Öffentlich-rechtlicher Rundfunk:

„Glaubwürdigkeit ist unser höchstes Gut“

von am 16.02.2015 in Archiv, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

<h4>Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: </h4>„Glaubwürdigkeit ist unser höchstes Gut“
Lutz Marmor, ARD-Vorsitzender und Intendant des NDR I Foto: © NDR/David Paprocki

Die ARD legt einen Schwerpunkt auf Serienentwicklung und hofft auf gütliche Einigung mit den Verlegern

16.02.15 Interview mit Lutz Marmor, ARD-Vorsitzender und Intendant des NDR       

70 Prozent der Bevölkerung halten das Erste für glaubwürdig  nahezu unverändert seit rund zehn Jahren. Man wolle aber auch die überzeugen, die das bisher anders sehen. „Wir haben die Aufgabe, in unserer unruhigen Welt für bestmögliche Information zu sorgen“, so der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor in einem medienpolitik.net-Interview. Damit reagiert er auf Kritik an einer angeblich tendenziösen Berichterstattung aus Krisengebieten. Zugleich betonte Marmor, dass zu den Herausforderungen in diesem Jahr gehöre, das Online-Jugendangebot gut vorzubereiten sowie trotz Sparzwanges „die  Qualität zu halten oder wo nötig auszubauen.“ Nach dem Verhältnis zu den Verlegern befragt, erklärte der ARD-Vorsitzende: „Unsere Türen stehen auch in Bezug auf weitere Kooperationen immer offen.“

medienpolitik.net: Herr Lutz Marmor, das Jahr 2014 hat eine Senkung des Rundfunkbeitrages und einen Auftrag für ein Online-Jugendangebot von ARD und ZDF gebracht. Zudem bleiben zwei ARD-Digitalkanäle erhalten. Das Erste und die Dritten haben zusammen einen Marktanteil von fast 25 Prozent erreicht. Alles in allem sicher eine gute Basis für 2015. Wo sehen Sie in diesem Jahr die Herausforderungen für die ARD?

Lutz Marmor: Ich denke insbesondere an drei zentrale Aufgaben in diesem Jahr: Wir wollen das junge Angebot für das Netz vorbereiten. Da gibt es organisatorisch und redaktionell viel zu tun. Zudem legen wir einen Schwerpunkt auf die Serienentwicklung. Mit der Kooperation „Berlin Babylon“ zusammen mit Sky gehen wir neue Wege, um auch international ein Ausrufezeichen zu setzen. Und drittens  ist es die zentrale Aufgabe, unsere Qualität zu halten oder wo nötig auszubauen. Wir haben 2014 mit vielen starken Themenabenden im Ersten oder mit einigen großen Recherchen wichtige Akzente gesetzt. Denken Sie an die Berichterstattung über „Luxemburg Leaks“. Damit hat die ARD bis nach Brüssel für Schlagzeilen gesorgt. Oder die Exklusiv-Interviews mit Wladimir Putin oder Edward Snowden – auch das waren internationale Scoops. Wir haben die Aufgabe, in unserer unruhigen Welt für bestmögliche Information zu sorgen. Unsere Korrespondentinnen und Korrespondenten – sowohl im In- wie Ausland – geben tagtäglich ihr Bestes, um der Wahrheit möglichst nahe zu kommen. Glaubwürdigkeit ist unser höchstes Gut. Einer von uns in Auftrag gegebenen Infratest-Umfrage zufolge halten 70 Prozent der Menschen das Erste für glaubwürdig. Das ist ein hoher Wert, nahezu unverändert seit rund 10 Jahren. Aber umgekehrt gibt es offenbar auch 30 Prozent, die uns diese Eigenschaft nicht abnehmen. Diese Gruppe müssen wir für uns gewinnen, und daran werden wir weiter hart arbeiten.

medienpolitik.net:  Zum Jugendangebot: Wie ist der aktuelle Stand der Überlegungen?

Lutz Marmor: Die Vorgaben stehen, aber gerade in organisatorischer Hinsicht stecken wir jetzt den Rahmen. Dazu müssen wir die Kräfte bündeln und die vielen guten Ideen umsetzen, die es in den Köpfen unserer kreativen jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter längst gibt.

medienpolitik.net:  Wann könnte der Kanal starten?

Lutz Marmor: Das ist abhängig davon, wann es einen neuen Staatsvertrag gibt. Diesen müssen die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten zunächst verabschieden und dann ihren jeweiligen Parlamenten zur Abstimmung vorlegen. Das wird einige Zeit dauern, das ist der Preis des Föderalismus. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das junge Angebot Mitte 2016 starten können.

medienpolitik.net: Sowohl die privaten Radios, privaten TV-Sender als auch die Zeitungsverlage fürchten, dass ARD und ZDF ihnen mit einem öffentlich-rechtlichen Jugendkanal im Internet Konkurrenz machen könnte. Wie können Sie solche Sorgen ausräumen?

Lutz Marmor: Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Fest steht: Es gibt einen Bedarf für ein junges Angebot mit Anspruch. Wir setzen auf Qualität und nicht so sehr auf Quantität. Möglicherweise erreichen wir damit nicht die Massen, aber hoffentlich eine interessierte Gruppe junger Menschen, die genau danach suchen. Insofern machen wir den privaten Sendern weniger Konkurrenz, als sie es vielleicht befürchten.

medienpolitik.net: Was muss das Online-Jugendangebot leisten?

Lutz Marmor: ARD und ZDF haben darauf hingewiesen, dass ein eigenes Angebot für die junge Zielgruppe notwendig ist. Wir wissen, dass die öffentlich-rechtlichen Sender die 14- bis 29-Jährigen zurzeit nicht so erreichen, wie wir uns das wünschen. Daher begrüßen wir den Auftrag der Länder und möchten mit dem neuen Angebot in erster Linie für die junge Zielgruppe wieder interessanter werden. Wir sind überzeugt, dass wir das schaffen können – mit Inhalten, die qualitativ hochwertig und frei von kommerziellen Interessen produziert sind, speziell für Junge. Das bedeutet allerdings auch, dass nicht alle mit den Beiträgen des Angebots etwas anfangen können. Mutige Thesen und provokante Haltungen, aber auch ungewöhnliches bis hin zum Blödsinn sind gerade bei einem Angebot für junge Menschen ein Muss, denn es soll auch zu Diskussionen und einer eigenen Meinung anregen. Von daher erwarte ich, dass das Angebot gelegentlich aneckt, und die jungen Macher ganz eigene Akzente setzen werden. Die Freiheit für Experimente werden sie dafür in jedem Fall bekommen.

medienpolitik.net:  Kann man wirklich davon ausgehen, dass Sie mehr Jugendliche erreichen, nur weil öffentlich-rechtliche Angebote auf einer Online-Plattform vereinigt werden. Schon heute können doch die meisten Beiträge schon Online genutzt werden?

Lutz Marmor: Das stimmt. Aber es passiert immer noch, dass unsere Angebote im Netz nicht sofort gefunden werden. Unsere Mediatheken beispielsweise müssen wir weiter verbessern. Mit unserem Online-Angebot wollen wir eine neue zentrale Plattform schaffen, auf der junge Menschen für sie interessante Angebote finden.

medienpolitik.net: Erstmals wird bei einem Online-Angebot des öffentlichen-Rundfunks auf einen Drei-Stufen-Test verzichtet und die Angebote können unbegrenzt im Netzt bleiben. Zudem müssen die Angebote nicht zuvor in TV-Programmen oder Hörfunksendern gelaufen sein. Wird damit endgültig das Internet als dritte Säule des öffentlich-rechtlichen Rundfunks etabliert?

Lutz Marmor: Der Begriff „dritte Säule“ ist aus meiner Sicht ein Begriff aus der alten Welt. Das Internet verbindet; schon heute denken und arbeiten viele Redaktionen trimedial. Das heißt, hier verschmelzen Hörfunk, Fernsehen und Online immer mehr und können nicht mehr voneinander getrennt gesehen werden. Ich erhoffe mir, dass ARD und ZDF insgesamt von den Erfahrungen im Online-Jugendangebot lernen können. Denn wir gehen mit einem solchen Angebot neue Wege: Inhalte konsequent von der Netzlogik her anzugehen, sich vom klassisch linearen Denken zu lösen und gezielt für mobile Anwendungen zu produzieren, in der Welt der Öffentlich-Rechtlichen ist das eher neu. Von dieser Pionierarbeit und vom innovativen Input der jungen Macher werden am Ende auch andere öffentlich-rechtliche Angebote profitieren.

medienpolitik.net:  Könnte das Online-Jugendangebot ein Vorbild generell für die Online-Präsenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Netz und der 12. RÄStV damit hinfällig sein?

Lutz Marmor: Der Beschluss der Ministerpräsidenten zum Jugendangebot sieht vor, das bisherige System der Beauftragung öffentlich-rechtlicher Telemedienangebote zu überprüfen. Das ist richtig. Die Konvergenz der Medien führt nicht nur zu Veränderungen bei den kommerziellen Rundfunkanbietern. Diese sehen sich zunehmend der Konkurrenz von internationalen Telemedienanbietern wie YouTube ausgesetzt und fordern seit längerem vom Gesetzgeber eine Deregulierung. Die Konvergenz macht aber vor öffentlich-rechtlichen Angeboten nicht halt. Es ist den Beitragszahlern etwa nicht mehr zu vermitteln, dass öffentlich-rechtliche Angebote nach sieben Tagen aus dem Netz entfernt werden müssen. Daher ist der Beschluss der Ministerpräsidenten folgerichtig. Hinfällig ist der 12. RÄStV damit aber sicher nicht gleich.

medienpolitik.net: Wie es aussieht, wird es bis 2020 keine höheren Beitragseinnahmen für die ARD-Anstalten geben. Nun ist die Inflationsrate niedrig und auch die Vergütungen bei Eigen- und Auftragsproduktionen steigen nicht. Warum reichen die Anstalten dennoch nicht mit dem Geld?

Lutz Marmor: Wir haben ja höhere Beitragseinnahmen, aber das Geld steht uns nicht zur Verfügung. Was wir bis Ende 2016 ausgeben dürfen, hat die KEF festgelegt. Ebenfalls festgelegt ist, dass die Mehreinnahmen, die wir durch die Umstellung auf den Rundfunkbeitrag bekommen, zurückgelegt werden müssen. Was ab 2017 mit diesem Geld passiert, wird die KEF in ihrem 20. Bericht thematisieren. Die Entscheidung über die Verwendung der gesperrten Mittel treffen letztendlich die Länder. In der Tat ist die allgemeine Inflationsrate aktuell niedrig. Die branchenspezifische Inflationsrate ist hier aussagekräftiger. Zur Erinnerung: Wir hatten seit 2009 keine Beitragssteigerung mehr. Seither sind bei uns, ebenso wie in allen anderen Wirtschaftssektoren, moderat, aber stetig die Sachkosten gestiegen und ebenso die Tarifgehälter. Viele freie Gewerke – Produzenten, Dokumentarfilmer, Schauspieler und andere – klagen darüber, dass es zuletzt keine Honorarerhöhungen gegeben hat und sie deswegen in Existenznöten seien. Das müssen wir sehr ernst nehmen.

medienpolitik.net: Die Pensionen belasten den Haushalt der ARD-Anstalten sehr stark. Sowohl die KEF hat vor den Konsequenzen gewarnt als auch der Verwaltungsratsvorsitzende  der Deutschen Welle. Ist eine Lösung in Sicht?

Lutz Marmor: Die Altersversorgungsververpflichtungen für unsere Mitarbeiter sind, anders als z. B. in den meisten öffentlichen Haushalten, durch Rückstellungen abgedeckt und durch entsprechende Gelder abgesichert. Insofern gibt es bei uns keine ungedeckten Schecks auf die Zukunft. Zurzeit laufen Verhandlungen mit den  Tarifpartnern über Modifikationen, und denen kann und möchte ich nicht vorgreifen. Nur so viel: Wir reden nicht darüber, dass hier Renten gekürzt werden sollen, sondern es geht darum, ob künftige Steigerungen begrenzt werden können. Eines ist aber klar: Die laufenden Pensionszahlungen machen derzeit bei den ARD-Landesrundfunkanstalten insgesamt rund fünf Prozent unserer Aufwendungen aus. Sie verschlingen also mitnichten einen Großteil der gesamten Beitragseinnahmen, wie es immer mal wieder zu lesen ist. Hier werden regelmäßig mathematische Rückstellungsberechnungen mit tatsächlichen Ausgaben verwechselt.

medienpolitik.net: Der WDR hat öffentlich erklärt, man werde am Programm sparen. Andere Anstalten sagen, Sie wollen Einsparungen am Programm vermeiden. Ist der WDR als einziger Sender ehrlicher als andere?

Lutz Marmor: Alle Sender müssen sparen, denn seit 2009 ist der Rundfunkbeitrag nicht erhöht worden. Viele andere Kosten sind aber gestiegen. Das heißt, wir haben mehr Ausgaben, die wir mit den unveränderten Einnahmen stemmen müssen. Im NDR haben wir immer gesagt, dass wir zu allerletzt am Programm sparen. Aber mittlerweile haben wir keine andere Wahl. Im NDR Fernsehen und im Radio haben wir bereits einiges lassen müssen, um unsere hohen qualitativen Standards beibehalten zu können. Auch im Ersten gibt es programmliche Einschnitte: So produziert der NDR die Kochsendung mit Tim Mälzer künftig nicht mehr. Und den anderen Häusern der ARD geht es nicht anders, auch dort wird genau überlegt, was in den nächsten Jahren noch zu finanzieren ist und was nicht.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie innerhalb des ARD-Verbundes weitere Einsparmöglichkeiten?

Lutz Marmor: In der Vergangenheit ist bei den Sendern schon vieles passiert und optimiert worden. Denken Sie an verschiedene redaktionelle Kooperationen zwischen den Sendern, vor allem aber auch an Verwaltungskooperationen, z. B. an das gemeinsame Rechenzentrum in Berlin. Aber natürlich müssen wir uns auch weiterhin anstrengen, um neue Sparpotentiale zu heben. Die technologische Entwicklung wird in der Zukunft einige Einsparmöglichkeiten bieten. So hat der NDR kürzlich die Verbreitung des Hörfunks über Mittelwelle eingestellt. Auch beim Umstieg von DVB-T auf DVB-T 2 wird sich mittelfristig sparen lassen, da das neue System günstiger ist als das derzeitige DVB-T. Genauso sieht es bei DAB+ aus: Wenn es dazu kommt, dass UKW langfristig abgestellt und durch das digitale DAB+ ersetzt wird, können wir auch hier Geld einsparen.

medienpolitik.net: Die Verleger sind mit Ihrer Klage gegen die Tagesschau App vor das Bundesverfassungsgericht gezogen. Das Gericht hat für den 30. April 2015 die mündliche Verhandlung vor dem Bundesgerichtshof angesetzt. Sehen Sie noch die Chance einer gütlichen Einigung?

Lutz Marmor: Ja, eine Chance sehe ich. Die Ausgabe der Tagesschau App, die die Verleger damals beanstandet haben, stammt aus dem Frühsommer 2011. Jeder, der sich die App anschaut, erkennt, dass sie sich seitdem geändert hat. Die App ist weiterentwickelt worden, zum Beispiel sind Videos und Audios auf der Startseite sehr viel präsenter. Spätestens seitdem ist der zentrale Vorwurf der Verleger, die Tagesschau App sei presseähnlich, nicht mehr haltbar. Insofern setze ich auf den gesunden Menschenverstand und hoffe im Interesse aller Beteiligten auf eine außergerichtliche Einigung.

medienpolitik.net: Wie bewerten Sie insgesamt das Verhältnis zwischen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den Presseverlagen? Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, das zu verbessern…

Lutz Marmor: Dazu gehören immer zwei Seiten. Wir haben seit einiger Zeit verschiedene Kooperationen mit Verlagen. Zum Beispiel können die Nutzer von Faz.net auf der Startseite die Tagesschau in 100 Sekunden abrufen. Dieses Modell ist aus unserer Sicht ein großer Erfolg, denn hier ergänzen sich beide Medien in hervorragender Weise. Unsere Türen stehen auch in Bezug auf weitere Kooperationen immer offen. Denn ich glaube, dass uns als Qualitätsmedien großes wechselseitiges Verständnis gut tut. So können wir uns in der stetig ansteigenden Informationsflut gegenseitig stärken und voneinander profitieren. Das ist am Ende auch im Interesse unserer Nutzer und damit für uns das Wichtigste.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 2/2015 erstveröffentlicht.

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