Medienregulierung:

Suchmaschinen im medienpolitischen Fokus

von am 04.05.2015 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Medienkompetenz, Medienordnung, Medienpolitik, Medienregulierung, Netzpolitik, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Regulierung

<h4>Medienregulierung:</h4>Suchmaschinen im medienpolitischen Fokus

Suchmaschinen haben Einfluss auf die Meinungsbildung – aber welchen?

04.05.15 Interviews mit Prof. Dr. Boris P. Paal, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Prof. Dr. Justus Haucap, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Prof. Dr. Gersdorf, Universität Rostock

Am 26. März hat die Bund-Länder-Kommission zur Reform der Medienordnung ihre Arbeit aufgenommen. Zu den Themen der Kommission gehört auch eine mögliche Regulierung von sogenannten Intermediären, z. B. Suchmaschinen und Plattformen: Journalistisch-redaktionelle Inhalte sollen einen diskriminierungsfreien Zugang zu allen relevanten Plattformen haben. Deutsche Medienunternehmen unterfallen einer teils kleinteiligen Regulierung. Globale Internetakteure mit großer Marktmacht hingegen operieren weitgehend unbeschränkt. Suchmaschinen werden bisher nicht reguliert und unterliegen auch keinen Selbstverpflichtungen oder Transparenzauflagen. Ein Einfluss von Suchmaschinen auf die Meinungsbildung ist unbestritten, ob sie einen negativen Einfluss auf die Meinungsvielfalt haben und ob sich daraus die Notwendigkeit einer Regulierung ergibt ist allerdings strittig.

Prof. Dr. Boris P. Paal, Direktor des Instituts für Medien- und Informationsrecht, Rechtswissenschaftliche Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

„Suchmaschinen sind maßgebliche Informationsintermediäre“

Prof. Dr. Boris P. Paal, Direktor des Instituts für Medien- und Informationsrecht, Rechtswissenschaftliche Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

medienpolitik.net: Wie relevant sind Suchmaschinen relevant für die Meinungsvielfalt und Meinungsbildung?

Prof. Dr. Boris P. Paal: Suchmaschinen sind maßgebliche Informationsintermediäre, die in Ansehung der Informationsfülle die Auffindbarkeit von Informationen im Internet häufig überhaupt erst praktikabel machen. Inhalte, die von den Suchmaschinen nicht angezeigt werden, existieren mangels Auffindbarkeit im Internet praktisch nicht.  Zudem ergänzen Suchmaschinenbetreiber die Leistungen von Inhalte-Anbietern vielfach nicht (mehr) nur durch das Auffindbarmachen, sondern substituieren diese Leistungen vielmehr zunehmend durch eigene Inhalte und Leistungen. So hat sich etwa das Unternehmen Google von dem Modell einer reinen Suchmaschine längst gelöst und damit begonnen, kontinuierlich eigene Inhalteangebote (wie etwa youtube, Gmail oder GoogleMaps) auf- und auszubauen, um hierdurch vertikal in die Inhaltemärkte zu integrieren. Die verschiedenen Dienste und Leistungen sind dabei wechselseitig miteinander verknüpft, was für die Beurteilung von Markt- und Meinungsmacht von erheblicher Bedeutung ist.
Somit befinden sich die vertikal integrierten Suchmaschinenanbieter in einem inhärenten Interessenkonflikt als Anbieter von Suchmaschinen-Diensten einerseits und als Inhalte- bzw. Leistungsanbieter andererseits. In der Weiterentwicklung der Suchplattformen von komplementären Inhalte-Vermittlern hin zu substitutiven Inhalte- und Leistungs-Anbietern manifestiert sich deshalb nicht zuletzt ein zentrales kartellrechtliches Bedenken, das zu Verfahren im In- und Ausland sowie auf europäischer Ebene geführt hat. Insgesamt wirft die Befassung mit den Suchmaschinen zentrale Fragen für die Ausgestaltung der Medienordnung im digitalen Zeitalter auf.

medienpolitik.net: Wann wäre eine Suchmaschine „neutral“?

Prof. Dr. Boris P. Paal: Mit dem Begriff der „Suchmaschinenneutralität“ verbindet sich das Postulat einer „objektiven“ im Sinne einer gleichsam „natürlichen“ Abbildung der Suchergebnisse in entsprechenden Ergebnislisten. Allerdings ist eine absolute Objektivität im Sinne von „Neutralität“ bei der Reihung von Suchergebnissen von vorneherein schwerlich möglich, da die Suchalgorithmen per se bestimmte wertende Festlegungen für die Ergebnisreihung erfordern. Zudem wird eine Hierarchisierung und Filterung (etwa bei rechtswidrigen Angeboten) nutzerseitig gerade gewünscht sein. Somit verschiebt sich die anzulegende Betrachtungsperspektive meines Erachtens auf die Frage, welche Suchparameter und Einflussnahmen auf die Suchmaschinenergebnisse im Sinne einer Diskriminierungsfreiheit zulässig sind. „Suchmaschinenneutralität“ in diesem Sinne meint vor allem die Abwesenheit von unzulässigen, sprich diskriminierenden und rechtswidrigen Einflussnahmen auf die Suchergebnis-Reihung.

medienpolitik.net: Was kann reguliert werden?

Prof. Dr. Boris P. Paal: Eine wesentliche Aufgabe der medienspezifischen Wirtschaftsordnung ist die Bewahrung von Offenheit, Transparenz und Wettbewerb, um einen diskriminierungsfreien Zugang zu Informationen und Märkten zu gewährleisten und abzusichern. Hier sollte auch weiterhin vornehmlich auf den Wettbewerb als Auswahl- und Entdeckungsverfahren gesetzt werden, um die Freiheit und Zukunftsoffenheit des Internets zu bewahren. Neben dem Rückgriff auf die Instrumentarien des geltenden Rechts sind zudem flankierende Regulierungsmaßnahmen zu ergreifen, damit marktmächtige Suchmaschinenpositionen angemessen adressiert werden können. Der Gesetzgeber sollte in diesem Sinne etwa erweiterte Transparenzvorgaben zum Schutze von Nutzern und Wettbewerbern prüfen, um bestehende Informationsasymmetrien abzubauen, die gegenwärtig regelmäßig zulasten von Nutzern wirken. Weiterhin ist darüber nachzudenken, wie der Umgang mit den wertvollen und begehrten Nutzer-Daten (Datenschutz und „Datenschatz“) ausgestaltet werden soll. Schließlich ist das Zusammenspiel von Kartell- und Regulierungsrecht sowie der Vielfaltssicherung im Medienbereich in Ansehung der MedienKonvergenz neu zu überdenken. Vorzugswürdig ist bei alledem ein internationaler, europäischer Ansatz, wenngleich eine nationale Initiative wohl schneller zu realisieren sein dürfte.

medienpolitik.net: Sollten die Suchalgorithmen offen gelegt werden?

Prof. Dr. Boris P. Paal: Eine generelle Offenlegung von Suchalgorithmen, wie sie öffentlichkeitswirksam mitunter gefordert worden ist, als der zentralen Unternehmensgeheimnisse wird nicht in Betracht kommen, da ansonsten – nicht zuletzt –  die dem Grunde nach schutzwürdigen Geschäftsmodelle der Suchmaschinenbetreiber ernsthaft gefährdet würden. Hierunter dürfte ansonsten wiederum die Innovationskraft im Suchmaschinensektor nicht nur unerheblich leiden.

medienpolitik.net: Richtet sich angesichts der Marktdominanz eine Suchmaschinen-Regulierung vor allem gegen Google?

Prof. Dr. Boris P. Paal: Für das Internet charakteristisch ist eine hohe Wahlfreiheit bei niedrigen Markteintrittsbarrieren für Anbieter und Nutzer. Diese Rahmenbedingungen, welche die Entstehung von innovativen Anwendungen und Diensten maßgeblich erst ermöglicht haben, sind zu erhalten und abzusichern. Keinesfalls sollte hierbei eine überschießende Regulierung die erforderlichen dynamischen Innovationskräfte zum Erliegen bringen. Die Marktabgrenzung im Internet ist wegen der Vielzahl neuartiger Leistungen, des hohen Innovationstempos, der Konvergenzentwicklungen betreffend Inhalte und Übertragungswege sowie der Veränderungen im Nutzungsverhalten mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Weiterhin gilt, dass in der Vergangenheit zahlreiche marktmächtige Positionen in relativ kurzer Zeit wieder aufgebrochen wurden; im Suchmaschinenbereich zu benennen sind insoweit etwa Altavista und Yahoo. Dieser Umstand spricht für eine Zurückhaltung bei staatlichen Eingriffen und Regulierungsmaßnahmen, insbesondere bei infrastrukturellen ultima-ratio-Maßnahmen wie einer Entflechtung (so die Bundesminister Gabriel und Maas sowie das EU-Parlament) und der Offenlegung von zentralen Geschäftsgeheimnissen (etwa des Suchalgorithmus, so nur Maas).
Auf der Grundlage und am Maßstab dieser Überlegungen gilt es, sowohl einen Wettbewerb der Suchmaschinen als auch Wettbewerb durch Suchmaschinen zu eröffnen, um hierdurch funktionsfähige Märkte zu erreichen und zu bewahren. Eine Aktualisierung von Normanwendungspraxis und Normenbestand hat das Phänomen der Suchmaschinen in ihrer Bedeutung für die Medien- und Informationsgesellschaft insgesamt zutreffend zu erfassen; gegenwärtig dürften die rechtlichen Wirkungen in der Tat wegen der Marktdominanz vor allem Google betreffen, ohne aber spezifisch gegen Google gerichtet zu sein. Die unternehmerischen und erfinderischen Leistungen von Google bleiben unbenommen und anerkannt; eine pauschale Vor-Verurteilung von Internetgiganten ist abzulehnen. Vielmehr sind Reformbedürfnisse und Lösungspotenziale sorgsam zu evaluieren. Eine Suchmaschinenregulierung darf weder den technischen Fortschritt und dessen Nutzen für Verbraucher sowie Gesellschaft behindern, noch dürfen strukturell bedingte Gefahrenpotenziale unberücksichtigt bleiben.

medienpolitik.net: Bedeutet das, dass Suchmaschinen auch bei einer Novellierung des Medienkonzentrationsrechts berücksichtigt werden müssen?

Prof. Dr. Boris P. Paal: Im Kontext der Suchmaschinen sind bereits marktmächtige Stellungen entstanden, die insbesondere in Verbindung mit einer vertikalen Ausdehnung der Aktivitäten von Suchmaschinenbetreibern auch auf die jeweiligen Inhaltemärkte nicht nur unerhebliche Gefahrpotenziale für einen funktionierenden Wettbewerb bedeuten. Zu befürchten sind in Ansehung von etwaigen Informationsmonopolen insoweit sowohl eine Beeinträchtigung der ökonomischen Marktprozesse als auch die Herausbildung von vorherrschender Meinungsmacht. Somit stellt sich die Frage nach der angemessenen Rechtsanwendung und einer Fortentwicklung des bestehenden rechtlichen Ordnungsrahmens insbesondere auch mit Blick auf die Novellierung des Medienkonzentrationsrechts. Eine vielfältige Medien- und Informationslandschaft, die eine kommunikative Chancengleichheit ermöglicht, wird nicht zuletzt durch informationsmächtige private Akteure im Internet vor neue Herausforderungen gestellt.

medienpolitik.net: Warum kann die Frage der Suchmaschinenneutralität nicht allein dem Kartellrecht überlassen werden? Die Klage in Brüssel gegen Google in Bezug auf eine marktbeherrschende Stellung ist doch auch eine
Kartellrechtsklage.

Prof. Dr. Boris P. Paal: Die kartellrechtlichen Vorschriften bilden einen belastbaren Grundfundus zur Verhinderung von Diskriminierungen (auch) im Suchmaschinenkontext, ohne allerdings einen umfassenden Schutz zu eröffnen. Norm- und systeminduziert vermag das ökonomisch ausgerichtete Kartellrecht die Voraussetzungen für eine der Meinungs- und Medienvielfalt günstige Informationslandschaft zwar zu begünstigen (Vielfalt durch Vielzahl), nicht aber abschließend zu gewährleisten. Vor diesem Hintergrund ist der Gesetzgeber aufgerufen, im Rahmen seiner Ausgestaltungs- und Gewährleistungsverantwortung  de lege ferenda gegebenenfalls weitere Vorkehrungen zu treffen, etwa zur Verhinderung von vorherrschender Meinungsmacht nach Maßgabe der verfassungsgerichtlichen Judikatur. Dies gilt nicht zuletzt dann, wenn in Ansehung von wettbewerbsabträglichen Kapazitätsengpässen die Funktionalität des Kartellrechts nicht (mehr) durchzugreifen vermag.

Prof. Dr. Justus Haucap, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

„Ich kann keinen Regulierungsbedarf erkennen“

Prof. Dr. Justus Haucap, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

medienpolitik.net: Wie relevant sind Suchmaschinen für die Meinungsvielfalt?

Prof. Dr. Justus Haucap: Das ist eine gute Frage, zu der es noch viel zu wenig empirische Evidenz gibt. Prinzipiell lässt sich jedoch festhalten, dass Suchmaschinen zunächst einmal die wahrnehmbare Meinungsvielfalt steigern, da auch jenseits der Mainstream-Medien viele Blogs und Internetforen aufgefunden werden können. Zudem können Nutzer viel leichter verschiedene Quellen zu einem bestimmten Thema durchlesen, während traditionell viele Menschen nur eine einzige Zeitung gelesen haben. Dabei ist aber das Nutzerverhalten wohl sehr heterogen und daher die Bedeutung von Suchmaschinen auch sehr unterschiedlich. Die manchmal geäußerte Befürchtung, dass die wichtigen Suchmaschinen eine gezielte Vorauswahl der Informationsquellen vornehmen so wie sonst eine Zeitungsredaktion, kann ich – anders als womöglich im kommerziellen Bereich des Online-Shopping – bisher nicht erkennen.

medienpolitik.net: Wann wäre eine Suchmaschine „neutral“ oder nicht „neutral“?

Prof. Dr. Justus Haucap: Das ist sehr schwer zu definieren. Natürlich denkt man an eine „objektive“ Auflistung der Suchergebnisse, aber jeder scheint etwas Anderes unter Objektivität zu verstehen. Im Bereich von Nachrichten und Meinungen kann ich jedoch auch bei den Suchmaschinen aktuell keine Anreize erkennen, die Ergebnisse verzerrt darzustellen. Während Google etwa sicher Anreize hat, Google Shopping bevorzugt zu behandeln, produziert Google ja keine eigenen Nachrichtenseite oder Zeitung, die es bevorzugen könnte.

medienpolitik.net: Sehen Sie Regulierungsbedarf, um die Neutralität zu gewährleisten?

Prof. Dr. Justus Haucap: Ich kann momentan keinen Regulierungsbedarf erkennen. Es sind mir auch keine Vorwürfe bekannt, dass etwa Google Nachrichten verzerrt auflistet oder darstellt. Und für den kommerziellen Bereich wie Google Shopping gibt es das Kartellrecht.

medienpolitik.net: Sollten die Suchalgorithmen offen gelegt werden?

Prof. Dr. Justus Haucap: Das ist kontraproduktiv, da es zum einen Innovationen komplett hemmt und zum anderen nur den Suchmaschinenoptimierern in die Hände spielt, die versuchen, bestimmte Webseiten „nach vorn“ zu programmieren.

medienpolitik.net: Richtet sich angesichts der Marktdominanz eine Suchmaschinen-Regulierung vor allem gegen Google?

Prof. Dr. Justus Haucap: Aktuell ist das sicher so. Aber natürlich nutzen viele Menschen auch Amazon, um nach Büchern zu suchen, oder Wikipedia, um Informationen zu finden. Sehr, sehr viele Webseiten haben Suchfunktionen. Es stellt sich nun die Frage, wie genau ein Markt definiert wird (z. B. „allgemeine Suche“ versus „Suche nach Büchern“), davon hängt dann auch ab, ob eine Webseite als dominant angesehen wird.

medienpolitik.net: Bedeutet das, dass Suchmaschinen auch bei einer Novellierung des Medienkonzentrationsrechts berücksichtigt werden müssen?

Prof. Dr. Justus Haucap: Ich wäre da aktuell zurückhaltend, da Suchmaschinen in der Regel keine eigenen Inhalte produzieren.

medienpolitik.net: Sollte die Frage der Suchmaschinenneutralität oder eines möglichen Verstoßes allein dem Kartellrecht überlassen werden? Die Klage in Brüssel gegen Google in Bezug auf eine marktbeherrschende Stellung ist doch auch eine Kartellrechtsklage.
Prof. Dr. Boris P. Paal: Die wesentlichen Probleme liegen aktuell auch im kommerziellen Bereich wie etwa bei Google Shopping. Wenn erkennbar wäre, dass Suchmaschinen wie Google bestimmte unliebsame politische Meinungen unterdrücken würde (z.B. kritische Berichte über Google selbst), dann wäre das etwas Anderes. Alle Vorwürfe beziehen sich aber aktuell auf rein kommerzielle Dinge, die für die Meinungsbildung relativ unerheblich sind, wie etwa Google Shopping, Google Maps, Wetterdienste und ähnliche Dienstleistungen. Dass etwa Google News Inhalte verzerrt auflisten würde, ist meines Wissens bisher kein wirklicher Vorwurf.

Prof. Dr. Gersdorf, Universität Rostock, Professor für Kommunikationsrecht und öffentliches Recht

„Medien und Intermediäre sind prinzipiell nicht zur Neutralität verpflichtet“

Prof. Dr. Gersdorf, Universität Rostock, Professor für Kommunikationsrecht und öffentliches Recht

medienpolitik.net: Gibt es ein gesellschaftliches, auf Medien und Kommunikation bezogenes, „Neutralitätsgebot“?

Prof. Dr. Gersdorf: Während sich der Staat im Prozess öffentlicher Meinungs- und Willensbildung von Verfassungs wegen neutral verhalten muss, sind Medien und Intermediäre prinzipiell nicht zur Neutralität verpflichtet. Sie genießen wie die klassische Presse Tendenzfreiheit.

medienpolitik.net: Sie fordern, bei einer Diskussion um die Neutralität, von Suchmaschinen zwischen Wirtschaftsrecht und Kommunikationsrecht zu differenzieren. Warum?

Prof. Dr. Gersdorf: Weil Suchmaschinen demjenigen Rechtskreis zuzuordnen sind, dem die durch Suchmaschinen ermittelten und vermittelten Informationen angehören. Verweisen Suchmaschinen auf Wirtschaftsdienste, sind Suchmaschinen als Informationsvermittler allein den für Wirtschaftsdienste geltenden Funktions- und Ordnungsprinzipien unterworfen. Vermitteln Suchmaschinen hingegen Zugang zu durch Art. 5 GG geschützten Kommunikationsinhalten, gelangen die Funktions- und Ordnungsprinzipien der Kommunikationsverfassung zur Anwendung. Das aktuelle Kartellverfahren vor der EU-Kommission betrifft allein Wirtschaftsdienste (Online-Handel, Reise- und Restaurantportale), nicht aber die Kommunikationsverfassung des Art. 5 GG.

medienpolitik.net: Welchen Funktions- und Ordnungsprinzipien müssen Wirtschaftsdienste entsprechen?

Prof. Dr. Gersdorf:  Die Bereitstellung und die Regelung des Zugangs zu Netzen, Suchmaschinen und Plattformen ist Ausdruck privatautonomer Gestaltung des Anbieters. Anbieter sind zu internem und externem Wachstum sowie zur vertikalen Integration legitimiert. Grenzen ergeben sich indes aus Kartellrecht. Das Kartellrecht verbietet jedoch kein Monopol und auch keine vertikale Integration. Unzulässig ist allein die Ausnutzung einer marktmächtigen Stellung. Ob Google seine marktbeherrschende Stellung im Bereich der Suchmaschinen dadurch missbraucht, dass es auf nachgelagerten Märkten die Angebote seiner Dienste vorrangig platziert, ist Gegenstand des Kartellverfahrens vor der EU-Kommission. Während das Kartellamt unter Hinweis auf die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes die Auffassung vertritt, dass Google seine Dienste bevorzugen dürfe, fordert die Kommission strikte Gleichbehandlung. Letztlich wird der Europäische Gerichtshof diese streitige Rechtsfrage zu klären haben.

medienpolitik.net: Welche Kriterien sind bei der Bewertung von „Netzneutralität“ anzulegen?

Prof. Dr. Gersdorf: Bei der Debatte um Netzneutralität geht es um die Frage, ob neben dem Best Effort, dessen dynamische Fortentwicklung zu gewährleisten ist, Spezialdienste angeboten werden dürfen. Leider wird das Kernproblem im Bereich der AV-Medien meistens nicht gesehen: die faktische Schlechterstellung von OTT-Anbietern und OTT-Rezipienten im Verhältnis zu Anbietern und Rezipienten in „geschlossenen Rundfunknetzen“, für die QoS sichergestellt ist. Ein Verbot der Vermarktung von QoS im Internet dient nicht der Vielfaltsicherung, weil es die Schlechterstellung der OTT-Anbieter und OTT-Rezipienten perpetuiert. Im Interesse der Vielfaltförderung bedürfen des besonderen Schutzes lineare und nichtlineare OTT-Anbieter sowie OTT-Plattformen (Zattoo, Magine TV etc.), welche neben Satellit- und Kabelplattformen treten. Die Ermöglichung von QoS im Internet und in den Zielnetzen ist Voraussetzung für kommunikative Chancengleichheit der OTT-Anbieter und OTT-Rezipienten.

medienpolitik.net: Welche Kriterien sind bei der Bewertung der Neutralität von „Suchmaschinen“ anzulegen?

Prof. Dr. Gersdorf: Weder im Hinblick auf Wirtschaftsdienste noch in Bezug auf Kommunikationsdienste gilt ein Neutralitätsgebot. Ein Wirtschaftsunternehmen kann eine Suchmaschine betreiben und hierbei die eigenen Inhalte bevorzugen. Auch Suchmaschinen durch Dritte sind nicht zur „Neutralität“ verpflichtet. Grenzen ergeben sich allein nach Kartellrecht. Ebenso wenig müssen sich Suchmaschinen von Medienhäusern „neutral“ verhalten. Die Tendenzfreiheit gilt auch für Suchmaschinen. Auch bei Suchmaschinen durch Dritte gibt es keine Verpflichtung zu einem „inhaltsneutralen“ Algorithmus.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie bei Suchmaschinen Regulierungsbedarf?

Prof. Dr. Gersdorf: Die aktuellen Missbrauchsprobleme betreffen allein den Bereich der Wirtschaftsdienste und sind mit dem geltenden Kartellrecht zu lösen. Vergleichbare Missbrauchsvorwürfe im Bereich der Kommunikationsdienste gibt es nicht. Eine „Vorratsregulierung“ ist auch hier abzulehnen.

medienpolitik.net: Welche Kriterien sind bei der Bewertung der Neutralität von „Plattformen“ anzulegen?

Prof. Dr. Gersdorf: Die Gestaltung von „Plattformen“ kann sich als Ausdruck „publizistischer“, von Art. 5 GG geschützter Freiheit darstellen. Auch ein Plattformbetreiber kann sich unter Umständen auf Tendenzfreiheit berufen.

medienpolitik.net: Sehen Sie eine Notwendigkeit und Möglichkeit, die vorhandene Plattformregulierung auf weitere Plattformen zu erweitern?

Prof. Dr. Gersdorf: Bevor man vorschnell die vorhandene Plattformregulierung auf weitere Plattformen zu übertragen beabsichtigt, sollte man sich den Ursprung der Plattformregulierung in Erinnerung rufen. Die Plattformregulierung war ursprünglich eine Kabelregulierung, die ihren inneren Grund in der besonderen Abhängigkeit der TV-Veranstalter und der Zuschauer von diesem TV-Vertriebsweg hat. Vergleichbare Abhängigkeiten gibt es im Hinblick auf neue Plattformen aber nicht, weil Inhalteanbieter und Rezipienten vielfach über hinreichende Ausweichmöglichkeiten verfügen. Um das Beispiel Smart TV zu nennen: Selbst wenn bestimmte Inhalte auf der Oberfläche eines Smart-TV-Anbieters fehlen, hat der Rezipient die Möglichkeit der Darstellung dieser Inhalte auf dem Smart-TV. Er ruft diese auf seinem Smart-Phone oder Tablet ab und streamt sie von dort auf den Smart-TV. Man sollte sich hüten, die Büchse der Pandora zu öffnen. Auf eine Regulierung von Smart-TV kann rasch die Regulierung weiterer Plattformen folgen: PKW (Android Auto etc.), Tablet, Smart-Phone oder gar Apps.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 5/2015 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen