Öffentlich-rechtlicher Rundfunk:

„Wir müssen immer wieder Neues anbieten“

von am 23.02.2015 in Archiv, Filmwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

<h4>Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: </h4>„Wir müssen immer wieder Neues anbieten“
Bettina Reitz, Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks I Foto: © Bayerischer Rundfunk, Lisa Hinder

Das Bayerische Fernsehen will sich als Anbieter multimedialer Inhalte positionieren

23.02.15 Interview mit Bettina Reitz, Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks

2014 wurde das Bayerische Fernsehen 50 Jahre alt. 27 Prozent der bayerischen Zuschauer bezeichneten das Bayerische Fernsehen in einer Repräsentativumfrage als ihr liebstes oder zweitliebstes Fernsehprogramm – nur Das Erste ist im Freistaat noch beliebter.  Damit erreicht das bayerische Dritte heute mehr Zuschauer als in der Vor-Internet-Ära Anfang der 90er Jahre. Über fünf Millionen Zuschauer schalteten 2014 bundesweit täglich das Bayerische Fernsehen ein. Alleine im Freistaat waren es 2,4 Millionen. Der Marktanteil liegt damit bei 7,1 Prozent, vor zwanzig Jahren waren es 6,3 Prozent. Über neue Vorhaben des Bayerischen Fernsehens, regionale Besonderheiten, den bayerischen Humor sowie die Beteiligung an Kinofilmen ein Gespräch mit Bettina Reitz, Fernsehdirektorin des Bayerischen Fernsehens.

medienpolitik.net: Frau Reitz, 27 Prozent der bayerischen Zuschauer bezeichneten das Bayerische Fernsehen in einer Umfrage als ihr liebstes oder zweitliebstes Fernsehprogramm. Welche Gründe geben Sie dafür an?

Bettina Reitz: Bevor wir über die Gründe sprechen: Die von Ihnen genannte Prozentzahl freut uns, sie ist das Ergebnis der Arbeit aller Kolleginnen und Kollegen. Sie zeigt, wie stark das Bayerische Fernsehen bei den Menschen in Bayern verankert ist. Wir arbeiten daran, dass das so bleibt, oder sich trotz der wachsenden Konkurrenz anderer Angebote sogar noch verbessert.

Das regionale Selbstbewusstsein macht die Stärke aller dritten Programme aus. Da aber immer mehr Menschen ohne bajuwarische Wurzeln aus anderen Teilen Deutschlands nach Bayern ziehen, die ebenfalls unser Programm schätzen, müssen es eben doch die Inhalte sein, die für uns sprechen. Ich würde sagen: Wir zeigen, was die Menschen in Bayern bewegt, nicht nur im Aktuellen, sondern auch in der Unterhaltung, Kultur, im Film und in der Wissenschaft. Hierzu zähle ich auch die überaus positiven  Reaktionen auf unser Jubiläum ‚50 Jahre Bayerisches Fernsehen‘. Die bayerische Besonderheit ist, dass die Vielfalt einzigartiger Regionen in unserem Flächenstaat besonders groß ist. Wir bemühen uns, einerseits die Mentalitäten authentisch widerzuspiegeln und andererseits doch eine Klammer für eine gemeinsame bayerische Identität zu bilden. Über die Regionalstudios versuchen wir, überall nah an den Menschen in Bayern zu sein. Die genannten 27Prozent zeigen die Wertschätzung für die Gesamtmarke „Bayerisches Fernsehen“. In den einzelnen Sendungen darf für uns als öffentlich-rechtlicher Sender aber nie eine Prozentzahl allein im Mittelpunkt stehen.

medienpolitik.net: Was waren 2014 die beliebtesten Sendungen?

Bettina Reitz: Der Gesprächs- und Kulturwert für die Gesellschaft muss ein entscheidendes Kriterium bei der Programmplanung sein. Die großen Eventprogramme haben von jeher großen Erfolg, ich denke zum Beispiel an „Fastnacht in Franken“ und „Live vom Nockherberg“. Die „Fastnacht in Franken“ hat 2014 mit 3,76 Millionen Zuschauern bundesweit und 46,1 Prozent Marktanteil in Bayern erneut eine große Bestätigung erfahren und war 2014 die meist gesehene Sendung im Bayerischen Fernsehen. Auch der „Nockherberg“ erreichte in Deutschland fast drei Millionen Zuschauer. Sehr beliebt sind auch starke, regelmäßige Marken wie „quer“ und „Dahoam is dahoam“. Aber auch andere Sendungen, die aufgrund ihres Zuschnitts vielleicht nicht immer massentauglich sind, erreichen enorme Bindungen zu ihrer Zuschauerschaft, ich denke da unter anderem an unser anspruchsvolles Kulturformat „Capriccio“, unsere „Lebenslinien“ oder die Kultsendung „Kunst und Krempel“. Insofern kann „beliebt“ lediglich ein Orientierungspunkt sein. Eine interessante Erfahrung ist auch, dass Klassik und Kulturvermittlung als „Event“ sehr gut funktionieren können, etwa im Sommer „Klassik am Odeonsplatz“. Hier kann ein öffentlich-rechtliches Haus mit seinen Klangkörpern, dem Hörfunk, dem Fernsehen und kompetenten Zusatzangeboten im Netz zeigen, was es kann.

Schließlich gibt es unterschiedliche „Beliebtheit“ im Linearen und im Netz: Unser Musikformat „Heimatrauschen“ erreicht im Netz zum Beispiel eine ganz andere Klientel als im Fernsehen, ähnlich die „Wirtshausmusikanten“, die auf Youtube sehr stark sind. Oder „Grünwald Freitagscomedy“, wo es auch eine rege Verbreitung kurzer Clips über das Netz und whatsapp gibt. Oder „Mann/Frau“, die Webserie, die im Netz deutschlandweit erfolgreich war. Der Inhalt muss originell und besonders sein, dann findet er auf dem geeigneten Verbreitungsweg seine Nutzer und Zuschauer.

medienpolitik.net: Das bayerische dritte Programm erreicht heute mehr Zuschauer als in den 90er Jahren. Worauf führen Sie das zurück?

Bettina Reitz: Noch nie hatten die Menschen einen derart schier unendlichen Zugang zu Videoinhalten wie heute. Das einzige, womit wir hier im Vergleich zur Konkurrenz aus dem Netz oder den privaten Rundfunkanbietern punkten können, sind Qualität, Vielfalt und Verlässlichkeit, gerade auch mit Live-Sendungen und regionalen Angeboten. Der konkrete Publikumserfolg fußt auf unserem starken Regelprogramm und der umfangreichen aktuellen Berichterstattung zu Sonderereignissen. Im Regelprogramm ist „Dahoam is dahoam“ für Serienfans die erste Adresse: Mit 16,9 Prozent Marktanteil erzielte keine andere tägliche Vorabend-Serie in Bayern eine höhere Resonanz.  Insgesamt schauen die Serie im Durchschnitt in ganz Deutschland 1,35 Millionen Menschen täglich. Daneben lieferten viele Sendungen aus dem Informationsbereich Spitzenergebnisse und verfehlten dabei nur knapp neue Rekordergebnisse. Das gilt für alle Sendungen der 19 Uhr-Schiene, für „quer“, die „Abendschau“ und die Hauptausgabe der „Rundschau“, um nur einige zu nennen.

medienpolitik.net: Wie regional muss heute ein drittes Programm in Sprache, Figuren, Tradition sein, um bei den Zuschauern anzukommen?

Bettina Reitz: Bayern ist ein Flächenstaat mit höchst selbstbewussten Regionen. Ein anspruchsvolles Vollprogramm zu gestalten, ist da schon eine gewisse Herausforderung: Aber unsere Zuschauerinnen und Zuschauer verlangen zurecht, dass wir als beitragsfinanziertes Haus nicht nur aus den urbanen Zentren Bayerns berichten.

Ein drittes Programm muss regional sein, aber Deutschland und die Welt im Blick haben. „Regional“ heißt ja nicht „provinziell“. Wie jung und attraktiv gerade die regionale Zuordnung funktionieren kann, beweist  derzeit Sonntag für Sonntag der „Tatort“. Der Tatort wurde aus dem Regionalgedanken heraus beim WDR erfunden – insofern war regionale Zugehörigkeit eines der Geburtsprinzipien der Tatortreihe. Daran haben wir im Bayerischen Fernsehen mit der Heimatkrimireihe 2007 angeknüpft und das Tatortprinzip auf Bayern heruntergebrochen.

Nicht zu vergessen sind auch unsere erfolgreichen Kinokoproduktionen aus Bayern, wie die Trilogie „Beste Zeit“, „Beste Gegend“, „Beste Chance“ von Marcus H. Rosenmüller. Weil aber Fiktion sehr aufwändig ist, suchen wir die regionale Verankerung in vielen Programmangeboten. Es geht uns um regionale Authentizität, die nicht bei Folklore und tümelndem Zuckerguss stehenbleibt.

Bemerkenswert finde ich die Gleichzeitigkeit von globaler Orientierung und wachsender Heimat- und Traditionsverbundenheit der Jugendlichen. Hier hat der Bayerische Rundfunk zum Glück frühzeitig erkannt, wie „Heimat“ auch jung interpretiert und gelebt werden kann, neben der Fiktion gerade auch in der Musik, wo wir den Begriff „Heimatsound“ geprägt haben. Hier wie auch bei vielen anderen Themen gibt es eine sehr lebendige Zusammenarbeit mit dem Hörfunk, der am 2. Februar das digitale Vollprogramm „BR Heimat“ mit bayerischer Musik und Geschichten aus und über Bayern startet/gestartet hat (bitte bei Veröffentlichung auf Zeitbezug achten!).  Wir wollen in Zukunft noch stärker „Heimat“ zeitgemäß und generationsübergreifend aufnehmen und andererseits auch bei uns im Dritten punktuell große, über das Regionale hinaus relevante Themen setzen, wie wir es 2014 etwa mit „24h Jerusalem“ gemacht haben.

medienpolitik.net: Wird es dann aber nicht zu einem Finanzierungsproblem, wenn diese Sendungen in anderen Dritten nicht mehr gezeigt werden können?

Bettina Reitz: Sie werden gezeigt – es gibt ja den ARD-Programmaustausch, der es uns ermöglicht, unser Programm untereinander auszutauschen. Hier sind unsere Inhalte sehr gefragt. Als BR sind wir eine Programm-Geber-Rundfunkanstalt, obwohl wir nicht nur das Bayerische Fernsehen sondern auch unseren Bildungskanal ARD-alpha zu bestücken haben. ARD-alpha hat schon in der Vergangenheit bemerkenswert mit geringen Mitteln gearbeitet, indem wir Synergien mit Forschungseinrichtungen und Bildungsträgern gesucht haben. Hier wollen wir jetzt einen Schritt weiter gehen und suchen nach Wegen, den BR auch in einer digitalisierten Bildungslandschaft als Anbieter von multimedialen Qualitätsinhalten in den Bereichen Bildung und Wissenschaft zu positionieren. Hier laden wir auch andere Landesrundfunkanstalten herzlich ein, gemeinsam ein starkes ARD-Angebot zu schaffen.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen bei dieser hohen Akzeptanz fiktionale Produktionen?

Bettina Reitz: Grundsätzlich ist der Film neben der Information, Unterhaltung,  Bildung und Musik unsere wichtigste Säule und eine Kernkompetenz des BR, die wir hegen und pflegen. Unsere Erfolge sprechen hier für sich, und ich schaue sehr optimistisch auf das diesjährige Preisjahr. [Allein für den Grimme-Preis haben wir wieder sechs Nominierungen, in der Fiktion für „Monsoon Baby“, „Der Fall Bruckner“, Polizeiruf 110: „Morgengrauen“ und die BR-Koproduktion „Die Spiegel-Affäre“. In der Unterhaltung haben wir noch „Habe die Ehre“ und für Information und Kultur den Dokumentarfilm „Leaving Greece – Fluchtpunkt Griechenland“. Auch für Dokumentarfilme hat der BR eine anerkannte Expertise – mit „Citizenfour“ sind wir gemeinsam mit dem NDR in dieser Kategorie für den Oscar nominiert.] Anmerkung: muss je nach Erscheinungstermin aktualisiert werden!

Fiktionales ist meist jung – deshalb kann der Film ein wichtiger Türöffner für einen ganzen Abend sein. Hier gilt es sowohl im Ersten wie bei uns im Bayerischen Fernsehen, durch kluge, strategische Programmplanung spannende Themenabende zu bauen: Erst ein anspruchsvolles Thema in einer fiktiven Handlung, dann eine Doku, dann eine Diskussion, dazu ein umfangreiches Angebot im Second Screen. So haben wir es zuletzt bei „Landauer“ und beim Themenabend zum Oktoberfest-Attentat (geplante Ausstrahlung 4.2.) gemacht. Ich glaube auch, dass die Zuschauer mehr und mehr diese vertiefenden Angebote wünschen, wenn sie sich schon einmal auf ein Thema einlassen.

Wir werden aber auch weiterhin Abende gestalten, in denen der Film für sich steht. Wenn wir am Samstagabend um 20.15 Uhr Filme wie zuletzt den „Gott des Gemetzels“ einsetzen, dann wissen wir, dass wir keine Traumquoten erzielen. Hier geht es uns darum, die vielfältigen Erzählweisen des Kinos auch den Zuschauerinnen und Zuschauern zu zeigen und diese Filmkultur lebendig zu halten, in dem wir sie zum Beispiel auch als Gesellschafter des FFF Bayern unterstützen.

Nicht zu vergessen, der Dokumentarfilm: Im Vergleich zu den anderen dritten Programmen haben wir den frühesten festen Sendeplatz für anspruchsvolle Dokumentarfilme, immer dienstags um 22.45 Uhr und prüfen gerade eine noch frühere Uhrzeit.

Unsere Einbringungen im Ersten, ob die Tatorte, der Polizeiruf oder die Mittwochsfilme, werden vom Publikum und der Presse wegen ihrer hohen Qualität geschätzt. Wir wollen keine Filme unter Ausschluss der Öffentlichkeit zeigen. Aber wir müssen immer wieder auch Neues anbieten. Von der Geschichte über die Erzählform bis zur Ästhetik und Besetzung.

medienpolitik.net: „Dahoam is Dahoam“ läuft bereits seit acht Jahren. Warum starten Sie nicht angesichts der großen Popularität dieser Heimatserie noch eine zweite vergleichbare?

Bettina Reitz: Wichtig ist, dass wir beweglich bleiben und lieber in Mini-Serien, die im Web oder linear laufen, investieren. Die Fortsetzung der Webserie „Mann/Frau“ist ein Beispiel dafür. Auch für transmediale Produktionen hat sich unser Programmbereich Spiel-Film-Serie eine anerkannte Kompetenz erarbeitet, die wir noch stärken möchten.

Aber zu Ihrer Frage: „Dahoam is dahoam“ ist mittlerweile weit mehr als „nur“ die lineare Serie, sondern eine der erfolgreichsten Websites des Bayerischen Rundfunks, etwa auch mit dem transmedialen Videoblog „Dahoam in Bayern“ in dem eine Darstellerin bayerisches Brauchtum erklärt – und zeigt.

Mit der täglichen Serie sind wir im Grunde genommen sehr zufrieden, auch wenn die Weiterentwicklung einer täglichen Serie die Redaktion immer wieder vor Herausforderungen stellt, wie wir gerade aktuell erleben mussten.

medienpolitik.net: Comedy und Satire hat beim BR eine große Tradition. Welche Bedeutung haben solche Unterhaltungsformate für die Akzeptanz eines dritten Programms?

Bettina Reitz: Die Unterhaltung in den Dritten hat eine hohe Bedeutung, einerseits, weil wir Plattformen für regionale Künstler bieten, andererseits, weil Unterhaltung generationenübergreifend funktioniert, ob linear oder im Netz. In den satirischen Formaten sehe ich eine gesellschaftspolitisch wichtige Funktion, wenn wir uns dort mit unserer regionalen Politik und Wirtschaft auseinandersetzen.

Die Kabarett- und Comedyformate haben eine wichtige Rolle für das Gesamtprogramm. Sie sorgen für hohe Aufmerksamkeit und hohe Zuschauerakzeptanz zugleich. Beispiele wie „Schlachthof“, „Grünwald Freitagscomedy“, „Herbert & Schnipsi“, „Heißmann und Rassau“, „Die Komiker“ oder der jüngste Spross in dieser Riege, die „Woidboyz“, sorgen zuverlässig und teils seit vielen Jahren für hohe Einschaltquoten und begeisterte Zuschauerreaktionen. Das führt auch dazu, dass Kabarett generell als eine der prägendsten Programmfarben im Bayerischen Fernsehen wahrgenommen wird.

medienpolitik.net: Wird es neue Comedy-Programme, z.B. ein eigenes Format für Monika Gruber, geben?

Bettina Reitz: Wir sind im Gespräch. Monika Gruber ist selbst sehr kreativ und bringt sich mit Ideen ein, es gibt auch die Idee einer Sitcom mit ihr mit kabarettistischen Anteilen. In jedem Fall: Ja, wir wollen gerne etwas mit Monika Gruber machen!

medienpolitik.net: Wird davon auch wieder etwas im Ersten landen?

Bettina Reitz: Unser Programmbereich „Bayern und Unterhaltung“ wird ein Format, mit Monika Gruber, sicher gerne in der ARD-Unterhaltungskoordination einbringen. Aber zuerst brauchen wir das Programm mit ihr.

Jedenfalls: 2015 gibt es von uns einiges im „Ersten“ zu sehen: Am 29. Januar zeigte Das Erste auf dem Kabarett-Sendeplatz das neue, von uns in Auftrag gegebene Format „3. Stock links. Die Kabarett-WG“. Diese wird nun sechs Mal im Jahr auf Sendung sein. Auch auf dem Comedyplatz um 23.30 Uhr haben wir dieses Jahr neue BR-Einbringungen: Das im BR am Freitagabend sehr beliebte Vereinsheim,  Michl Müller mit seinem Programm „3,2,1 Müller“ und schließlich „Sedwitz“, eine sechsteilige, satirisch überhöhte Sitcom über ein geteiltes Dorf zwischen Thüringen und Bayern. „Sedwitz“ ist eine Koproduktion mit dem MDR unter BR-Federführung und ab Ende August im Programm des Ersten. Und schließlich arbeiten wir gemeinsam mit dem NDR, dem ORF und dem Schweizer Fernsehen an einer Eurovisions-Wissensshow, die im Herbst in zwei Folgen on air gehen soll.

medienpolitik.net: Wo ist der Experimentierplatz für neue fiktionale Formate im Dritten?

Bettina Reitz: Wir experimentieren laufend und das über alle Genres hinweg. In unserer Entwicklungsabteilung werden laufend neue Formate gesichtet und mit unseren Programmbereichsleitern oder auch Produzenten, die von Außen auf uns zukommen, besprochen. Erst an Silvester hatten wir zu guter Sendezeit zum Beispiel „Luxus“ im Programm, ein von Mitarbeitern in einem kreativen Prozess entwickeltes Magazin für die Sehnsüchte des „kleinen Mannes“. Gerade im Bereich unseres multimedialen Jugendangebots „Puls“ wird viel mit jungen Formaten experimentiert. Ich möchte hier nicht zu viel vorgreifen, aber wir haben vielversprechende Konzepte und Piloten zur Prüfung vorliegen.

Was den Film angeht haben wir zehn Mal im Jahr Kurzfilmnächte in denen wir ausgewählte Filme von Filmhochschülern und freien Filmemachern zeigen.  Jede Kurzfilmnacht hat ein gesellschaftlich relevantes Thema. In Kürze, ab 11. Februar, führen wir außerdem auf dem Mittwochs-Sendeplatz um 23.10 Uhr die „Kino Kino MovieNight“ ein. Damit wollen wir ausgesuchte nationale und internationale Filmperlen präsentieren aber auch Genrekino und gelungene Debüts.

medienpolitik.net: Welche inhaltlichen Akzente bei fiktionalen Produktionen und in der Unterhaltung will der BR 2015/2016 im Ersten setzen?

Bettina Reitz: Die Unterhaltung entwickelt gerade mit Christian Ulmen und Marcus H. Rosenmüller eine sehr originelle Serienidee. Ansonsten soll es Helmut Schleich im Ersten geben, mit dem wir ebenfalls im Gespräch sind. Schwerpunkte für uns sind in jedem Fall die Kabarett- und Comedy-Einbringungen.

Was die Fiktion angeht, werden wir weiterhin Filme machen, die uns wichtige Themen nahe bringen, auf soziale Entwicklungen reagieren oder die Themen im öffentlichen Diskurs überhaupt erst setzen. Im besten Fall gelingt das schon mit einem Debüt, wie dem Film „Der blinde Fleck“ von Daniel Harrich, am 4. Februar 2015 im Ersten. Er erzählt von der Leidenschaft eines Journalisten, die Hintergründe des Oktoberfestattentats aufzuklären. Und, was ich sehr spannend finde: Im Web können die Nutzer mit Hilfe des BR-eigenen Story-Telling-Tools „Linius“ in den Ermittlungsakten blättern, historische Audio- und Video-Aufnahmen einsehen und selbst recherchieren.

Ganz besonders freue ich mich auch auf unseren Film „Der schmale Grat der Wahrheit“ über Luis Trenker, und „Exit Marrakesch“ mit Ulrich Tukur.  Mit „Die Wand“ mit Martina Gedeck ist noch in diesem Frühjahr (22.3.) eine höchst erfolgreiche BR-Kinokoproduktion im „Ersten“ zu sehen. Und schließlich feiert am 12. April der „Franken-Tatort“ im „Ersten“ Premiere, „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“. Was ich hier bisher gesehen habe, ist sehr vielversprechend.

Es ist mir sehr wichtig, mit unseren Angeboten auch weiterhin einen starken Akzent auf gesellschaftlich bedeutende Themen zu setzen. Ich will Geschichten erzählen, die unser Publikum nicht  einfach „nur“ unterhalten, sondern die sie berühren und herausfordern zum Nachdenken, Diskutieren und Reflektieren.

medienpolitik.net: Der BR ist einer der größten Auftraggeber für fiktionale Produktionen und Partner bei Spielfilm-Koproduktionen. Der WDR hat angekündigt, auch hier sparen zu müssen. Wird sich am Volumen des BR in diesem Bereich in den nächsten 2-3 Jahren etwas ändern?

Bettina Reitz: Leider sind wir nicht einer der größten Auftragsgeber sondern wir bewegen uns im Mittelfeld.

Wir mussten unser Engagement in den vergangen Jahren bereits reduzieren, aber wer  den Programmbereich Spiel-Film-Serie und mich kennt, weiß, wie hier alle Kolleginnen und Kollegen für Filme und den Kinofilm kämpfen. Wir gehen 2016 weiteren massiven Einsparungen entgegen. Aber: Kino- und Fernsehfilme bleiben eine Königsdisziplin zu der wir stehen. Hier sind auch kreative Modelle gefragt, wie man solche Produktionen gemeinsam stemmen kann. Die Krimikomödie „Dampfnudelblues“ hat die Degeto in Koproduktion mit dem BR sehr erfolgreich für das Kino gemacht, hier kamen schon eine halbe Million Besucher, bei der TV-Ausstrahlung waren es dann auch noch einmal fünf Millionen!  Die Fortsetzung „Winterkartoffelknödel“ lief ebenfalls erfolgreich im Kino. Die Degeto hat uns die letzten Jahre viel unterstützt, ohne dieses Engagement wäre viel nicht möglich gewesen, ob im Fernsehfilm oder bei Kinokoproduktionen („Alles Inklusive“, „Wir sind die Neuen“). Zusammen mit der Degeto realisieren wir Wolfgang Herrndorfs Bestseller „Tschick!“ für das Kino und engagieren uns als Bayerischer Rundfunk beim Kinoprojekt „Marie Curie“. „Operation Zucker“ führen wir zusammen mit anderen Landesrundfunkanstalten für das Fernsehen weiter.

Wir wollen die Qualität in Fernsehfilmen stärken, aber gleichzeitig auch Mittel für seriell starke Angebote und Formate einsetzen können. Hier arbeiten wir an verschiedenen Produktionen, etwa einer crossmedialen Miniserie „Das Verschwinden“ die an der bayerisch-tschechischen Grenze spielt oder an der Culture Clash Comedy „Goethe@Kabul“ und ich hoffe sehr, dass sie in Produktion gehen können.

medienpolitik.net: Die Produzentenallianz fordert, dass bei Auftragsproduktionen künftig die Produzenten mehr Online-Verwertungsrechte behalten. Welche Konsequenzen hätte das für den BR? Müssten Sie dann auch Ihre Mediathek spürbar reduzieren?

Bettina Reitz: Das käme auf die genaue Ausgestaltung an. Aber: Wenn die Produzenten die exklusiven Online-Rechte (Free- und Pay-VOD) behielten, könnten wir die entsprechenden Produktionen nicht in unsere Mediathek einstellen. Wir sind darauf angewiesen, denn nur über diesen Ausspielweg werden wir zukünftig die Jugend noch erreichen. Auch unter den Älteren wird zeitversetzter Medienkonsum immer relevanter. Hier bewundere ich „arte“, die dank französischem Recht Lizenzfilme wie „Lilyhammer“ problemlos in die Mediathek einstellen können. Hier haben wir derzeit einen Konflikt mit der Produzentenallianz, den wir aber hoffentlich in nächster Zeit auflösen können. Klar ist: Wir brauchen starke Produzenten und einen überzeugenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland. Hier brauchen wir Veränderung.

medienpolitik.net: Es gibt eine Idee, dass die öffentlich-rechtlichen Sender keinen Beitrag für die Filmförderung mehr leisten, dafür aber entsprechend einer Quote, Senderechte für deutsche Filme erwerben würden. Wäre das nicht für Sie besser, da Sie dann genau wissen, was Sie kaufen?

Bettina Reitz: Das wäre in der Tat die „sichere Bank“. Wir hätten weder ein wirtschaftliches, noch ein kreatives Risiko, sondern könnten den Erfolg oder Nichterfolg einer Produktion einfach abwarten und dann entsprechend eine Ausstrahlungslizenz für einen Film erwerben oder eben auch nicht. So einfach haben wir es uns aber die letzten Jahre nicht gemacht und möchten das auch zukünftig nicht tun. Gäbe es unseren finanziellen Beitrag nicht, könnten viele deutsche Filme schlichtweg gar nicht erst realisiert werden. Neben den notwendigen Geldern bringen wir uns beim BR gerne mit großem kreativem Engagement ein. Kinofilme sind immer auch ein unternehmerisches Risiko, so dass hier die Gefahr besteht, nur noch erfolgsversprechende Stoffe zu entwickeln und zu kopieren. Wir sehen den Kinofilm aber komplexer: Vom Blockbuster bis zum Kino der Kunst muss die Vielfalt erhalten bleiben. So wie wir im TV und Netz neue Programme und Erzählformen suchen und entwickeln, so muss das Kino seine Fans auch immer wieder überraschen und sich erzählerisch und technisch weiterentwickeln. Hier erleben wir gerade eine überaus spannende und kreative Zeit und da sollte der BR aufgrund seiner erfolgreichen Produktionen auch zukünftig ein wichtiger Partner der Kreativen bleiben.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 2/2015 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen