Filmwirtschaft:

„Der Markt ist hart umkämpft“

von am 25.02.2015 in Archiv, Filmwirtschaft

<h4>Filmwirtschaft: </h4>„Der Markt ist hart umkämpft“
Johannes Züll, Vorsitzender der Geschäftsführung Studio Hamburg

Studio Hamburg will 2015 wieder in die schwarzen Zahlen kommen

25.02.15 Interview mit Johannes Züll, Vorsitzender der Geschäftsführung Studio Hamburg

Studio Hamburg ist eines der profiliertesten Produktions- und Dienstleistungszentren für Film und Fernsehen in Deutschland. Das 1947 in Hamburg gegründete Unternehmen ist heute Stammsitz eines vor allem national operierenden Netzwerkes mit den Geschäftsbereichen Atelier & Technik, Produktion & Distribution, Consulting & Services, das alle Segmente der audiovisuellen Industrie bedient. Mitte Januar hat  Studio Hamburg bekannt gegeben, das operative Geschäft der Park Studios GmbH aus Potsdam zu übernehmen.
Seit einem halben Jahr ist Johannes Züll Geschäftsführer der Gruppe. In einem ausführlichen medienpolitik.net-Gespräch skizziert Züll die schwierige Situation im Bereich der Studio-Dienstleister und den Weg des Studios zurück zu einem positiven Betriebsergebnis. Auch weiterhin soll Studio Hamburg sowohl als technischer Dienstleister als auch als Produzent aktiv sein.

medienpolitik.net: Herr Züll, wie ist die wirtschaftliche Situation der Studio Hamburg-Gruppe zu Beginn des Jahres 2015?

Johannes Züll: Als Gruppe stehen wir wieder besser da. Nach sehr bewegten Jahren haben wir uns 2014 operativ bereits in Richtung schwarze Null entwickelt. 2015 rechnen wir auf der Ergebnisseite mit einer weiteren Verbesserung und planen, das Jahr entsprechend positiv abzuschließen.

medienpolitik.net: Die Übernahme der Geschäftsführung wurde mit Schlagzeilen wie: „Johannes Johannes Züll soll Studio Hamburg sanieren“ bedacht. Was gibt es alles bei Studio Hamburg „sanieren“?

Johannes Züll: Ich verstehe mich als Erneuerer. Es gibt eine Menge Potential in der Studio Hamburg Gruppe, von dem wir schon einiges realisiert haben.

medienpolitik.net: Wie weit sind Sie in den ersten sechs Monaten gekommen?

Johannes Züll: Zusammen mit meinem Geschäftsführer-Kollegen Dr. Kurt Bellmann haben wir eine Menge angepackt und sind den bereits vorher unter Prof. Carl Bergengruen eingeschlagenen Restrukturierungsweg weiter gegangen. Seit 2013 hat Studio Hamburg an seinem Portfolio gearbeitet. Wir haben uns von der Filmtechnik getrennt, die Postproduktion erfolgreich umstrukturiert. Wir haben die Lieferstruktur und unsere Finanzstruktur überprüft. Auch die Zuständigkeiten sind jetzt eindeutiger festgelegt. Wichtig ist, ständig auf Kostenkontrolle zu achten. Meine Prioritäten sind Kunden, Kreativität und eben Kostenkontrolle.

medienpolitik.net:  Sehen Sie Studio Hamburg künftig mehr als Technikanbieter oder mehr als Produzenten?

Johannes Züll: Wir sind in beiden Segmenten sehr stark und das wird auch so bleiben. Auf mehreren Standbeinen steht man sicherer als auf einem.

medienpolitik.net: Auslastungsprobleme gab es im Studio Berlin. Anscheinend bestehen hier Überkapazitäten  Bedeutet das Kapazitätsabbau?

Johannes Züll: Das Problem ist vielschichtiger. In Berlin war die Auslastung bereits gut und ist in 2014 auch weiter gestiegen. Ebenfalls lief das Geschäft mit den Ü-Wagen und der Außenproduktion – nicht zuletzt war 2014 ein starkes Sport-Jahr – zufriedenstellender. Mit dieser höheren Auslastung haben wir uns deutlich über Plan entwickelt, sind aber in diesem Bereich noch von schwarzen Zahlen entfernt. Mit dem Zukauf des operativen Geschäfts der Park Studios GmbH, das wir im Januar angekündigt haben, verstärken wir sogar noch unser Engagement am Standort Berlin und sichern Arbeitsplätze im Produktionssektor.

medienpolitik.net: Wie schätzen Sie generell die Studiosituation in Deutschland ein? Gibt es zu viele Studios für zu wenige Produktionen?

Johannes Züll: Ohne Zweifel gibt es im Studiobereich Überkapazitäten. Jede Kleinstadt hat eine Leichtbauhalle, in der gedreht werden kann. Aber auch zwischen den großen Medienstandorten ist der Wettbewerb sehr hart, dem wir uns aber stellen. Berlin hat wegen seiner Anziehung als Hauptstadt großes Potential. Davon profitieren wir. Weiterhin gibt es Bedarf nach Größe, den wir mit unseren Studioflächen sehr gut bedienen können. Und drittens wächst die Nachfrage nach integriertem technischen Know-how. Bei dieser Verbindung aus Broadcast und IT sehen wir uns in einem Wettbewerbsvorteil, den wir auch noch weiter ausbauen werden.

medienpolitik.net: Die Zahl der in Deutschland produzierten Spielfilme ist gestiegen, die Zahl der TV-Produktionen ist zumindest gleich geblieben. Warum können die Technischen Dienstleister von einem Mehr an Produktionen so wenig profitieren?

Johannes Züll: Ich denke, dass die Technischen Dienstleister sehr wohl davon profitieren. Jeder Dreh benötigt Technik und spezifisches Know-how, ob vor Ort oder in der Postproduktion. Allerdings ist der Markt von hohem Wettbewerb und geringen Margen geprägt. Ich glaube aber, dass wir über anspruchsvolle Full-Service-Dienstleistungen und gezielte Investitionen künftig die Chance haben, fairer entlohnt zu werden, als das in der Vergangenheit der Fall war.

medienpolitik.net: Im Zusammenhang mit der Senkung des DFFF entstanden Untergangsszenarien für die deutsche Filmwirtschaft und so mancher sieht den Produktionsstandort Deutschland bedroht. Sehen Sie das auch so, dass von 10 Millionen Euro bei einer Gesamtfördersumme von 350 Mio. Euro das Schicksal der deutschen Produktionswirtschaft abhängt?

Johannes Züll: Es ist wohl weniger eine Schicksalsfrage, als vielmehr ein sehr negatives Signal, das mit einer Senkung des DFFF national und international gesetzt wird. Grundsätzlich bin ich gegen Kürzungen, weil die Multiplikationswirkung von Filmförderung sehr hoch ist. Der DFFF verbraucht keine Steuergelder, er vermehrt sie. Zudem ist der Film gerade in der digitalen Welt ein internationaler Botschafter. Die durch den DFFF entstandenen positiven Effekte, die seit seinem Bestehen zu einer deutlichen Steigerung bei internationaler Konkurrenzfähigkeit, Beschäftigung und Wirtschaftskraft des deutschen Films und des durch ihn bewirkten Steueraufkommens geführt hat, werden in jedem Fall durch diese Maßnahme beschnitten.

medienpolitik.net: Studio Hamburg gehört zu den größten Technikanbietern für Produktion und Postproduktion. Gegenwärtig steht  4 Kschon in den Startlöchern. Welche Investitionen erfordert das mittelfristig für Studio Hamburg, um konkurrenzfähig zu bleiben?

Johannes Züll: Studio Hamburg Postproduktion stellt sich schrittweise auf 4K ein, die Schnittplätze sind zum Teil schon umgerüstet. Im Bereich der Restauration haben wir mit dem „Golden Eye 4“ bereits in einen der innovativsten Filmscanner im internationalen Markt investiert.  Der 4K Filmscanner (Digital Vision) kann sämtliche Filmformate von Super 8 mmm bis 70 mmm digitalisieren und das in einer Auflösung von SD über HD, 2K bis 4K – je nach Bedarf. Im Ü-Wagenbereich von Studio Berlin zählt  4K zum jetzigen Zeitpunkt von Kundenseite noch nicht zum Anforderungsprofil, da sich das hochaufgelöste Bild zwar in modernen TV-Geräten abbilden lässt, es fehlt aber noch der Signalweg, der diese Bilder zum Gerät transportiert.

medienpolitik.net: Studio Hamburg produziert Spielfilme, Fernsehfilme und Serien in fünf unabhängig operierenden Tochterfirmen. Dazu kommen weitere Beteiligungen. Welches Profil strebt Studio Hamburg als Produktionsunternehmen an? Machen sich diese Töchter nicht gegenseitig Konkurrenz?
Johannes Züll: Wir haben viele Einzelgesellschaften und GmbHs, die wir teilweise noch zusammenfassen werden. Grundsätzlich stehe ich zu der Mehr-Markenstrategie, sie bringt uns große Vorteile. Im Gegensatz zu anderen, die alles zentralisiert haben, haben wir beispielsweise die Realfilm, Nordfilm, Doclights, Cinecentrum, Polyphon und Serienwerft. Der Wettbewerb der kreativen Köpfe und der verschiedenen Marken ist auch untereinander sinnvoll.

medienpolitik.net: Alle reden über ein neues deutsches Serienhoch. Wird Studio Hamburg an dem zu erwarteten Serienboom beteiligt sein?

Johannes Züll: Serien spielen im Portfolio von Studio Hamburg seit jeher eine übergeordnete Rolle, unsere Formate spielen in der ersten Liga. Wir haben 2014 nicht nur Top-Quoten, sondern auch etliche Auszeichnungen eingefahren. Allein der „Tatortreiniger“ ist nach 2012 und 2013 in diesem Jahr zum dritten Mal für den Grimme-Preis nominiert. Das hat es noch nie gegeben. Die Auftragsvergabe sieht für 2015 ebenfalls gut aus, von einem Serienboom können wir allerdings nicht sprechen, das Niveau bewegt sich auf dem des Vorjahres. Ich glaube aber, dass die deutsche Serie im internationalen Markt noch ausbaufähig ist, hier wird sie zur Zeit noch unter Wert gehandelt. Grundsätzlich gilt für den Produktionsbereich leider auch, was für die technischen Dienstleistungen gilt: Der Markt ist hart umkämpft.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen bei Ihnen Angebote für das Web? Die UFA verfügt über ein entsprechendes LAB, das auch 360-Grad-Angebote für TV-Sender produziert. Existiert oder planen Sie etwas Ähnliches?

Johannes Züll: Wir analysieren den Markt genau. Noch steckt er im Vergleich zum klassischen TV- und Filmmarkt in Deutschland in den Kinderschuhen. Aber die Wachstumspotentiale sind beeindruckend. Wir bieten made-for-web Inhalte an. Ein prominentes Beispiel ist die Serie „MANN/FRAU“, die Ulmen TV für den Bayerischen Rundfunk nun bereits in der zweiten Staffel erfolgreich produziert.

medienpolitik.net: Studio Hamburg Distribution ist bei der Vermarktung der Studio-Hamburg-Produktionen sehr aktiv. Welche Rolle spielt inzwischen die digitale Distribution auf entsprechenden Plattformen?

Johannes Züll: Eine wachsende Rolle. Wir arbeiten heute mit Netflix, Watchever und Amazon Prime und auch kleineren SVOD-Plattformen zusammen. Ebenso helfen wir, Inhalte z.B. via YouTube zu vermarkten.

medienpolitik.net: Wie wird sich dieses Geschäft entwickeln und wie wichtig ist es dafür, dass Sie von den TV-Sendern mehr Online-Rechte erhalten?

Johannes Züll: Der Geschäftsanteil wird mit Sicherheit quantitativ noch zunehmen. Aber das ist nicht nur eine Frage der Online-Rechte. In Sachen Rechteverbleib bedarf es vor allem einer klaren Regelung. Entweder Auftragsproduktion oder mehr eigenes Risiko in der Finanzierung – dann aber auch Inhaber des Rechte-Katalogs in vollem Umfang. Als TV-Produzent würden wir uns heute in vielen Fällen eine noch weitreichendere Vermarktung unserer Produktionen wünschen. Wir sind wie auch viele andere Produzenten überzeugt, dass wir das in Eigenregie in vielen Fällen auch selber besser leisten könnten.

medienpolitik.net: „Germanys Gold“ ist gescheitert. Wie sehen Sie die Chancen für eine deutsche VoD-Plattform unter Einbeziehung von Studio Hamburg?

Johannes Züll: Das ist für uns zurzeit kein Thema.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 2/2015 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen