Rundfunk:

Das Radio ist unter Druck

von am 15.04.2015 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Gastbeiträge, Hörfunk, Medienregulierung, Netzpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Regulierung, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>Das Radio ist unter Druck
Klaus Schunk, Klaus Schunk, Vorsitzender des Fachbereichs Radio und Audiodienste im VPRT und Geschäftsführer von „Radio Regenbogen“

Der private Hörfunk benötigt bessere politische Rahmenbedingungen

15.04.15 Von Klaus Schunk, Geschäftsführer Radio Regenbogen, Vizepräsident des VPRT

Björn Böhning, der Chef der Senatskanzlei in Berlin, bezeichnete Radio vor einiger Zeit als „das Stiefkind der Rundfunkregulierung“ – so unrecht hat er damit nicht: Dort, wo Rundfunk drauf steht, ist häufig nur Fernsehen drin oder vor allem Fernsehen gemeint. Das beste Beispiel dafür ist der Rundfunkstaatsvertrag der Länder, der nur wenige Bestimmungen übergreifend für den Hörfunk trifft. Radio ist kompliziert zu verstehen, weil es in den Ländern einer jeweils unterschiedlichen landesweiten Regulierung unterliegt. Sie ist Ausdruck des Auftrags für das Radio, einen Beitrag zur regionalen Vielfalt und Identität zu leisten. Und einmal ausgeblendet ist das Thema Radio bei den meisten Medienpolitikern dann schnell mit der Einschätzung verbunden: „Das Thema Radio läuft doch“.

Leider „läuft“ es aber in vielen Radiothemen gerade gar nicht mehr bzw. nur noch sehr holprig. Das gilt insbesondere für die Themen, die die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des privaten Radios betreffen. Das ist der Grund, warum der VPRT seit einiger Zeit seine Radioaktivitäten noch einmal deutlich forciert hat und mit zahlreichen Radioveranstaltungen und in politischen Gesprächen daran arbeitet, das Thema Radio wieder stärker auf die medienpolitische Agenda zu heben. Das gelingt zwar mehr und mehr, bleibt aber ein mühsames Unterfangen.

Steigender Wettbewerbsdruck

Das private Radio ist in seinen landesweiten, regionalen oder lokalen Märkten einem immer höheren Wettbewerbsdruck ausgesetzt, der in Summe schon heute zur Existenzbedrohung der vielfältigen lokalen Radioangebote führt.
Da sind zum einen die ARD-Radiowellen, die auf Grundlage ihrer üppigen Ausstattung mit eigenen Frequenzen kontinuierlich ihr UKW-Angebot und die Verbreitung ihrer jungen Wettbewerbsprogramme ausbauen. Egal ob N-JOY, YOU FM, DASDING, MDR-Sputnik, 1 Live oder die geplante UKW-Aufschaltung des bisher digital verbreiteten PULS im Tausch gegen die UKW-Frequenzen von BR Klassik: Die UKW-Verbreitung von Wettbewerbsprogrammen mit Programnamen und -inhalten, die sich gegenüber privaten Anbietern nicht mehr unterscheiden, nehmen in den letzten Jahren und nimmt kontinuierlich weiter zu. Ein Schmankerl am Rande: meist zu Lasten von ARD-Kulturprogrammen. Gleichzeitig haben die Privaten keine Möglichkeit, mit der ihnen verfügbaren sehr limitierten Frequenzausstattung ebenfalls vergleichbar reichweitenstark ihre Angebot auszubauen und zu diversifizieren.
Diese alarmierende Entwicklung wird durch das nahezu willkürliche Überziehen der täglichen Werbezeit in den ARD-Wellen und die damit einhergehenden Selbstkommerzialisierung der ARD-Radios, begleitet von Preisdumping am Werbemarkt, weiter verschärft. Um hier korrigierend einzuwirken, fordert der VPRT mit Augenmaß eine Harmonisierung der Werbebestimmungen für die unterschiedlichen ARD-Anstalten nach Vorbild des NDR Modells mit täglich 60 Minuten zulässiger Werbung ohne Ausgleichszeiträume in einem Programm. Flankiert wird diese Entwicklung von kommerziellen Veranstaltungsaktivitäten im regionalen Raum, die in einer Grauzone jenseits von Aufsicht in den Werbetöchtern abgesichert werden!
Eine zusätzliche Brisanz bekommt diese schon außerordentlich angespannte Situation nun durch das mit 45 Mio. Euro jährlich ausgestattete ARD/ZDF-Jugend-Onlineangebot. Hier droht ein übergreifendes Jugendangebot zu entstehen, etwa, in dem Konzertevents des digitalen TV Programms Eins Festival mit entsprechenden Übertagungen auf den ARD-Hörfunkwellen und einer Vernetzung über die neue Internetplattform als ein öffentlich-rechtliches Megaevent inszeniert und alle Crosspromotion-Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Und das Ganze bereits politisch bewilligt, ohne dass die Marktauswirkungen dieser immensen Investition aus dem Rundfunkbeitrag geprüft wurden. Der VPRT wird diese Entwicklung sehr aufmerksam beobachten und ggf. auch juristisch hinterfragen.
Hinzu kommen neue Wettbewerber, die keinen Beitrag zur regionalen Vielfaltsicherung leisten müssen und mit diesem Wettbewerbsvorteil ausgestattet trotzdem in die regionalen Werberäume einbrechen. Dies gilt für die großen nationalen TV-Veranstalter mit ihrer angestrebten regionalen Werbevermarktung gleichermaßen wie für neue Werbeformen mittels Geotargeting von großen Online-Suchmaschinen und -Anbietern.

Digitalisierung

In diesem Umfeld müssen die privaten Radios aus eigenen Mitteln und ohne die entsprechende zweckgebundene Finanzausstattung der ARD-Kollegen ihren Weg in die Digitalisierung finanzieren. Bis heute tun sie das ausschließlich Teil aus ihrem UKW-Geschäft heraus. Schon aus diesem Grund müssen sie bei der Frage, auf welche Übertragungsstandards sie setzen, kaufmännische Vernunft walten lassen. Insofern ist auch die viel
Diskutierte Frage, welche Rolle DAB+ dabei spielen wird, für uns keine Glaubensfrage, sondern eine, die wir an den Fortschritt der Akzeptanz dieser Technologie bei den Hörern bewerten müssen. Dabei geht es nicht um technische Reichweite, sondern ausschließlich um die tatsächliche Nutzung. Die Frage zur Digitalisierung des Radios lässt sich schon heute nicht auf DAB+ verengen. Aus diesem Verständnis heraus sind die Privaten auf allen digitalen Übertagungswegen präsent: online, mobil über Apps, über RadioDNS oder SmartRadio oder auch über DAB+. Und wir haben eine große Sympathie für Technologien, die unterschiedliche Verbreitungsmöglichkeiten hybrid zusammenführen, etwa einen technologieneutralen Multi-Chip, der UKW- und DAB+-Empfang sowie den Zugang zum Internet über ein Radiogerät möglich macht. Unverhandelbares Credo bei dem Aufbruch in die digitale Radiowelt muss sein: unser Geschäftsmodell darf auch durch „ordnungspolitische Hauruck-Aktionen“ nicht gefährdet werden!

Auffindbarkeit auf Plattformen

Auch die Auffindbarkeit auf digitalen Plattformen stellt die privaten Radioveranstalter vor große Herausforderungen. Es kann nicht sein, dass Privatradio hier keine Vielfaltsgarantie genießt oder sich auf den ersten Plätzen alle öffentlich-rechtlichen Angebote gelistet werden, obwohl es sich um landesweite oder regionale Programme handelt. Hier muss die künftige Radioregulierung einen Beitrag zur Vielfaltsicherung leisten und dazu auch das Thema „Must Carry“ (Must-Carry-Rules) bzw. „Must be found“ für privates Radio im Digitalen aufgreifen.

Fazit

Damit die privaten Radios ihrer wichtigen Rolle für die Qualität der Berichterstattung und die Vielfalt der Medienangebote in den Regionen gerade auch für ihre jüngeren Zielgruppen weiter gerecht werden können, brauchen wir eine radiospezifische Regulierung, die diese Rolle sicherstellt. Dabei sollte eine Situation geschaffen werden, in der das private Radio als stark reguliertes Medium in den Ländern nicht mehr in seiner Entwicklungsfähigkeit stark eingeschränkt wird und gleichzeitig öffentlich-rechtlich, national und international handelnde Player ungehindert agieren können. Ganz wichtig ist, dass es sich hier nicht um punktuelle Nachsteuerungen, sondern um ein übergreifendes Maßnahmenbündel handeln muss, um die Gattung Radio nachhaltig zu stärken. Diese Zielrichtung muss dringend auch im Rundfunkstaatsvertrag umgesetzt werden.

Lesen Sie dazu auch das aktuelle Interview mit Lutz Kuckuck, Geschäftsführer Radiozentrale: „Radio ist der perfekte Begleiter“ – Heute hören ebenso viele Deutsche Radio wie vor fünf Jahren

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 4/2015 erstveröffentlicht.

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