Filmwirtschaft:

„Auf Innovationskurs“

von am 04.02.2015 in Archiv, Filmwirtschaft, Medienwirtschaft

<h4>Filmwirtschaft: </h4>„Auf Innovationskurs“
Petra Müller, Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW

Film- und Medienstiftung hat für eine zukunftsorientierte Standortentwicklung neue Strukturen und Instrumente etabliert

04.02.15 Interview mit Petra Müller, Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW

2014 hat die Film- und Medienstiftung NRW ihren Innovationskurs fortgesetzt. Film, Fernsehen, Games, Web, crossmediale Inhalte – die Förderinstitution hat ihr audiovisuelles Feld erweitert, ihre innovativen Förderinstrumente ausgebaut, in Vernetzung, Präsentation und Marketing der standortprägenden Medienbranchen investiert. Dazu gehören Festival- und Messeauftritte ebenso wie die Entwicklung interaktiver Inhalte und junger TV-Formate, Europas erstes Stipendium für Webvideo-Macher und das Wim Wenders Stipendium für innovatives Filmschaffen. In 2014 förderte die Film- und Medienstiftung NRW 429 Projekte und Projektentwicklungen mit rund 36,1 Mio. Euro in Film, TV, Kino, Hörspiel und neuen Medien und war damit weiterhin der finanzstärkste deutsche Länderförderer.

medienpolitik.net: Frau  Müller, welche Bilanz kann die Film- und Medienstiftung für 2014 ziehen?

Petra Müller: 2014 hat die Film- und Medienstiftung NRW ihren Innovationskurs erfolgreich fortgesetzt. Im vierten Jahr nach der Neuausrichtung sind die notwendigen Strukturen etabliert und alle Förderinstrumente im Einsatz, die eine ganzheitlich, zukunftsorientierte Standortentwicklung ermöglichen. Film, Fernsehen, Games, Web, crossmediale Inhalte – die Film- und Medienstiftung NRW hat ihr audiovisuelles Feld erweitert und neben der Förderung in Standortmarketing, Vernetzung und Präsentation der standortrelevanten Medienbranchen investiert. Dazu kommt eine sehr gute Förderbilanz mit 36,1 Mio. Euro für 419 Projekte, davon allein 130 Filmprojekte mit 29,5 Mio. Euro. So ist die Film- und Medienstiftung verlässlicher Partner der Film- und Medienschaffenden und gleichzeitig Impulsgeber und Innovationstreiber für den Film- und Medienstandort NRW.

medienpolitik.net: Wo haben sie 2014 neue Akzente gesetzt?

Petra Müller: Mit „Weinberg“ haben wir als erste eine Produktionsförderung für eine horizontal erzählte Serie vergeben. Gleichzeitig sind derzeit junge Serienideen in der Entwicklung, die wir im Programm für innovative TV-Formate gefördert haben. Das Programm für digitale Inhalte und Games wurde auf 1 Mio. Euro aufgestockt und wir haben Europas erstes Förderprogramm für Webvideos aufgelegt. Gemeinsam mit der Düsseldorfer Wim Wenders Stiftung haben wir das Wim Wenders Stipendium für innovatives Filmschaffen vergeben. Bei all diesen innovativen Initiativen unterstützt uns das Land NRW.

Im Standortmarketing haben wir die Präsenz von NRW bei gamescom, dmexco sowie internationalen Messen und Festivals verstärkt und den „Filmherbst“ als Dachmarke für die landesweite Festivalsaison in der ersten Novemberhälfte gesetzt. Die Höhepunkt waren sicherlich die von Carolin Kebekus moderierte Verleihung der Kinoprogrammpreise und der Herbert Strate Preis für Til Schweiger, der mit dem enormen Erfolg für „Honig im Kopf“ gerade seine Preiswürdigkeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat.

In Kooperation mit der ANGACOM, der Interactive Cologne und dem Deutschen Webvideopreis wurde das Medienforum NRW als medienübergreifendes Branchentreffen weiterentwickelt, das die wichtigen Standortbranchen der Kommunikations- und Medienwirtschaft vernetzt und ihre zunehmend konvergenten Fragestellungen mit dem medien- und netzpolitischen Diskurs verbindet.

medienpolitik.net: Zahlreiche von der Film- und Medienstiftung geförderte Filme waren 2014 auf Festivals, mit Nominierungen und Auszeichnungen erfolgreich. Wo liegen dafür die Gründe?

Petra Müller: Tatsächlich sind 2014 weit über 70 NRW-geförderte Filme auf internationalen Festivals gezeigt worden, dazu kommen „Goldene Löwen“, „Internationale Emmys“ und „Deutsche Filmpreise“ und aktuell 29 Filme bei der Berlinale. Einer der Gründe ist die starke Arthouse-Orientierung der Kölner Produzenten wie Pandora oder Heimatfilm, die mit Regisseuren wie Lars von Trier, Jim Jarmusch oder Semih Kapanoglu zusammenarbeiten. Darüber hinaus fördern wir vor allem auch mit unserem zweiten Gremium junges Arthouse-Kino. So entstehen dann solche Arbeiten wie „Vergine guirata“ und „Cha vá con vá“ beide im Wettbewerb der Berlinale – und vor allem auch besondere Dokumentarfilme, die auf Festivals sehr erfolgreich sind.

medienpolitik.net: Wo liegen die inhaltlichen Schwerpunkte der Filmförderung in NRW?

Petra Müller: Neben dem deutschen Kinofilm sind internationale Koproduktionen ein wichtiger Schwerpunkt, die Stars wie Anthony Hopkins, Ben Kingsley, Tom Hanks nach NRW bringen. Große Bedeutung haben Komödien, am Entertainmentstandort NRW oftmals mit produktiven Querverbindungen zur Comedy wie im Fall von „Stromberg“ „Nicht mein Tag“ oder auch zuletzt „Frau Petra Müller muss weg“ mit Anke Engelke, der auf Anhieb an die Spitze der Arthouse-Charts geschnellt ist. Wir engagieren uns stark im Dokumentarfilm, der mit rund einem Drittel der geförderten Projekte und insgesamt 3,9 Mio. Euro ein prägender Förderschwerpunkt ist. Mit 6 Mio. Euro haben wir 2014 den Nachwuchsfilm gefördert, eine Investition in Zukunft, die junge Kreative an den Standort bindet.

medienpolitik.net: Die FFA hat die Zahl der geförderten Filme 2014 verringert und dafür die Förderung pro Film erhöht. Ist das auch für Sie ein Weg, um die Zahl deutscher Filmstarts zu verringern und die Qualität der Filme zu erhöhen?

Petra Müller: Von jeher stattet die Filmstiftung die Projekte vor allem der hier engagierten Produzenten mit vergleichsweise hohen Fördersummen aus. Beispiele hierfür sind Filme wie „Der Medicus“, „Rush“, „Stromberg“ oder auch „Autobahn“. Das gilt auch für hochwertige Fernsehproduktionen: „Unsere Mütter unsere Väter“, „Witwenmacher“ oder auch „Weinberg“ konnten auf hohe Förderungen aus der Filmstiftung NRW zählen.

Hier geht die regionale Förderung durchaus mit ihren Projekten ins Risiko, was aus meiner Sicht zu ihren Aufgaben gehört. Gleichzeitig steht sie da in der Verantwortung, wo kleine und schwierige, künstlerisch-gewagte und experimentelle Projekte realisiert werden wollen. Durch eine gute finanzielle Ausstattung der Förderung ist diese Bandbreite in NRW möglich. Ob alle geförderten Filme unter allen Umständen einen Kinostart haben müssen, das steht auf einem anderen Blatt.

medienpolitik.net: Ab 2015 wird die Film- und Medienstiftung für die Förderung weniger Geld zur Verfügung haben. Welche Konsequenzen hat das für Sie?

Petra Müller: Die Gesellschafter der Filmstiftung haben beschlossen, den eingeschlagenen Kurs beizubehalten inkl. des gesamten Förderportfolios – also Film- und Fernsehförderung sowie die innovativen Förderprogramme und Stipendien. Das bedeutet, dass wir noch fokussierter fördern müssen, sowohl, was die Anzahl der Projekte als auch die Förderhöhen angeht. Auch nach Kürzungen von WDR und Land werden 2015 inkl. Rückflüsse und Verpflichtungsermächtigungen 33 – 34 Mio. Euro zur Verfügung stehen. Damit wird die Filmstiftung nach wie vor zu den finanzstärksten Förderhäusern gehören. Nichts desto trotz wollen alle Beteiligten Möglichkeiten suchen, die Kürzungen zumindest teilweise zu kompensieren. Bei der Weiterentwicklung der Förderung müssen wir sicher auch an neue Partner denken.

medienpolitik.net: Die Kürzungen in der Filmförderung betreffen ja nicht nur NRW: Auch der DFFF ist zweimal reduziert worden, und auch in Hamburg ist von Kürzungen die Rede. Woher kommt diese Trendwende, nachdem die Fördermittel über Jahre erhöht worden sind?

Petra Müller: Die Gründe hierfür sind die knapper werdenden öffentlichen Haushalte und der Kostendruck bei den Sendern. Gleichzeitig sehen wir im digitalen Zeitalter veränderte Notwendigkeiten in der Medien- bzw. Standortpolitik in einem internationalen Standortwettbewerb, in dem es nicht mehr ausschließlich um Film und Fernsehen sondern auch um digitale Standortentwicklung, also um die Entwicklung einer konvergenten Medien-, Kreativ- und Digitalwirtschaft geht. Generell mag auch die Klage über die sogenannte „Filmschwemme“ im Kino dazu beitragen, dass der Eindruck entsteht, dass der Film ausreichend gefördert wird.

medienpolitik.net: 2014 haben sich neue Produktionsfirmen in NRW angesiedelt. Warum ist NRW für Firmen und Gründer attraktiv?

Petra Müller: NRW ist ein vollausgebildeter Medienstandort mit starken Sendern und führenden Produktionshäusern, guter Infrastruktur, professionellen Dienstleistern und Studios und einer starken Förderung. Die Nähe zu den Auftraggebern, kurze Wege und hohe Vernetzung sind gute Argumente für Unternehmen und garantieren bei allem Kostendruck eine vergleichsweise stabile Auftragslage. So kommt es, dass Unternehmen wie Seapoint und Bantrybay sich in Köln niederlassen, Startups und Mediengründer hier erfolgreich im Markt agieren und Firmen wie Augenschein oder bildundtonfabrik da mitmischen, wo es um Verjüngung und Innovation in Film und Fernsehen geht.

medienpolitik.net: „Fernsehen Made in NRW“ – was kann man sich darunter vorstellen?

Petra Müller: Legt man die Studien des Formatt-Institutes zugrunde, so nimmt NRW als Produktionsland für Film und Fernsehen eine klare Spitzenstellung ein. 8 bis 10 der 20 größten Produktionshäuser sitzen in NRW, hierfür stehen Unternehmen wie Brainpool, Endemol, I&U, ITV, Fandango, Sony, Ufa und MME/Filmpool. Im Bereich Kinofilm haben rund 20 Prozent der deutschen Produzenten ihren Sitz in NRW, als Herstellungsland für Fiktion, also Filme, Serien und Comedy, liegt NRW deutlich von Bayern und Berlin. Der Schwerpunkt der Produktion liegt aber ganz klar bei Show und Entertainment.

medienpolitik.net: Es ist die Rede von einer Renaissance des Fernsehens bei fiktionalen Serien. Registrieren Sie diese „Wiedergeburt“ auch, z.B. durch mehr Förderanträge für die Serienentwicklung?

Petra Müller: Preisgekrönte Produktionen wie „Unsere Mütter unsere Väter“ oder auch „Weissensee“ haben die Leistungsfähigkeit der deutschen Produzenten in der fiktionalen Erzählung bewiesen, das aber vor allem im öffentlich-rechtlichen TV, während die privaten Sender ihre Stärken in der nonfiktionalen Unterhaltung ausgeprägt haben. Unter dem Wettbewerbsdruck der Internationalen Pay-TV- und VoD-Anbieter steigen TV-Sender  nun in ambitionierte Serienprojekte ein. Dabei scheint – nach amerikanischen Vorbild – gleichzeitig auch die Trennlinie zwischen TV und Kino zu fallen, sind es doch gerade auch Filmproduzenten und –regisseure, die die TV-Serie für sich entdeckt haben.

In fast allen Produktionshäusern liegen Serienentwicklungen auf dem Tisch, die gerade auch in den Förderungen vorgestellt werden. Die Filmstiftung befasst sich seit längerem mit diesem Thema, fördert Serienentwicklung und die Produktion von High-End-Mehrteilern und horizontal erzählten Serien, wie zuletzt „Weinberg“. So sind wir sehr gerne auch Partner der ersten „Drama Series Days“, die im European Film Market der diesjährigen Berlinale stattfinden. Hier werden auch zahlreiche deutsche Serienproduktionen vorgestellt.

medienpolitik.net: Wie profitiert der Standort von neuen Online- und Web-TV-Angeboten?

Petra Müller: NRW ist aktuell die Hochburg der deutschen Webvideo-Szene, die starke Impulse setzt für junges Entertainment. Hier sitzen die meisten Kreativen, hier verleihen wir den Deutschen Webvideopreis und den Grimme-Online Award. Nach den Games ist Webvideo die zweite starke Content-Entwicklung der digitalen Welt, auch und gerade weil mobil gut konsumierbar. Das ist die Welt der jungen Nutzer, die von klassischen Medien kaum noch erreicht werden. Unter den Youtubern haben sich Talente und Stars herausgebildet, die den nächsten Schritt gehen wollen und bereits in Filmen und im Fernsehen zu sehen sind. Ich gehe davon aus, dass man in nächster Zeit Kooperationen zwischen klassischer und neuer Content-Welt sehen wird.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 2/2015 erstveröffentlicht.

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