Medienpolitik:

„Technisch ist inzwischen alles möglich“

von am 10.06.2015 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Medienförderung, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Technik

<h4>Medienpolitik:</h4>„Technisch ist inzwischen alles möglich“
Dr. Peter Charissé, Geschäftsführer der ANGA Verband Deutscher Kabelnetzbetreiber und der Kongressmesse ANGA COM I © ANGA COM

Multiscreen, TV Everywhere und NetPVR: Neues Fernsehen braucht neuen Rechtsrahmen

10.06.15 Interview mit Dr. Peter Charissé, Geschäftsführer der ANGA Verband Deutscher Kabelnetzbetreiber und der Kongressmesse ANGA COM

Die Nutzung weiterer Bildschirme parallel zum TV ist mittlerweile zur Normalität geworden, so eine aktuelle Studie der Mediaagentur Initiative. Der zweite Bildschirm wird nicht mehr überwiegend zur Kommunikation mit anderen genutzt. Häufiger kommen die Zweitgeräte mittlerweile zur Recherche nach TV-Inhalten oder für Online-Shopping zum Einsatz. Das eröffnet neue Perspektiven für die Werbetreibenden. Dabei überholt das Smartphone mit einer Parallelnutzung von 47 Prozent (Zunahme 11 Prozentpunkte) das Laptop, dessen Parallelnutzung nur noch 38 Prozent erreicht, gefolgt vom Tablet-PC mit 20 Prozent und vom stationären PC mit 20 Prozent.
Die höchste Parallelnutzung weisen die 14 bis 29-Jährigen auf. Sie legten seit der ersten Erhebung um 13 Prozentpunkte zu und erreichen eine Parallelnutzungsquote von 87 Prozent. Von den 30 bis 39-Jährigen nutzen 81 Prozent einen Zweitbildschirm, was einem Plus von 6 Prozentpunkten entspricht. In der Altersgruppe der 40 bis 49-Jährigen gibt es 72 Prozent Parallelnutzer, bei den 50 bis 59-Jährigen sind es 61 Prozent.

medienpolitik.net: Herr Charissé, neben das klassische lineare Fernsehen treten immer mehr online-basierte Video-Angebote. Wie wirkt sich das auf das Kabelfernsehen aus? Wie reagieren die Kabelunternehmen auf die neue Konkurrenz durch Amazon, Netflix und Co.?

Dr. Peter Charissé: Wir stehen vor einem neuen Meilenstein: Es ist offenkundig, dass sich die Nutzungsgewohnheiten nicht nur für originäre Onlineinhalte, sondern auch für klassisches Fernsehen und fernsehähnliche Medienangebote rasant verändern. Das betrifft Zeit, Ort und auch die Endgeräte. Unsere Netzbetreiber haben deshalb schon vor einiger Zeit begonnen, ihr Produktportfolio weiterzuentwickeln. Der erste Schritt war die Vermarktung von digitalen Videorekordern (PVR), die die zeitversetzte Nutzung von Fernsehsendungen erheblich vereinfacht hat, und eine echte Erfolgsgeschichte geworden ist. Der neue Aufnahmekomfort hat zugleich die Akzeptanz des digitalen Fernsehens als solches deutlich beschleunigt. Nun stehen als nächste Entwicklungsstufe die Stichworte Multiscreen, TV Everywhere und eine netzseitige Aufzeichnungsfunktion ohne Hardware beim Endkunden, der sogenannte NetPVR, auf der Agenda.

medienpolitik.net: Was hat man unter Multiscreen und TV Everywhere konkret zu verstehen?

Dr. Peter Charissé: Bei der Multiscreen-Nutzung geht es in erster Linie um die TV-Nutzung auf dem Tablet oder auch auf dem Smartphone. Von TV Everywhere sprechen wir, wenn die Nutzung nicht nur zu Hause, sondern z.B. auch über öffentliche WLAN-Hotspots oder Mobilfunk möglich ist. Bei der Verbreitung über Mobilfunk kann der Übergang zu sogenannten Over-Top-Angeboten (OTT) im offenen Internet fließend sein.

medienpolitik.net: Noch sind entsprechende Angebote der Kabelnetzbetreiber aber rar. Woran liegt das? Ist die Technik noch nicht marktreif?

Dr. Peter Charissé: Nein, das Gegenteil ist der Fall. Technisch ist inzwischen alles möglich. Es gibt dafür eine Vielzahl von Systemlösungen, die sofort einsatzbereit wären und in anderen Ländern auch schon im Einsatz sind. Das größte Hindernis ist leider rechtlicher Natur: Die urheberrechtliche Lizensierung der Angebote ist zu kompliziert.

medienpolitik.net: Wie ist das zu verstehen, verwehren die Fernsehsender oder die Verwertungsgesellschaften Ihnen die Nutzungsrechte für die neuen Angebote?

Dr. Peter Charissé: Leider haben wir in der Tat mit beiden Gruppen von Rechteinhabern Probleme. Die zehn Verwertungsgesellschaften, die wir in Deutschland haben, sind sich noch nicht mal über die rechtliche Einordnung neuer Nutzungsformen im IP-Standard einig. Zu einer Poollösung, wie wir sie für neun Verwertungsgesellschaften für das klassische Kabelfernsehen haben, hat man sich daher noch nicht zusammenraufen können. Das führt für die Netzbetreiber schon in administrativer Hinsicht zu kaum lösbaren Problemen und macht die neuen Angebote kommerziell nur schwer kalkulierbar. Auch bei vielen Fernsehsendern treffen wir auf Zurückhaltung. Oder es werden Vergütungsforderungen erhoben, die man als prohibitiv bezeichnen muss, weil sie keine zuschauerattraktive Preisgestaltung der neuen Fernsehangebote ermöglichen.

medienpolitik.net: Warum sind diese neuen Angebote so wichtig für die Kabelunternehmen?

Dr. Peter Charissé: Letztlich geht es bei den neuen Zusatzangeboten auch um die Attraktivität des Kabelanschlusses an sich. Wenn wir bei Multiscreen, TV Everywhere und zeitversetztem Fernsehen in Deutschland in diesem Tempo weitermachen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn Fernsehkunden tatsächlich komplett zu OTT-Angeboten wechseln. Das trifft dann aber auch alle Rechteinhaber, nämlich bei den Lizenzvergütungen, die unsere Netzbetreiber für den Kabelanschluss an sie zahlen und die Sender zudem bei der Einschaltquote. Diese Rückgänge werden sie mit Vergütungen der OTT-Anbieter bei weitem nicht ausgleichen können. Das Gebot der Stunde wäre, dass die Rechteinhaber aus eigenem Interesse den Netzbetreibern erleichtern, den Kabelanschluss wettbewerbsfähig und das hier vergleichsweise hohe Vergütungsvolumen zu halten.

medienpolitik.net: Könnte Ihnen denn der Gesetzgeber bei den Rahmenbedingungen helfen?

Dr. Peter Charissé: Ja, in mehrfacher Hinsicht – und zwar sowohl auf deutscher als auch auf EU-Ebene: Erstens brauchen wir eine Klarstellung, dass der für eine unkomplizierte Abwicklung wichtige gebündelte Rechteerwerb, der heute für die Kabelweitersendung gilt (§ 20b UrhG), auch für Verbreitungsvorgänge im IP-Standard und auch die TV-Verbreitung über drahtlose Frequenzen gilt. Zweitens sollte dieses Prinzip des gebündelten Rechteerwerbs, das Gesetz nennt das etwas sperrig „Verwertungsgesellschaftspflicht“, auch für zeitversetzte Verbreitungsvorgänge Anwendung finden, um sogenanntes Catch Up TV und den schon erwähnten NetPVR zu ermöglichen. Ohne dieses Prinzip kann jeder einzelne Rechteinhaber das gesamte Produktangebot blockieren und wir verlieren Zeit und Rechtssicherheit. Drittens, das ist für die gesamte Fernsehverbreitung von fundamentaler Bedeutung, muss der heute für die Kabelweitersendung festgeschriebene Abschluss- bzw. Kontrahierungszwang der Verwertungsgesellschaften und Sender gegenüber den Netzbetreibern erhalten und auf die vorgenannten neuen Fernsehformen erweitert werden.

medienpolitik.net: Wie beurteilen Sie die Chancen, dass der Gesetzgeber Ihren Vorschlägen folgt?

Dr. Peter Charissé: Bisher haben wir leider den Eindruck, dass der Gesetzgeber oft zu sehr den Blick auf die Rechteinhaber verengt und die Belange der gewerblichen Rechtenutzer, z.B. der Netz- und Plattformbetreiber, zu kurz kommen. Dabei wird verkannt, dass es sich vom Urheber über die Medienunternehmen und gewerbliche Nutzer bis zum Endkunden um eine Wertschöpfungskette handelt, die nur funktioniert, wenn alle Glieder akzeptable Bedingungen vorfinden. Wenn innovative Produkte gar nicht erst auf den Markt kommen, weil die Verwertungsgesellschaften oder Sender zu lange zögern, nutzt das letztlich nicht dem klassischen Urheber, sondern kann ihm sogar schaden. Und am Ende machen das Geschäft dann nicht die hiesigen Anbieter, sondern die globalen Online-Konzerne. Das neue Gesetz über Verwertungsgesellschaften, an dem das Bundesjustizministerium derzeit arbeitet und die von EU-Kommissar Oettinger gestartete Initiative für einen digitalen Binnenmarkt wären die beste Gelegenheit, den Hebel umzulegen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 6/2015 erstveröffentlicht.

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