Öffentlich-rechtlicher Rundfunk:

„Dieses Angebot wird keinen Cent mehr kosten“

von am 13.10.2014 in Archiv, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

<h4>Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: </h4>„Dieses Angebot wird keinen Cent mehr kosten“
Peter Boudgoust, Intendant des Südwestrundfunks

Jugendangebot von ARD und ZDF soll jederzeit auf allen Endgeräten abrufbar sein

13.10.14 Interview mit Peter Boudgoust, Intendant des SWR

Auf ihrer Konferenz im Oktober wollen die Ministerpräsidenten erneut über ein crossmediales Jugendangebot von ARD und ZDF entscheiden. Peter Boudgoust, Intendant des SWR und federführend innerhalb der ARD für einen solchen Jugendkanal, zeigt sich optimistisch, dass beim dritten Anlauf die Beauftragung erfolgen wird: „Ich kenne niemanden, der den Kinderkanal von ARD und ZDF nicht gut und wichtig findet. Das wird mit dem Jugendangebot in ein paar Jahren auch so sein. Und es wäre natürlich auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk enorm wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass die Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder das nicht anders bewerten können.“ Boudgoust bekräftigte in dem Gespräch, dass „dieses Angebot den Beitragszahler keinen Cent mehr kostet.“

medienpolitik.net: Herr Boudgoust, Im Oktober wollen die Länder über die Beauftragung eines gemeinsamen crossmedialen Jugendangebotes von ARD und ZDF entscheiden. Wie sehen Sie Chancen, dass es zu einer Beauftragung kommt?

Peter Boudgoust: Ich bin nach wie vor zuversichtlich, denn wir haben mit dem geplanten crossmedialen Angebot die Chance, auf die veränderten Lebensgewohnheiten und die Mediennutzung junger Menschen zu reagieren und sie wieder besser mit öffentlich-rechtlichen Inhalten zu erreichen. Das geplante Angebot würde also einen wichtigen Beitrag zur individuellen Meinungsbildung leisten und wäre demokratiestiftend – wie es dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entspricht. Vor diesem Hintergrund ist ein solches Angebot für die junge Zielgruppe für die ganze Gesellschaft von Nutzen. Ich kenne niemanden, der den Kinderkanal von ARD und ZDF nicht gut und wichtig findet. Das wird mit dem Jugendangebot in ein paar Jahren auch so sein. Und es wäre natürlich auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk enorm wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass die Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder das nicht anders bewerten können.

medienpolitik.net: Den ersten Anlauf haben die Länder dazu im Dezember 2013 genommen. Inzwischen haben Sie EinsPlus weiterentwickelt, „DASDING“ ist ja schon crossmedial. Auch die Online-Seiten anderer Jugendwellen der ARD-Anstalten gehen diesen Weg. Braucht man noch ein gemeinsames crossmediales Jugendangebot?

Peter Boudgoust: Ein klares Ja. Denn was ARD und ZDF vorhaben, gibt es so eben noch nicht und geht weit über einen reinen TV-Kanal hinaus: Ein gemeinsam veranstaltetes, umfassendes Angebot speziell für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 29 Jahren, das jederzeit auf allen Endgeräten abrufbar ist – also auf Smartphone, Tablet und PC und im klassischen Fernsehen, eng verzahnt mit den jungen Radiowellen. Von den Erfahrungen bei „DASDING“ und anderen jungen Wellen der ARD profitieren wir jetzt natürlich in der Entwicklung des jungen Angebots sehr. Aber die jungen Wellen der Landesrundfunkanstalten sind regional ausgerichtet – so also auch die Videos, die sie jetzt schon produzieren und online stellen. Ein nationales Angebot braucht darüber hinaus aber auch junge fiktionale Angebote wie Filme, Serien oder auch längere TV-Dokuformate. Alle Themen natürlich so aufbereitet, dass es junge Menschen wirklich interessiert. Rund um die Uhr erreichbar, crossmedial, interaktiv und in öffentlich-rechtlicher Qualität.

Der ARD-Kanal EinsPlus ist als Wissens- und Servicekanal im Portfolio der öffentlich-rechtlichen Digitalprogramme beauftragt. Wir nutzen bestimmte Flächen im Programm als Experimentierplattform für junge TV-Formate, aber: Für ein durchgehend junges Programm ist eine neue rechtliche Beauftragung notwendig. Zurzeit wird das junge Programm also ständig „unterbrochen“. Unter diesen Bedingungen kann sich keine klare Senderidentität entwickeln, die nötig ist, damit junge Leute sich mit einem Angebot identifizieren. Die jungen Hörfunkwellen mit ihren Online-Auftritten sind das beste Beispiel dafür, dass ein klar positioniertes öffentlich-rechtliches Programm speziell für die junge Zielgruppe angenommen wird: Sie erreichen über sechs Millionen Hörer täglich. Dieses Potential, das vorhandene Know-how und die bestehenden Inhalte von insgesamt zehn Anstalten wollen wir bündeln und so auch den Bereich junges TV stärken.

medienpolitik.net: Wie wichtig ist dabei ein „Kanal“, also ein digitaler TV-Kanal?

Peter Boudgoust: Fernsehen gehört nach wie vor zum Alltag junger Menschen, deshalb ist der Ausspielweg des klassischen Fernsehens – gemeinsam mit Online und Radio – elementarer Bestandteil des Konzepts. Im Schnitt sieht ein 14- bis 29-Jähriger heute 128 Minuten pro Tag fern – vor 15 Jahren waren es 131 Minuten, also ein vergleichbares Niveau. Und noch nicht eingerechnet sind hier die lineare und die zeitversetzte TV-Nutzung via Smartphone, Tablet oder PC. Diesen wichtigen Ausspielweg eines TV-Kanals müssen wir also innerhalb des crossmedialen Konzepts bedienen. Viel mehr als auf die Verbreitungswege kommt es aber auf die Machart von Sendungen an: Sie müssen interaktiv und mit anderen Medien verknüpft sein – so, wie junge Menschen es erwarten. Das Angebot auf eine Onlineplattform zu beschränken, halten ARD und ZDF angesichts der Ergebnisse der Medienforschung für ausgeschlossen. Das Beispiel BBC3 und die darum geführten Diskussionen offenbaren, dass dieser Weg – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt – noch nicht einmal bei einer bereits etablierten Marke die gewünschte Relevanz erzeugt.

medienpolitik.net: Könnte und sollte man auch aus Kostengründen nicht darauf verzichten, schließlich müssen der SWR und andere Sender weiter sparen?

Peter Boudgoust: Ja, wir müssen sparen, und ARD und ZDF verfolgen ihre Sparziele gewissenhaft. Wir sparen aber nicht nach dem Rasenmäherprinzip, sondern überlegt und gemäß unserer strategischen Ziele. Im SWR zum Beispiel haben wir diesen Prozess über einen langen Zeitraum geplant, um uns auch gewissermaßen Handlungsspielraum für wichtige Zukunftsaufgaben zu „ersparen“. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine gesellschaftliche Funktion für alle Altersgruppen langfristig erfüllen soll, dann darf er die Zuschauer, Hörer und Nutzer von morgen nicht vernachlässigen, also: die junge Zielgruppe. Diese über die Hauptprogramme zu erreichen, ist nur bedingt möglich. Jugendliche und junge Erwachsene sehen hier zwar Events und Highlights wie große Sportereignisse, „Tatort“ oder die „heute-show“. Aber junge Menschen möchten sich abgrenzen und sind auf der Suche nach ihrer eigenen Identität. Das Programm, das die Eltern schauen, kommt deshalb eher selten in Frage. Um wirklich von der jungen Zielgruppe ernst genommen zu werden, müssen wir ihr ein eigenes mediales Zuhause bieten.

ARD und ZDF haben daher einen Vorschlag gemacht, der ein gutes Programm für die junge Zielgruppe ermöglicht – und den Beitragszahler trotzdem keinen Cent mehr kostet. Denn ARD und ZDF möchten die drei Digitalkanäle Einsfestival, EinsPlus und ZDFkultur einstellen und die frei werdenden Mittel für das neue crossmediale Jugendangebot nutzen. Wir wollen also nicht mehr, sondern straffen die Programmfamilien von ARD und ZDF. Die Finanzierung ist also kein Problem.

medienpolitik.net: Die Online-Seite von EinsPlus ist sehr modern und voll auf die junge Zielgruppe ausgerichtet. Inwieweit finden sich hier auch Inhalte, die nicht aus aktuellen TV-Programmen der ARD stammen?

Peter Boudgoust: „EinsPlus.de“ bildet als Online-Plattform des Digitalkanals EinsPlus zum einen dessen Programm ab – die User können hier Filme und Beiträge online abrufen, teils auch „online first“, also schon mit einem gewissen zeitlichen Vorsprung zur linearen Ausstrahlung. Aber natürlich finden die User über das reine Video-on-demand-Angebot hinaus auch ergänzende und vertiefende Informationen zu den Sendungen. Die User erwarten vom Besuch auf EinsPlus.de schließlich keinen einfachen Spiegel des Programms, sondern auch einen Mehrwert. Ein aktuelles Beispiel: Während des SWR3 New Pop Festivals, das ja in EinsPlus live übertragen wurde, haben junge Reporter in einem Blog live vom Veranstaltungsort berichtet. Also genau das passende Kommunikationsinstrument für die Zielgruppe. Zusätzlich haben wir zahlreiche Videos kleinerer Konzerte online gestellt, die so nicht alle im Fernsehen zu sehen waren – also „web-only“.

medienpolitik.net: Würde diese Seite ohne eine Sieben-Tage-Frist für Mediatheken anders aussehen?

Peter Boudgoust: Zunächst einmal ist die so genannte Sieben-Tage-Frist nur die staatsvertragliche Grundregel, welche dann individuell durch die jeweiligen Telemedienkonzepte für unsere Angebote konkretisiert wird. In diesen Konzepten werden für die einzelnen Sendungs- und Inhaltstypen individuelle Verweildauern zwischen sieben Tagen und einer unbegrenzten Ausspielung festgelegt. Diese festgelegten Verweildauern beschränken die Verfügbarkeit der Inhalte für die Nutzer natürlich in einem nicht unerheblichen Maße. Gerade bei Inhalten, für die wir zeitlich und inhaltlich unbeschränkte Rechte besitzen, können wir so natürlich nur schwer ihr volles Potential an Reichweite nutzen. Es geht jedoch nicht nur um die zeitliche, sondern auch um die inhaltliche Beschränkung: Blockbuster und Serienproduktionen aus Amerika sind zum Beispiel ein extrem wichtiges Thema für die junge Zielgruppe – doch diese dürfen wir leider nicht online anbieten, selbst wenn wir die lizenzrechtliche Möglichkeit dazu haben. Angekaufte fiktionale Produktionen dürfen wir nach den Telemedienkonzepten online nicht anbieten. Also: Ja, die gesetzlichen Vorgaben prägen natürlich die Webseite, und eine Änderung der zeitlichen und inhaltlichen Beschränkungen hätte auf die Online-Angebote somit einen entscheidenden Einfluss.

medienpolitik.net: Die Videos von „DASDING“ zum Beispiel sind länger als sieben Tage auf der Online-Seite. Ist das nicht widersinnig: Bewegtbildangebote vom Fernsehen – sieben Tage, von der Online-Seite eines Radiosenders unbegrenzt?

Peter Boudgoust: Wie lange Bewegtbilder online stehen, richtet sich nach dem Rundfunkänderungsstaatsvertrag und dem Telemedienkonzept der einzelnen Angebote, das wir erstellen müssen. Diese Fristen sind natürlich nur der Rahmen, in dem die Videos online stehen dürfen. Beispielsweise kann es im Nachrichtenbereich oder im Bereich der Wissenschaft aber auch Sinn machen, einen Inhalt früher als vorgeschrieben zu entfernen, wenn er nicht mehr aktuell ist. Je nachdem, wie Inhalte von der jeweiligen Redaktion eingestuft werden, kann die Verweildauer also unterschiedlich ausfallen. Bei einem tagesaktuellen Radiosender erscheinen Themen natürlich immer wieder aufs Neue im Programm. Im Radio werden auch öfter Konzertausschnitte gespielt, wodurch auch die sendungsbegleitenden Beiträge auf der Homepage länger online stehen können. Dazu kommt aber auch eine vertragliche Komponente, beispielsweise mit den Künstlern, die konkrete Verweildauern für die einzelnen Portale notwendig macht. Das macht es uns oft schwer, Videos in dem Umfang online anzubieten, wie wir das insbesondere für unsere jüngeren Nutzer gerne würden.

medienpolitik.net: Wie ist die Resonanz auf www.Einsplus.de, wie ist die Nutzung?

Peter Boudgoust: Die Resonanz auf EinsPlus.de ist generell sehr gut, auch wenn eine präzise Auswertung der Webseite aus technischen Gründen momentan leider nur unvollständig möglich ist. Auch zur Nutzung von Online-Videos, liegen derzeit noch keine validen Daten vor, da die Aufrufe bei unterschiedlichen Plattformen mit jeweils eigenen Erhebungsmethoden gemessen werden. Vergleichbare Daten erwarten wir von der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) nicht vor Ende des Jahres. Aber die sozialen Netzwerke sind natürlich auch aussagekräftige Feedbackinstrumente: EinsPlus hat inzwischen über 60.000 Facebook-Fans. Davon sind fast 80 Prozent unter 35 Jahre alt. Das stimmt mich zuversichtlich, dass wir die richtige Zielgruppe ansprechen. Gerade bei Programmhighlights wie den Musikfestivals können wir im Vergleich der vergangenen Jahre eine deutliche Steigerung der Nutzung verzeichnen. Das stellen wir auch anhand der Reaktionen fest, die uns über unsere Social-Media-Kanäle erreichen – die Kommentare sind durchweg positiv.

medienpolitik.net: Wie hat sich Ihr E-Lab entwickelt?

Peter Boudgoust: Unsere Erwartungen sind mehr als übertroffen worden: Das „E“ steht ja für Entwicklung, und die jungen Kolleginnen und Kollegen haben in diesem modernen TV-Studio großartige Entwicklungen vorangetrieben. Wir haben mit dem E-Lab für junge Menschen aus Radio- und TV-Redaktionen sowie aus der Technik einen Raum geschaffen, in dem sie die Rahmenbedingungen finden, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Das junge Team arbeitet vom ersten Moment der Produktion an konsequent crossmedial, Redaktion und Technik Seite an Seite. Die Mediengestalter sind Allrounder in Kamera, Ton und Schnitt, was Absprachen erleichtert. Mit dem E-Lab nutzen wir also die Möglichkeit, neben neuen Formaten und Talenten auch neue, smarte, effiziente Produktionswege zu testen. Das spart natürlich auch Geld.

medienpolitik.net: Was entsteht heute hier vor allem?

Peter Boudgoust: Wir produzieren im E-Lab wöchentlich das Musikmagazin „Beatzz“ und das junge Magazin „DASDING.tv“. Dazu kommen außerdem regelmäßig Künstlerinterviews und kleine Konzerte, die aufgezeichnet und für die unterschiedlichen Ausspielwege bereitgestellt werden: eben nicht nur für das Fernsehprogramm in EinsPlus, sondern auch für die Radioangebote von SWR3 oder „DASDING“ und deren erfolgreiche Web-Angebote, als Video oder Audio. Dazu kommen Sonderevents im Programm wie zum Beispiel Livesendungen des Talk- und Reportagemagazins „Klub Konkret“. Ganz wichtig ist, dass uns das E-Lab die Möglichkeit gibt, neben dem Regelbetrieb unkompliziert neue Formatideen zu testen und kreative Ideen umzusetzen.

medienpolitik.net: Wie hoch ist in etwa der Anteil des vom SWR produzierten TV-Programms für die junge Zielgruppe?

Peter Boudgoust: Wir haben die Junge Primetime in EinsPlus inzwischen auf rund 16 Stunden täglich erweitert – diese gestalten wir mit SWR-Produktionen, aber auch mit Sendungen anderer ARD-Anstalten, die sich an junges Publikum richten. Auch zielgruppengerechte Filme und Serien aus der ARD finden hier ihren Platz. In einer normalen Sendewoche machen die jungen Formate, die redaktionell vom SWR verantwortet werden, etwa die Hälfte des Gesamtprogramms in EinsPlus aus.

medienpolitik.net: Ich vermisse auf www.EinsPlus.de ein eigenständiges Informations- und Nachrichtenangebot, man kann nur auf tagesschau.de klicken. Kann es ein öffentlich-rechtliches Jugendangebot ohne eigene Nachrichten, ohne politische Information geben?

Peter Boudgoust: Zu einem öffentlich-rechtlichen Jugendangebot gehört selbstverständlich ein Newsangebot, das junge Menschen mit aktuellen, relevanten Informationen versorgt. Das ist im Konzept auch so vorgesehen. Man darf EinsPlus nicht mit dem geplanten crossmedialen Jugendangebot verwechseln oder vergleichen. So lange ARD und ZDF keine Beauftragung haben, sind uns beim Umfang der Angebote für die junge Zielgruppe schlichtweg die Hände gebunden. Dass ARD und ZDF aber das Know-how besitzen, Nachrichten für junge Leute spannend aufzubereiten, zeigen beispielsweise die Newsangebote der jungen Radiowellen. „DASDING“ und SWR3 sind zum Beispiel für die crossmedialen „News for Natives“ letztes Jahr mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet worden.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 10/2014 erstveröffentlicht.

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