Plattformen und Aggregatoren:

Das lineare Fernsehen lebt!

von am 24.09.2014 in Archiv, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk

<h4>Plattformen und Aggregatoren: </h4>Das lineare Fernsehen lebt!
Thomas Fuchs, Direktor Medienanstalt Hamburg / Schleswig-Holstein

Digitalisierungsbericht 2014

24.09.14 Von Thomas Fuchs, Direktor Medienanstalt Hamburg / Schleswig-Holstein

Ein Gespenst geht um in der deutschen Medienlandschaft! Es trägt den Namen und erscheint derzeit vor allem in Gestalt von Netflix. Kaum ein Thema hat die Fachmedien in diesen Tagen so sehr beschäftigt wie der Launch von Netflix in Deutschland. Wollte man dem Tenor der Berichterstattung folgen, so müsste sich das klassische lineare Fernsehen hierzulande schleunigst neu erfinden, um nicht durch Onlinevideotheken wie Netflix, Amazon Prime und Co. in Bedrängnis zu geraten. Der US-Marktführer werde auch hier angestammte Programmiergewohnheiten des TV-Geschäfts ebenso wie traditionelle Nutzungsgewohnheiten auf den Kopf stellen – zu Lasten des linearen Fernsehens.

Nun ist schon der deutsche Markt nicht der US-Markt, und man weiss auch bei Netflix, dass dieser für Video-on-Demand-Anbieter (VoD) eine ganz harte Nuss ist. Aber vor allem: Die aktuellen Zahlen zur Digitalisierung der deutschen Medienlandschaft in Zeiten der Konvergenz lassen nicht gerade auf eine bevorstehende fundamentale Umwälzung der Fernsehlandschaft schließen.

Jüngst wurde der zehnte Digitalisierungsbericht der Medienanstalten veröffentlicht, der sich vor allem auch mit der Nutzung digitaler Ausspielplattformen für Rundfunk- und Videoangebote auf den unterschiedlichen digitalen Endgeräten befasst. Seine Ergebnisse zeigen recht deutlich, dass von einer Abwendung vom linearen Fernsehen und seinem Geschäftsmodell und einer Hinwendung zu VoD-Inhalten in Deutschland nicht wirklich die Rede sein kann. Die Gründe sind vielfältig, Fakt ist jedoch, dass sich die Nutzung von professionellen Videoinhalten aus dem Internet resp. von Onlinevideotheken im Vergleich zur traditionellen TV-Nutzung geradezu marginal ausnimmt.

Sicher, die Zahl der Empfangsgeräte, die die Nutzung von netzbasierten Videoinhalten ermöglichen, steigt stetig an. Etwa 16 Prozent aller befragten deutschen Fernsehhaushalte geben heute an, im Besitz eines Smart-TV-Geräts zu sein. Mehr als die Hälfte dieser Geräte (60 Prozent) sind tatsächlich „connected“, also mit dem Internet verbunden. Zählt man auch die sogenannten Peripheriegeräte wie Blu-Ray-Player und Spielekonsolen oder angeschlossene Laptops/Notebooks hinzu, die das Fernsehgerät zum Connected TV werden lassen, so haben fast 25 Prozent aller deutschen Fernsehhaushalte die Möglichkeiten, netzbasierte Inhalte über das Fernsehgerät zu nutzen: Allein sie tun es kaum!

VoD ist noch Nische

Der gestiegenen Ausstattung mit Smart-TV-Geräten und einer erhöhten Anschlussquote zum Trotz werden Videoinhalte aus dem Internet noch immer vorrangig am PC, Laptop oder Notebook genutzt. Diese Tendenz hat sich nach den Daten des Digitalisierungsberichts im vergangenen Jahr sogar noch leicht verstärkt.

Zwar nutzen immerhin 45 Prozent der über 14-Jährigen in Deutschland „mindestens selten“ professionelle Videoinhalte aus dem Netz (über Mediatheken, Onlinevideotheken etc.). Aber „mindestens selten“ bedeutet eben auch: höchstens einmal im Monat. Regelmäßig, also mehrfach pro Woche, rufen nur 11 Prozent Videoinhalte aus dem Netz ab, etwa die Hälfte davon tut dies über das Fernsehgerät. Natürlich überrascht es nicht, dass sich etwa 46 Prozent der 12,2 Millionen wöchentlichen Nutzer aus der Altersgruppe der 14 bis 29-Jährigen rekrutieren, der Generation YouTube. Aber zieht man einmal den Vergleich zu einer Tagesreichweite des linearen Fernsehens von 75 Prozent in der Bevölkerung und einer täglichen Sehdauer von mehr als 3 ½ Stunden, so werden die Relationen klar.

Und berücksichtigt man, welche Arten von Videoinhalten vorrangig aus dem Netz abgerufen werden, dann wird auch auf dieser Ebene deutlich, dass eine Revolutionierung des deutschen Fernsehmarktes durch neue VoD-Anbieter mit exklusiven Serieninhalten jedenfalls derzeit nicht ansteht.

Der überwiegende Teil der VoD-Nutzung nämlich entfällt auf die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehveranstalter (58 Prozent). Onlinevideotheken wie Amazon Prime, MaxDome, Videoload, Watchever und andere werden von 22 Prozent gewählt, einem eben doch nur recht geringen Zuschaueranteil.

Überschätzter Second Screen

Durch die aktuellen Zahlen des Digitalisierungsberichts wird noch ein anderer Hype der vergangenen Jahre auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt: Die vielbeschworene Second-Screen-Nutzung war Ansatzpunkt für die Entwicklung einer ganzen Reihe von  konvergenten Angeboten. Nach wie vor ist, den Erhebungen des Digitalisierungsberichts zufolge, für 65 Prozent der Befragten der Fernseher das wichtigste Gerät zur Videonutzung im Haushalt, gefolgt von Laptop (11 Prozent) und Smartphone (3,5 Prozent). Der First Screen bleibt also first.

Etwas anders sieht auch hier das Bild bei den 14 bis 29-Jährigen aus. Für mehr als die Hälfte dieser Altersgruppe ist der Fernseher eben nicht mehr das wichtigste Gerät zur Videonutzung, nicht mehr der First Screen. Er wird ersetzt durch Notebook oder Smartphone, denen mehr und mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird: Der Second Screen entwickelt sich zum First Screen. Allerdings werden auf ihm in der Regel keine TV-bezogenen Angebote und Inhalte genutzt. Etwa 12 Prozent der Gesamtbevölkerung sind regelmäßige Second Screen-Nutzer, von ihnen rufen nur rund 15 Prozent sendungsbezogene Angebote wie Social-TV-Apps oder Online-Programmführer regelmäßig auf. Die überwiegende Zahl dieser Nutzer (66 Prozent) tut dies nie. Das Notebook oder das Smartphone nutzen sie laut ARD/ZDF-Onlinestudie stattdessen für Informationssuche, Mails und ähnliche Aktivitäten. Diese geringe sendungsbezogene (Inter)- Aktivität der Zuschauer scheint mir auch ein Grund für jüngste Misserfolge von Sendeformaten wie der interaktiven Castingshow „Rising Star“ zu sein.‎ Vernetzung und Konnektivität sind eben kein Selbstzweck, und das deutsche Fernsehpublikum guckt weiter lieber zurückgelehnt zu – mit dem Handy in der Hand.

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1 KommentarKommentieren

  • Netz-TV - 24.09.2014 Antworten

    Ich halte das (Stand heute) für richtig und (Stand morgen) für eine völlige Fehleinschätzung. 🙂 Netflix wird zwar tatsächlich überschätzt. Es gibt aber auch Amazon, dieser Anbieter wird vermutlich den traditionellen Sendern viel mehr zusetzen. Es wird auch nicht damit beginnen, dass sich die Zuschauer vom traditionellen linearen Fernsehen in Massen abwenden. Es wird damit beginnen, dass die linearen deutschen Sender für die attraktivsten Serien und Blockbuster keine Senderechte mehr bekommen.

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