Plattformen und Aggregatoren:

Keine Plattformisierung des offenen Internets

von am 18.02.2015 in Archiv, Plattformen und Aggregatoren

<h4>Plattformen und Aggregatoren: </h4>Keine Plattformisierung des offenen Internets
Dr. Eva Flecken, Head of Public Policy, Sky Deutschland

Von echten Knappheiten und neuen Zugängen

18.02.15 Von Dr. Eva Flecken, Head of Public Policy, Sky Deutschland

Seit der letzten Novellierung des Rundfunkstaatsvertrags 2010 wird auf den medienpolitischen Foren der Republik hitzig darüber diskutiert, wie die Plattformregulierung im konvergenten Medienzeitalter ausgestaltet sein muss. Wer muss wie geschützt werden? Wer darf aus der Regulierung entlassen werden? Wie soll die goldene oder doch zumindest bronzene Zukunft einer zeitgemäßen Regulierung von Gatekeepern im digitalen Zeitalter aussehen?

Ausgangspunkt der Plattformregulierung sind knappe Kapazitäten und damit verengte Zugänge zu Infrastrukturen. Um Diskriminierung bei der Einspeisung zu verhindern und Meinungsvielfalt zu gewährleisten, hat sich die Regulierung die Bündelung von Rundfunk und vergleichbaren Telemedien auf digitalen Datenströmen vorgenommen. Diejenigen, die ihren Daumen auf die beschränkten Kapazitäten halten, müssen sich gegenüber dem Regulierer erklären. Ist diese Grundannahme von kontrollierten Infrastrukturzugängen noch zeitgemäß, um wirkungsvoll Medienvielfalt zu sichern? Mit Blick auf die heutige Mediennutzung, von welchen Knappheiten ist gegenwärtig und zukünftig eigentlich auszugehen?

Drei Faktoren rücken dabei besonders in den Fokus: Zeit und Geld des Nutzers, Geräte und nach wie vor Infrastrukturen. Dabei muss der Blick immer auf beide Enden des Netzes gerichtet sein: Der Zugang der Nutzer zu den Inhalten sowie der Zugang der Inhalteanbieter zu den Nutzern – dazwischen steht der Intermediär.

Budget für Zeit und Geld

Der Zuschauer ist zugleich auch Nutzer. Er verwendet das Fernsehgerät als Monitor, seine Bildschirme nutzt er wiederum als Rezeptionsfläche für Rundfunk. Sein Budget ist dabei sowohl durch zeitliche Verpflichtungen als auch durch den Geldbeutel begrenzt. Beides ist folglich ein wertvolles Gut, für all diejenigen, die das eine und/oder das andere vom Konsumenten haben wollen.

Die Aufmerksamkeit ist ein weiteres knappes und monetarisierbares Kapital. Wie auch schon beim Zapping muss der Nutzer schnell für den eigenen Inhalt begeistert werden. Nur hat sich die Auswahl dank der Digitalisierung und der Internetfähigkeit der Endgeräte ins Unermessliche gesteigert. Damit gewinnt die Darstellung von Inhalten an Bedeutung. Nur wenn Inhalte auffindbar, attraktiv aufbereitet und leicht anzusteuern sind, wird der Nutzer hängen bleiben. Insbesondere für diejenigen Medienanbieter, die ihr Geschäftsmodell auf einer Endkundenbeziehung aufbauen, ist es absolut wesentlich, dass der Konsument zudem wiederkommt und die entsprechende Zahlungsbereitschaft mitbringt.

Folglich ringen alle Mediendienste um das Budget des Nutzers, seine Zeit und sein Geld. Dies sind in der medialen Wertschöpfungskette sehr begrenzte Ressourcen. Doch muss deshalb die Verteilung des Medienbudgets reguliert werden? Dies ist nur scheinbar eine absurde Frage. Denn tatsächlich wird genau das mit der Ausweitung der Plattformregulierung auf Benutzeroberflächen längst diskutiert. Hier bestünde ein Bottleneck, eine Kontrollinstanz der Geräte über den Zugang der Nutzer zu Inhalten.

Zumindest, was die Nutzerseite anbelangt, schwächen die neuen Geräte eine solche Gatekeeperfunktion allerdings viel eher ab, als dass sie diese verstärken. Dazu im Folgenden ausführlicher.

Geräte und ihre Benutzeroberflächen

Auf den medienpolitischen Panels fordert so mancher Teilnehmer forsch die Ausweitung der Plattformregulierung auf Benutzeroberflächen. Viele möchten sich dabei auf die großen Bildschirme – bislang häufig Fernseher genannt – beschränken. Dass kleine Bildschirme, wie wir sie von Tablets und Laptops kennen, zunehmend als Rundfunkempfangsgerät genutzt werden, wird dabei außer Acht gelassen. Nicht selten wird einem entgegnet, dass die Benutzeroberflächen von Geräten eines Weltkonzerns wie Apple wahrlich nicht zu regulieren seien. Das mag stimmen, doch sind Pragmatismus und auch Resignation selten geeignete Richtungsweiser für einen fairen Regulierungsrahmen.

Übrigens, ein moderner SmartTV bietet bereits heute eine Vielzahl an Schnittstellen. Der Nutzer ist frei darin, eine oder auch mehrere Infrastrukturen parallel auf seinem Bildschirm zu aktivieren. Über zusätzliche Geräte lassen sich verschiedene Dienste nutzen, die selbst keinerlei Rundfunkmerkmale mehr aufweisen. Diese Wahlfreiheit des Nutzers sorgt konkludent für Vielfalt und damit für einen Wettbewerb der Benutzeroberflächen. Proprietär ist das vermeintlich typische Rundfunkempfangsgerät Fernseher damit längst nicht mehr.

Infrastrukturen und ihre Zugänge

Die Digitalisierung hat viele Infrastrukturengpässe beseitigt. Doch konnte in den letzten Jahren dank der Diskussion um Netzneutralität bisweilen der Eindruck entstehen, dass künstlich Knappheiten zur Etablierung neuer Geschäftsmodelle geschaffen werden sollen. Im Folgenden geht es entsprechend um die IP-Verbreitung von Mediendiensten.

Medienangebote werden sowohl über dedizierte als auch über offene Bereiche im Internet verbreitet. Ersteres erlaubt Qualitätssicherung bei der Übertragung, exklusive Vermarktungskooperationen und in manchen Fällen auch die Ausnahme von der Datendrosselung. Die Verbreitung über offene Netze ermöglicht gleichermaßen Endkundenbeziehungen, wie auch ein gewisses Qualitätsmanagement bei der Übertragung (dank spezieller Aufbereitung der Inhalte und CDNs). Einige Inhalteanbieter haben für beide Übertragungsmöglichkeiten eigenständige, innovative Dienste entwickelt.

Auch Sky bietet lineares IP-TV sowie lineare und non-lineare Services over-the-top an. Vorweggenommen: diese zweigleisige IP-Distribution funktioniert für uns bestens und sie ist eine tragende Säule unseres Geschäftsmodells, da es den Ansprüchen und Rezeptionswünschen unserer Kunden Rechnung trägt. Aus unserer Sicht muss dies auch weiterhin beides unabhängig voneinander möglich sein: Spezialdienste in dedizierten Bereichen und OTT-Angebote im offenen Internet. Mittlerweile eine Binsenweisheit, die es dennoch zu wiederholen lohnt, lautet, dass das Angebot von Spezialdiensten nicht zu Lasten des offenen Internetzugangs gehen darf. Es bedarf gewissermaßen einer respektvollen Koexistenz von Spezialdiensten und OTT-Angeboten. Eine Verquickung beider Seiten könnte die Wahlfreiheit des Nutzers einschränken und Diskriminierungspotential auf Anbieterseite bergen. Dies könnte beispielsweise dann eintreten, wenn Netzbetreiber Breitbandanschlüsse nur noch im Bündel mit eigenen bzw. netzbetreiberseitig bevorzugten Spezialdiensten anbieten. Hier ist ein wachsames regulatorisches Auge gefragt.

Was sagt die Plattformregulierung zu all dem? Da sie ein geistiges Kind der klassischen Kabeleinspeisung ist, scheint es zunächst unwahrscheinlich, dass sie Antworten auf Fragen der Netzneutralität bereithält. Doch mit der Einführung von Spezialdiensten ist sie als Regulierungsinstrument gefragt. Nämlich erstens in dem Moment, in dem innerhalb eines Spezialdienstes ausgewählt und ein Gesamtangebot zusammengestellt wird – ein Fall wie wir ihn bereits vom IP-TV kennen, ein funktionierendes Modell. Zweitens müsste die Plattformregulierung auch dann greifen, wenn Spezialdienste an sich gebündelt und gesamthaft angeboten werden. Beides ist zielführende Regulierung, da der Zugang zu solchen Diensten diskriminierungsfrei ausgestaltet sein muss. Das Verhältnis von Spezialdiensten und offenem Internet hingegen wird von der Plattformregulierung nicht betroffen. Ein Aspekt der aber spätestens mit Einführung weiterer Spezialdienste an Bedeutung gewinnen dürfte.

Fest steht: die medienpolitischen Panelisten fordern völlig zu Recht eine Reform der Plattformregulierung. Doch das Regulierungs(um)feld muss sorgsam abgesteckt sein. Einige Knappheiten bleiben bestehen und bedürfen weiterhin des wachsamen Blicks der Regulierung. Andere Knappheiten sind nur vermeintliche Engpässe und werden dank der technischen Entwicklung obsolet. Im letzteren Fall sollte man sich lieber nicht die regulatorischen Finger verbrennen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 2/2015 erstveröffentlicht.

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