Geschehen und der Bezug zur Lebenswirklichkeit seien schon immer das Herzstück der redaktionellen Linie von ARTE gewesen. Der Sender werde auch weiterhin auf Investigation und langfristige Analyse setzen.

medienpolitik.net: Herr Le Diberder, Ihre Zuschauerzahlen sind 2013 gestiegen, sie nähern sich einem Marktanteil von einem Prozent. Welche Schlüsse haben Sie für 2014 aus dieser erfolgreichen Bilanz gezogen?

Alain Le Diberder: Das seit 2012 umgesetzte Programmschema trägt Früchte. Jeder Abend hat seine eigene Programmfarbe, die der Zuschauer unmittelbar erkennen kann. Wir schließen daraus, dass wir diese Politik auch in Zukunft beibehalten sollten; sie basiert auf einer klar strukturierten Programmplanung mit anspruchsvollen und originellen Programmen, mit Kultur und Entdeckung, hochwertigen Dokumentationen und Unterhaltung auf hohem Niveau. Unser Spiel- und Fernsehfilmangebot umfasst die Werke der größten Regisseure aus Europa und der ganzen Welt. Dank dieser ehrgeizigen Politik genießt ARTE ein höheres Ansehen denn je, wie verschiedene, regelmäßig durchgeführte Meinungsumfragen belegen.

medienpolitik.net: Ich finde, Sie haben 2014 ein sehr politisches Programm, das von „24h Jerusalem“ über Reportagen über nach Europa strömende afrikanische Flüchtlinge bis zum Programmschwerpunkt Erster Weltkrieg reicht, dazu aktuelle Dokumentationen. Ist das eine Akzentverschiebung hin zu mehr Politik bei ARTE?

Alain Le Diberder: Nein, keineswegs. Die genannten Dokumentationen haben ein besonderes Echo in der Presse und beim Publikum gefunden, weil es sich um Ausnahmeprojekte handelte. Nur wenige Sender gehen das Wagnis ein, ihren Zuschauern solche Formate zuzumuten. Doch das aktuelle Geschehen und der Bezug zur Lebenswirklichkeit waren schon immer das Herzstück der redaktionellen Linie von ARTE.

medienpolitik.net: Wie muss Politik bei ARTE aussehen, um den Sender von anderen unterscheidbar zu machen?

Alain Le Diberder: Eben genau so. Wir setzen auf Investigation und langfristige Analyse, mehr auf Reflexion denn auf Emotion. ARTE ist das Gegenteil von Infotainment. Außerdem sind wir ja kein nationaler Sender; insofern stehen wir über allzu egozentrischen Betrachtungsweisen eines einzelnen Landes und können die großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen weltweit mit mehr Abstand und somit umfassender beleuchten.

medienpolitik.net: Wir hatten vor wenigen Wochen die Europawahl. Wie behandelt ARTE das Thema Europa? Ist es nur ein Randthema, da ARTE ja ein deutsch-französischer Kulturkanal ist?

Alain Le Diberder: Ganz im Gegenteil! Denken Sie nur an unseren Namen: „ARTE, der europäische Kulturkanal“. Als ARTE 1991 gegründet wurde, bekundeten Deutschland und Frankreich ihren Willen, ein neues Medium ins Leben zu rufen, das in der Lage sein sollte, auf die damaligen Umwälzungen in Europa einzugehen, den kulturellen Horizont im geografischen wie redaktionellen Sinne zu erweitern und die einzigartige Kreativität unseres Kontinents abzubilden. Wir senden jede Woche mehr als sieben Programmstunden über Europa, insbesondere mit den beiden wöchentlichen Magazinen Yourope und Vox Pop. Außerdem haben wir eine eigene Website zum Thema: „Es lebe Europa“. ARTE ist der einzige Sender mit einer solchen Website, und wir sind dabei völlig unabhängig von den EU-Institutionen.

medienpolitik.net: Der Erste Weltkrieg ist Programmschwerpunkt. Warum? Über dieses Thema wird auch in den anderen öffentlich-rechtlichen Sendern berichtet.

Alain Le Diberder: Alle öffentlich-rechtlichen Sender, auch ARTE, haben es sich zur Aufgabe gemacht, anlässlich des Gedenkjahres über den Ersten Weltkrieg zu berichten. Geschichte zu erklären ist ein außerordentlich wichtiger Bestandteil des öffentlich-rechtlichen Auftrags. Doch mit der Entscheidung für „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ hat ARTE einen ganz besonderen Ansatz gewählt: Wir berichten aus der Sicht von Zeitzeugen, nicht aus der Historikerperspektive, bewegen uns also im gelebten Kriegsalltag, nicht in der Analyse. ARTE hat mit dieser Serie den Akzent auf die internationale Dimension des Ersten Weltkriegs gelegt und sich nicht allein auf die europäischen Kriegsmächte beschränkt. An dieser Produktion waren übrigens 19 Sender beteiligt, darunter auch ARD und BBC. Wir haben acht Programmstunden über den Krieg ausgestrahlt, an denen die Nachfahren vieler Kriegsparteien – und nicht nur einer Seite – als Autoren, Ideengeber und Schauspieler mitgewirkt haben. ARTE kann stolz darauf sein, in diesem Gedenkjahr ein Zeichen der Versöhnung gesetzt zu haben.

medienpolitik.net: Inwiefern haben Sie die Absicht, auch den Bogen zu aktuellen Konflikten, zum Beispiel zum Ukraine-Konflikt, zu schlagen?

Alain Le Diberder: Wir messen dem aktuellen Weltgeschehen einen hohen Stellenwert bei, selbstverständlich in unseren beiden täglichen Nachrichtensendungen, aber auch auf dem samstäglichen Sendeplatz ARTE Reportage und, wie bereits erwähnt, bei Thema am Dienstag in der Primetime. So haben wir unlängst mehrere Dokumentationen über Syrien ausgestrahlt und werden dies auch in Zukunft tun, z.B. „Homs, ein zerstörter Traum“ von Talal Derki, der beim Sundance-Festival als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, oder „Selbstporträt Syrien“ von Oussama Mohammad, der beim Filmfestival von Cannes auf eine unheimliche Resonanz stieß.

medienpolitik.net: Welche Kultur steckt heute in ARTE? Wie provokant möchten Sie sein?

Alain Le Diberder: ARTE deckt alle Bereiche der Kultur ab, sowohl das klassische kulturelle Erbe, als auch zeitgenössische, ungewöhnliche, manchmal sogar verstörende Kulturformen. Vielleicht werden wir allein deshalb schon als provokant wahrgenommen. Wir wollen nicht gezielt provozieren, aber es ist durchaus möglich, dass unsere Vielseitigkeit im recht konformistischen Umfeld der großen Medien provozierend wirkt. Doch das gehört zu unserem Auftrag und es ist nicht unsere Absicht, uns davon zu verabschieden. Wir interessieren uns gleichermaßen für klassische Musik und Popmusik, für berühmte Maler und Street Artists, wir übertragen „Carmen“, die „Zauberflöte“ oder auch den „Troubadour“, aber wir widmen auch der Queer-Kultur ein ganzes Wochenende. Diese Vielfalt an Ausdrucksformen und Sichtweisen zeichnet ARTE aus.

medienpolitik.net: Die Dokumentation „24h Jerusalem“ hat in Deutschland und Frankreich über 11 Mio. Zuschauer erreicht. Macht das Mut und Lust auf ähnliche Mammut-Projekte?

Alain Le Diberder: Mit einem solchen Programm geht man ein hohes Risiko ein, aber das Ergebnis belegt, dass wir Recht hatten, dieses Format zu wagen. Es bringt die Wirklichkeit, in der wir leben, auf den Punkt, geht in die Tiefe und trifft ins Herz des Weltgeschehens. Damit haben wir ganz offensichtlich einem Bedürfnis unserer Zuschauer entsprochen.

medienpolitik.net: Diese Dokumentation wurde sehr stark über soziale Medien begleitet. Ist das typisch für ARTE-Programme?

Alain Le Diberder: Ja, immer mehr. Soziale Netzwerke sind nicht nur eine Mode, der wir nachlaufen, um auf jung zu machen. Im beginnenden 21. Jahrhundert zählen soziale Netzwerke zu den bedeutendsten Austauschformen. Sie sind unumgängliche, faszinierende Foren, in denen wir aktiv sein müssen, wenn wir die Aufmerksamkeit unserer jüngeren Zuschauer gewinnen wollen. Und das gelingt uns übrigens ganz gut: Auf unseren 27 aktiven Facebook-Seiten haben wir knapp 1,9 Mio. Fans (ein Zuwachs von 300.000 Fans seit Januar 2014), davon knapp 1 Mio. Likes für die Hauptseite des Senders. Mehr als 430.000 Internet-Nutzer folgen den 23 Twitter-Accounts von ARTE.

medienpolitik.net: Werten Sie diese Meinungen in irgendeiner Form aus, oder registrieren Sie nur die Zahlen?

Alain Le Diberder: Natürlich verfolgen wir die Kommentare in den sozialen Netzwerken mit der gleichen Aufmerksamkeit wie bisher die klassischen Zuschauerbriefe.

medienpolitik.net: Wie oft wurde „24h Jerusalem“ in der Mediathek abgerufen?

Alain Le Diberder: 140.000 Streamings auf der ARTE Mediathek, eine gute Zahl für solch ein Format.

medienpolitik.net: Wie ist generell die Nutzung der Mediathek?

Alain Le Diberder: Unsere Mediathek findet ein enormes Echo! Das freut uns sehr. Wir beobachten dreierlei:

a) Das Online-Publikum ist jünger als die Fernsehzuschauer. Das beweist, dass nicht die Programme für den Altersdurchschnitt der Zuschauer entscheidend sind, sondern der Verbreitungsweg bzw. das Endgerät.

b) Im Großen und Ganzen folgen die Nutzungszahlen im Internet den Trends der Einschaltquoten. Ein Programm, das im Fernsehen gut läuft, wird auch in der Mediathek häufig abgerufen.

c)  Zugleich erleben wir in der Mediathek auch positive Überraschungen: Programme, die im Fernsehen zu weniger günstigen Zeiten gesendet werden, stoßen in der Mediathek durchaus auf Interesse, da sie dort gleichberechtigt neben anderen Programmen stehen.

medienpolitik.net: ARTE ist für mich das Beispiel eines modernen TV-Senders, dessen Programme über alle Verbreitungswege genutzt werden können. Wie lange werden Sie Ihr Programm noch konventionell linear ausstrahlen?

Alain Le Diberder: Noch lange! Stimmen Sie nicht zu schnell den Abgesang auf das lineare Fernsehen an! Was immer man dazu hören mag, der Fernseher bleibt weiterhin das beliebteste Endgerät, nicht nur bei älteren Zuschauern. Schöner, größer, besser – nur vor dem Fernseher kann man ein Programm zu mehreren ansehen. Familien setzen sich noch immer gern für ein gemeinsames Filmerlebnis vor den Fernseher – ganz im Stil des Sonntagabends vor dem Tatort.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 8/2014 erstveröffentlicht.

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