Internet:

Die traditionelle „Medienkompetenz“ greift zu kurz!

von am 20.01.2015 in Archiv, Internet

<h4>Internet: </h4>Die traditionelle „Medienkompetenz“ greift zu kurz!
Prof. Dr. Klaus Mainzer, Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der TU München I Foto: © Andreas Heddergott

Herausforderungen durch die Digitalisierung der Arbeitswelt

20.01.15 Von Prof. Dr. Klaus Mainzer, Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Technischen Universität München

Das Internet, das wir alle kennen und nutzen, ist ein Computernetz, bei dem Personen miteinander kommunizieren. Beim Internet der Dinge kommunizieren aber die Dinge miteinander, beispielsweise über RFID-Chips und Sensoren. Industrie 4.0 bedeutet die Anwendung des Internets der Dinge auf die Industrie- und Arbeitswelt: Das Werkstück kommuniziert mit der Werkbank, teilt über einen Chip seinen Bearbeitungszustand mit, und dann wird automatisch das passende Roboterfahrzeug heranbeordert. Der Arbeitsprozess wird von den Geräten zunehmend autonom gesteuert. Menschliche Mitarbeiter sind integriert und Robotik wird zum Partner.

Der Begriff Industrie 4.0 knüpft an die historische Entwicklung an: Industrie 1.0 meint die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert, mit der Erfindung der Dampfmaschine. Industrie 2.0 beginnt am Anfang des 20. Jahrhunderts, mit Henry Ford, der Fließbandarbeit und der Massenproduktion. Industrie 3.0 am Ende des 20. Jahrhunderts meint die Einführung der Industrieroboter und die Unterstützung der Arbeiter am Fließband. Mit der Industrie 4.0 werden nun nicht mehr Werkstücke massenhaft reproduziert und auf Vorrat in eine Lagerhalle gestellt, sondern man produziert nur noch on demand – und zwar gezielt nach Kundengeschmack. Das heißt, in Zukunft wird der Maßanzug zum Standard, nicht mehr das Massenfabrikat.

Bei Industrie 4.0 geht es also nicht nur um automatisierte Produktion. Auch der Vertrieb mit der kaufmännischen Ebene wird automatisiert und mit der automatisierten Produktion verbunden. Nur so wird die automatisierte Berücksichtigung vieler individueller Kundenwünsche möglich. Individuelle „On-Demand Produktion“ setzt Cloud-Technologie, unübersehbar viele Sensoren, Kameras, Lichtschranken und andere Steuerungselemente voraus, die Big Data erzeugen. Die Infrastruktur wächst mit dem Internet der Dinge zusammen.

Dadurch entsteht eine neue Art der Infrastrukturrobotik, die unsere Arbeits- und Lebenswelt automatisiert. Man sprach früher von „ubiquitous computing“ und meinte damit überall verteilte Computerfunktionen in den Arbeits- und Alltagsumgebungen anstelle einer Konzentration dieser Funktionen in einem (Super-)Computer. Diese Entwicklung setzt sich in einer „ubiquitären Robotik“ der Infrastruktur fort. Daneben wird es auch „humanoide“ (menschenähnliche) Roboter geben, in denen viele intelligente Funktionen konzentriert sind. Ein gewaltiger Markt auch für Robotikfirmen, die traditionell auf (stationäre) Industrieroboter gesetzt haben!

Es wird aber auf absehbare Zeit weiterhin so sein, dass Menschen koordinierende Entscheidungen treffen und Abläufe insgesamt überwachen müssen. Das Beispiel Hochfrequenzhandel hat ja gezeigt, wo es hinläuft, wenn Systeme allein Entscheidungen treffen: Algorithmen erkennen zwar schneller, wie sich Börsenkurse verändern. Sie können auch schneller entscheiden, welche Papiere am besten anzukaufen oder abzustoßen sind. Aber die Algorithmen in z.B. Frankfurt, Zürich oder an der Wall Street arbeiten gegeneinander. Und dann können durch „sich bekriegende“ Algorithmen Krisen unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsauflösung ausgelöst werden, die wir erst erkennen, wenn es schon zu spät ist.

Hier werden also Menschen weiterhin mit ihrer Urteilskraft gebraucht. Die Entwicklung der Automatisierung wird in erster Linie die Effektivität der Industrie stärken. Effizienzsteigerung könnte sogar mit dazu beitragen, dass Arbeitsplätze, die an Billiglohnländer verloren gingen, wieder zurückkommen. Länder mit großer Arbeitslosigkeit in Europa, beispielsweise Spanien oder Frankreich, sind Länder, die in puncto Automatisierung eher weniger entwickelt sind als Deutschland. Die dortige Arbeitslosigkeit hat also andere Gründe, wie z.B. notwendige Reformen am Arbeitsmarkt, wie sie in Deutschland bereits vor einigen Jahren durchgeführt wurden. Ich teile auch nicht die Horrorvorstellung, dass wir am Ende nur noch hochqualifizierte Ingenieure mit Universitätsdiplomen brauchen und den Rest machen Maschinen. Wir werden das Know-how der Menschen weiterhin auf allen Gebieten brauchen.

Allerdings werden sich die Anforderungen ändern. Die Innovationszyklen sind schon jetzt in vielen Bereichen schneller als unsere Ausbildungszyklen. Wir müssen uns also künftig überlegen, wozu wir die Menschen eigentlich ausbilden. Wenn wir jemandem heute in der Lehre ein bestimmtes Computerprogramm beibringen, ist das schon überholt, wenn er in den Betrieb kommt. Deswegen müssen wir die Fähigkeit des Menschen ausbilden, sich in neue Arbeitsprozesse einzuarbeiten und sich auf neue Situationen einzustellen. Ich denke, es wird in Zukunft absolut zur Normalität gehören, dass ein Teil der Mitarbeiter immer in Lehrgängen und Fortbildungen sein wird, um sich auf neue Abläufe vorzubereiten.

Die Automatisierung der Arbeitswelt läuft bereits seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Die Allermeisten arbeiten schon heute mit computergestützten Systemen. Die ersten Computerprogramme liefen noch über abstrakte Codes, die nur von Informatikern bedient wurden. Dann kamen Icons, also einfache Bilder und Symbole, die sich selber erklären, über die wir mit dem Finger wischen, die also geradezu sinnlich wahrnehmbar sind. Über Sensoren und tragbare Geräte als Accessoires und Schmuckstücke verschmelzen wir mit dem Internet und den sozialen Medien. Bei den Smartphones kommt unser Bedürfnis nach Kommunikation hinzu. Die Technik bedient also nur etwas, was in uns steckt und deswegen ist sie heute ein so großer Erfolg. Sollte sich die Technik tatsächlich vom Menschen entfremden, würde sie sich nicht durchsetzen.

Im industriellen Internet läge nun ein zentraler Standortvorteil Deutschlands. Deutschland ist ein klassisches Industrieland seit dem 19. Jahrhundert. Seine Industrie des Motor- und Anlagebau, Auto- und damit verbundene Zulieferungsindustrie ist weltweit führend. Seine mittelständische Betriebsform hat maßgeblich dazu beigetragen, so gut durch die jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrisen zu gelangen. Wir produzieren die Technologien, um Fabriken, Energie-, Logistik- und Datennetze miteinander zu verbinden.

Allerdings beobachten wir beim Mittelstand, beispielsweise im deutschen Motor- und Anlagebau, auch Skepsis gegenüber der Industrie 4.0. Denn sie hängt von der sogenannten Cloud-Technik ab. Das heißt, die Daten werden in die Wolke gestellt und sind damit im Internet und nicht mehr auf meiner Festplatte. Wenn ein Mittelständler nun ein Erfolgskonzept hat, mit dem er auf dem internationalen Markt gutes Geld verdient, wird er sich hüten, das in die Cloud zu stellen. Erst recht nicht nach den Debatten über NSA und Industriespionage.

Die Datensicherheit ist momentan die Achillesferse dieser Technologie, insbesondere auch für die Mitarbeiter. Denn die Industrie 4.0 produziert gewaltige Datenmengen („Big Data“): Die Automatisierung der Arbeitsprozesse ist nur möglich, weil unzählige Sensoren, Kameras und Lichtschranken Arbeitsvorgänge und Bewegungsabläufe aufnehmen, auch die von menschlichen Mitarbeitern. Die Gefahr ist, dass durch Algorithmen Persönlichkeitsprofile erstellt werden können, die man für alle möglichen Zwecke missbrauchen kann. Hier gibt es erheblichen Bedarf für technische Sicherheit und rechtliche Regelung. Am Ende kommt es auf das rechte Maß und menschliche Urteilskraft an, um die Digitalisierung der Arbeit zum Wohl dieses Landes und unserer Menschen zu gestalten.

Daher müssen wir schon auf den Schulen damit beginnen, „Digitalisierungskompetenz‘“ aufzubauen. Die traditionelle „Medienkompetenz“ greift zu kurz! Sie war am traditionellen Internet der Personen und bestenfalls den sozialen Medien orientiert. Wie das Internet der Dinge, Industrie 4.0 und Infrastrukturrobotik zeigen, wird die Arbeits-, Alltags- und Freizeitwelt der Menschen durch Digitaltechnik bestimmt sein. Dabei kommt es auf den Schulen nicht darauf an, Jugendliche mit weiterem Wissen und Fakten zu „überfüttern“. Vielmehr müssen Zusammenhänge veranschaulicht und Beurteilungskompetenzen geübt werden, um sie auf die digitale Arbeits- und Lebenswelt der Zukunft vorzubereiten.

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1 KommentarKommentieren

  • Michael Lange - 23.01.2015 Antworten

    Sehr prägnante Beschreibung der Arbeitseelt in der digitalen Gesellschaft. Warum deshalb aber die traditionelle Medienkompetenz zu kurz greift, wird mir nicht klar. Medienkompetenz ist mehr als technische Kompetenz und das Wissen um Medienwelt. Natürlich gehören dazu Beurteilungskompetenzen, dss Wissen um Zusammenhänge und im Übrigen auch eine kritische Dimension, die wir gerade bei dem beschriebenen Szenario deingend benötigen.

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