Rundfunk:

„Die Bundespolitik schürt unrealistische Erwartungen“

von am 09.10.2014 in Archiv, Digitale Medien, Netzpolitik, Regulierung, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„Die Bundespolitik schürt unrealistische Erwartungen“
Holger Meinzer, Michael Moskob, Media Broadcast

Media Broadcast hält vollständigen DVB-T2-Umstieg 2019 für realistisch

09.10.14 Interview mit Michael Moskob, Leiter Regulierung und Public Affairs, Media Broadcast und
Holger Meinzer, Leiter Business Unit TV, Media Broadcast

Der Rundfunknetzbetreiber Media Broadcast  plant den Aufbau einer digital-terrestrischen TV-Plattform im DVB-T2-Standard, die es Programmveranstaltern ermöglichen soll, mehr Sender und diese auch in High-Definition-Qualität (HD) auszustrahlen. Der Testbetrieb soll in Kürze starten. Ebenso wie die ProSiebenSat.1-Gruppe strebt jetzt auch RTL Deutschland eine Verbreitung ihrer HD-Programme über diese Plattform im DVB-T2 Standard an. Die öffentlich-rechtlichen Sender hatten sich bereits im Herbst 2013 für einen Wechsel auf DVB-T2 ausgesprochen.

medienpolitik.net: Die Bundesländer haben sich für eine Weiterführung der digitalen terrestrischen Verbreitung mit DVB-T2 ausgesprochen. Welchen Vorteil hat der Kunde davon?

Holger Meinzer: Ganz einfach: die TV-Zuschauer in Deutschland bekommen besseres terrestrisches Fernsehen. Nämlich mehr Vielfalt mit mehr Programmen, und das auch in HD-Qualität. Ergänzt wird dies um die HybridTV-Plattform „multithek“ von Media Broadcast, die On demand- und Streaming-Content bereitstellt. DVB-T2 bleibt dabei die einfachste, bequemste und eine der kostengünstigsten, wenn nicht die kostengünstigste Art, Fernsehen zu schauen.

medienpolitik.net: Aber der Kunde kann die „alte“ DVB-T Technik nicht weiter nutzen?

Holger Meinzer: Für eine gewisse Übergangszeit schon, aber irgendwann wird dann komplett auf den neuen Standard umgestellt. Es soll eine Simulcast-Phase geben, in der parallel über DVB-T und DVB-T2 ausgestrahlt wird. Bis zur Abschaltung des „alten“ DVB-T haben Terrestrik-Zuschauer dann Zeit, sich neue Empfänger anzuschaffen. Das ist wegen des zukünftig verwendeten HEVC-Kompressionsstandards leider erforderlich. Offen und aktuell Gegenstand von Diskussionen mit allen Markteilnehmern unter Koordination der Medienanstalten ist, wie lang die Simulcast-Phase sein kann. Das wiederum hängt auch davon ab, wie schnell die Bundesregierung die Räumung des bisher verwendeten Frequenzbandes fordert. Aus unserer Sicht sollte es eine angemessen lange Übergangszeit geben, alles andere wäre wenig zuschauerfreundlich. Wir vertrauen aber darauf, dass die Bundespolitik entsprechend der klaren Festlegungen im Koalitionsvertrag einen geordneten und verbraucherfreundlichen Übergang zu DVB-T2 gewährleistet.

medienpolitik.net: Mit welchem Aufwand ist die Umrüstung der Sendetechnik von DVB-T auf DVB-T2 verbunden?

Michael Moskob: Der Aufwand ist erheblich und technisch wie organisatorisch sehr herausfordernd. Für den bundesweiten Umstieg auf DVB-T2 müssen alle DVB-T-Senderstandorte umgebaut werden – zwar schrittweise, aber teilweise im laufenden Betrieb. Darüber hinaus besteht die besondere Herausforderung darin, dass angesichts der künftigen Räumung des sog. 700 MHz-Frequenzbandes zugunsten mobiler Breitbanddienste gegenwärtig das konkrete Ziel einer technischen Umstellung völlig unklar ist: auf welche konkreten Kanäle kann der Rundfunk im verbleibenden Spektrum ausweichen? Die Bundesnetzagentur unternimmt hier aktuell entsprechende Untersuchungen auch mit dem benachbarten Ausland. Auf deren Ergebnisse warten wir gespannt.

medienpolitik.net: Wer trägt die Kosten dafür?

Michael Moskob: Dazu haben wir eine ganz klare Haltung. Die Kosten, die durch die Räumung des 700-MHz-Frequenzbandes entstehen sind vom Bund zu tragen. Wir können angesichts der Größenordnung der Umstellungsarbeiten überhaupt erst mit den Umbaumaßnahmen anfangen, wenn die entsprechen finanziellen Mittel verfügbar sind.

medienpolitik.net: Sie haben bereits eine Rahmenvereinbarung für eine DVB-T2-Plattform mit RTL unterzeichnet. Existieren ähnliche Vereinbarungen auch mit anderen Sendern/Sendergruppen?

Holger Meinzer: Die öffentlich-rechtlichen Sender haben sich klar für den Umstieg auf DVB-T2 ab 2017 ausgesprochen. Mit allen anderen sind wir in konstruktiven Gesprächen.

medienpolitik.net: Nach welchem Zeitplan sollte der Umstieg Ihrer Meinung nach erfolgen?

Holger Meinzer: Der Aufbau der neuen DVB-T2-Plattform soll ab dem Frühjahr 2016 beginnen. Wir können es schaffen, im Jahr 2016 auf dieser Plattform mit privaten und gegebenenfalls auch einigen öffentlich-rechtlichen Programmen an den Start zu gehen. Die öffentlich-rechtlichen Anbieter wollen in 2017 mit der Umstellung auf DVB-T2-Plattform starten. Mitte 2019 soll die Migration vollständig abgeschlossen sein. Technisch gesprochen: Bis 2016 werden etwa  20 Prozent der Sendeanlagen umgestellt – die übrigen bis 2019. Das alles setzt voraus, dass Politik und Regulierer schnell die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Da bin ich aber guten Mutes.

medienpolitik.net: Verkehrs- und Digitalminister Alexander Dobrindt hat jüngst erklärt, dass bereits ab 2017 erste Frequenzen des 700 MHz-Bandes für Breitbanddienste nutzbar sein sollen und damit der Umstieg bereits bis 2016 erfolgen müsste. Ist das realistisch und sinnvoll?

Michael Moskob: Ich sage ganz klar: wir unterstützen die Ziele der Digitalen Agenda der Bundesregierung. Der Breitbandausbau ist notwendig und richtig, insbesondere im ländlichen Raum. Einen Teil in entlegenen Gebieten wird man über LTE versorgen können. Aber mobiles Breitband ist sicher nicht das Allheilmittel, als das es oft dargestellt wird. Und der Breitbandausbau steht und fällt nicht mit der übereilten Umwidmung des 700 MHz-Bandes. Die Bundespolitik schürt bezüglich der Geschwindigkeit und des Zeitpunkts der Umstellung auf DVB-T2 Erwartungen, die technische Gegebenheiten und die Komplexität des Umstellungsprozesses außer Acht lassen und daher wenig realistisch sind. Ein übereilter Frequenzentzug würde die Akzeptanz und damit die Zukunft des Verbreitungsweges insgesamt gefährden. Das will niemand, nicht zuletzt im Interesse der 4 Millionen Haushalte, die über DVB-T fernsehen.

medienpolitik.net: Aber auch die EU drückt hier auf das Tempo…

Michael Moskob: Im Gegenteil: Auf europäischer Ebene wird deutlich weniger Druck ausgeübt! Am 1. September hat die europäische High Level Group unter der Leitung von Pascal Lamy einen Bericht an die Europäische Kommission veröffentlicht. Darin wird ein flexibler Übergangszeitraum bis 2020 – plus/minus zwei Jahre – empfohlen. Umso mehr ist fraglich, warum auf bundespolitischer Seite dermaßen viel zeitlicher Druck aufgebaut werden muss. Die zu erwartenden Erlöse aus der Versteigerung des 700-MHz-Bandes allein rechtfertigen das jedenfalls nicht. Die werden in den Dimensionen des Breitbandausbaus eher ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Es wäre daher wünschenswert, wenn die Empfehlung des Lamy-Berichts auch in der deutschen Politik Berücksichtigung fände.

medienpolitik.net: Es ist im Gespräch, dass die HD-Programme der privaten Sender über DVB-T2 verschlüsselt werden. Ist das technisch problemlos möglich?

Holger Meinzer: Technisch ist das kein Problem. Uns ist natürlich bewusst, dass dies für die Terrestrik ein gewichtiger Schritt ist. Allerdings ist es die grundsätzliche Strategie der privaten Programmveranstalter, HD-Programme nur verschlüsselt zur Verfügung zu stellen – und HD ist der wesentliche Treiber der erfolgreichen Attraktivitätssteigerung von DVB-T. Wichtig ist, dass die digitale Terrestrik der kostengünstigste Verbreitungsweg bleibt. In Sachen Einfachheit, Bedienerfreundlichkeit, Zuverlässigkeit und mobiler Nutzung ist die Terrestrik den anderen Empfangswegen ohnehin überlegen.

medienpolitik.net: Sie fordern von der Politik verlässliche Rahmenbedingungen. Was heißt das konkret?

Michael Moskob: Wenn die Länder auf der Ministerpräsidentenkonferenz im Oktober die Voraussetzungen für eine bundesweite Versorgung mit privaten Programmen über eine DVB-T2-Plattform schaffen, sind wir einen großen Schritt weiter. Wir begrüßen es sehr, dass Länder und Landesmedienanstalten die notwendigen Prozesse geschlossen und konstruktiv vorantreiben. Abgesehen davon gibt es drei Punkte: Dass es erstens einer verbindliche Zusage der Übernahme der Umstellungskosten bedarf, habe ich bereits erwähnt. Zweitens: Das 700 MHz-Frequenzband muss bis zum Abschluss der Umstellung auf DVB-T2 für die Nutzung durch den Rundfunk erhalten bleiben. So ist es im Koalitionsvertrag festgehalten. Und drittens muss es eine verbindliche Zusage der Verfügbarkeit des restlichen UHF-Bandes für die Rundfunkverbreitung bis 2030 geben, so wie es der Lamy-Bericht empfiehlt. Ohne diese Rahmenbedingungen kann es meiner Ansicht nach keine Digitale Dividende II geben.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 10/2014 erstveröffentlicht.

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