Internet:

„Das Internet ersetzt nicht das Parlament“

von am 03.09.2014 in Archiv, Infrastruktur, Internet

<h4>Internet: </h4>„Das Internet ersetzt nicht das Parlament“
Prof. Dr. Hendrik Send, Projektleiter Forschung am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, Professor an der Hochschule Anhalt für digitale Kommunikation

Das Internet fördert die Partizipation vor allem Jugendlicher

03.09.14 Interview mit Prof. Dr. Hendrik Send, Projektleiter Forschung am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft,  Professor an der Hochschule Anhalt für digitale Kommunikation 

Das Internet ist ein prägender Bestandteil gesellschaftlicher Beteiligung. Rund drei Viertel der Deutschen sind online. Mittlerweile herrscht weitgehend Konsens darüber, dass durch die digitale Infrastruktur die Eintrittsbarrieren für eine Beteiligung an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen deutlich sinken. Mit vergleichsweise geringem Aufwand können sich Personen umfangreich informieren. Bessere Voraussetzungen für die Akzeptanz von Entscheidungen können so geschaffen werden. Unter dem Titel „Online mitmachen und gestalten“ fragte ein interdisziplinär arbeitendes Team um Projektleiter Prof. Dr. Dr. Thomas Schildhauer und Prof. Dr. Hendrik Send, wer sich im Netz beteiligt, woran Nutzer besonders interessiert sind und was sie reizt, sich einzubringen. Die Ergebnisse zeigen, dass die 18- bis 36-Jährigen und insbesondere Internetnutzer mit einem Hochschulabschluss die aktivsten Online-Partizipierenden sind.

medienpolitik.net: Herr Send, Welche Rolle spielt heute das Internet bei der politischen Partizipation?

Hendrik Send: Bei der Teilhabe an politischen Prozessen und genauso auch bei der Teilhabe an Produktentwicklungsprozessen ermöglicht das Internet und seine Verbreitung erstens völlig neue Formen der Zusammenarbeit von Organisationen mit Anspruchsgruppen und zweitens die Einbindung von viel größeren Gruppen als dies über andere Wege möglich war. Der erste Bürgerhaushalt in Porto Alegre ist zwar ohne das Internet durchgeführt worden, 20.000 Personen können sich aber in einer großen Halle nur sehr schwer zu jeweils verschiedenen Themen immer wieder zusammen finden und effektiv austauschen.

medienpolitik.net: Ist es heute überhaupt noch möglich ohne die Einbeziehung des Internets über wesentliche politische oder wirtschaftliche Themen zu einer Entscheidungsfindung zu gelangen?

Hendrik Send:  Natürlich. Gerade der Bundestag hat sehr genau regulierte Abläufe und wobei das Internet wenn überhaupt eine sehr nachgeordnete Rolle spielt, wie unser Direktor Wolfgang Schulz im letzten Jahr in der „Zeit“ beleuchtet hat. Auch sagt eine Einbindung von breiteren Kreisen über das Internet zu Beginn eines Entscheidungsprozesses nur sehr wenig darüber aus, was später mit den Informationen und Eindrücken geschieht, die über diesen Weg gesammelt wurden. Die Wirkungsmächtigkeit der zahlreichen E-Petitionen beim Bundestag wird beispielsweise von einigen Autoren sehr stark in Frage gestellt

medienpolitik.net: Findet die Partizipation nicht mehr auf der Straße sondern eher in Foren und den Kommentarfunktionen von Blogs statt?

Hendrik Send: Es wäre wahrscheinlich zu kurz gegriffen, Proteste auf der Straße und Organisation im Netz als Substitute zu verstehen. Vielmehr haben beide sehr unterschiedliche Rollen in der politischen Willensbildung und beim Willensausdruck. Bei Stuttgart 21 hat die Kommunikation im Internet eben genau nicht die Demonstrationen auf der Straße ersetzt. Gäbe es derzeit etwas, das in gleicher Weise breite Massen eint und erzürnt, so bin ich sicher, dass die Bürger ihren Zorn wieder auch auf die Straße tragen würden.

medienpolitik.net: Welche Formen der Partizipation haben sich im Netz herausgebildet?

Hendrik Send: In der Partizipationsforschung werden häufig Partizipationsformen nach Intensität der Einbindung geordnet dargestellt wie beispielsweise bei Arnstein (1969). Diese Darstellung beginnt dann mit einer rein informierenden Pseudo-Partizipation. Eine Webseite vor den Zeiten von Web 2.0 würde dem entsprechen. Eine Stufe höher steht eine Einbindung und Anhörung von Anspruchsgruppen, die vielleicht mit Kommentar- und Bewertungsfunktionen im Netz verglichen werden können. Ganz oben auf der Leiter sind Formen, bei denen Anspruchsgruppen wirklich eine Kontrolle übernehmen. Diese Form finden wir bei Angeboten, die von den Nutzern wirklich gesteuert werden, wie beispielsweise Wikipedia.

medienpolitik.net: Welche Themen spielen vor allem eine Rolle?

Hendrik Send: In unserer Studie haben wir weniger die Themen sondern eher die Formate der Online Partizipation untersucht. Aus Gesprächen mit Akteuren der Online Partizipation wissen wir aber, dass es Situationen gibt, die besonders aktivierend für politische Online Partizipation wirken: Gerade wenn ein klarer „Gegner“ (wie beispielsweise bei Stuttgart 21) auszumachen ist, lassen sich leichter große Personenzahlen aktivieren. Ist ein Thema sehr komplex oder der Weg zu einer verbesserten Situation unklar oder wir gar Teil des Problems, wie beispielsweise bei der Klimaproblematik, wird es wesentlich schwieriger, eine große Reichweite zu erzeugen.

medienpolitik.net: Was hat sich generell am politischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozess mit dem Internet verändert?

Hendrik Send: Dass Geschwindigkeit und Reichweite von Kommunikationsprozessen erhöht sind, gilt auch für Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse im Internet.

medienpolitik.net: Welche Personen beteiligen sich vor allem an politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsfindungen im Internet?

Hendrik Send: Wir waren erfreut festzustellen, dass ein sehr breiter Personenkreis an politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsfindungen im Internet mitwirkt. Basierend auf unseren Zahlen wäre es vermessen, die oder den typischen Online Partizipierenden beschreiben zu wollen. Dennoch sind jüngere Onliner eindeutig aktiver bei Online Partizipation als ältere. Genauso sind Personen mit einem hohen formalen Bildungsgrad wesentlich aktiver als solche mit einem geringeren formalen Bildungsgrad.

medienpolitik.net: Ist das der gleiche Kreis, der auch außerhalb des Internets in diesen Fragen aktiv ist?

Hendrik Send: Nein, beziehungsweise lässt sich hier ein interessanter Unterschied zur Beteiligung bei Wahlen feststellen: Während die Beteiligung bei Wahlen in den jüngeren Altersgruppen kontinuierlich abgenommen hat und in der Gesamtbevölkerung die geringste ist, zeigt genau diese Gruppe die höchste Aktivität für die von uns untersuchten Formen von Online Partizipation.

medienpolitik.net: Unterscheidet sich die Beteiligung an Partizipationsformen hinsichtlich der Bildung, des Alters und des Einkommens von denen in der „realen“ Welt?

Hendrik Send: Da sich unsere Studie allein mit dem Verhalten der partizipierenden Onliner beschäftig, können wir momentan keine fundierten Aussagen zu einem Vergleich zwischen Online- und Offline-Partizipation treffen.  Claudia Ritzi, Gary S. Schaal und Vanessa Kaufmann von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg haben dazu eine Studie gemacht und beispielsweise festgestellt, dass in der von ihnen untersuchten Gruppe junger Menschen in Deutschland nur 49,1 Prozent der Personen eine Petition offline unterschreiben hat und im Internet 61,9 Prozent eine E-Petition unterzeichnet haben. Sie schließen daraus, dass das Internet partizipationsfördernd wirken kann.

medienpolitik.net: Was motiviert Nutzer sich im Internet an der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung  zu beteiligen?

Hendrik Send: Bei unserer Untersuchung haben wir nur eine begrenzte Gruppe von Anreizen abgefragt. Im Ergebnis haben wir fünf Gruppen von jeweils sehr ähnlich motivierten Personen finden können. Eine Gruppe, die ein knappes Fünftel der Befragten ausmacht, gab an, dadurch motiviert zu sein, dass sie ihre Interessen vertreten oder einen Gegenstand verändern wollen. Diese Gruppe hat gleichzeitig angegeben, die Partizipation auch als in sich motivierend und interessant zu finden. Ein gutes Zehntel der Befragten hingegen gab an, vor allem durch Preise motiviert zu sein und interessierte sich nur wenig für die Gestaltung oder Veränderung einer Sache. Bei einer nachfolgenden Studie wollen wir gerne auch noch einmal die Bandbreite unterschiedlicher Anreize untersuchen.

medienpolitik.net: Als vor drei Jahren der Jugendmedienschutzstaatsvertrag vor allem an Protesten der Netzgemeinde gescheitert ist, hatte man den Eindruck, eine kleine Gruppe Engagierter kann dank der Internet-Vernetzung gegen eine Mehrheit eine Meinung durchsetzen. Werden also Entscheidungen im Internet von einer kleinen Gruppe bestimmt?

Hendrik Send: In dieser Allgemeingültigkeit kann man die Aussage zunächst verneinen. Wir konnten feststellen, dass an Entscheidungen im Internet eine recht große und heterogene Gruppe teilnimmt und sie beeinflusst. Was wir im Rahmen unserer Studie nicht untersucht haben sind neue Multiplikatoren und Gatekeeper-Effekte. In den frühen Jahren des Internet gab es die Hoffnung, dass das Internet ein inhärent egalitäres Medium sei, das von Gatekeeper-Effekten unabhängig sei. Neuere Forschungsergebnisse dazu sind leider eher ernüchternd.

medienpolitik.net: Viele Diskussionen und Meinungsäußerungen im Netz sind – auch dank der Anonymität – unsachlich, beleidigend und verletzend. Wie weit beeinflusst dies den Meinungsbildungsprozess im Internet?

Hendrik Send: Unsachliche Diskussionen sind kein Hoheitsgebiet des Internet wie wir in älteren Medienformaten wöchentlich feststellen können. In ihrem unterhaltsamen, aktuellen Buch schreiben Levitt und Dubner unter anderem darüber, wie man Menschen überzeugen kann. Beleidigungen, so stellen sie fest, überzeugen niemanden. Insofern würde ich annehmen, dass auch im Internet wirkliche Meinungsbildung eher über eine positive Diskussion stattfindet. Unsachlich und beleidigend beharken sich nach der eigentlichen Meinungsbildung dann vielleicht noch die Lager, was aber wenig produktiv ist.

 medienpolitik.net: Ist das Internet das bessere Parlament?

Hendrik Send: Internet und Parlament sind zwei so unterschiedliche Arenen der Kommunikation und Entscheidungsfindung, dass man zunächst klären müsste, in welcher Hinsicht sie sich vergleichen lassen. Bislang stellt sich glücklicherweise nicht die Frage danach, ob das Parlament durch das Internet abgelöst werden soll. Staatschefs, die meinen, Teile des Internet durch vermeintlich bessere parlamentarische Kommunikation ablösen zu können, haben sich allerdings auch nicht beliebt gemacht.

 Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 9/2014 erstveröffentlicht.

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