Öffentlich-rechtlicher Rundfunk:

„Selbstzufriedenheit ist mein Ding nicht“

von am 19.01.2015 in Archiv, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

<h4>Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: </h4>„Selbstzufriedenheit ist mein Ding nicht“
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen I © ARD/WDR/Herby Sachs

Das Erste hatte 2014 den höchsten Informationsanteil seit mehr als 20 Jahren

19.01.15 Interview mit Volker Herres, Programmdirektor Das Erste, ARD

Das Erste will auch weiterhin eine zuverlässige Adresse für deutsche Spielfilme sein, betont Programmdirektor Volker Herres in einem medienpolitik.net-Gespräch. Der Ruf nach „mehr“ gehöre zum Wesen des Produzenten. Herres sieht auch bei Serien kein Defizit im „Ersten“. „Unsere Branche redet und schreibt sich ja gern in einen kollektiven Rausch. Derzeit ist es sehr ‘trendy‘, voll und ganz auf die Serie zu setzen. Auch wir setzen weiter auf Serien und werden dort auch Neues ausprobieren.“ Serien und Filme, so der ARD-Programmchef weiter, seien keine Waren, die nach Erfolgsrezept jederzeit reproduzierbar seien. Serien seien sehr individuell und immer einmalig.

medienpolitik.net: Herr Herres, Sie hatten Anfang 2014 angekündigt, die „Qualitätsmarktführerschaft“  besitzen zu wollen. Inwieweit ist Ihnen das gelungen?

Volker Herres: Aus Sicht der Zuschauer ist es uns gelungen. Das belegt eine aktuelle repräsentative Studie: Ein Viertel der Bevölkerung nennt Das Erste als das qualitativ beste Fernsehprogramm Deutschlands – und das mit weitem Abstand zum Zweitplatzierten. Nicht nur das Ergebnis ist sehr erfreulich, sondern auch die Tendenz, denn dieser Wert ist seit 2009 kontinuierlich gestiegen.

medienpolitik.net: Trotz vieler guter Sendungen ist die Kritik an der Qualität des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nicht geringer geworden. Lässt Sie das gleichgültig?

Volker Herres: Nein, keineswegs. Nur muss man zwischen wohlfeilem und interessengeleitetem Bashing der Öffentlich-Rechtlichen und fundierter Kritik unterscheiden. Selbstzufriedenheit ist mein Ding nicht, und damit habe ich viele Verbündete in der ARD, mit denen ich gemeinsam an inhaltlichen und strukturellen Verbesserungen unseres Programmangebots arbeite.

medienpolitik.net: Sie sind seit genau 6 Jahren Programmdirektor des Ersten. Was hat sich im Ersten seitdem verändert?

Volker Herres: Das Erste hat 2014 den höchsten Informationsanteil seit mehr als 20 Jahren. Und das fiktionale Angebot ist vielfältig und relevant. Und wo es sich anbietet, kombinieren wir beides sogar miteinander.

medienpolitik.net: Und was wird sich auch in den nächsten 6 Jahren nicht ändern?

Volker Herres: Dass der Fernsehabend mit der „Tagesschau“ um 20.00 Uhr beginnt.

medienpolitik.net: Wie viel Volker Herres steckt eigentlich im Ersten?

Volker Herres: In diesem Jahr 704 Sendeminuten – als Moderator des „Presseclubs“ (lacht). Moderator bin ich ja auch in meiner Rolle als Programmdirektor des Ersten, das heißt ich leiste kontinuierlich Überzeugungsarbeit für Neuerungen, wie zum Beispiel das SommerKino oder unseren Sendeplatz für Comedy, Kabarett und Satire am Donnerstagabend.

medienpolitik.net: Sie haben 2014 geplant, dass exakt 138 neue Filme um 20.15 Uhr als Erstausstrahlung im Ersten laufen sollen. Welche dieser Filme waren besonders erfolgreich – außer den „Tatort“-en und welche weniger?

Volker Herres: Lassen Sie mich zunächst den FilmMittwoch als Ganzen hervorheben. Mit durchschnittlich 4,41 Millionen Zuschauern, das entspricht einem Marktanteil von 14,5 Prozent, zeigt dieser Sendeplatz deutlich, wie erfolgreich der Fernsehfilm im Ersten ist – und das gerade auch mit anspruchsvollen Stoffen. Drei Filme möchte ich exemplarisch herausgreifen: „Bornholmer Straße“ und die Degeto-Produktion „Besondere Schwere der Schuld“ wurden im Schnitt von sieben Millionen Zuschauern gesehen; und bei „Die Fahnderin“ – wie „Bornholmer Straße“ als Themenabend programmiert –schalteten über sechs Millionen Menschen zu. Einigen anderen Filmen hätte ich allerdings ein noch größeres Publikum gewünscht. „Die Spiegel-Affäre“ – mit einem großartigen Francis Fulton-Smith – zum Beispiel, ein hervorragender, intensiver Film – obwohl 3,61 Millionen Zuschauer natürlich nicht gerade wenig sind für ein solch vielschichtiges, politisch-zeitgeschichtliches Thema. Solche Filme gehören ganz klar zu unserem Programmprofil.

medienpolitik.net: Im Kino-Sommer laufen auch viele deutsche Spielfilme. Dennoch sind die Produzenten mit der Ausstrahlungsquote unzufrieden. Haben Sie eine frohe Botschaft für 2015?

Volker Herres: Der Ruf nach „mehr“ gehört zum Wesen des Produzenten. Die frohe Botschaft aber lautet: Deutsche Kinofilme laufen im Ersten nicht nur im SommerKino, sondern verteilt über das ganze Jahr. Im Weihnachtsprogramm zeigen wir „Der Medicus“, im kommenden Jahr zeigen wir z.B. „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ oder „Die Vermessung der Welt“, letzteren übrigens im Januar zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr. Und wir haben mit einem zweiten Sendeplatz das Sommerkino in diesem Jahr sogar ausgeweitet.

medienpolitik.net: Nach welchen Kriterien haben Sie die deutschen Spielfilme ausgewählt? Es gibt ja jedes Jahr deutlich mehr als Sie zeigen …

Volker Herres: Die deutschen Kinofilme, die wir im Ersten zeigen, sind natürlich überwiegend von der ARD koproduzierte Stücke. Das heißt: Es handelt sich dabei um Filme und Stoffe, die die Filmredaktionen der Landesrundfunkanstalten inhaltlich und formal besonders interessant fanden, die sie deshalb bis zu ihrem Kinostart mitentwickelt, begleitet und kofinanziert haben.

medienpolitik.net: Das Sommerkino läuft seit 2012 in der Primetime erfolgreich. Warum etablieren Sie nicht noch zusätzlich ein Winterkino?

Volker Herres: Glücklicherweise haben wir zahlreiche hervorragende Fernsehfilmproduktionen, die ihren Platz in der Primetime finden wollen. Viele davon übrigens durchaus in Kinoqualität. Einen zusätzlichen Primetime-Platz für ein WinterKino sehe ich deshalb nicht. Allen Cineasten empfehle ich aber das KinoFestival und die vielen weiteren Kinohighlights im Programm des Ersten.

medienpolitik.net: Martin Moszkowicz hat kürzlich in einem Interview gesagt, die deutschen Produzenten hätten entdeckt, dass es bei hochwertigen TV-Serien „eine Marktlücke“ gibt. Gibt es eine solche Marktlücke im Ersten?

Volker Herres: Nein, eine Marktlücke im Ersten kann ich nicht festzustellen. Gerade entsteht in Berlin die dritte Staffel von „Weissensee“, die sich intensiv mit unserer jüngsten Vergangenheit, der Zeit kurz vor und nach dem Mauerfall, beschäftigt und die im nächsten Jahr ausgestrahlt wird. Hochwertige Serien made in Germany sind so unterschiedliche Produktionen wie „Mord mit Aussicht“ und „Um Himmels Willen“, aber auch unsere neue Anwaltsserie „Die Kanzlei“, die sich von realen Fällen inspirieren lässt und die Geschichten der Hilflosen unserer Gesellschaft erzählt. Außerdem möchte ich auf unsere erstklassige Märchenfilm-Reihe hinweisen, die auf mittlerweile 34 Verfilmungen angewachsen ist. Zudem haben wir mit „Babylon Berlin“, „Die Stadt und die Macht“ und „Charité“ drei hochwertige Eventserien in Planung.

medienpolitik.net: Da hat der Constantin-Chef anscheinend einen anderen Eindruck…

Volker Herres: Ich bin nicht sein Interpret, finde aber, dass unsere  Koordination ‚Serien im Hauptabendprogramm‘  ganze Arbeit leistet. Im Übrigen: Produktionsfirmen leben von ihrem guten Ruf, außergewöhnliche Serien-Filmideen zu entwickeln und das Ohr am Puls der Zeit zu haben.

medienpolitik.net: „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist mit dem TV-Oscar ausgezeichnet und in über 100 Länder verkauft worden. Ist das der Prototyp der neuen deutschen TV-Serie auch für das Erste?

Volker Herres: Was meinen Sie mit Prototyp?

medienpolitik.net: Ein Modell in Bezug auf die Kameraarbeit, das Erzähltempo, die Erzählweise…

Volker Herres: Serien und Filme sind keine Waren, die nach Erfolgsrezept jederzeit reproduzierbar sind – so wie es Ihre Fragestellung impliziert. Serien sind sehr individuell und immer einmalig. Glückwunsch dem ZDF zu diesem außerordentlichen Mehrteiler! Qualität zu produzieren, ist immer auch unser Ziel und dafür gehen wir neue Wege wie etwa mit der Koproduktion von „Babylon Berlin“.

medienpolitik.net: Sie kooperieren für eine neue Serie mit Sky. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande? Warum gerade Sky?

Volker Herres: Für eine große internationale Serie, die auf der Basis der Erfolgskrimis von Volker Kutscher im Berlin der 1920er Jahre spielt, wurden Partner gesucht. Wir finden „Babylon Berlin“ unter der Regie von Tom Tykwer, der mit seinen beiden Regie-Kollegen Hendrik Handloegten und Achim von Borries auch die Drehbücher schreibt, sehr spannend und wollen es mit entwickeln. Und die Kooperation mit Sky Deutschland, mit X Filme und Beta Film erlaubt es, eine deutsche Serie mit internationalem Anspruch zu realisieren.

medienpolitik.net: Welchen Einfluss haben Sie dabei noch auf die inhaltliche Gestaltung, Besetzung u.ä.?

Volker Herres: Keine Sorge, wir haben Mitspracherecht bei Inhalt, Gestaltung und Besetzung, schließlich stellen wir ja mit Sascha Schwingel und Carolin Haasis von der ARD Degeto und Gebhard Henke vom WDR gleich drei verantwortliche Redakteure.

medienpolitik.net: Ist „Babylon Berlin“ ein Modell für ähnliche Kooperationen, vielleicht auch mit Plattformen wie „Netflix“?

Volker Herres: Jeder Fall ist anders. Aber dort, wo „win-win-Situationen“ möglich sind, sollte man im Interesse der Zuschauer keine Berührungsängste haben.

medienpolitik.net: Wie sieht ihre Planung für fiktionale Produktionen insgesamt für die nächsten zwei bis drei Jahre aus? Welche Rolle spielen Serien dabei?

Volker Herres: Unsere Branche redet und schreibt sich ja gern in einen kollektiven Rausch. Derzeit ist es sehr „trendy“ voll und ganz auf die Serie zu setzen. Auch wir – Beispiele habe ich genannt – setzen weiter auf Serien und werden dort auch Neues ausprobieren.  Gerade produzieren wir zusammen mit dem ORF  zehn Folgen von „Vorstadtweiber“, so der Arbeitstitel, eine Wiener Gesellschaftssatire. Aber als Mann von der Küste weiß ich: Wenn in einem Boot sich alle auf eine Seite werfen,, tut man gut daran einige zu sich auf die andere Seite herüberzuziehen, damit der Kahn nicht kentert. Und deshalb werden wir den Fernsehfilm nicht vernachlässigen. Erfolgreiche Filme wie „Bornholmer Straße“ oder „Altersglühen“ ermutigen uns geradezu dazu. Und auch die Degeto ist mit neuen Stoffen wie „Mörderhus – der Usedom-Krimi“, „Sarah Klein“ oder „Die Diplomatin“ auf einem guten Weg.

medienpolitik.net: Wird es weiterhin noch Event-Filme geben oder werden diese durch die Event-Serie ersetzt?

Volker Herres: Der Eventfilm ist nicht tot, im Gegenteil: Er ist quicklebendig. Wir wollen auch im Jahr 2015 mit einer Kombination aus Fernsehfilm und Dokumentation oder Fernsehfilm und Gesprächsrunde Themenschwerpunkte setzen. Zum Beispiel mit der Neuverfilmung von „Nackt unter Wölfen“ und einer begleitenden Doku über das Konzentrationslager Buchenwald. Oder mit dem Fernsehfilm „Der blinde Fleck – Das Oktoberfest-Attentat“ und einer Dokumentation über den Terroranschlag vor fast 35 Jahren in München. Auch illegale Waffenexporte, der umstrittene Bau einer Moschee, der 70. Jahrestag der Befreiung von „Auschwitz“ und der 25. Jahrestag der Deutschen Einheit sollen mit einem attraktiven Genremix Highlights im Ersten bilden. Vergessen wir die Themenwoche nicht: Im nächsten Jahr widmen wir uns dem vielschichtigen Thema Heimat. Wir schaffen weiter Events, wobei der Fernsehfilm eine entscheidende Rolle spielt.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 1/2015 erstveröffentlicht.

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