Rundfunk:

„Es ist an der Zeit, das enge Korsett zu lockern“

von am 08.12.2014 in Archiv, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„Es ist an der Zeit, das enge Korsett zu lockern“
Rainer Poelmann, Sprecher der Geschäftsführung von Regiocast

Radioveranstalter fordern von der Politik mehr spezifische medienpolitische Lösungen

08.12.14 Interview mit Rainer Poelmann, Sprecher der Geschäftsführung von Regiocast

In einem ausführlichen medienpolitik.net-Gespräch nimmt Rainer Poelmann, Sprecher der Geschäftsführung von Regiocast, zu aktuellen Themen der Radiobranche Stellung. Die Regiocast ist ein deutschlandweit führendes Radiounternehmen mit Beteiligungen an Radiosendern, Hörfunkvermarktern und weiteren Dienstleistungsunternehmen aus dem Medienbereich. „Wenn wir das Rundfunksystem weiterentwickeln möchten“, so Poelmann, „brauchen wir Verabredungen, die besonders den traditionellen, stark regulierten Medien neben allen Pflichten mehr Spielraum und Entwicklungsperspektiven ermöglichen.“ Dazu gehörten beispielsweise die Deregulierung und Liberalisierung der Vorschriften im Bereich Werbung und Sponsoring. Radio werde auch weiterhin nicht hinter einer Paywall verschwinden. Beim Radio verhindere die große Menge sehr guter und kostenloser Angebote im Radiobereich eine Monetarisierung über Paid-Angebote.

medienpolitik.net: Herr Poelmann, bei allen Debatten um eine digitale Medienordnung bleibt das Radio immer ein wenig im Hintergrund. Treibt Sie auch die Sorge um, dass globale Konzerne Ihr Geschäftsmodell beeinträchtigen oder zerstören könnten?

Rainer Poelmann: Radio ist ungebrochen populär in allen Alters- und Zielgruppen. Ich bin überzeugt, dass Radio auch in Zukunft beste Chancen hat und sich als letztes Massenmedium behaupten wird. Aber wir können uns natürlich nicht zurücklehnen und uns darauf verlassen, dass alles so bleibt wie es ist. Wir arbeiten intensiv daran, die Transformation zu einem digitalen Radiounternehmen weiter voran zu treiben. Und wir sehen uns auf einem sehr guten Weg.

medienpolitik.net: Die Zuwendung zum Radio scheint ungebrochen, auch junge Hörer erreichen Sie weiterhin. Also medienpolitisch „alles in Butter“?

Rainer Poelmann: Nein, das wäre ja langweilig. Der Medienmarkt hat sich durch die rasanten Entwicklungen im Internet stark verändert. Unser Job ist es, uns gemeinsam mit der Politik Gedanken zu machen, wie wir Sachthemen wie etwa ein zeitgemäßes Medienkonzentrationsrecht, eine flexiblere Zulassungspraxis von neuen Sendeformaten im Bereich DABplus und vieles mehr in Zukunft gestalten. Wir werden, wie in der Vergangenheit auch, partnerschaftlich mit der Medienpolitik an den Themen arbeiten, um auch die medienregulatorischen Rahmenbedingungen den Herausforderungen der Zeit anzupassen.

medienpolitik.net: Ist die Forderung nach einem Staatsvertrag für das Radio noch zeitgemäß und realistisch?

Rainer Poelmann: Ob Medienstaatsvertrag oder Radiostaatsvertrag – es ist egal wie wir das Kind nennen. Wichtig ist: Wir brauchen neue Regeln für unser Mediensystem, damit es auch unter veränderten Bedingungen wettbewerbsfähig bleibt.

medienpolitik.net: Gegenwärtig bereiten die Länder die Bund-Länder-Kommission für einen Medienstaatsvertrag vor. Welchen Wunsch haben sie hier an die Ministerpräsidenten, was das Radio betrifft?

Rainer Poelmann: Radio hat in der Vergangenheit einen spezifischen Platz innerhalb der deutschen Medienlandschaft von der Politik zugewiesen bekommen: regional verankert, mit Informationen und Service aus der Region. Diese Verortung sorgt gleichzeitig für Limitierungen bei der Refinanzierung unserer Angebote. Wenn wir das Rundfunksystem weiterentwickeln möchten, brauchen wir Verabredungen, die besonders den traditionellen, stark regulierten Medien neben allen Pflichten mehr Spielraum und Entwicklungsperspektiven ermöglichen. Unser Wunsch an die Ministerpräsidenten ist es, die Besonderheiten der Gattung Radio, insbesondere des privaten Radios in Deutschland zu berücksichtigen. Dazu gehört beispielsweise die Deregulierung und Liberalisierung der Vorschriften im Bereich Werbung und Sponsoring. Mit Blick auf den Wettbewerb um Nutzer und Werbegeld in dem wir mit zahllosen, weitgehend unregulierten Angeboten aus dem Internet stehen, ist es an der Zeit, das enge Korsett zu lockern. Wir müssen uns aber auch gemeinsam mit der Politik Gedanken über die künftige Finanzierung von Infrastruktur machen, für Radio aber auch für die gesamte Gesellschaft. Wir halten das für eine Gemeinschaftsaufgabe über die wir mit allen Interessenvertretern bis hin zum Bundeswirtschaftsministerium sprechen werden.

medienpolitik.net: Der deutsche Radiomarkt ist weiterhin sehr zersplittert. Fusionswünsche von Radioanbietern werden durch die Landesmedienanstalten (siehe Thüringen) nur selten erfüllt. Muss die Politik hier umdenken?

Rainer Poelmann: Notwendige Anpassungen beim Medienkonzentrationsrecht diskutieren wir sehr partnerschaftlich mit den Landesmedienanstalten, den Ländern oder mit dem Bund, sofern es das Kartellrecht betrifft. Unser Regulierungskorsett ist historisch gewachsen, das der neuen Wettbewerber aus dem Internet hingegen nahezu nicht vorhanden. Viele Hürden in der Regulierung sind nicht mehr zeitgemäß. Momentan schafft der Markt täglich neue Realitäten, die die Politik nicht abbilden kann. So wäre es heute leichter für Google, RTL zu kaufen als dass RTL noch drei Prozent bei einem anderen deutschen Fernsehsender zukauft. Das ist absurd. Hier müssen wir im Interesse des Standortes unsere Regeln anpassen und hier wollen wir gemeinsam mit der Medienpolitik stärker von der Aufsicht zur Ermöglichung kommen.

medienpolitik.net: DABplus wird ausgebaut, die Zahl der Inhalte und Empfänger steigt langsam. Wird von Ihnen DAB+ nach wie vor vorbehaltlos unterstützt?

Rainer Poelmann: Digitalisierung heißt auswählen aus unzähligen Optionen. Eine davon ist DABplus. Wir nutzen diese Technologie seit 2011 ohne dabei ideologisch zu sein, denn DABplus ist keine Glaubensfrage sondern wie UKW oder das Netz ein möglicher Verbreitungsweg für Radio. Die Distributionstechnik hat spezifische Vorteile: Für die Hörer ist der Empfang kostenlos, die Bedienung unterscheidet sich kaum vom UKW-Radioempfang, der Empfang ist mit fertigem Ausbaustand überall gewährleistet. Aber auch die Online-Distribution bietet einzigartige Möglichkeiten, in die wir selbstverständlich investieren. Die Legitimation für Technologie ergibt sich aber bei jedem Distributionskanal aus wirtschaftlichen Parametern und dem Nutzungspotenzial. Insofern analysieren und bewerten wir fortlaufend die Entwicklung und arbeiten an der Weiterentwicklung aller Verbreitungsoptionen.

medienpolitik.net: Welche Perspektive hat DABplus aus der Sicht des Jahres 2014 für Sie?

Rainer Poelmann: Die Regiocast ist auch in 2014 der größte private Programm-Anbieter auf DABplus mit aktuell drei Angeboten auf dem bundesweiten Multiplex. Die Entwicklung des Bouquets macht keinen schlechten Eindruck, auch wenn noch ein Stück Weg vor uns liegt. So wurde im September in Deutschland erstmals mehr Geld für portable DABplus-fähige Geräte als für reine, portable UKW-Empfänger ausgegeben. Und immerhin ist inzwischen jeder zehnte verkaufte Radioempfänger DABplus-tauglich.  Das ist ein gutes Zeichen dafür, dass DABplus ankommt. Wir werden zudem im kommenden Jahr auf dem regionalen, privaten Multiplex in Hamburg ein weiteres Format starten. Der Spartenkanal 80s80s hat als erstes, terrestrisch verbreitetes Radioprogramm den musikalischen Fokus ausschließlich auf der Musik der 1980er Jahre. DABplus ist für uns also auch in 2014 weiter interessant, aber im Zeitalter der Digitalisierung nur eine von einer Vielzahl von Optionen.

medienpolitik.net: Was hindert DABplus an einer schnellen Entwicklung?

Rainer Poelmann: Als das iPhone aufkam, war das eine Neuentwicklung, die den gesamten Mobilfunkgerätemarkt auf den Kopf stellte. Dieses disruptive Element bringt die organische Ablösung von UKW durch DABplus nicht mit. Sie haben es am Anfang ja bereits selbst gesagt: Die Nutzung von Radio in seiner gegenwärtigen Form ist ungebrochen hoch. Dennoch ist der Verbreitungsweg interessant, weil er wesentliche Produktions- und Distributionsvorteile hat, die online gerade bei der mobilen Distribution nicht bietet. Wenn es schneller gehen soll, wäre die überfällige, europäisch-einheitliche Regelung zum Einbau von Multichips in allen künftigen Endgeräten ein wesentlicher Katalysator: UKW, DABplus und mobiler Internetempfang verpflichtend in allen Geräten würde automatisch zu einer stärkeren Marktdurchdringung führen und unserer Philosophie, dass Digitalisierung immer multioptional ist, entsprechen. Deshalb unterstützen wir mit der Regiocast auch die Eurochip-Initiative der EBU.

medienpolitik.net: Wie lange muss die Simulcast-Phase von UKW und DABplus dauern?

Rainer Poelmann: Bei dieser Frage gibt es seitens der Regiocast keinen Dogmatismus. Wir werden uns in naher Zukunft nicht dafür einsetzen, eine Jahreszahl festzulegen. Grundlage für einen vollständigen Wechsel von UKW auf DABplus kann nur die Nutzung sein. Wenn bei UKW keine wirtschaftlich relevante Größe an Nutzern mehr gegeben ist, werden gerade die privaten Programmveranstalter den Ausstieg forcieren, um sich die Kosten der doppelten Verbreitung zu sparen. Schauen Sie beispielsweise auf Großbritannien: Der Digitalradiostandard wurde dort Mitte der 90er vorgestellt, ab 1999 gab es erste Geräte zu kaufen. Heute, 15 Jahre später, liegt die Nutzung unter den Briten bei etwas über 50 Prozent und es laufen erste Gespräche zu einem möglichen Abschalttermin, der sich aber ganz klar auf eine spezifische Reichweite bezieht. Im Gespräch sind Nutzungsgrößen wie 80 Prozent oder vergleichsweise Kenngrößen. In Deutschland ist Digitalradio gerade einmal drei Jahre alt. Die Diskussion über eine Abschaltung von UKW ist deshalb sicher verfrüht.

medienpolitik.net: Sie haben im vergangenen Jahr 90elf eingestellt, weil Sie die Bundesligarechte nicht mehr bekamen. Sie waren mit 90elf innovativ. Wie innovativ kann das Radio in der Online-Welt sein?

Rainer Poelmann: Wir arbeiten an einer Vielzahl von Themen – sei es bei DAB, sei es bei der Digitalisierung via Web oder bei Innovationsthemen, die wir gemeinsam mit unseren Gattungskollegen treiben. Früher gab es einen klaren Leuchtturm, das digitale Fußballradio 90elf, der sichtbar herausragte. Heute ist Digitalisierung für uns eine ganz breite Entwicklung in allen Sendern und Marken, die wir führen. Viel von dem, was wir bei 90elf gelernt haben, steckt heute in unseren klassischen Produkten. Unser Ziel ist es, die gesamte Angebotspalette nach vorn zu bringen. Das sieht man an unserem Engagement im Digitalradio, unserer eigenen responsiven Angebotswelt aber auch beim durch Regiocast mit initiierten radioplayer.de.

medienpolitik.net: Welche Aufgabe hat jetzt noch Regiocast Digital?

Rainer Poelmann: Wir haben aktuell viele Themen der Regiocast Digital in die Strukturen der  Regiocast integriert, da die Abgrenzung von digital und analog mit Blick auf die Entwicklung von Produktmarken und unsere Contentorientierung momentan nicht so trennscharf ist wie noch vor zwei Jahren. Dies ist aber eine Momentaufnahme. Darüber hinaus sind in der Regiocast Digital weiter alle unsere Aktivitäten im Bereich DABplus gebündelt.

medienpolitik.net: Warum tun sich die Radios mit Paid-Angeboten so schwer? Nachdem man künftig über alle Wege auch bei privaten TV-Sendern für HD bezahlen muss ist das Radio das einzige private Medium, das seine Inhalte verschenkt. Wie lange können sie das überleben?

Rainer Poelmann: Um mit Paid-Angeboten tatsächlich erfolgreich zu sein, bedarf es hochgradig exklusiven Contents. Diesen Fall hatten wir bei 90elf. Es besteht dann aber – wie wir bei 90elf erlebt haben – immer die Gefahr, dass dieser Content irgendwann durch andere Marktteilnehmer übernommen wird, wenn man ihn nicht selbst besitzt. Eigene Investitionen und der Erfolg stehen dann immer in Abhängigkeit von Dritten. Dieses Risiko werden wir sicher in einer solchen Konstellation nicht mehr eingehen. Darüber hinaus verhindert die große Menge sehr guter und kostenloser Angebote im Radiobereich aus unserer Sicht eine Monetarisierung über Paid-Angebote. Unser Augenmerk liegt daher eher auf einer Verbreiterung unserer Markenwelten, kombiniert mit allen Vorteilen der digitalen Wertschöpfung, wie beispielsweise im Netz durch Pre-Roll-Spots vor Radiostreams und ähnlichem Inventar. Hier hat Radio auch ohne Pay großes Potential.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen für Sie die Online-Angebote: Die Zukunft des Radios, Ergänzung zu DABplus?

Rainer Poelmann: Ich wiederhole mich an dieser Stelle gerne: Die Digitalisierung ist multioptional. Für uns ist es wichtig, dass uns die Hörer auf dem Weg empfangen können, der für sie im jeweiligen Augenblick am bequemsten ist. Insofern ist die Online-Verbreitung eine ganz entscheidende Option im Gesamtbouquet neben UKW und DABplus. Online bietet dabei viele interessante Möglichkeiten, Zusatzangebote zu lancieren – wie beispielsweise Bewegtbild oder on demand-Angebote – und neue Wertschöpfungsformen zu entwickeln. Wir setzen aber nicht exklusiv auf den einen oder anderen Standard sondern nutzen die Vorteile des jeweiligen Verbreitungsweges für spezifische Funktionen.

medienpolitik.net: ARD und ZDF dürfen ein Online-Jugendangebot inkl. der Radioangebote verbreiten. Ohne Sieben-Tage-Frist und Drei-Stufen-Test. Inwieweit tangiert das Ihre Interessen als Anbieter von Jugend-orientierten Programmen?

Rainer Poelmann: Was wir derzeit über das geplante Online-Jugendangebot der öffentlich-rechtlichen wissen, klingt nicht gut: Wir befürchten, dass die Politik hier einen Blankoscheck über jährlich 45  Millionen Euro ausgestellt hat, ohne sich über die Auswirkungen im Markt wirklich im Klaren zu sein. Und wir sind überrascht, dass politisch erkämpfte Instrumente wie der Drei-Stufen-Test oder die Sieben-Tage-Frist für das geplante neue Angebot nicht greifen sollen. Wir wünschen uns hier eine offene Diskussion über mögliche Folgen und absehbare Ungleichgewichte.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 12/2014 erstveröffentlicht.

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