Internet:

„Fair geht es leider nicht mehr zu“

von am 18.09.2014 in Archiv, Internet, Plattformen und Aggregatoren

<h4>Internet: </h4>„Fair geht es leider nicht mehr zu“
Robert Matthäus Maier, Gründer und Geschäftsführer Visual Meta GmbH

Anbieter von Online-Plattformen beklagen Benachteiligung durch Google

18.09.14 Interview mit Robert Matthäus Maier, Gründer und Geschäftsführer Visual Meta GmbH

Mit einem Marktanteil von mehr als neunzig Prozent dominiert Google den deutschen Suchmaschinenmarkt und damit auch einen wichtigen Teil des Online-Werbemarktes. Ähnliche Marktanteile hat Google auch in anderen europäischen Ländern. Doch Google ist heute viel mehr als die Suchmaschine, unter anderem auch Eigentümer von Android, dem wichtigsten Betriebssystem für Smartphones und Tablets. 2013 liefen knapp 80 Prozent der weltweit neu ausgelieferten Smartphones auf Android, 2012 waren es erst gut 66 Prozent. Zudem gehört Google Youtube, die größte Videoplattform (und gleichzeitig die zweitgrößte Suchmaschine) der Welt, der Browser „Chrome“, der in nur fünf Jahren die stärkste Stellung im weltweiten Browser-Segment eingenommen hat, sowie der weltweit am meisten genutzte E-Mail-Dienst „Gmail“. Damit ist Google Marktführer bei Suchmaschinen, mobilen Betriebssystemen, Browsern, Online-Videos und E-Mail-Diensten.

medienpolitik.net: Herr Maier, Sie betreiben die Shopping-Plattform www.ladenzeile.de. Wie viele Nutzer bekommen Sie über die Google-Suchmaschine?

Robert Matthäus Maier: Wir bekommen auf unseren Shopping-Plattformen in 19 Ländern täglich mehrere Hunderttausend Nutzer über Google. Dies beinhaltet sowohl die Nutzer über die organischen Suchergebisse (damit sind die Ergebnisse gemeint, die gemäß dem sogenannten Google-Algorithmus gerankt werden), als auch über die bezahlten Suchergebnisse (AdWords).

medienpolitik.net: Google betreibt meines Wissens selbst keine vergleichbare Plattform. Da dürften Sie sich doch nicht in Gehege kommen?

Robert Matthäus Maier: Doch, Google betreibt eine vergleichbare Plattform, nämlich “Google Shopping“. Obwohl – wie auch Ihre Frage zeigt – Google Shopping anscheinend nicht wirklich bei den Nutzern bekannt ist, zeigt Google sein unmittelbares Konkurrenzprodukt fast bei jeder Suchanfrage nach Produkten, die man online kaufen kann (z.B. Sonnenbrillen oder Gartenmöbel), sehr prominent ganz oben auf der Google-Suchergebnisseite an. Wir kommen uns also sehr wohl ins Gehege. In einem fairen Wettbewerb ist das auch völlig in Ordnung, aber fair geht es leider nicht mehr zu.

medienpolitik.net: Wo werden sie konkret durch die Marktmacht Googles behindert?

Robert Matthäus Maier: Google leitet Nutzer, die eigentlich auf Webseiten von Dritten (z.B. von uns) landen würden, auf googleeigene Webseiten um. Das kann sich Google nur auf Grund seiner Marktmacht erlauben, denn Google stellt seine eigenen Webseiten ganz oben auf die Suchergebnisseiten und sorgt gleichzeitig dafür, dass die Webseiten der Konkurrenten auf den Suchergebnisseiten kaum noch gefunden werden.

medienpolitik.net: Das heißt, Google behindert direkt seine Konkurrenten?

Robert Matthäus Maier: Absolut. Google tut dies insbesondere auf zwei Arten:

(1) Google diskriminiert Shopping-Plattformen, die selber keine Produkte verkaufen, aber die Angebote tausender Online-Shops für die Nutzer transparent machen. Über solche Shopping-Plattformen, wie wir sie selber mit LadenZeile.de auch betreiben, können die Nutzer wichtige Kriterien wie Preise, Versandkosten, Rückgabemodalitäten etc. vergleichen und das beste Angebot für sich auswählen. Google hat jedoch in der Vergangenheit wiederholt Änderungen an seinem Algorithmus vorgenommen, so dass solche Shopping-Plattformen in den Suchergebnissen von Google immer seltener gefunden werden. De facto wurden die Shopping-Plattformen von Google „herabgestuft“, u.a. mit der Begründung, dass diese Plattformen keine eigenen Inhalte erstellen, sondern „nur“ die Daten anderer Webseiten nutzen. Doch das ist absurd, denn die Vergleichbarkeit von Produkten ist ja genau das Kernprodukt von Shopping-Plattformen und stellt damit den Mehrwert für die Nutzer dar. Dennoch sind bereits viele ehemals große Shopping-Plattformen de facto vom Markt verschwunden.

(2) Google stellt gleichzeitig seine eigenen Konkurrenzdienste ganz nach oben auf die Suchergebnisseite. Damit widerspricht sich Google selbst, denn Google Shopping hat de facto keinerlei eigene Inhalte, sondern lebt von den Daten der Shops. Trotzdem scheint es für die Nutzer so wichtig zu sein, dass es bei Suchanfragen für Produkte, die man online kaufen kann, fast immer ganz oben steht. Damit verdrängt Google seine Konkurrenten, die wegen der o.g. Algorithmusänderungen eh schon weiter hinten stehen, noch weiter in den „unsichtbaren“ Bereich der Suchergebnisse.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen bei der Positionierung von Google die Such-Algorithmen?

Robert Matthäus Maier: Eine entscheidende Rolle. Wie bereits erwähnt ändert Google seine Algorithmen häufig, leider oft zum Nachteil seiner Konkurrenten. Diese Änderungen kommen oft unangekündigt, unbegründet und „über Nacht“. So haben wir bereits mehrfach von einem Tag auf den anderen bis zu 80% der organischen Nutzer über Google verloren. Auch wenn wir uns davon bisher in der Regel erholen konnten, gefährdet so etwas ein Unternehmen. Denn wie soll man so unternehmerisch nachhaltig planen, wenn dieses Damoklesschwert ständig über dem Unternehmen schwebt. So wird es schwierig, Mitarbeiter zu motivieren, neue Mitarbeiter einzustellen, in die Produktentwicklung zu investieren und größere Büroflächen anzumieten.

medienpolitik.net: Google gibt über die Funktion und die spezifische Programmierung seiner Algorithmen keine Auskunft mit dem Verweis auf kommerzielle Interessen. Ist das akzeptabel?

Robert Matthäus Maier: Der Quelltext ist sicherlich das Herzstück für die Google-Suche, und der sollte auch generell nur Google zugänglich sein. Ich denke, es gibt genug Möglichkeiten, den Missbrauch der Marktmacht durch Google zu unterbinden, ohne den Quelltext kennen zu müssen. Die entsprechenden Gesetze und Regeln gibt es, sie müssten nur von den entsprechenden Stellen konsequent angewendet werden, insb. vom europäischen Wettbewerbskommissar Almunia. Aber er traut sich nicht, vielleicht weil er ein zu enges Verhältnis zu Googles Chef Eric Schmidt hat, mit dem er im regen Austausch steht, wie er schon öfter stolz verkündet hat.

medienpolitik.net: Es ist bekannt, dass Google Nutzer-Daten sammelt und verknüpft. Welche Daten sammelt Google zum Beispiel und was geschieht damit?

Robert Matthäus Maier: Google sammelt Daten im beträchtlichen Umfang. Grundsätzlich ist es ja auch gut, anhand von Daten bessere Produkte bzw. Webseiten zu bauen. Google macht in vielen Bereichen einen super Job, und ich bewundere das Unternehmen. Aber Google übertreibt es einfach.

Google wertet den Inhalt von Mails aus, Google merkt sich die Anzeigen (z.B. AdWords), auf die Nutzer klicken, Google kennt Kalendereinträge (und kann so wissen, wer sich wann mit wem und wo trifft), Google kennt (E-Mail-)Adressen und Telefonnummern und Google weiß oft (z.B. über Google Maps), wo sich einer Person gerade aufhält. Diese Daten kann Google dann so analysieren und aggregieren, um zielgerichtete Werbung auszuspielen, für die von Werbetreibenden viel Geld an Google bezahlt wird.

Google hat zudem kürzlich die Unternehmen Nest und Dropcam gekauft. Damit hat Google Zugriff auf viele Bereiche unserer Privatsphäre: Nest stellt Thermostate her, Dropcam Videokameras. Beide werden auch in Privathaushalten eingesetzt. Damit hat Google Zugriff auf unser Heim und weiß, wann wir zu Hause sind, was wir zu Hause gerade tun oder was wir besprechen.

All dies wird insb. dann erschreckend, wenn man sich die Aussagen der Google-Manager anschaut, wie z.B. „Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir können mehr oder weniger wissen, was du gerade denkst“ oder „Wenn es Dinge gibt, von denen Sie nicht wollen, dass irgendjemand etwas darüber erfährt, dann sollten Sie so etwas nicht tun“ von Eric Schmidt.

medienpolitik.net: Aber nicht alle Internet-Nutzer haben einen Google-Account oder nutzen den Google-Browser oder ein anderes Produkt – vielleicht mit Ausnahme der Suchmaschine. Denen kann doch die Datensammelwut nicht gefährlich werden?

Robert Matthäus Maier: Schön wäre es. Googles Ausrede ist immer, dass es etwas nur mit Erlaubnis der Nutzer tue. Aber Nutzer haben in vielen Bereichen gar keine Möglichkeit mehr, zu entscheiden, welche Daten sie preisgeben und was damit geschieht. Selbst wenn ich mich dagegen entscheide, Gmail zu nutzen: Sobald ich an jemanden eine Mail schicke, der Gmail nutzt, hat Google zumindest die Möglichkeit, mitzulesen. Wenn jemand meinen Telefonnummern, meinen Post- und E-Mail-Adressen in seine Google-Kontaktliste einträgt, weiß Google, wo ich wohne und wie ich zu erreichen bin. Und wenn sich jemand im Google-Kalender einen Termin mit mir einträgt, weiß Google, wen ich wann wo treffe, ohne dass ich selber den Google-Kalender nutzen muss. Damit wird das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung ausgehebelt.

medienpolitik.net: Es wird eine Regulierung der Aktivitäten von Suchmaschinen gefordert. Aber kann sich der Einzelne nicht selbst schützen, indem er die Nutzung der Daten verweigert oder nicht zulässt, dass sein Aufenthaltsort bestimmt werden kann?

Robert Matthäus Maier: Grundsätzlich liegt natürlich zunächst die Verantwortung bei den Nutzern. Aber wie an meinen obigen Beispielen deutliche wird, kann der Einzelne sich nur sehr bedingt selbst schützen, weil oft andere über seine Daten „verfügen“. Daher ist eine sinnvolle Regulierung so wichtig.

medienpolitik.net: Sind die Gesellschaft und die Politik machtlos gegenüber einem solchen innovativen globalen Unternehmen?

Robert Matthäus Maier: Es läuft aktuell eine Untersuchung der EU-Kommission gegen Google. Leider ist Wettbewerbskommissar Almunia sehr zögerlich. Er spricht anscheinend lieber mit Google als mit den Beschwerdeführern, und lässt sich dadurch von Googles falschen Argumenten blenden. Deshalb hat er angekündigt, einen Kompromissvorschlag von Google annehmen zu wollen, der angeblich die Bedenken der Beschwerdeführer adressiert. Dies ist allerdings nicht der Fall. Daher kämpfen wir gegen diesen „Deal“. Insbesondere in Frankreich und Deutschland haben zumindest einige Politiker, wie z.B. Wirtschaftsminister Gabriel, die Brisanz des Themas erkannt. Dank der Öffentlichkeitsarbeit der Beschwerdeführer bei der EU-Kommission, aber insbesondere auch durch die von Frank Schirrmacher in der FAZ losgetretene breitere gesellschaftliche Debatte zu diesem Thema rückt die Problematik stärker in den Fokus. Die Politik darf nie machtlos sein, denn sonst ist die Demokratie in Gefahr. Soweit sind wir aber glücklicherweise noch nicht, denn die Politik muss einfach nur handeln. Und dazu fordern wir sie nachdrücklich auf. Die bestehenden Gesetze (z.B. im Kartell-  und Monopolrecht sowie im Datenschutz) reichen aus, um unmittelbar handeln zu können. Zusätzlich müssen aber künftig Anpassungen vorgenommen werden, damit der gesetzliche Rahmen mit den digitalen Entwicklungen standhalten kann. Die Politik muss jetzt zeigen, dass sie nicht machtlos reagiert, sondern agiert. Ich will keine Zerschlagung von Google, aber ein deutliches Zeichen, dass auch Google sich an die Regeln halten muss.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 9/2014 erstveröffentlicht.

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