Öffentlich-rechtlicher Rundfunk:

„Die TVthek ist eine Premium-Marke des ORF“

von am 12.11.2014 in Archiv, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

<h4>Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: </h4>„Die TVthek ist eine Premium-Marke des ORF“
Thomas Prantner, Stellvertretender ORF-Direktor für Technik, Online und neue Medien I Foto: © ORF

TVthek ist nach 5 Jahren größte österreichische Videoplattform

12.11.14 Interview mit Thomas Prantner, Stellvertretender ORF-Direktor für Technik, Online und neue Medien

Am 16. November 2009 startete die TVthek  – die Mediathek des ORF. Das Angebot umfasste zum Start 70 on demand angebotene ORF-TV-Sendungen sowie ca. 20 regelmäßige Live-Streams. Heute stellt die ORF-TVthek mehr als 20 Prozent des ORF 1-Programms bzw. mehr als 60 Prozent des ORF 2-Programms als Live-Stream bereit. Zu den bisher schon ca. 200 regelmäßigen Live-Streams kommen nun mehr als 60 europäische und internationale Kino- und Fernsehfilme sowie zahlreiche Serien hinzu. Rund 25 Prozent der Zugriffe erfolgen bereits mobil. Im Gegensatz zu den Mediatheken von ARD und ZDF darf auf der ORF-TVthek auch geworben werden. Der ORF hat sich jetzt auch an der kommerziellen österreichischen Video-on-Demand-Plattform „Flimmit“ beteiligt. Das soll aber das Angebot auf  der TVthek nicht negativ beeinflussen.

medienpolitik.net: Herr Prantner, seit 5 Jahren existiert die TVthek. Hatten Sie beim Start mit dem Erfolg gerechnet?

Thomas Prantner: Sicher nicht in diesem Ausmaß. Die ORF-TVthek ist eine Erfolgsstory und hat sich in 5 Jahren zur größten österreichischen Videoplattform entwickelt. Die aktuellsten Kennzahlen belegen das eindrucksvoll: Erstmals liegt die ORF-TVthek bei der Monatsreichweite mit 1,025.000 Unique Usern pro Monat  über der Millionen-Grenze (ÖWA-Plus/2.Q 2014). Wir haben auf der ORF-TVthek im Schnitt pro Monat mehr als 4 Mio. Visits und mehr als 19 Millionen Videoabrufe auf ORF.at-Sites, der überwiegende Teil davon auf der TVthek. Rund 25 Prozent der Zugriffe erfolgen mobil, vor allem über unsere verschiedenen Apps. Große Sportevents wie Olympia oder die Fußball-WM bringen natürlich einen gewaltigen Push an Abrufen. Wir sind jedoch nicht ständig auf Quotenjagd. Unser Ziel ist es, dass die TVthek zum selbstverständlichen täglichen Informationsmedium der Österreicher wird.

medienpolitik.net: Wieweit hat sich seit dem Start der TVthek die Nutzung des linearen Programms des ORF verringert?

Thomas Prantner: Das ist aufgrund der aktuellen Messsituation nicht eindeutig zu beantworten, da derzeit noch unterschiedliche Erhebungsinstrumente für Fernsehen (Teletest) und Internet (ÖWA bzw. internes Auswertungstool) verwendet werden. Aus der derzeitigen Datenlage zeigen sich für den klassischen TV-Konsum keine negativen Auswirkungen durch die TVthek, die kein Ersatz, sondern eine wichtige Ergänzung zum linearen Fernsehen ist. Erfreulich ist, dass wir einen Teil der Quotenverluste im TV, durch gezielte TVthek-Nutzung, sowohl live als auch on demand, kompensieren können. Die Zuseher gehen nicht weg vom ORF-Programm, sie konsumieren es nur auf anderen Plattformen und dann, wann und wo sie es wollen. Die für 2015 vorgesehene Zusammenführung von Fernseh- und Online-Videoreichweiten zu einer neuen gemeinsamen „Gesamtquote“ wird in der Marktforschung weitere wichtige Erkenntnisse und noch exaktere Daten bringen.

 medienpolitik.net: Können Sie anhand der TVthek-Nutzung feststellen, dass sich das Fernsehverhalten weiter zur zeitunabhängigen Nutzung verändert?

Thomas Prantner: Der Trend im Medienkonsumverhalten geht weiter stark in Richtung zeit- und ortsunabhängiger Nutzung von TV, dazu kommt die rasant steigende Verbreitung von Smartphones und Tablets. All das begünstigt eine weitere positive Entwicklung der TVthek.

medienpolitik.net: Ist das Verhältnis von Jugendlichen unter 29 Jahren bei der TVthek größer als beim linearen ORF-Programm?

Thomas Prantner: Ja, im Vergleich zum Fernsehen ist das Verhältnis der unter 29-Jährigen prozentuell größer als beim Fernsehen, was mit der Struktur des Internets grundsätzlich zu tun hat. In absoluten Zahlen schauen allerdings mehr unter 29-Jährige fern als die TVthek nutzen.

medienpolitik.net:  Wie viele Tage bleiben die Programme in der TVthek stehen?

Thomas Prantner: Die gesetzlichen Bestimmungen sehen für den ORF in seinem Video-On-Demand-Angebot eine sogenannte 7-Days-Catch-Up-Regel vor, d.h. dass die Sendungen nur für den Zeitraum von 7 Tagen nach Ausstrahlung online bleiben dürfen. TV-Berichte und Videos von Premium-Sportarten dürfen überhaupt nur 24 Stunden zum Abruf bereitgehalten werden. Es gibt aber zahlreiche Ausnahmen von der 7-Tages-Regel: Zusammenhängende Sendereihen (wie die Politiker-„Sommergespräche“, die wöchentlich in einem Zeitraum von 6 Wochen im TV gezeigt wurden) und regelmäßige Formate, die seltener als wöchentlich im TV gezeigt werden, dürfen auch klarerweise länger als 7 Tage auf der ORF-TVthek verbleiben. Keinerlei zeitliche Beschränkung gibt es bei den zeit- und kulturgeschichtlichen Videoarchiven – diese „Schätze“ aus dem ORF-Archiv können dauerhaft und unbefristet auf der TVthek zum Abruf angeboten werden.

medienpolitik.net: Finden sich in der TVthek auch Inhalte, die nicht im linearen Fernsehen zu sehen waren?

Thomas Prantner: Ja, wir haben die Möglichkeit sogenannten „Additional Content“ auf der TVthek zu zeigen, wie etwa Langfassungen von TV-Interviews. Ein weiteres Service haben wir erstmals bei der Fußball-WM erfolgreich angeboten – da haben wir gleichzeitig beide zeitlich parallel statt findende Vorrundenspiele als Livestream auf der TVthek gezeigt, obwohl nur eines im klassischen TV live übertragen bzw. lediglich eine Konferenzschaltung eingerichtet wurde. Das war spannend und ist bei den Fußballfans extrem gut angekommen, weil sie die Möglichkeit hatten, beide Spiele online gleichzeitig zu verfolgen. Wir werden diese Zusatzfeatures im Rahmen der bestehenden rechtlichen Regulative im Jahr 2015 ausbauen.

medienpolitik.net: Welche Programme finden sich im Archiv? Wie wird das genutzt?

Thomas Prantner: Es sind ausschließlich zeit- und kulturgeschichtliche Videoarchive auf der ORF-TVthek abrufbar, die Themenschwerpunkte sind Politik, Geschichte, Religion u.a. Die Abrufzahlen sind sehr zufriedenstellend, bis inklusive Juli 2014 verzeichneten die derzeit insgesamt 14 Videoarchive ca. 1 Million Videoabrufe.  Starke Zugriffe und besonders großes Interesse gibt es beim Videoarchiv zur Nationalratswahl. Aber auch das historische Archiv zum Ersten Weltkrieg  und die „Best of Club 2 und ZIB-2“-Archive werden stark genutzt. Diesen Bereich werden wir in den kommenden Monaten stark erweitern. Im Rahmen der Aktion „ORF-TVthek goes school“ planen wir neue Archive zur „Geschichte der österreichischen Bundesländer“, ein Wissenschafts- und Technik-Multimediaarchiv sowie 2015 zu den großen historischen Jubiläen 70 Jahre 2.Republik und 60 Jahre Staatsvertrag. Darüber hinaus wollen wir die Religionsarchive mit dem Buddhismus, dem Islam und dem Hinduismus vervollständigen.

medienpolitik.net: Was wird am meisten abgerufen?

Thomas Prantner: Die fünf am stärksten auf der ORF-TVthek genutzten Sendungsgenres sind aktuelle Information, Wetter, Dokumentation, regionale Berichte aus Österreich und Comedy.

Absolute Abruf-Spitzenreiter an Einzelsendungen on demand waren das Eurovisions-Songcontest-Finale und das legendäre ZIB-2- Interview von Frank Stronach. Bei den Livestream-Abrufen liegen große Sport-Events ganz vorne.

medienpolitik.net: Auf der TVthek finden sich auch Live-Streams. Welche zusätzlichen Chanels bieten Sie hier unabhängig vom laufenden Programm an? Wie stark ist hier die Nutzung?

Thomas Prantner: Das Livestream-Angebot der ORF-TVthek umfasst Programme aller vier Sender ORF eins, ORF 2, ORF III/Kultur und Information sowie ORF-SportPlus. Zusätzliche Livestream-Channels sind uns rechtlich nur sehr eingeschränkt möglich, etwa bei parallel statt findenden Fußballspielen. Das Live-Stream-Angebot der ORF-TVthek wird derzeit vor allem bei ORF 1 und ORF 2 stark erweitert. Die ORF-TVthek stellte schon bisher mehr als 20 Prozent des ORF 1-Programms bzw. mehr als 60 Prozent des ORF-2-Programms als Live-Stream bereit. Zu den bisher schon ca. 200 regelmäßigen Live-Streams kommen nun mehr als 60 europäische und internationale Kino- und Fernsehfilme sowie zahlreiche Serien hinzu. Das Spektrum reicht dabei von deutschsprachigen über europäische bis zu US-amerikanischen und kanadischen Produktionen und umfasst zahlreiche Kinderfilme und -serien ebenso wie internationale Blockbuster und Topserien oder TV-„Klassiker“. Wie wichtig ein umfassendes Live-Stream-Angebot für das Publikum ist, zeigt die interne TVthek-Statistik: Im Schnitt entfielen von August 2013 bis Juli 2014 pro Monat 15 Prozent (2,4 Mio.) aller Videoabrufe auf der ORF-TVthek auf Live-Streams. Der ORF wird sich daher darum bemühen, das Live-Stream-Angebot der ORF-TVthek laufend noch weiter auszubauen. Überall dort, wo wir Livestreamrechte erwerben können, werden wir sie auch nützen.

medienpolitik.net:  In Deutschland wird gegenwärtig darüber diskutiert, die 7-Tage-Frist für die Abrufung der Programme abzuschaffen. Wird auch in Österreich darüber nachgedacht?

Thomas Prantner: Auch bei uns ist das ein Thema. Grundsätzlich kann der ORF mit der 7-Tagesfrist ganz gut leben – die meisten Abrufe einer Sendung gibt es nachweislich an den ersten beiden Tagen nach Ausstrahlung und die Zugriffe nehmen dann bis zum 7.Tag sukzessive ab. Es gibt also kaum Bedarf nach längerer Abrufbarkeit und in den meisten Lizenzverträgen ist diese 7-Tage-Regel bereits state-of-the-art.  Andererseits wissen wir aus aktuellen Marktforschungsdaten zur ORF-TVthek, dass eine der wenigen „Dislikes“-Nennungen die 7-Tages-Regelung ist. Viele User erhoffen da eine Ausdehnung auf 30 Tage. Aber dafür müssten die gesetzlichen Bestimmungen geändert werden und darüber hinaus hätte eine derartige Maßnahme auch erhebliche lizenzrechtliche, technische und finanzielle Auswirkungen. All das gehört genau geprüft, bevor eine etwaige zeitliche Erweiterung angedacht wird.

medienpolitik.net: Inwieweit werden die Produzenten für die TVthek-Nutzung vergütet?

Thomas Prantner: Der ORF kann Produktionen nur dann auf der ORF-TVthek öffentlich zur Verfügung stellen, wenn er die dafür notwendigen Urheber- und Leistungsschutzrechte vorab erworben hat. Bei jedem Rechteerwerb hat der ORF generell ein Entgelt zu bezahlen. In der Praxis erwirbt der ORF von Produzenten in der Regel mehrere Rechte an einer Produktion im Paket (z.B. gemeinsam Senderechte und Onlinerechte) und bezahlt eine entsprechende Pauschalvergütung.

medienpolitik.net: Sie dürfen auf der TVthek auch eingeschränkt werben. In welcher Form ist Werbung möglich?

Thomas Prantner: Der ORF hat von der KommAustria die Genehmigung bekommen, die ORF-TVthek kommerziell zu vermarkten – sowohl mit Video- als auch mit Display-Werbung. Dies ist allerdings mit zahlreichen Einschränkungen verbunden. Komplett werbefrei sind die Videoarchive und die Kinderangebote, bei aktuellen Informationssendungen sind keine Pre-Roll-Spots erlaubt. Darüber hinaus gibt es eine sogenannte 10-Minuten-Regel, d.h. es darf innerhalb einer Nutzungszeit von 10 Minuten nur 1 Pre-Roll gezeigt werden. Trotz dieser Beschränkungen sind wir bei der TVthek-Vermarktung auf sehr gutem Weg, die bisherige Einnahmenentwicklung ist äußerst erfreulich. Die TVthek ist eine  Premium-Marke des ORF und das spüren wir auch bei den Werbeerträgen.

medienpolitik.net: Der ORF plant eine kostenpflichtige VoD-Plattform. Welche Konsequenzen hat das für Ihre TVthek? Wird sich die Zahl der eingestellten Programme verringern?

Thomas Prantner: Der ORF stellt sich mit seinem non-linearen Videoangebot für die Zukunft auf. Einerseits bleibt die ORF-TVthek als öffentlich-rechtliche zentrale Livestream- und Video-on-Demand-Plattform des ORF definitiv kostenlos und daher ohne Bezahlschranke abrufbar. Gleichzeitig hat die Geschäftsführung entschieden, dass sich der ORF im Sinne der „Strategie 2020“ an der kommerziellen österreichischen Video-on-Demand-Plattform „Flimmit“ beteiligt. Diese Online-Videothek soll Highlights österreichischer, deutschsprachiger und europäischer Qualitätsproduktionen beinhalten und 2015 starten. Mit diesem Vorhaben tragen wir dem rasant steigenden Trend nach zeit- und ortsunabhängiger Nutzung von TV-Content Rechnung und wollen darüber hinaus im österreichischen Over-the-Top-Video-Markt mit einer eigenen Plattform präsent sein. Das TVthek-Angebot wird dadurch nicht reduziert, wir werden aber eine professionelle Verwertungskette unseres Contents etablieren, in der die TVthek und Flimmit eine entscheidende Rolle spielen.

medienpolitik.net: Wie ist das Interesse an der mobilen Nutzung?

Thomas Prantner: Die mobile Nutzung ist stark im Steigen – einerseits aufgrund des Mediennutzungsverhaltens in Richtung zeit- und ortsunabhängigen Abrufmöglichkeiten, andererseits wegen der rasant steigenden Verkaufszahlen bei Smartphones und Tablets. Wir haben diesen Trend frühzeitig erkannt und bieten seit Jahren professionelle ORF-TVthek-Apps für IOS, Android und Windows 8, die auch stark genutzt werden. 25Prozent aller Videoabrufe auf der ORF-TVthek erfolgen über mobile Endgeräte bzw. Apps.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 11/2014 erstveröffentlicht.

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