Filmwirtschaft:

„Deutschland investiert weiterhin in die Filmwirtschaft“

von am 04.02.2015 in Archiv, Filmwirtschaft

<h4>Filmwirtschaft: </h4>„Deutschland investiert weiterhin in die Filmwirtschaft“
Prof. Monika Grütters, MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien

Filmförderung von 2006 bis 2013 insgesamt von 230 Mio. Euro auf 351 Mio. Euro gestiegen

04.02.15 Interview mit Prof. Monika Grütters, MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien

Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, hat in einem medienpolitik.net-Gespräch bestritten, dass die Reduzierung des Deutschen Filmförderfonds auf 50 Millionen Euro den Filmstandort Deutschland gefährden würde. Durch die langfristige Planungssicherheit, die nun erreicht worden sei, „wird der Filmstandort Deutschland eher noch an Attraktivität gewinnen.“ Monika Grütters wies auch darauf hin, dass in anderen Ländern, vor allem in Südeuropa, die Filmförderung im Zuge der Finanzkrise in den vergangenen Jahren teils drastisch zurückgefahren worden sei. Von einem Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands könne daher keine Rede sein. Die Kultur-Staatsministerin begrüßt das Engagement der TV-Sender für die deutsche Filmproduktion, sieht allerdings bei einer fairen Aufteilung der Verwertungsrechte mit den Produzenten noch „Spielraum“. So könne sie sich ein entsprechendes Anreizmodell bei der Länderförderung vorstellen.

medienpolitik.net: Frau Grütters, der Bundesrat hat die Empfehlung gegeben, den DFFF 2016 wieder um 10 Millionen Euro aufzustocken. Wie bindend ist dieser Beschluss für Sie und den Deutschen Bundestag?

Monika Grütters: Eine Empfehlung des Bundesrates ist für den Deutschen Bundestag oder die Bundesregierung grundsätzlich nicht bindend. Die Interessenlagen von Bundestag, Bundesrat und mir sind für den vom Bund – zusätzlich zu den Länderförderungen – aufgelegten Filmförderfonds allerdings ohnehin die gleichen: Wir alle tragen eine gemeinsame Verantwortung für gute Rahmenbedingungen für die Kultur- und Filmlandschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Gerade der DFFF hat sich als ausgesprochen erfolgreiches Instrument der Förderung erwiesen. Daher wurde er nicht, wie noch in der mittelfristigen Finanzplanung der Vorgängerregierung vorgesehen, auf knapp 30 Mio. € abgesenkt, sondern ab dem Haushaltsjahr 2015 wieder auf 50 Mio. € Jahresbudget aufgestockt – und das noch dazu dauerhaft. Dass der Bundesfinanzminister diese dauerhafte Verankerung des bisher befristeten DFFF vorgeschlagen hat, ist mir besonders wichtig. Damit wurde der immer wieder erhobenen Forderung zur „Entfristung“ des DFFF jetzt entsprochen.

medienpolitik.net: Die Deutsche Produzentenallianz sieht mit der Kürzung des DFFF den deutschen Filmproduktionsstandort gefährdet. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Monika Grütters: Das kann ich natürlich so nicht stehen lassen. Auch auf einem Niveau von 50 Mio. Euro pro Jahr erfüllt der DFFF weiterhin seine Aufgabe. Er war ja 2007 – damals immer befristet  –  eingeführt worden, um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Filmwirtschaft in Deutschland zu verbessern, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der filmwirtschaftlichen Unternehmen zu erhalten und zu fördern und um nachhaltige Impulse für den Filmproduktionsstandort Deutschland sowie weitere volkswirtschaftliche Effekte zu erzielen. Das bleibt nicht nur so, sondern zudem gibt es nun auch noch langfristige Planungssicherheit. Dadurch wird der Filmstandort Deutschland eher noch an Attraktivität gewinnen.

medienpolitik.net: Worauf ist die geringere Förderung für die Filmwirtschaft – auch z.B. in NRW -zurückzuführen? Ist es nicht mehr so erforderlich, wie noch vor fünf oder sechs Jahren?

Monika Grütters: Ihre Frage würde voraussetzen, dass es überhaupt einen Mittelrückgang in der deutschen Filmförderung gegeben hat. Die Fakten besagen das Gegenteil. Die Filmförderungsanstalt führt dazu eine Statistik, die ausweist, dass die kulturwirtschaftliche Filmförderung des Bundes und der Länder seit 2006 kontinuierlich gestiegen ist, von rd. 230 Mio. Euro im Jahr 2006 auf mehr als 351 Mio. Euro im Jahr 2013. Dazu hat nicht nur die Einführung des DFFF im Jahr 2007 beigetragen, sondern auch die Erhöhung der übrigen Förderetats auf Bundes- und Länderebene. Dabei spielt nicht zuletzt der beträchtliche, seit 2010 auch gesetzlich im FFG festgelegte Beitrag der öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehveranstalter eine Rolle. Diese Entwicklung zeigt, dass Deutschland nach wie vor in hohem Maße in die Filmwirtschaft als einem der zentralen Motoren der Kreativwirtschaft und in die Filmkunst investiert.

medienpolitik.net: Andere Länder bauen, wie jetzt Irland – zum Teil nach deutschem Vorbild – ihre Förderung von Filmproduktionen in den jeweiligen Ländern aus. Besteht die Gefahr, dass Deutschland im internationalen Wettbewerb an Boden verliert?

Monika Grütters: Das ist so pauschal formuliert nicht zutreffend. Gerade in den südlichen europäischen Ländern ist die Filmförderung im Zuge der Finanzkrise in den vergangenen Jahren teils drastisch zurück gefahren worden (z.B. Spanien: 2013 minus 22,3% gegenüber 2012; 2014 minus 12,4% gegenüber 2013). Auch in Irland wurde die Förderung nicht einfach erhöht. Vielmehr wurde in Irland im Jahre 2014 die selektive Kinofilmförderung gegenüber dem Vorjahr um insgesamt 5,2 Prozent gekürzt. 2015 wird jetzt das 2014er Niveau erhalten bleiben. Irland hat allerdings auch ein steuerbasiertes Finanzierungssystem, bei dem nunmehr 32 Prozent der anerkennungsfähigen Ausgaben für Dreharbeiten in Irland erstattet werden können, statt vorher 28 Prozent. Dieses System steht allerdings im Gegensatz zum DFFF auch TV-Filmen offen. In vielen anderen Ländern ist die Höhe der Filmförderungen in den letzten Jahren in etwa unverändert geblieben. Einige Länder haben ihre Förderungen auch erhöht. Eine einheitliche Linie gibt es hier also nicht. Vor diesem Hintergrund kann von einem Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nun wirklich keine Rede sein.

medienpolitik.net: In Frankreich wurde 2014 – nach aktuellen Zahlen – die zweithöchste Kinozuschauerzahl aller Zeiten mit weniger Spielfilmen erreicht. Wäre das nicht auch ein Modell für Deutschland – weniger Filme – höhere Budgets – mehr Zuschauer?

Monika Grütters: Die Begeisterung in Frankreich für Kinofilme – insbesondere für französische Produktionen ist einzigartig. Das gibt es in keinem anderen Land der Welt. Auch das französische Filmfördersystem als solches kann nicht als Blaupause für das deutsche Fördersystem genutzt werden. Das deutsche Fördersystem unterliegt schon aufgrund seiner föderalen Struktur besonderen Anforderungen. Hinzu kommen mit Blick auf die Förderung nach dem Filmförderungsgesetz (FFG) die nationalen verfassungsrechtlichen Vorgaben, an denen die Erhebung der Filmabgabe zu messen ist. Das Bundesverfassungsgericht hat diese Vorgaben in seiner filmpolitisch so erfreulichen Entscheidung im Januar 2014 nochmals deutlich hervorgehoben. Ziel der deutschen Filmpolitik muss es sein, in Deutschland unter den hier geltenden Bedingungen, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich das kreative, innovative und wirtschaftliche Potential des deutschen Films entfalten kann. Unsere Erfahrungen in Deutschland haben gezeigt, dass weniger Filme mit höheren Budgets kein Garant für höhere Zuschauerzahlen sind. Denn am Ende entscheidet der Publikumsgeschmack – und der ist unabhängig von der Höhe des Produktionsbudgets. Daher geschieht es immer wieder, dass niedriger budgetierte Filme zu Kassenschlagern werden und Produktionen mit Budgets im hohen Millionenbereich ´floppen´. Im Übrigen ist es mir als Kulturpolitikerin ein Anliegen, nochmals zu betonen, dass der Film nicht nur ein Wirtschaftsgut, sondern vor allem und in erster Linie auch ein Kulturgut ist. Es verbietet sich daher, nur auf die erreichte Zuschauerzahl und den wirtschaftlichen Erfolg deutscher Filme zu schauen. Es ist kulturpolitisch unabdingbar, den Film in seiner ganzen künstlerischen Bandbreite zu fördern, vom Kurzfilm über den Dokumentarfilm und den Kinderfilm bis hin zum Spielfilm. Dabei müssen auch Filme gefördert werden, die wehtun, Filme, die unbequeme oder schwierige Themen behandeln, sowie Filme, die sich von vornherein an eine beschränkte Zielgruppe richten, für diese oder die gesellschaftliche Diskussion aber von großer Bedeutung sind. Nur so kann die große kulturelle Vielfalt im Filmbereich erhalten und weiter befruchtet werden.

medienpolitik.net: Die Produzentenallianz beklagt ein rückläufiges Engagement der öffentlich-rechtlichen Sender für den deutschen Spielfilm vor allem bei Koproduktionen- und Kofinanzierungen. Sehen Sie die TV-Sender in der Verantwortung, einen höheren Beitrag für den deutschen Spielfilm zu leisten? Möglicherweise auch durch eine direkte Zuweisung des Rundfunkbeitrages?

Monika Grütters: Dass die Sender ihr finanzielles Engagement im Filmbereich generell bzw. dauerhaft zurückgefahren hätten, kann ich nicht bestätigen. Erfreulicherweise beteiligen sich die Sender in großem Umfang nicht nur als Ko-Produzenten und Ko-Finanzierer sondern auch über die Filmabgabe an die FFA und durch Bereitstellung von Mitteln an die Länderfilmförderungen für deutsche Spiel- und Dokumentarfilme. Unabhängig davon halte ich es als Staatsministerin für Kultur und Medien selbstverständlich für wünschenswert, wenn möglichst viele Kräfte zugunsten des deutschen Films gebündelt werden. Über die Frage, ob und inwieweit im Rahmen einer Änderung des Rundfunkstaatsvertrags Beitragsmittel für Spielfilmproduktionen vorgesehen werden sollen und können, ist allerdings immer noch von den für Rundfunkfragen zuständigen Ländern zu entscheiden.

medienpolitik.net: Die Produzentenallianz hat im Verhältnis zu den TV-Sendern einen Paradigmenwechsel gefordert und will erreichen, dass künftig bei TV-Auftragsproduktionen die Produzenten – nach britischem Vorbild – mehr Verwertungsrechte behalten. Sollte das gesetzlich geregelt werden?

Monika Grütters: Die Forderung ist nicht neu. Um es gleich vorweg zu sagen: Selbstverständlich muss es eine faire Aufteilung der Verwertungsrechte zwischen Produzenten und Fernsehveranstaltern geben. Hieran haben nicht nur die Produzenten, sondern auch die Fernsehveranstalter ein natürliches Interesse. Die Überlegungen zur fairen Aufteilung der Verwertungsrechte gewinnen aber mit der Ausweitung der Online-Aktivitäten der öffentlich-rechtlichen Sender und auch mit Blick auf die Lockerung der 7-Tage-Regelung für nicht-lineare Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender durch Beschluss der Ministerpräsidenten vom Herbst letzten Jahres erneut an Aktualität. Die Frage ist allerdings, auf welchem Weg eine faire Aufteilung der Verwertungsrechte sichergestellt bzw. – wo dies nachweislich nicht gegeben ist – wiederhergestellt werden kann. Gesetzliche Regelungen können bei etwaigem Nachbesserungsbedarf nicht ohne weiteres kurzfristig angepasst werden. Denkbare Alternativen wären deshalb z.B. Anreizmodelle für eine optimierte Rechteaufteilung im Rahmen bestehender Fördermöglichkeiten der Länder für TV-Produktionen oder ein Ausbau bereits bestehender terms of trade im Verhandlungswege zwischen Produzenten und Sendern. Ich kann mir vorstellen, dass hier noch Spielräume bestehen und weitere Ideen entwickelt werden. Wir wissen, dass sich auch die Sender in einem wettbewerbsintensiven Umfeld bewegen und gegebenenfalls in einem neuen Modell die zu zahlenden Preise anpassen würden, was wiederum einen beträchtlichen Teil des Verwertungsrisikos auf die Produzenten abwälzen würde. Derartige oder vergleichbare Szenarien müssen wir bei solchen Überlegungen mit bedenken und mit möglichen Handlungsalternativen abwägen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 2/2015 erstveröffentlicht.

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