Filmwirtschaft:

„Vom Lizenzmodell würden alle profitieren“

von am 11.09.2014 in Archiv, Filmwirtschaft, Rundfunk

<h4>Filmwirtschaft: </h4>„Vom Lizenzmodell würden alle profitieren“
Prof. Dr. Oliver Castendyk, Wissenschaftlicher Direktor und Leiter Sektion Entertainment der Allianz deutscher Produzenten Film & Fernsehen

Produzentenallianz fordert Paradigmen- wechsel bei TV-Produktionen

11.09.14 Interview mit Prof. Dr. Oliver Castendyk, Wissenschaftlicher Direktor und Leiter Sektion Entertainment der Allianz deutscher Produzenten Film & Fernsehen

Die meisten fiktionalen Produktionen bei den deutschen Free-TV-Sendern sind sogenannte Auftragsproduktionen. Das bedeutet, dass die TV-Sender die Produktionskosten nahezu vollständig finanzieren zuzüglich eines Gemeinkosten- und Gewinnaufschlages und dafür auch sämtliche Verwertungsrechte behalten. ARD und ZDF dürfen bis auf Sport und Spielfilme ihre Sendungen bis zu sieben Tage in die Mediatheken stellen. Dafür erhalten die Produzenten und Urheber in den meisten Fällen keine zusätzliche Vergütung, sondern diese Nutzung wird bei der Auftragsvergabe mit berücksichtigt. Um das Problem einer fairen Vergütung bei der digitalen Verwertung von Fernsehsendungen grundsätzlich zu klären, hat die Produzentenallianz ARD und ZDF Gespräche über ein sogenanntes Lizenzmodell vorgeschlagen. In den USA, Großbritannien und Frankreich hat man bereits vom „total-Buy-out“-Modell Abstand genommen und damit die Produktionswirtschaft aus vielen regulativen und starren Fesseln gelöst und deren Finanzsituation verbessert. Über eine mögliche Abkehr von der Auftragsproduktion, Fragen an Prof. Dr. Oliver Castendyk, Direktor der Deutschen Produzentenallianz.

medienpolitik.net: Herr Castendyk, die Produzentenallianz fordert einen Paradigmenwechsel vom klassischen Auftrags- zum Lizenzmodell. Was bedeutet das genau?

Oliver Castendyk: Bei der klassischen sog. „vollfinanzierten“ Auftragsproduktion trägt der Fernsehsender die Herstellungskosten. Der Auftragnehmer erhält eine Gemeinkostenpauschale, genannt „HU“ in Höhe von 6  Prozent der Herstellungskosten sowie darauf einen festen Gewinnaufschlag von 7,5  Prozent. Im Gegenzug muss der Produzent sämtliche Nutzungsrechte an der Produktion abgeben; sie werden „ausgekauft“ („Buy-Out“). Beim Lizenzmodell erwirbt der TV-Sender lediglich die Rechte, die er zur eigenen Auswertung braucht, sogenannten „primäre Rechte“. Die anderen Rechte bleiben beim Produzenten, der an den Auswertungserlösen den Sender beteiligt. Der zentrale Unterschied ist also, dass die Auswertungshoheit vom Sender zum Produzenten wechselt.

medienpolitik.net: Wieso halten Sie das Modell der klassischen Auftragsproduktion für gestrig?

Oliver Castendyk: Das aus den 60er Jahre stammende Modell behandelt einen kreativen Produzenten finanziell wie eine verlängerte Werkbank. Das mag zu Zeiten in Ordnung gewesen sein, als der kreative Input des Senders viel größer war und z.B. Stoffe und Drehbücher noch inhouse beim Sender entwickelt wurden. Die Situation hat sich geändert. Stellen Sie sich vor, ein Label würde einem Musikproduzenten sagen: „Ich ersetze Dir die Herstellungskosten der Bandaufnahme mit Deinem Künstler, gebe Dir 13,85  Prozent dieser Kosten als Pauschale und das war’s.“ Musikproduzenten würden laut auflachen. Sie werden weltweit an den Erlösen der Plattenauswertung beteiligt. Der Wert einer CD z.B. von Madonna oder Robbie Williams besteht nicht nur in den Produktionskosten. Das gleiche gilt für Bücher, Gemälde usw.

medienpolitik.net: Gibt es noch das Modell der vollfinanzierten Auftragsproduktion?

Oliver Castendyk: Ja, aber immer seltener. Die Auftragsproduktionen sind in der Regel nicht mehr vollfinanziert; meist sind sie in Wahrheit nur noch teilfinanziert. Unterschiedlich je nach Genre und je nach einzelner Produktion liegt der Anteil der faktischen Zuzahlung des TV-Produzenten zwischen 5 und 15  Prozent. Dies hat verschiedene Gründe: Die Kosten für die Entwicklung von Drehbüchern oder Formatideen sind deutlich gestiegen. Aber nur die Kosten für erfolgreiche Entwicklungen oder Formate werden von den Sendern übernommen. Der Produzent muss im Durchschnitt 10 Stoffe (an-)entwickeln, bis er für einen, den begehrten Auftrag erhält. Dazu kommt, dass die 6 Prozent-Verwaltungskostenpauschale nicht mehr die tatsächlichen Kosten abdeckt. Der heutige Verwaltungsaufwand ist nicht mehr mit dem der 60er Jahre vergleichbar.

medienpolitik.net: Lässt sich das an Zahlen festmachen?

Oliver Castendyk: Schauen Sie sich die Entwicklung der Gewinnmargen an. Sie lagen in den 80er und 90er Jahren zwischen 15  Prozent und 20  Prozent. Heute sind die meisten Unternehmen froh, wenn sie die Gewinnzone überhaupt erreichen. Das wissen die Sender auch, denn sie haben Tochterunternehmen, denen es auch nicht besser geht als den senderunabhängigen Wettbewerbern.

medienpolitik.net: Bringt das Lizenzmodell den Fernsehproduzenten den überhaupt etwas?

Oliver Castendyk: In der jetzigen Situation gibt es zwei Möglichkeiten: Die TV-Sender erhöhen deutlich die HU-&-Gewinn-Sätze oder der Produzent gibt weniger Rechte ab, um seine faktische Zuzahlung durch eigene Vermarktung zu refinanzieren. Da die Rundfunkbeiträge meines Erachtens nicht deutlich steigen werden und weil die Sender laut letztem KEF-Bericht nicht einmal das für das Programm ausgeben, was dafür bei der KEF angemeldet wurde, ist meine Hoffnung gering, dass HU-&-Gewinn-Sätze erhöht werden. Dann bleibt nur noch das Lizenzmodell.

medienpolitik.net: Welche Auswirkungen könnte das Lizenzmodell noch haben?

Oliver Castendyk: Ein an Kosten orientiertes Vergütungsmodell setzt die falschen Anreize. Es konzentriert die Aufmerksamkeit der Beteiligten auf die Frage, wie viel bestimmte Werkteile kosten dürfen, nicht aber auf die Frage, wie erfolgreich eine Produktion sein kann und wie man dies erreichen könnte. Es belohnt eher Kosteneffizienz als eigene Kreativität. Das Ergebnis ist, dass man in Deutschland in der Lage ist, ein TV-Movie in 20 Drehtagen zu drehen. In anderen Ländern wird der Produzent belohnt, wenn er weltweit erfolgreiche Produktionen herstellt, Serien wie z.B. „Breaking Bad“, „Game of Thrones“, „Lillyhammer“ usw. usf.

medienpolitik.net: Die Produzenten erhalten doch bei ARD und ZDF eine Beteiligung an deren Vertriebserlösen. Sind die Vertriebe der Produzenten denn besser?

Oliver Castendyk: Die Kontrolle der Sender über die Auswertung führt zum sogenannten „warehousing effect“; denn öffentlich-rechtliche Sender haben zu wenig Anreiz, erfolgreich zu vertreiben. Am Ende bekommen sie von der KEF die Mehrerträge vom Finanzbedarf wieder abgezogen. In England hat der Paradigmenwechsel dazu geführt, dass auch die Vertriebe der Sender entweder erfolgreicher wurden oder, wie im Falle des Vertriebs von Channel4, nicht mehr am Markt tätig sind.

medienpolitik.net: Sie verweisen auf die positiven Erfahrungen in England, bei der BBC. Wie funktioniert das BBC-Modell?

Oliver Castendyk: Das BBC-Modell funktioniert wie folgt: Die BBC erhält für Auftragsproduktionen Senderechte für 3 bis 5 Jahre plus Catch-Up-Rechte. Alle anderen Rechte (z.B. DVD, kommerzielle On-Demand-Rechte, Auslandsrechte) werden vom Produzenten bzw. einem von ihm beauftragten Vertrieb verwertet. Die Auswirkung in Kurzform: Die Branche blüht. Die Umsätze der Produzenten haben sich seit Einführung der Regelung fast verdoppelt, die Gewinne sind gestiegen. Selbst die Sender sehen inzwischen, dass sie ebenfalls profitiert haben.

medienpolitik.net: Die Sender finanzieren die Auftragsproduktionen zu 100  Prozent. Bei der Lizenz bezahlen sie ja nur für die Verwertung. Wer finanziert den Rest?

Oliver Castendyk: Auch bei eine Lizenz sollte der Sender nach unserer Vorstellung so viel zahlen wie bisher bei der sog. vollfinanzierten Auftragsproduktion. Das Wort „Lizenz“ soll nur klarstellen, dass der vom Sender erworbene Rechteumfang begrenzt ist wie bei einer Lizenz. Das Modell meint nicht, dass der Produzent noch eigenes Geld mitbringen muss. Auch in England mussten die Produzenten nicht zufinanzieren. Wovon hätten sie die Mittel denn auch nehmen sollen? Sie waren damals so unterkapitalisiert wie ihre deutschen Kollegen heute. Inzwischen sind mehr teilfinanzierte Produktionen möglich und Produzenten können auch eigenes Geld investieren. Dies ist aber erst eine mittelfristige Folge des Paradigmenwechsels.

medienpolitik.net: Wie muss man sich das vorstellen: Auftragsproduktionen ohne Kalkulationsverhandlung?

Oliver Castendyk: Die BBC veröffentlicht slotbezogen Festpreise bzw. Preisspannen. Der Produzent pitcht sein Projekt und er muss das Projekt für diese Preise herstellen. Übrigens ist dies ein Vorteil, den in Gesprächen auch die Sendervertreter anerkannt haben. Man muss sich nicht mehr darum streiten, ob der zweite Aufnahmeleiter noch nötig ist und welche Wochengage er bekommen darf usw. Der Produzent hat das Interesse, die Produktion so gut wie möglich zu machen für den Preis. Denn er will Erfolg haben und er will Folgeaufträge. Man muss ihn nicht an der Leine einer Kalkulation führen.

medienpolitik.net: Stehen die anderen Verbände hinter der Forderung nach einem Paradigmenwechsel?

Oliver Castendyk: Ja. Auch die Kolleginnen und Kollegen von der AG DOK, vom film & fernseh produzentenverband nrw und vom Verband Deutscher Filmproduzenten unterstützen unsere Forderungen. Zum Teil gehen sie noch darüber hinaus.

medienpolitik.net: Ist der englische Produzent gegenüber dem deutschen Produzenten beim BBC-Modell besser dran, da 25  Prozent des Auftragsvolumens für unabhängige Produzenten reserviert sind?

Oliver Castendyk: Die „Quote für unabhängige Produzenten“ ist ein anderes Thema. Der britische Gesetzgeber hat zwar Quotenvorgaben mit dem Lizenzmodell kombiniert. Aber beide  Regelungen stehen für sich. Ist der englische Indie-Produzent besser dran? Nun ja, in Deutschland gibt es Sender wie ZDF, RTL, ProSiebenSat.1, die ohnehin viele Aufträge an externe Produzenten herausgeben. Manche ARD-Sender machen hingegen noch viel inhouse. Da würde schon eine 25  Prozent-Quote schon zu Veränderungen zugunsten der Produzenten führen.

medienpolitik.net: Die deutsche Produktionswirtschaft ist stark vom Fernsehen abhängig. Würde sie einen solchen Paradigmenwechsel, mit einem Verzicht auf „sicheres Geld“ verkraften?

Oliver Castendyk: Wie gesagt, das Lizenzmodell führt nicht zum Verzicht auf sicheres Geld. Es sollen – so wie in England – die gleichen Preise gezahlt werden wie vorher, nur erhält der Produzent die Vermarktungshoheit und nicht mehr der Sender. Das ist im Grunde der Kern des Lizenzmodells. Dies haben die Entwicklungen in den USA, Frankreich und England gezeigt, in denen der Gesetzgeber Regelungen dieser Art ausprobiert hat.

medienpolitik.net: Bedeutet das nicht, dass bei dem Lizenzmodell vor allem die größeren Produzenten profitieren, was zu einem „Produzentensterben“ führen würde?

Oliver Castendyk: Vom Lizenzmodell würden alle profitieren. Groß und klein. Erfolgreiche Produzenten natürlich stärker. Wer mit der Produktion auf DVD, im Ausland usw. keinen Erfolg beim Zuschauer hat, macht keine Umsätze. So jemand bekommt dann eben nur – wie bisher – Produktionskosten plus den zu geringen HU & Gewinn-Aufschlag.

medienpolitik.net: Sowohl die ARD als auch das ZDF bestreiten, dass das Volumen der Auftragsproduktionen geringer geworden ist. Stimmt das?

Oliver Castendyk: Das Volumen in Minuten mag sich tatsächlich nicht verändert haben. Aber eben leider auch nicht die gezahlten Minutenpreise für dieses Volumen. Sie stagnieren, mit kleinen Ausnahmen, während die Produktionskosten überall laufend steigen.

medienpolitik.net: Aber bei besseren Terms of Trade und einer stärkeren Vergütung der digitalen Verwertung sind doch mit den öffentlich-rechtlichen Sendern Fortschritte erreicht worden.

Oliver Castendyk: Bei den Terms of Trade ja. Aber sind bei der „digitalen Verwertung“ Fortschritte erreicht worden? Wenn Sie damit die On-Demand-Auswertung meinen, gibt es derzeit praktisch keine Einnahmen aus diesem Bereich, wenn es um öffentlich-rechtliche Produktionen geht.  Ohne Lizenzmodell wird der On-Demand-Bereich sich kommerziell kaum weiter entwickeln.

medienpolitik.net: Die öffentlich-rechtlichen Sender sagen, sie seien hier an ihre Schmerzensgrenze gegangen. Also bleibt nur die Alternative: Entweder weniger Produktionen, die besser bezahlt werden, oder die gleiche Anzahl von Produktionen zu den gleichen Konditionen wie bisher?

Oliver Castendyk: Viele Produzenten wünschen sich lieber weniger aber auskömmlich finanzierte Produktionen als eine gleichbleibende Anzahl notorisch unterfinanzierter Produktionen. Aber bei einem erfolgreichen Lizenzmodell stellt sich diese Alternative gar nicht. Denn dann braucht der Sender nicht mehr zu zahlen als jetzt, erlaubt aber eine bessere Auswertung der Produktion. Davon kann, so unser Ansatz, der Produzent profitieren und seine Investition refinanzieren. Dann könnte man sogar das Volumen beibehalten.

medienpolitik.net: Wie hoch ist heute der Anteil von teilfinanzierten Auftragsproduktionen, bei denen die Produzenten einen Finanzierungsanteil leisten und entsprechende Verwertungsrechte behalten können?

Oliver Castendyk: Noch ist der Anteil gering. Im Laufe der Zeit könnten bei einem Paradigmenwechsel erfolgreiche Produzenten genügend Mittel verdient haben, um selbst Eigenkapital einsetzen zu können.

medienpolitik.net: Wo wären für die Sender die Vorteile eines Paradigmenwechsels? Bis jetzt sehe ich nur Nachteile?

Oliver Castendyk: Der Kuchen wird größer. Dadurch dass sich z.B. die Umsätze aus dem Ausland in Großbritannien vervierfacht haben, haben auch die Sender, die einen Anteil davon erhalten, profitiert.

medienpolitik.net: Wie ist die Reaktion von ARD und ZDF auf Ihren Vorschlag, das BBC-Modell zu übernehmen?

Oliver Castendyk: Beim ZDF gab es seitens Dr. Bellut eine große Aufgeschlossenheit und zwar auch öffentlich, z.B. beim 39. CSU-Filmgespräch im Januar dieses Jahres. Jetzt wird eher zurück gerudert. Bei der ARD überwiegt ebenfalls die Skepsis. Das war übrigens auch in den USA und in Großbritannien vor der Einführung vergleichbarer Regeln so.

medienpolitik.net: Das englische Modell basiert auf einer gesetzlichen Regelung des Communication Act. Das heißt, auch in Deutschland müsste die Politik die Ausgestaltung der Terms of Trade gesetzlich regeln?

Oliver Castendyk: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich hoffe noch auf ein Umdenken bei den Sendern. Aber klar: Wenn sich nichts tut, hoffen wir auf eine Unterstützung der Politik. Die Protokollerklärung zum 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag hat ja gezeigt, dass die Länder ein Interesse an einer funktionierenden Fernsehproduktionsbranche haben. Dort stehen bereits die Eckpfeiler eines Paradigmenwechsels: angemessene Vertragsbedingungen und Rechteteilung. Die Eckpunkte haben die Vertragsbedingungen verbessert, aber die Rechteteilung wurde nicht erreicht. Um das Bild von der Schmerzgrenze aufzugreifen. Sie ist erreicht und zwar von den Produzenten. Möglicherweise können auch öffentlich-rechtliche Sender nicht mehr für das Programm ausgeben. Mag sein. Aber das wäre nur ein weiteres Argument für ein Lizenzmodell. Denn wenn die Schere tatsächlicher und vom Sender übernommene Produktionskosten nicht durch höhere Mittel geschlossen werden kann, dann sind Erlöse aus eigenen Rechten die einzige Möglichkeit.

 Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 9/2014 erstveröffentlicht.

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