Öffentlich-rechtlicher Rundfunk:

„Gute Ideen haben bei mir immer eine Chance“

von am 12.01.2015 in Archiv, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

<h4>Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: </h4>„Gute Ideen haben bei mir immer eine Chance“
Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

Die ZDF-Programmfamilie ist heute so stark wie zuletzt Anfang der neunziger Jahre

12.01.15 Interview mit Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

In einem medienpolitik.net-Gespräch widerspricht ZDF-Intendant Thomas Bellut der oft in Medien verbreiteten Auffassung, dass die Qualität deutscher fiktionaler Produktionen schlechter sei als vieler ausländischer Produkte: „Die Grundthese ist falsch. Es gibt in Deutschland herausragende fiktionale Programme. Der Markt hier und die Sehgewohnheiten sind aber andere als etwa in den Vereinigten Staaten“. Am Beispiel des mit einem International Emmy ausgezeichneten mehrteiligen TV-Mehrteilers „Unsere Mütter, unsere Väter“ stellt der ZDF-Intendant fest: „Ganz offenbar wird der Standard, mit dem wir hier in Deutschland produzieren, auch internationalen Ansprüchen gerecht.“ Serien seien eine tragende Säule des ZDF-Programms. Nach „Dr. Klein“ starten zum Jahresbeginn mit „Sibel & Max“ und „Betty’s Diagnose“ zwei neue Vorabendserien. Für die Primetime produziert der Mainzer Sender für 2015 hochwertige und attraktive Miniserien wie „Schuld“ und „Die Lebenden und die Toten“.

medienpolitik.net: Herr Bellut, „Unsere Mütter – unsere Väter“ ist mit dem „Emmy“ ausgezeichnet worden. Das ZDF ist für seine Produktionen Auszeichnungen aller Art gewöhnt. Wie wichtig ist Ihnen dieser Preis?

Thomas Bellut: Das ist schon eine sehr besondere Auszeichnung. Der internationale „Emmy“ für „Unsere Mütter – unsere Väter“ – mehr geht nicht. Die Würdigung freut mich umso mehr, als „Unsere Mütter – unsere Väter“ eine besondere Angelegenheit ist. Es war eine kühne Idee und ein großes Wagnis, die Geschichte des Zweiten Weltkrieges aus der Perspektive junger Deutscher zu erzählen. Der Mehrteiler hat bei uns und international wichtige öffentliche Debatten ausgelöst. Er wurde in 100 Länder verkauft, hat Kritiker begeistert, hohe Zuschauerzahlen erzielt und nicht zuletzt viele Preise gewonnen.

medienpolitik.net: Es gab in Deutschland in den vergangenen Monaten viele Diskussionen um die angeblich schlechte Qualität deutscher fiktionaler Produktionen. Ist „Unsere Mütter – unsere Väter“ ein „Ansporn“ bei fiktionalen Produktionen wieder risikofreudiger zu sein?

Thomas Bellut: Die Grundthese ist falsch. Es gibt in Deutschland herausragende fiktionale Programme. Der Markt hier und die Sehgewohnheiten sind aber andere als etwa in den Vereinigten Staaten. Dort sind es die extrem aufwändig und teuer produzierten Serien. Bei uns in Deutschland sind die Fernsehfilme und Mehrteiler die Oberklasse der Fiktion. Langlaufende Serien sind natürlich auffälliger als der einzelne TV-Film. Trotzdem sind innovative Serienformate wie „Breaking bad“ oder „House of cards“ eine Inspiration für den deutschen Markt.

medienpolitik.net: „Unsere Mütter – unsere Väter“ ist in 100 Länder verkauft worden. Wie konkurrenzfähig ist deutsche „TV-Ware“ im Ausland?

Thomas Bellut: TV-Produktionen „made in germany“ spielen international schon eine bedeutende Rolle. Unsere Vertriebstochter ZDF Enterprises verkauft sehr erfolgreich viele Serien, Dokumentationen, Kinderprogramme und natürlich auch internationale Co-Produktionen in fast alle Teile der Welt. Es ist aber auch klar, dass die englischsprachigen Produktionen den Weltmarkt dominieren.

medienpolitik.net: Unter welchen Bedingungen könnte das ZDF mehr verkaufen? Andere Stoffe, andere Genres, internationale Partner?

Thomas Bellut: Wir produzieren ja nicht für den internationalen Vertrieb. Wir machen Programm für unser Publikum hier in Deutschland. Wir vertreiben die Angebote ins Ausland, die sowohl hier, als auch in anderen Ländern ankommen. Und das ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich mehr geworden. Ganz offenbar wird der Standard, mit dem wir hier in Deutschland produzieren, auch internationalen Ansprüchen gerecht. Und ich rechne in den nächsten Jahren mit weiteren internationalen Vertriebserfolgen von deutschen und europäischen Produktionen.

medienpolitik.net: Produzenten sprechen von einer Renaissance des Fernsehens bei fiktionalen Produktionen, vor allem bei Serien. Wie wird man im ZDF diese „Wiedergeburt“ erleben können?

Thomas Bellut: Serien sind eine tragende Säule unseres Programms. Anders als die Privatsender haben wir die Produktion in diesem Bereich nie zurückgefahren, sondern ausgebaut. An der inhaltlichen Qualität, neuen Stoffen, der Machart wird selbstverständlich konsequent weitergearbeitet. Nach „Dr. Klein“ starten wir zum Jahresbeginn mit „Sibel & Max“ und „Betty’s Diagnose“ zwei neue Vorabendserien. Für die Primetime produzieren wir für 2015 besonders hochwertige und attraktive Miniserien wie „Schuld“ und „Die Lebenden und die Toten“.

medienpolitik.net: Hochwertige Serien sind sehr teuer. Sie müssen weiter sparen, wie lassen sich dennoch weiterhin – oder noch mehr – hochwertige fiktionale Produktionen verwirklichen?

Thomas Bellut: Wir können nur im Rahmen der vorhandenen Budgets produzieren. Das ist klar. Das heißt, es gibt keine zusätzlichen Mittel, sondern nur die Möglichkeit interner Priorisierungen. Auf diesem Weg entstehen Produkte wie die eben genannten. Und natürlich prüfen wir immer die Möglichkeit internationaler Koproduktionen.

medienpolitik.net: Die ARD produziert eine Serie zusammen mit Sky. Sind ähnliche Koproduktionen auch für das ZDF mit Plattformen – vielleicht mit Netflix – oder privaten Sendern vorstellbar?

Thomas Bellut: Gute Ideen haben bei mir immer eine Chance. Es kommt aber auf das konkrete Projekt an. Wir sind aber auch ganz unbescheiden der Meinung, dass wir das Meiste aus eigener Kraft stemmen können und auch sollten.

medienpolitik.net: ZDFneo ist von den Ministerpräsidenten bestätigt worden. Welche Rolle wird ZDFneo künftig innerhalb der Senderfamilie spielen? Wird es weiterhin als Labor benötigt?

Thomas Bellut: Sowohl ZDFneo als auch ZDFinfo sind wichtig. Beide Sender erreichen mittlerweile ein beachtliches Publikum und zunehmend junges Publikum. Die Digitalsender sind und bleiben wichtige Plattformen, auf denen wir neue Ideen, Formate und Köpfe ausprobieren.

medienpolitik.net: Sie haben in ZDFkultur sehr viele Konzerte, Theaterinszenierungen und andere kulturelle Events gesendet. Wo wird man das künftig finden? Wird damit das ZDF-Hauptprogramm „aufgestockt“?

Thomas Bellut: In unserer Programmfamilie ist und bleibt Kultur ein zentrales Angebot. Konzerte, Festivals, große Inszenierungen haben weiterhin ihren festen Platz im 3sat-Programm. Dorthin sind bereits schon die großen Konzertfestivals wie „Wacken“ und „Hurricane“ gewandert. Und auch im Hauptprogramm müssen wir uns nicht verstecken. Denken Sie an den „Echo Klassik“, die Klassikkonzerte zu Silvester, Neujahr oder im Advent aus der Dresdner Frauenkirche oder das Sarajevo-Konzert zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges.

medienpolitik.net: Der Sitz des Online-Jugendangebotes von ZDF und ARD soll Mainz werden. Wie viel ZDF wird künftig auf der Online-Plattform zu finden sein?

Thomas Bellut: Das Konzept für die gemeinsame Online-Plattform wird jetzt erst erarbeitet. Wir hatten bekanntlich zunächst einen TV-Kanal als Kern eines trimedialen Angebots geplant. Ich gehe davon aus, dass es bei der angedachten Verteilung von zwei Drittel bei der ARD und einem Drittel, das das ZDF beisteuert, bleiben wird.

medienpolitik.net: Aber Sie haben im Gegensatz zur ARD keine Radiowellen. Wie kompensieren Sie das?

Thomas Bellut: Das ist ja auch ein Grund für den höheren Anteil, den die ARD beisteuern kann. Radio haben wir in der Tat nicht. Wir haben in unseren Digitalkanälen in den letzten Jahren aber durchaus gezeigt, dass wir in der Lage sind, Neues zu entwickeln. Das wird uns auch beim Jugendportal gelingen.

medienpolitik.net: Was ist für Sie bei diesem Jugendangebot das wichtigste, um ein Scheitern zu verhindern?

Thomas Bellut: Ich sehe nicht, warum das scheitern sollte. In allen Fällen, in denen ARD und ZDF ihre Kräfte bündeln – denken Sie an Phoenix, KiKA, 3sat oder arte -, kommt am Ende etwas Gutes heraus. Entscheidend ist, dass die Länder jetzt den Auftrag im Rundfunkstaatsvertrag definieren und dabei dem neuen Angebot auch den nötigen Spielraum zubilligen.

medienpolitik.net: Beim Jugendangebot soll es keine Bindung an eine lineare Programmverbreitung geben und die 7-Tage-Begrenzung soll wegfallen. Wäre das Ihr Traum für alle Online-Angebote des ZDF?

Thomas Bellut: Das ist ja bereits die Richtung, in die sich die Medienpolitik nach eigenem Bekunden begibt. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die derzeitigen Begrenzungen weder den Wettbewerbern helfen, noch den Interessen des Publikums gerecht werden.  Wenn wir auch in Zukunft mit unseren Inhalten jüngere Zuschauer erreichen wollen, muss es möglich sein, Inhalte auch ohne Sendungsbezug für das Netz zu produzieren. Wir müssen dort auch Kaufserien etwa von der BBC oder aus Skandinavien online zugänglich machen. Wir brauchen also in der Tat mehr Spielräume im Netz.

medienpolitik.net: Aber es gibt doch sicher urheberrechtliche Probleme, wenn Beiträge länger im Netz stehen. Bedeutet die Reduzierung der 7-Tage-Bindung damit zwangsläufig eine Forderung nach einer Gebührenerhöhung?

Thomas Bellut: Nein. Eine Aufhebung bedeutet keine Verpflichtung. Das heißt, es wird immer Produktionen geben, die etwa aus Rechtegründen nur zeitlich begrenzt kostenfrei angeboten werden können.

medienpolitik.net: Aus der ARD hört man von Überlegungen, nach dem Aus von Germany’s Gold einen neuen Versuch für eine VoD-Plattform zu starten. Sie haben im Januar eine Zusammenarbeit mit Watchever gestartet. Haben Sie die Hoffnung auf eine eigene VoD-Plattform begraben? Schließlich gab das ZDF den Anstoß zu Germany’s Gold…

Thomas Bellut: Es gibt derzeit keine konkreten Pläne von ZDF Enterprises, eine eigene oder mit Partnern betriebene Plattform zu starten. Alleine können wir das nicht stemmen. Und Germany’s Gold war bereits die ideale Partnerkonstruktion zusammen mit der ARD und vielen Produzenten. Wir warten ab, wie sich die Dinge entwickeln. Bis dahin lizensiert ZDF Enterprises Rechte an andere Plattformen, solange dies unseren Interessen entspricht.

medienpolitik.net: Sie werden 2014 voraussichtlich wieder den höchsten Marktanteil der TV-Sender erreichen. Wie muss das ZDF-Programm 2015 aussehen, um diesen Erfolg erneut zu erreichen?

Thomas Bellut: Das Hauptprogramm liegt in der Tat deutlich an der Spitze. Viel mehr freut mich aber, dass die ZDF-Programmfamilie heute so stark ist wie zuletzt Anfang der neunziger Jahre. Das zeigt, dass unsere Digitalstrategie richtig war und ist. Auch bei den jüngeren Zuschauern liegen die Werte wieder auf dem Niveau von 1992.  Es ist nicht unser Ziel, Marktführer zu sein. Dass es jetzt aber schon zum dritten Mal so gekommen ist, ist ein Erfolg der guten Arbeit in unseren Redaktionen. Und es zeigt auch, dass es nicht die großen Sportevents sind, sondern auch ein starkes Regelprogramm. Wir wollen ein vielfältiges, hochwertiges und attraktives Programm anbieten – ob uns das auch gelingt, darüber befindet am Ende das Publikum.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 1/2015 erstveröffentlicht.

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1 KommentarKommentieren

  • Netz-TV - 13.01.2015 Antworten

    Es hilft nicht weiter immer nur am Thema vorbeizudiskutieren. Es geht nicht darum ob auch Gutes produziert wird oder ob „unsere Mütter, unsere Vaeter“ eine gute Produktion war. Auch gestern Abend lief zum Thema Stasi ein wirklich gut gemachter Fernsehfilm. Es geht um die grundsätzliche Konkurrenzfähigkeit gegenüber den neu auf den Markt kommenden Anbietern. und die ist nicht gegeben und der Abstand wächst.

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