Öffentlich-rechtlicher Rundfunk:

„Wir versuchen so objektiv wie möglich zu berichten“

von am 15.10.2014 in Archiv, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

<h4>Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: </h4>„Wir versuchen so objektiv wie möglich zu berichten“
Dr. Peter Frey, ZDF-Chefredakteur I Foto: © Carmen Sauerbrei

ZDF-Berichterstattung aus Krisengebieten wirkt auf Innenpolitik zurück

15.10.14 Interview mit Dr. Peter Frey, ZDF-Chefredakteur

In einem Interview mit medienpolitik.net zur aktuellen Krisenberichterstattung des ZDF räumt Chefredakteur Dr. Peter Frey ein, dass er sich an keine vergleichbare Lage erinnere, in der er sich als Chefredakteur um das Leben seiner Berichterstatter und Teams so viele Gedanken machen musste wie gegenwärtig. Zugleich weist Frey den vor allem in Blogs geäußerten Vorwurf einer einseitigen Berichterstattung über die Ost-Ukraine zurück: „Ich glaube, dass wir als deutsches Fernsehen die Grundfragen dieses Konfliktes so objektiv wie möglich beantworten: was passiert hier, welche Städte werden eingenommen, wer schießt aus welcher Richtung, welche politischen Strömungen stecken dahinter? Wenn ein Reporter das nicht so genau weiß, muss er das auch bekennen. Denn es besteht schon die Gefahr, dass sich auch die westlichen Medien im Russland/Ukraine-Konflikt ‚gebrauchen‘ lassen oder wir durch Desinformation missbraucht werden.“

medienpolitik.net: Herr Frey, Leser von Tageszeitungen haben in den letzten Wochen ihre Abonnements gekündigt, weil sie mit der Berichterstattung über den Nahen Osten und den Ukrainekonflikt nicht zufrieden waren. Welche Reaktionen der Zuschauer zur Berichterstattung aus den aktuellen Krisengebieten erreichen Sie?

Peter Frey: Im Grunde sind es zwei: Erstens wird die Verbindung der Zuschauer zu unseren Nachrichtensendungen noch intensiver. Die drei Krisen des Sommers im Nahen Osten, in der Ukraine und im Nordirak haben die Zuschauer sehr interessiert, „heute“ und „heute journal“ profitieren davon. Zweitens registrieren wir sehr genau die Meinungen unserer Zuschauer. Wir sind als Referenzpunkt für die seriöse Vermittlung des Nachrichtengeschehens noch wichtiger geworden, auch weil mit allen drei Krisen innenpolitische Fragestellungen verbunden sind. Das ist neu. Wir haben die Demonstrationen rund um die Bombardierung von Gaza erlebt, auch die antisemitischen Zwischenfälle. Wir erleben, wie die Frage des Umgangs mit Russland in der Innenpolitik polarisierend ist. Und natürlich markieren die Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak eine Wende der außenpolitischen Tradition der Bundesrepublik, über die ebenfalls diskutiert worden ist.

medienpolitik.net: Wie ist die Reaktion der „heute“-Zuschauer auf Ihre Berichterstattung?

Peter Frey: Wir verzeichnen keinen beachtlichen Ausschlag an kritischen Rückmeldungen z.B. in unserer Zuschauerredaktion, aber es gibt Nachfragen zu einzelnen Beiträgen. Vieles kommt immer noch auf ganz konventionellem Weg per Brief bei uns an, vieles aber natürlich auch über die sozialen Netzwerke. Dabei werden wir in Einzelfällen auch darauf aufmerksam gemacht, dass die Berichterstattung nicht hundertprozentig exakt war. Wir hatten zum Beispiel ein Problem mit der Übersetzung eines O-Tones, wo der Korrespondent eine Passage übernommen hatte, die nicht so übersetzt wurde, wie sie im Russischen gesagt worden war. Es stellte sich heraus, dass das, was übersetzt wurde, im Interview vorkam, aber nicht an der Stelle, die dann im Programm zu hören war. Also: die Zuschauer hören und sehen genau hin und sie teilen uns oft sehr unverblümt mit, womit sie nicht einverstanden sind.

medienpolitik.net: Beantworten Sie Kritik und Fragen der Hörer direkt?

Peter Frey: Selbstverständlich. Der Aufwand für die Beantwortung von Zuschaueranfragen, ist sehr viel größer geworden als früher. Dass das ZDF, wie auch alle anderen Medien, per E-Mail und Social Media erreicht werden kann, hat die Hürde für Kritik wesentlich gesenkt, gelegentlich übrigens in einem Ton, den man kaum akzeptieren kann. Die Redaktionen überprüfen bei entsprechenden Hinweisen die Berichterstattung, sprechen gegebenenfalls auch mit dem Korrespondenten, sehen sich noch einmal die Texte unserer Moderatoren an. Sie machen mir dann einen Antwortvorschlag oder antworten direkt. Die Regel gilt: alles was beim ZDF ankommt, wird auch beantwortet, außer es ist beleidigend oder menschenverachtend.

medienpolitik.net: Diese Krisen bedeuten für die Korrespondenten vor Ort große Risiken. Wo ziehen Sie die Grenze?

Peter Frey: Die Belastung, unter denen die Redaktionen stehen, ist in diesen Tagen sehr groß. Ich erinnere mich an keine vergleichbare Lage, in der ich mir als Chefredakteur um das Leben meiner Berichterstatter und Teams so viele Gedanken machen musste wie gegenwärtig. Wir telefonieren zum Beispiel täglich mit unserer Reporterin Katrin Eigendorf, die für uns in der Ostukraine unterwegs ist. Unsere Reporter sind mit kleinen Sendern, sogenannten Trackern ausgestattet, die Funksignale ausstrahlen, sodass wir jederzeit nachvollziehen können, wo sie sich befinden. Ich habe schon nachts um halb vier Uhr mit dem deutschen Generalkonsul in Donezk gesprochen, weil ZDF-Reporter in einen Hinterhalt geraten waren und wir sie herausbekommen mussten. Auch im Nordirak muss jeden Tag neu ausgehandelt werden, wo das sichere Territorium der Kurden endet und wo die Einflusszone von IS beginnt. Wir sind ständig im Dilemma und müssen zwischen der Gesundheit und Sicherheit unserer Mitarbeiter und dem Informationsbedürfnis der Zuschauer entscheiden. Die Lageeinschätzung vor Ort ist das wichtigste Kriterium. Dann müssen wir in der Zentrale überlegen, ob Kollegen zu große Risiken auf sich nehmen, weil sie eine laufende Geschichte verständlicherweise weiter verfolgen wollen. Wir müssen entscheiden, ob die Reporter zurückgezogen werden oder wir das Risiko weiter eingehen. Ich oder mein Stellvertreter sprechen oft mehrmals am Tag mit den Chefs vom Dienst und natürlich auch mit den Leitern der wichtigsten Redaktionen über die Situation und die Auswirkungen aufs Programm.

medienpolitik.net: Erwächst aus der unmittelbaren Reflexion zur Innenpolitik eine noch größere Verantwortung für die Korrespondenten?

Peter Frey: Die Verantwortung war schon immer da, auch als wir vor 40 Jahren über den Vietnamkrieg berichtet haben oder Anfang der Neunziger Jahre über den Golfkrieg. Aber das Neue ist die unmittelbare Reaktion ins Haus hinein, die Diskussion über einzelne Beiträge und Sendungen in den sozialen Medien. Die Öffentlichkeit ist breiter geworden, man reagiert mitunter innerhalb von Minuten bei Twitter, bei Facebook oder in Online-Communitys, die sich um bestimmte Sachverhalte gruppieren, auf unsere Beiträge. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Über die Zustände in mancher belagerten Stadt der Ostukraine wissen wir nur Bescheid, weil es mitten in den Kämpfen immer wieder Beobachter gegeben hat, die sich regelmäßig gemeldet und ihre Lageberichte abgegeben haben, ganz normale Bürgerinnen und Bürger, aber auch einheimische Journalisten, Ausländer. Es bedarf nun keiner langen Postwege und Telefonleitungen mehr, um ein authentisches Bild von den Konflikten zu bekommen. Es bedeutet aber auch: Noch mehr Quellen müssen überprüft werden.

medienpolitik.net: Wenn die Reflexion der Außenpolitik auf die Innenpolitik so groß ist und Bilder politische Reaktionen auslösen können, erhält das öffentlich-rechtliche Fernsehen damit eine staatstragende Funktion?

Peter Frey: Die Verbindung sehe ich offen gestanden gar nicht. Wir versuchen jedenfalls, so gut es geht, die Positionen der verschiedenen Seiten sehr differenziert darzustellen. Zum Beispiel in der Ostukraine achten wir darauf, dass unsere Reporter auf beiden Seiten der Grenze stationiert sind. Es ist auch wichtig, dass wir Einschätzungen nicht nur von der ukrainischen und westlichen Seite, einschließlich der Stellungnahmen der EU und der Bundesregierung, hören, sondern auch aus Moskau. Wenn Steinmeier als Außenminister in „Was nun…?“ im ZDF auftritt und sich den Fragen der Öffentlichkeit stellt, ist das doch kein Beleg für „Staatsfernsehen“, sondern Teil unseres Bemühens, Antworten zu finden.

medienpolitik.net: Aber die Macht Ihrer Bilder beeinflusst doch die Politik in diesen Wochen nachhaltig…

Peter Frey: Ja, sicher und dieser Verantwortung sind wir uns bewusst. Ich glaube, dass der Bruch mit einer seit Jahrzehnten außenpolitischen Tradition der Bundesrepublik, keine Waffen in Spannungsgebiete zu schicken, natürlich nur zustande gekommen ist, weil die Politik und die Öffentlichkeit die Bilder der flüchtenden Jesiden und der IS- Banden gesehen hat. IS hat die Bilder ja selber ins Netz gestellt. Wir aber haben die Propagandahinrichtungen und Enthauptungsinterviews bewusst nicht gezeigt, um die Menschenwürde der Opfer nicht zu verletzen. Bilder haben politische Rückwirkung, ja. Bestimmt die Politik die Bilder? Nein.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie angesichts dieser Krisen die Aufgabe der politischen Sendungen des ZDF?

Peter Frey: Die Aufgabe ist nicht neu, sie ist aber auch nicht einfach: das was passiert, möglichst objektiv und ohne Verzerrungen zu zeigen. Jeden Tag neu erklären, warum etwas passiert ist und dazu die historischen Einordnungen liefern. Das kann natürlich nicht jede Sendung in gleicher Weise. Deshalb gibt es auch unterschiedliche Nachrichtenformate. Während sich die „heute“ um einen akkuraten Überblick über die Lage an jedem einzelnen Tag bemüht, haben  das „heute-journal“ und die anderen nachrichtlichen Hintergrundmagazine auch die Funktion, durch Interviews mit Entscheidungsträgern und Experten das Meinungs-und Einordnungsspektrum in Deutschland und international abzubilden, mit all den Widersprüchen, die sich dabei ergeben. Damit hat der Zuschauer am Ende selbst die Chance, die Dinge zu beurteilen.

medienpolitik.net: Ist es nicht dennoch schwierig, wenn man mit deutschem Blick über die Konflikte berichtet, eine weitgehend objektive Berichterstattung zu sichern? Alle drei Konflikte sind doch in starkem Maß auch Propagandakriege…

Peter Frey: Objektivität hat auch immer etwas mit dem Auge des Betrachters zu tun. Das spürt man schon daran, wenn man deutsche Nachrichtensendungen und ihren Blickwinkel auf internationale Konflikte international vergleicht. Aus der Sicht der Polen, der Franzosen, der Engländer, der Amerikaner oder der Russen ergeben sich andere Perspektiven. Trotzdem glaube ich, dass wir als deutsches Fernsehen die Grundfragen dieses Konfliktes so objektiv wie möglich beantworten: was passiert hier, welche Städte werden eingenommen, wer schießt aus welcher Richtung, welche politischen Strömungen stecken dahinter? Wenn ein Reporter das nicht so genau weiß, muss er das auch bekennen. Denn es besteht schon die Gefahr, dass sich auch die westlichen Medien im Russland/Ukraine-Konflikt „gebrauchen“ lassen oder wir durch Desinformation missbraucht werden. Die russischen Medien werden in einer Weise propagandistisch genutzt, die wirklich  problematisch ist. Man sieht deutlich, dass die russischen Fernsehkanäle den Blick auf die Welt liefern, so wie Putin sie sehen will. Da Fernsehen das Leitmedium im großen Russland ist, liegt hier auch die Ursache für den Stimmungsumschwung zu seinen Gunsten. Beginnend mit der subversiven Übernahme der Krim von innen bis zur Ostukraine hat Putin seine Medien zur Herausbildung eines neuen russischen Selbstwertgefühls, das hart an Nationalismus grenzt, genutzt und die entsprechenden Bilder produziert, ich denke an die Flottenparade auf der Krim. Im Grunde ist es ein altes und oft bewährtes Schema: Herrscher greifen zu patriotischen Posen, wenn sie spüren, dass es eng wird für sie. Außenpolitische Muskelspiele haben in der Geschichte ja oft über innenpolitische Schwierigkeiten hinweg geholfen.

medienpolitik.net: Es kursieren aus diesen Krisengebieten tausende gefälschter Fotos, Video, Nachrichten. Wie schützen Sie sich davor?

Peter Frey: Wir überprüfen Material, das über die sozialen Medien oder über YouTube kommt, sehr gründlich, unsere Redakteure sind dafür auch geschult. Ohne dass ein Bild gesichtet und beurteilt ist, geht es auch nicht auf den Sender. Die Kollegen sind erfahren und würden auch bestimmte Einstellungen oder Szenerien wiedererkennen. Es ist in einem früheren Konflikt auch dem ZDF einmal passiert, dass wir in der Berichterstattung über die beginnende Auseinandersetzung in Syrien ein Bild eingeschnitten haben, das nachweislich aus einem Irak-Krieg stammte. Man muss also äußert vorsichtig sein und unter Entscheidungsdruck sagen: Geschwindigkeit ist nicht alles.

medienpolitik.net: Sollte man unter den Umständen nicht auf Social-Media Bilder aus diesen Gebieten verzichten?

Peter Frey: Man muss sie mit allergrößter Vorsicht nutzen. Ein Verzicht auf solche Bilder würde aber bedeuten, dass wir von bestimmten Krisenherden überhaupt nichts sehen. Dann würden wir unseren Zuschauern etwas vorenthalten. Ich denke dabei zum Beispiel an die Bilder aus den Gebieten, die inzwischen von IS kontrolliert werden wie die syrischen Stadt Raffa. Ich hätte es nicht verantworten können, einen unserer Korrespondenten oder nur ein Kamerateam, mit dem wir zusammenarbeiten, dorthin zu schicken. Aber es gibt auch bei solchen Quellen die Möglichkeit der Bildkontrolle.

medienpolitik.net: Sehen Sie die Gefahr, dass die Debatten um die Reaktion auf die neuen Krisen zu einer Art Spaltung unserer Gesellschaft führen, wie wir sie seit der Stationierung der Pershing-Raketen in der Bundesrepublik so nicht wieder erlebt haben?

Peter Frey: Soweit ist es wirklich nicht. Eine entsprechende Protestbewegung ist für mich nicht zu erkennen. Ich habe noch lebhaft in Erinnerung, als 1982/1983 Hunderttausende gegen den Doppelbeschluss, der zum Ende der Regierung von Helmut Schmidt und zum Wechsel der FDP zu Helmut Kohl geführt hat, im Bonner Hofgarten demonstrierten. So etwas deutet sich nicht einmal an. Unser Politbarometer weist aber darauf hin, dass sich die Bundesregierung mit dem Beschluss, den Kurden Waffen zu liefern, gegen die Mehrheit der Bevölkerung stellt. Die muss noch überzeugt werden. Ich nehme aber auch wahr, dass die Bevölkerung unter dem Eindruck dieser blutrünstigen Truppen und der Bedrohung, die sie für den Nahen Osten mitbringen, ins Nachdenken geraten ist. Noch etwas Neues kommt im Nahostkonflikt hinzu: in Deutschland leben heute Millionen von Menschen mit Migrationshintergrund, die einen anderen politisch-kulturellen und religiösen Hintergrund haben und für die die unbedingte Solidarität mit dem Staat Israel nicht so ein Grundbestandteil ihrer politischen Identität ist, wie für die Bürgerinnen und Bürger, die mit den Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg noch unmittelbar konfrontiert waren. Da ist ein Aufgabenfeld für die Bildungsinstitutionen, die Parteien, die Medien in unserem Land. Die politische Kultur hat sich in diesem Sommer geändert: so offen herausgebrüllte  antisemitische Parolen, und das noch unter Polizeischutz,  hat es im wiedervereinten Deutschland noch nicht gegeben. Ich bin darüber sehr erschrocken und meine, wir müssen erstens ohne Weichzeichner darüber berichten und zweitens genau fragen: woher kommt das, wer hat da gebrüllt? Frontal 21 hat eindrucksvoll darüber berichtet, wie Anti-Semitismus in der Mitte der Gesellschaft verankert ist. Wir müssen aber auch fragen: Gibt es eine Kultur bei den Migranten, die bei uns leben, die den Grundwerten der deutschen Nachkriegsgeschichte nicht entspricht? Dabei darf aber nicht aus dem Blick geraten, dass es auch Übergriffe auf islamische Einrichtungen, z.B. Brandanschläge auf Moscheen, gegeben hat. Übrigens polarisiert auch der Konflikt um die Ukraine innenpolitisch. Es ist hochinteressant, dass Anhänger von Links-Partei und AfD offenbar einen ähnlich positiven Blick auf Putin haben. Eine bis zur Polarisierung heterogene Öffentlichkeit mit Nachrichtensendungen zu bedienen, ist schwierig. Aber es bleibt unsere Aufgaben, die Informationen zu liefern, die alle, die in Deutschland leben, brauchen, um die Konflikte zu beurteilen. Das geht nur mit Differenzierung und Meinungsvielfalt, aber auch mit einem klaren Anker in den Grundwerten unserer nun wirklich hart erkämpften politischen Kultur.

medienpolitik.net: Hat die aktuelle politische Entwicklung auch Auswirkungen auf das ZDF? Auf Ihre Sendungen, Ihr politisches Portfolio?

Peter Frey: Die Ereignisse bringen unser Programmschema durcheinander, indem wir immer wieder Sondersendungen einschieben. Bei bestimmten Kulminationspunkten der Konflikte, ob es der Gaza-Konflikt war oder die Situation in der Ukraine, gab es Sondersendungen, die nicht nur Ereignisberichterstattung waren, sondern die zum Beispiel die geopolitische Situation genauer analysiert haben. Dazu gehörten die Berichte meines Kollegen Gert Anhalt in den ZDF-Spezialsendungen, in denen er sich mit dem Begriff Novorussia auseinandergesetzt und gezeigt hat, welchen historischen Hintergrund es gibt und welche Gebiete damit gemeint sind. Die Konflikte dominieren derzeit auch alle Sendungen. Hintergrundberichte zur Innenpolitik oder aus der Kultur waren in den letzten Wochen kaum unterzubringen. Auch Maybrit Illner befasst sich in ihrer Sendung überwiegend mit den Krisenherden. Die Struktur des ZDF an Informationsendungen ermöglicht eine große Flexibilität, eine schnelle Reaktion und bietet zugleich den Raum, Hintergründe zu erläutern. Hier sehe ich keinen grundsätzlichen Änderungsbedarf.

medienpolitik.net: Sie haben ZDFneo, ZDFinfo, die anders profiliert sind und weniger aktuell reagieren. Kann man in einem dieser beiden Kanäle auch aktuell informieren, um in den anderen Formaten mehr Platz für weitere Themen zu haben? ZDFinfo ist zwar ein Dokumentationskanal, aber muss er das angesichts der Krisen bleiben?

Peter Frey: Da gibt es ja eine medienpolitisch vereinbarte Aufgabenteilung: die ARD hat mit Tagesschau 24 einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal, das ZDF mit ZDFinfo ein Dokumentationsprogramm. Die Kollegen reagieren auf ihre Weise auf die aktuellen Krisen, indem sie die Auswahl ihrer Dokumentationsstrecken wesentlich an aktuellen Themen orientieren. Damit sind wir erfolgreich. ZDFinfo hat im August 2014 mit einem Prozent Marktanteil im Gesamtmarkt den besten Monat seit seinem Bestehen erreicht. Hier liefen zum Beispiel lange Strecken über die Geschichte Russlands. Das interessiert die Zuschauer enorm. Wir haben uns auch, sofern das Dokumentationsmaterial verfügbar war, mit der Geschichte des Nahen Ostens, Israels und der Palästinenser auseinandergesetzt. ZDFinfo hat erfolgreich seine Nische im Dokumentationsprogramm gefunden. Das noch zu verstärken, wünschen wir uns ist, ist aber auch eine Frage der Mittel, die dafür zur Verfügung stehen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 10/2014 erstveröffentlicht.

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