Verlage:

„Ich blicke zuversichtlich in die Zukunft“

von am 29.10.2014 in Archiv, Verlage

<h4>Verlage: </h4>„Ich blicke zuversichtlich in die Zukunft“
Dr. Rainer Esser, Geschäftsführer Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG

„Die Zeit“ will weiterhin keine Paywall einführen

29.10.14 Interview mit Dr. Rainer Esser, Geschäftsführer Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG

Mit 1,62 Mio. Lesern liegt „Die Zeit“ mit großem Abstand vor den Sonntagszeitungen „Welt am Sonntag“ (0,99 Mio. Leser) und „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (0,78 Mio. Leser). „Zeit Wissen“,  das Wissenschaftsmagazin des Zeitverlags, verkaufte im zweiten Quartal durchschnittlich 99.465 Exemplare von jeder Ausgabe und damit 6.054 Exemplare (+6,5 Prozent) mehr als im Vorjahresquartal. „Zeit Leo“, das Kindermagazin der „Zeit“-Verlagsgruppe, erzielte einen großen Reichweitengewinn in der KidsVerbraucherAnalyse 2014. Im Vergleich zum Vorjahr gewann „Zeit Leo“ 31.000 Leser hinzu (+25,83 Prozent) und überholte damit die Kinderzeitschrift „Dein Spiegel“. Darüber hinaus gründete Tempus Corporate unter dem Namen „Edition Speersort“ eine eigene Sparte für Corporate Books. Das sind einige Meldungen aus den vergangenen Wochen über die Aktivitäten des Zeitverlags, die die Strategie des Hamburger Verlagshauses, das zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehört, illustrieren.

medienpolitik.net: Herr Esser, bei den Verlagen  existieren gegenwärtig zwei Strömungen: Die Optimisten, die davon ausgehen, dass die Zeitungen von den digitalen Veränderungen profitieren und die Pessimisten, dass es nicht gelingt, Qualitätsjournalismus aus Zeitungsverlagen auch in der digitalen Welt zu sichern. Sie gehören angesichts der Erfolge des „Zeit“-Verlages sicher zu den Optimisten. Beschleicht nicht auch Sie manchmal ein leichter Zweifel?

Rainer Esser: Nein. Wie Sie ganz richtig vermuten, blicke ich zuversichtlich in die Zukunft. Natürlich ist es richtig, dass die Digitalisierung unsere Branche vor  Herausforderungen stellt, aber ebenso zahlreich sind doch auch die neuen Möglichkeiten, die sich uns eröffnen! Diese Chancen müssen gesehen und kreativ genutzt werden. Dafür haben wir bei der „Zeit“ Leute mit innovativen Ideen, durch die hier im Haus in den vergangenen Jahren viel Neues entstanden ist: Wir machen nicht nur redaktionell mit der „Zeit“, „Zeit“-Online und unseren Magazinen immer neue Angebote, wir bieten auch Nachhilfe-Vermittlung, Angebote für Abiturienten wie den Studium-Interessentest oder das Hochschulranking, Veranstaltungen und Konferenzen, wir haben das Karrierenetzwerk e-Fellows, einen Online-Stellenmarkt und das Weiterbildungsprogramm der „Zeit“ Akademie. Wir haben uns von einem Zeitungshaus zu einer Medienmarke gewandelt, unter deren Dach wir unsere Geschäfte Print und Online erfolgreich und in sehr guter Zusammenarbeit betreiben.

medienpolitik.net: Wie lässt sich auch in der digitalen Welt Qualitätsjournalismus finanzieren?

Rainer Esser: Qualitätsjournalismus, dass also glaubwürdige Journalisten ihre Leserinnen und Leser über unsere Gesellschaft informieren, sie überraschen und erfreuen –  dieser Journalismus ist nicht an Papier gebunden. Es gibt wunderbare neue Plattformen und Vertriebswege, beispielsweise Tablet und Smartphone. Und dabei sparen wir auch noch: denn Herstellung, Logistik, Vertrieb – in der digitalen Welt kosten diese Prozesse deutlich weniger Zeit und Geld. Darüber hinaus gibt es viele Menschen, die Nachrichten auf Papier weiterhin lieben.

medienpolitik.net: Der Geschäftsführer der „taz“ Karl-Heinz Ruch hält das klassische Finanzierungmodell von Zeitungen – vor allem über Werbung nicht auf Online zu übertragen und glaubt, dass Qualitätsjournalismus künftig vor allem durch Spenden, Stiftungen oder den direkten Verkauf der journalistischen Produkte finanziert werden muss. Also im Kern das Genossenschaftsmodell als Zukunftsmodell der Zeitung. Wann werden sie das Genossenschaftsmodell für die „Zeit“ einführen?

Rainer Esser: Wir brauchen und wollen kein Genossenschaftsmodell. Wir werden auch in Zukunft überraschende, intelligente und unterhaltsame Inhalte liefern und unseren Lesern und Kunden passende Angebote machen, die sie überzeugen, dass es sich lohnt, dafür Geld auszugeben.

medienpolitik.net: Die „Zeit“ hat mit 1,6 Mio. Leser die größte Reichweite aller Qualitätszeitungen. Wie abhängig sind Sie noch von Anzeigen?

Rainer Esser: Werbekunden sind für uns natürlich auch weiterhin ungemein wichtig, schließlich finanzieren sie unser Blatt mit. Und umgekehrt ist Qualitätsjournalismus für Werbende der beste Weg, qualitativ interessante Zielgruppen zu erreichen.

medienpolitik.net: Existiert noch ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Reichweite und Anzeigenumsatz oder spielen heute die „Qualität“ der Leser und das Image des Produktes eine zunehmend größere Rolle?

Rainer Esser: Die Reichweite spielt in der Anzeigenvermarktung nach wie vor eine wichtige Rolle. Deshalb freuen wir uns sehr über unsere Position als reichweitenstärkste Qualitätszeitung, die uns in der aktuellen Mediaanalyse erneut bestätigt wurde. Gleichzeitig nimmt aber auch das Bewusstsein der Werbekunden zu, dass ein hochwertiges Umfeld einer Marke viel besser tut als Werbung im Umfeld beliebiger Fernsehsendungen.

medienpolitik.net: Haben Sie eigentlich auch 60,- Euro für Krautreporter gespendet? Was halten sie von dieser Idee?

Rainer Esser: Jede innovative Idee zur Finanzierung von Qualitätsmedien finde ich unterstützenswert.

medienpolitik.net: Droht der „Zeit“ hier Konkurrenz aus dem Internet?

Rainer Esser: Gemeinsam mit den „Krautreportern“ haben wir das Ziel, Menschen für journalistische Inhalte, für Nachrichten, Hintergründe und Geschichten zu begeistern. Ich sehe in ihnen also eher Mitstreiter als Konkurrenten.

medienpolitik.net: Es gibt bei der „Zeit“ nach wie vor keine Paywall. Warum nicht? Wann wird sich das ändern?

Rainer Esser: Wir können unsere stark gestiegene Reichweite auf „Zeit“-Online sehr gut monetarisieren. Deshalb bevorzugen wir auf absehbare Zeit klar dieses Modell gegenüber einer Bezahlschranke. Wir betreiben natürlich bereits Paid Content im weiteren Sinne mit unserem erfolgreichen e-Publishing-Geschäft, das eine wichtige Erlössäule für uns darstellt.

medienpolitik.net: Von der VG Media lassen sie sich auch nicht vertreten. Geht es dem Verlag wirtschaftlich so gut, dass er dieses Geld nicht nötig hat oder haben Sie Angst vor Google?

Rainer Esser: Anstatt Google als Gegner zu sehen, bin ich eher dafür, Kooperationen anzustreben, von denen beide Seiten profitieren. Suchmaschinen und Social Media-Kanäle bieten schließlich neue Wege, auf unsere Inhalte aufmerksam zu machen.

medienpolitik.net: Aber wie ist es mit Ihren Urheberrechten? Ist es Ihnen egal, wenn Online-Medien Texte oder Teile davon von Presseverlagen nutzen?

Rainer Esser: Selbstverständlich muss sichergestellt sein, dass Presseverlage an der Verwertung ihrer Texte teilhaben, wenn sie online von anderen vervielfältigt werden. Die Einführung des Leistungsschutzrechts ist in dieser Hinsicht eine selbstverständliche Rahmenbedingung für einen fairen Wettbewerb. Dabei geht es um die Verwertung ganzer Artikel. Einzelne Wörter und kleinste Textausschnitte fallen aber zu Recht nicht unter diesen Schutz.

medienpolitik.net: Sie bringen regelmäßig neue Produkte auf den Markt. Das sind vor allem klassische Print-Produkte. Warum sind Sie im digitalen Bereich nicht ganz so innovativ?

Rainer Esser: Wir haben ein Digital-Abonnement, das sehr gut im Markt platziert ist und laufend um neue Angebotsformen erweitert wird, so haben wir Anfang des Jahres z.B. eine neue Smartphone-Audio-App für iOS und Android gestartet, mit der man sich „Die Zeit“ vorlesen lassen kann. Insgesamt bezahlen bereits gut 34.000 Leser pro Woche für eine digitale Ausgabe der „Zeit“. Der Aufbau von Erlösen über den digitalen Vertrieb der „Zeit“ ist ein wichtiger Bestandteil unserer Strategie und unseres Geschäftsmodells. Es geht uns nicht so sehr darum, immer zu den ersten zu gehören, viel mehr wollen wir alle Dinge, die wir machen, ordentlich tun.

medienpolitik.net: Der Zeit-Verlag verfügt über ein riesiges Archiv an Hintergrundmaterial. Warum verwerten Sie das nicht stärker durch Specials oder Reports zu ausgewählten Themen, die Sie Online gegen Bezahlung anbieten können?

Rainer Esser: Vielen Dank für die Anregung! Die Zweitverwertung ist zugegebenermaßen ein schönes Geschäft. Und wir sind in dem Bereich ja auch bereits sehr aktiv. Gut nachgefragt ist derzeit zum Beispiel unser E-Book-Programm, das Artikel und Themen aus der „Zeit“ und den „Zeit“ Magazinen aufbereitet und neu bündelt. In diesem Jahr veröffentlichen wir 30 bis 40 Titel.

medienpolitik.net:  Es gibt von der „Zeit“ die sehr erfolgreiche Hamburg-Ausgabe. Lohnt sich das auch wirtschaftlich oder ist es mehr ein Kotau an Ihren Verlagsstandort?

Rainer Esser: Unser Plan sieht vor, dass die Hamburg-Ausgabe sich im dritten Jahr rentiert. Sie soll sich also durchaus auch wirtschaftlich lohnen.  Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass die Auflagen in den Verbreitungsgebieten unserer Regionalausgaben langsam steigen, in Hamburg konnten wir die Auflage seit Einführung des Lokalteils bereits um zehn Prozent steigern.

medienpolitik.net: Wie hat sich Ihre Österreich-Ausgabe etabliert, zu der es auch ein eigenes Online-Angebot gibt?

Rainer Esser: Wir freuen uns sehr über die Entwicklung in Österreich. Die Auflage hat sich seit Einführung der Regionalausgabe in zehn Jahren von 10.000 auf 20.000 Exemplare verdoppelt. Wir haben die  Berichterstattung in den letzten Jahren von zwei auf drei Seiten erweitert. Und auch von regionalen Kunden werden die Österreichseiten gut gebucht.

medienpolitik.net: Der Vorstand des österreichischen Standard Alexander Mitteräcker hat vor kurzem gesagt, dass Österreich zu klein sei, um Qualitätsjournalismus zu finanzieren und deshalb sieht er alle deutschsprachigen Länder als Markt. Ist das auch Ihre Sicht?

Rainer Esser: Es stimmt natürlich, dass der Markt in Österreich – im Vergleich zu Deutschland – kleiner ist. Und ich stimme Alexander Mitteräcker zu: Ich würde mit meinem Angebot immer dorthin gehen, wo ich noch etwas bewegen, wo ich neue Leser und Kunden gewinnen kann – ob innerhalb oder außerhalb der eigenen Landesgrenzen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 11/2014 erstveröffentlicht.

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