Filmwirtschaft:

Ein neues Geschäftsmodell für die Filmindustrie

von am 12.02.2015 in Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft

<h4>Filmwirtschaft: </h4>Ein neues Geschäftsmodell für die Filmindustrie
Günther Oettinger, EU-Kommissar für digitale Wirtschaft und Gesellschaft

EU-Kommission will Filmwirtschaft stärken

12.02.15 Von Günther Oettinger, EU-Kommissar für digitale Wirtschaft und Gesellschaft

Eine digitale Wirtschaft und Gesellschaft besteht nicht nur aus schnellem Internet für alle, aus neuen digitalen Dienstleistungen oder aus Industrie 4.0. Zu einer digitalen Wirtschaft gehört auch eine starke Kreativwirtschaft, von der Innovation und Ideen ausgehen, die überall in der Digitalwirtschaft gebraucht werden. Zu einer europäischen digitalen Gesellschaft gehören außerdem europäische Inhalte, Filme, Musik, Videospiele, d.h. europäische Geschichten und kulturelle Werte, die auf digitalen Vertriebswegen Grenzen noch einfacher überwinden können.

Eine starke Kreativwirtschaft, die die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzt und Inhalte überall in Europa zugänglich macht, trägt damit unmittelbar zum dem Verständnis der Kulturen und zum europäischen Zusammenhalt bei.

Ein wichtiges Ziel meiner Politik ist daher auf der einen Seite, die Filmbranche, als bedeutenden Wirtschaftszweig, dabei zu unterstützen, von den Möglichkeiten der Digitalisierung zu profitieren.

Auf der anderen Seite ist es auch mein Ziel, dass EU Bürger die Vorteile der Digitalisierung genießen können. Wir müssen daher dafür Sorge tragen, dass die Inhalte d.h. Filme, Fernsehprogramme und Videospiele auch tatsächlich beim europäischen Publikum ankommen und in ganz Europa besser zugänglich sind.

Für eine international wettbewerbsfähige Filmindustrie und besseren Zugang zu Inhalten müssen wir nationale Grenzen überwinden: „Thinking outside the national box“.

Blickt man auf die gegenwärtige Ausgangslage, so hat der Europäische Film sein Potential hier noch nicht vollständig ausgeschöpft.

Es bestehen im Moment nur wenig Anreize für grenzüberschreitende Geschäftsmodelle und Projekte: Der Großteil der Filmprojekte finanziert sich über nationale oder regionale Filmförderfonds. Nur ein geringer Bruchteil stammt aus supranationalen Fonds wie z.B. dem MEDIA Programm. Nationale und regionale Fonds geben im Jahr fast 2 Mrd. Euro für die Filmförderung aus. Im MEDIA Programm stehen lediglich 100 Mio. Euro jährlich zur Verfügung. In den nationalen Fördersystemen geht es verständlicherweise überwiegend darum, nationale und regionale Fördereffekte zu erzielen. Das führt dazu, dass die geförderten Projekte vor allem auf das nationale Publikum zielen. Darüber hinaus wird nur ein geringer Anteil der Förderung in den Vertrieb investiert. Fast 70% der europäischen Filmförderung geht in die Filmproduktion und nur rund 11% in den Vertrieb und die Promotion.

Diese Situation hat vor allem 2 Effekte:

Wir haben in Europa nur wenige Firmen in der Filmindustrie, die tatsächlich in mehreren Territorien tätig sind und einen europäischen Markt anvisieren.

Wir haben eine hohe Produktionsrate an Europäischen Filmen (1500 Filme jährlich, Tendenz steigend gegenüber 800 US Produktionen), von denen viele nur auf dem nationalen Markt zugänglich sind und nicht wenige den Weg auf die Leinwand gar nicht schaffen.

Auch Ko-Produktionen, die über die jeweiligen Koproduktionspartner eine gute Methode sind, um einen Film in mehreren Ländern zu verbreiten, werden oftmals nur als zusätzliche Finanzierungsquelle und nicht strategisch für die grenzüberschreitende Vermarktung genutzt.

Demgegenüber steht das Interesse des Publikums an europäischen Inhalten. Zahlreiche Publikumsstudien und vor allem der Erfolg vieler europäischer Filme, zuletzt z.B. „Ida“ belegen, dass die Menschen sich nach wie vor für europäische Filme interessieren.

Selbstverständlich haben sich die Sehgewohnheiten verändert. Junge Menschen gehen weniger ins Kino, sondern schauen Filme lieber online an. Jedoch ist für sie das Kino nach wie vor ein wichtiger sozialer Treffpunkt. Es ist unsere Aufgabe, ihr Interesse auch an europäischen Inhalten zu wecken.

Das Kino ist nach wie vor ein zentrales Glied der Wertschöpfungskette und  in ganz Europa eine wichtiger Kulturstätte. In vielen Städten und Gemeinden die letzte, die geblieben ist. Allerdings kann das Kino auch nur eine sehr begrenzte Anzahl an Filmen zum Publikum bringen. Die Masse der Produktionen steht einer begrenzten Zahl an Kinoleinwänden gegenüber. In vielen Mitgliedstaaten schwindet diese Zahl stetig und vielen EU Bürger bietet das Kino keinen Zugang mehr zu europäischen Filmen.

Als letzten Punkt meiner Beschreibung der Ausgangslage möchte ich auf Unternehmer der Filmbranche selbst zu sprechen kommen. Der Filmsektor besteht aus Unternehmern und Unternehmerinnen, die Ideen, Enthusiasmus und Kreativität mitbringen. Das ist die große Stärke dieser Branche. Aufgrund der komplexen Finanzierungssituation gelingt es jedoch nur weinigen Unternehmen von einem einzelnen Filmprojekt zu einem stabilen und nachhaltigen Filmunternehmen zu wachsen, das auf europäischer und internationaler Ebene konkurrenzfähig ist. Das MEDIA Programm fördert eine Reihe sehr guter Trainingsprojekte, die Produzenten und andere Filmschaffende auf diesem Weg unterstützt. Wir stellen jedoch fest, dass die nationale Kofinanzierung dieser Trainingsprojekte zunehmend schwieriger wird.

Zusammenfassend kann man sagen: Wir haben Inhalte, Ideen und eine kreative und engagierte Branche. Was wir brauchen ist eine moderne regulatorische und Finanzierungsinfrastruktur, die diese Branche dabei unterstützt, ihr Potential auf einem europäischen Market besser auszuschöpfen.

Was können wir also tun, um ein bessere Umgebung für europäische Geschäftsmodelle zu schaffen?

Zunächst ist es wichtig festzuhalten, dass jede Veränderung nur durch eine gemeinsame Anstrengung aller Beteiligten auf europäischer, nationaler und regionaler Ebene zu erreichen ist. Zur Bündelung aller Kräfte und als Plattform für Diskussion und Austausch hat die Kommission daher das Europäische Filmforum ins Leben gerufen. Heute und in zukünftigen Diskussionsrunden, Expertengruppen und Anhörungen mit allen Stakeholdern wollen wir gemeinsame Ziele erarbeiten und so die notwendigen Anpassungen an die digitale Wirtschaft vorantreiben.

Dabei sind mir vor allem drei Themen wichtig:

  • Eine Anpassung der Finanzierungssysteme an veränderte Marktbedingungen
  • Mehr Raum für Innovation und Mut zu Experimenten vor allem im Bereich Vertrieb und Zuschauergewinnung
  • Förderung von Talenten

Ein bedeutender Aspekt bei der Anpassung der Finanzierungssysteme ist die bessere Effizienz und das bessere Zusammenwirken der nationalen, regionalen und europäischen Fördersysteme. Ich freue mich daher, sehr dass die Europäischen Förderfunds, die „EFADs“ sich nun offiziell zusammengeschlossen haben, um ihre Zusammenarbeit zu vertiefen. Der Austausch und die Kooperation mit den EFADs und mit den regionalen Förderern wird beim Europäischen Film Forum eine zentrale Rolle einnehmen.

Wichtiger Diskussionspunkt wird sein, wie wir eine bessere Ausgewogenheit zwischen Produktions- und Vertriebsförderung erzielen können, damit die produzierten europäischen Filme einem breiteren Publikum besser zugänglich sind. Unser Ziel muss es sein, dass öffentlich geförderte Projekte von einer gut durchdachten Marketingstrategie begleitet werden.

Ein effizientes Fördersystem verlangt außerdem Transparenz hinsichtlich der Resultate. Dazu gehören nicht nur die Ergebnisse an der Kinokasse sondern auch bei der Onlineverwertung der Filme. Neue Geschäftsmodelle brauchen eine stabile Informationsgrundlange über das Zuschauerverhalten. Nur auf einer belastbaren Datenbasis lassen sich neue Vertriebsstrategien entwickeln. Ich bin sehr gespannt, was uns der Repräsentant von YouTube zu diesem Thema zu sagen hat.

In diesem Zusammenhang muss auch über die Einbeziehung neuer Player am Markt in die Filmförderung gesprochen werden. Mir ist bewusst, dass die Frage der Abgabengerechtigkeit und der Schaffung eines Level Planung Fields zwischen nationalen und internationalen Playern diskutiert werden muss. Die Audiovisuelle Mediendienste Richtlinie verlangt gegenwärtig, dass on demand Anbieter in die Förderung europäischer Werke einbezogen werden. Beim „Wie“ sind die Mitgliedstaaten sehr flexibel. Dieses Thema wird unter anderem Gegenstand der bevorstehenden Überprüfung der AMVD Richtlinie sein.

Nationale und europäische Regelungen müssen genügend Spielraum für Innovation und Experimente lassen. Vor allem bei der Verbreitung von audiovisuellen Inhalten müssen wir europäische Wege finden, wie Inhalte besser online zugänglich gemachten werden können.

Das Urheberrecht wird dabei sicher eine bedeutende Rolle spielen. Eine der dringlichen Prioritäten der neuen Kommission ist die Modernisierung des Urheberrechtsrahmens im Lichte der Digitalisierung und des veränderten Zuschauerverhaltens.

Das Urheberrecht ist der wichtigste Anreiz für Investitionen in Filme als auch die Grundlage für eine faire Vergütung aller Beitragsleistenden in der Wertschöpfungskette, beginnend mit den Autoren. Auf der anderen Seite müssen wir auch die Interessen der Zuschauer an besserer Zugänglichkeit im Blick haben, national sowie grenzüberschreitend.

Ich glaube fest, dass die verschiedenen Interessen in Einklang gebracht werden können. Der digitale Binnenmarkt ist dafür der richtige Rahmen.

Aber nicht nur das Urheberrecht, auch die Regelung der Verwertungsfenster müssen ausreichend Flexibilität bieten, dass die Vertriebsstrategien den jeweiligen Filmen angepasst werden kann. Es gibt viele Filme, die von der Exklusivität des Kinofensters profitieren. Es gibt aber auch viele Filme, die ihr Publikum weniger im Kino, sondern eher online finden und für die daher ein direkter VOD Release von Vorteil wäre. Wir sollten es den beteiligten Unternehmen überlassen, die jeweils beste Strategie zu finden. Die Kommission will hier keine Vorgaben machen. Die nationalen rechtlichen Rahmenbedingungen sollten jedoch aus unserer Sicht genügend Raum für Experimente zulassen.

Rechtliche Rahmenbedingungen laufen jedoch ins Leere, wenn wir nicht gleichzeitig die Akteure fördern, die diese mit unternehmerischem Handeln füllen. Neue Geschäftsmodelle entstehen nur, wenn wir von der Filmhochschule an genügend Anreize für Projekte „outside the national box“ bieten.

Bereits in der Ausbildung sollte der Branche eine Ausrichtung auf ein europäisches Publikum ermöglicht werden. Ausbildungsinhalte und Bedarf der Industrie müssen übereinstimmen. Hierzu brauchen wir mehr Kooperationen zwischen der Industrie und den Filmhochschulen.

Die Kreativität, die diese jungen Talente mitbringen – auf der Berlinale kann man das besonderes gut bei „Berlinale Talents“ beobachten –  ist unser größtes Guthaben. Wir müssen ihnen die bestmögliche Unterstützung bieten.

All diese Fragen, die ich jetzt nur anreißen konnte, bedürfen einer gründlichen Diskussion.

(Aus der Rede von Günther Oettinger während der Berlinale am 10. Februar 2015 in Berlin)

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