Medienpolitik:

„Erfolg kann man begleiten, aber nicht kaufen“

von am 28.07.2015 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews

<h4>Medienpolitik:</h4>„Erfolg kann man begleiten, aber nicht kaufen“
Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin Filmförderung des Medienboards Berlin-Brandenburg I © Sabine Engels

Geschäftsführerin des Medienboards fordert, den Deutschen Filmpreis undotiert zu vergeben

29.07.15 Interview mit Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin Filmförderung des Medienboards Berlin-Brandenburg

2014 entstanden an rund 4.000 Drehtagen Kinofilme und TV-Projekte in Berlin-Brandenburg. Etwa die Hälfte dieser Drehtage entfiel dabei auf Medienboard-geförderte Filme, wie z.B. „Honig im Kopf „, das Steven-Spielberg-Projekt „St. James Place“ oder Titel wie „Der Nanny“, „Ein Hologramm für den König“, „Colonia“ oder „Er ist wieder da“. Insgesamt vergab das Medienboard im vergangenen Jahr knapp 30,6 Mio. Euro an Fördermitteln, davon alleine rund 26 Mio. Euro für die Filmförderung. Aus dem Topf für die Produktionsförderung (rund 22,2 Mio. Euro) entfielen knapp 8,5 Mio. auf die Unterstützung internationaler Koproduktionen. In einem medienpolitik.net-Gespräch wandte sich die Chefin der Filmförderung in Berlin-Brandenburg gegen Kritik an der Filmförderung, diese würde zur „Selbstgenügsamkeit“ führen: „Wenn diese Logik stimmt, müsste z.B. der französische Film schon lange am Boden sein.“

medienpolitik.net: Frau Niehuus, zehn Medienboard-geförderte Filme waren 32 Mal für den Deutschen Filmpreis nominiert. Wie wichtig ist der Deutsche Filmpreis für den Deutschen Film?

Kirsten Niehuus: Da die „Lolas“ von der Filmfamilie selbst vergeben werden, sind sie eine ganz besondere Anerkennung.

medienpolitik.net: Seit zehn Jahren bestimmt die Deutsche Filmakademie die Gewinner der „Lola“. Hat sich dieses Verfahren bewährt?

Kirsten Niehuus: Basisdemokratie ist kein leichtes Geschäft, aber ein wichtiger und ernst zu nehmender Prozess. Das Juryverfahren ist vielleicht strategischer, aber sicher nicht besser. Ich denke, dass es sinnvoll wäre, noch mal ernsthaft darüber nachzudenken, die Prämien in die Filmförderung zu stecken und den Preis undotiert, sozusagen für die Ehre zu vergeben.

medienpolitik.net: Es gab wiederholt Kritik, dass kommerziell erfolgreiche Filme, wie z.B. „Honig im Kopf“ nicht gewürdigt werden. Ist die „Lola“ repräsentativ für den deutschen Film?

Kirsten Niehuus: Bei der Verleihung von Spitzenpreisen kann man es nie allen recht machen. Auch über die Oscars oder die Goldene Palmen wird jedes Jahr in der Branche leidenschaftlich kontrovers diskutiert.
Ich kann mir aber vorstellen, dass auch die hohen Preisgelder dazu führen, dass die Akademiemitglieder die Preise eher nicht an kommerziell erfolgreiche Filme vergeben, da der Gedanke „die brauchen das Geld nicht so dringend“ mitschwingt. Immerhin gibt es ja seit letztem Jahr die undotierte „Lola für den besucherstärksten Film“, diesmal für Schweiger, letztes Mal für „Fack ju Göhte“ – insofern wird großer Publikumserfolg von der Akademie auch gewürdigt.

medienpolitik.net: Der entgegengesetzte Vorwurf wird an die Filmförderung gerichtet, dass kommerzielle Filme wie z.B. „Honig im Kopf“ oder „Fack ju Göthe“ überhaupt gefördert werden. Wie findet man das richtige Maß? Wie kommerziell ist das Medienboard hier ausgerichtet?

Kirsten Niehuus: In der Hauptstadtregion gibt es ein besonders vielfältiges Filmschaffen. Unsere Förderentscheidungen bilden das ganz gut ab. Vom Weltkino z.B. dem letztjährigen Palmengewinner, „Winter Sleep“, über das gelungene one-shot Experiment „Victoria“, aber auch den Cyberthriller „ Who Am I“ und anderen erfolgreichen Boxoffice Filme oder jetzt die TV-Serie „Homeland“. Das Maß bestimmt sich nach Qualität der Projekte. Und ob ein Film tatsächlich sein Geld wieder einspielt, entscheidet sich erst, wenn das Publikum sich entscheidet. Dann wird auch anstandslos zurückgezahlt.

medienpolitik.net: Jeder deutsche Film wird im Schnitt zu 40 Prozent aus Fördermitteln finanziert. Bei kaum einer anderen Kulturbranche existiert ein solch hoher Subventionsanteil. Macht das die deutsche Filmwirtschaft zu selbstgenügsam und unkritisch?

Kirsten Niehuus: Erstens werden Theater und Oper weit höher subventioniert, zweitens: Wenn diese Logik stimmt, müsste z.B. der französische Film schon lange am Boden sein. Ergo: Nein! Allein die Nominierten sind der beste Gegenbeweis!

medienpolitik.net: Welche Rückschlüsse können Sie aus den „Lola“-Gewinnern für Ihre Förderung ziehen? Denn Sie wollen doch erfolgreich fördern?

Kirsten Niehuus: Ja, das wollen wir und meinen, dass dies unter anderem auch durch die 32 Nominierungen 2015 und die Lolas der letzten Jahre ganz gut geklappt hat.

medienpolitik.net: Was ist für Sie ein förderungswürdiger Film? Welche Rolle spielt dabei der Standorteffekt?

Kirsten Niehuus: Wenn ein Film in der von den Machern beschriebenen Perspektive überzeugt. Wenn ein Film eine Komödie sein will oder große Kunst, muss er sich von uns an seinen eigenen Vorgaben messen lassen. Außer beim Weltkino gilt die Devise „bei gleicher Qualität werden Projekt, die hier verwirklicht werden, bevorzugt“, denn das Fördergeld wird ja vom hiesigen Steuerzahler aufgebracht.

medienpolitik.net: Mehr als zehn Mio. Zuschauer sahen im ersten Quartal Medienboard-geförderte Filme. Dazu kommen 4 Oscars, ein Silberner Bär. Wie produziert man solche Erfolge am Fließband?

Kirsten Niehuus: In der Region arbeiten viele Filmemacher jeden Tag mit vollem Einsatz von Leib und Seele daran, großartige Filme zu machen. Wenn man bei den Förderentscheidungen dann nicht zu viele Fehler macht…

medienpolitik.net: Das machen Sie ja anscheinend nicht. In Ihrer Pressemeldung heißt es. „All diese Filme sind kulturelle Erfolge, große Unterhaltung und haben wirtschaftlich zum Standorteffekt beigetragen.“ Warum betonen Sie diese „Dreieinigkeit“ so, ist das nicht selbstverständlich?

Kirsten Niehuus: Ich würde mich freuen, wenn unsere Pressearbeit in den letzten Jahren auch den Menschen, die nicht wissen, was ein Regionaleffekt ist, näher gebracht hat, dass Film und TV ein wesentlicher Teil der Kreativbranche in Berlin sind und dass Dreharbeiten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind. Wenn der Eindruck entsteht, dass die Filmleute nur in tollen Roben auf den roten Teppichen dieser Welt für die sauer bezahlten Steuern Champagner trinken und außer Spesen nix gewesen ist, wäre das schade. Denn dass die Hauptstadtregion Deutschlands Filmstandort Nummer 1 ist, sollte die Steuerzahler stolz machen auf ihre Kreativen und den wirtschaftlichen Nutzen, der mit Film und Fernsehen erwirtschaftet wird, vom Marketing mal ganz zu schweigen.

medienpolitik.net: 2014 haben Sie mit einer Förderung von 30,6 Mio. Euro einen Regionaleffekt von 463 % erreicht. Deutlich mehr als alle anderen Förderer. Woher kommt das?

Kirsten Niehuus: Die Hauptstadtregion ist als Filmstandort weltweit attraktiv. Das hat mit den spannenden Locations, der hervorragenden technischen Infrastruktur, der Filmfreundlichkeit der Behörden und den top ausgebildeten Crews zu tun. Und die Künstler und Stars sind hier, weil es ihnen gefällt. Eine erfolgreiche Kombination aus überzeugenden Fördermodellen und dem genius loci.

medienpolitik.net: In Berlin leben inzwischen viele Schauspieler, Regisseure, Produzenten. 2004 standen dem Medienboard 18,4 Mio. Euro zur Verfügung, zehn Jahre später waren es über 31 Millionen. Haben Sie mit diesem Geld – wie mit einem Staubsauger – die Filmtalente angezogen?

Kirsten Niehuus: Nein, so geht das nicht! Dann müsste man ja nur genügend Geld auf den Tisch legen und hätte eine funktionierende Filmindustrie. Viele Beispiele zeigen, dass das nicht funktioniert, sonst wäre wahrscheinlich jetzt Dubai das neue Hollywood. Die Hauptstadtregion hat eine besondere Anziehungskraft für kreative Menschen. Wir freuen uns, dass die Politik verstanden hat, dass die wachsende Filmindustrie ein  Kreativ- und Wirtschaftsmotor ist. Innerhalb von 10 Jahren konnten wir dank der gestiegenen Fördermittel eine Struktur  unterstützen, die einen  konstanten qualitativ hochwertigen Output ermöglicht. So etwas kann man begleiten, aber nicht kaufen.

medienpolitik.net: Björn Böhning hat eine weitere Aufstockung der Berliner Förderung für 2016/2017 angekündigt. Was möchten Sie gerne noch stärker fördern?

Kirsten Niehuus: Die Förderpalette hat sich in den letzten Jahren erweitert. So ist im letzten Jahr die Förderung serieller Formate dazu gekommen. Damit man andere erfolgreiche Förderformate nicht einschränken muss, bedarf es insoweit der Erhöhung der Mittel. Berlin und Brandenburg haben das verstanden und sich sehr bei den Haushaltsverhandlungen für die Filmbranche eingesetzt.

medienpolitik.net: Sie haben u.a. den Fernsehfilm „Nackt unter Wölfen“ gefördert und wie Sie gesagt haben, wollen sie verstärkt auch Serien fördern. Welche Rolle spielt inzwischen die Förderung von Fernsehformaten und wird es weiter zunehmen?

Kirsten Niehuus: Filmförderung ist auch eine Serviceinstitution, von daher passen wir unser Förderportfolio regelmäßig den Erfordernissen der Branche an. Zunehmend planen unabhängige Produzenten serielle Formate. Solange es sich dabei nicht um Auftragsproduktionen handelt, sondern der Produzent maßgebliche Verwertungsrechte behält, könnte das ein interessantes Geschäftsmodell sein.  Mal schauen, wieviel Serie geht!

medienpolitik.net: Eine der wichtigsten Überlegungen bei der Novellierung des FFG ist die nach zusätzlichen Geldquellen für die Finanzierung der FFA. Wenn es bei den jetzigen Einzahlern bleibt – und diese nicht aufstocken – wird die FFA ab 2017 weniger Mittel zur Verfügung haben. Wäre das sehr dramatisch? Auch durch die Kürzung des DFFF sind kaum weniger deutsche Filme produziert worden?

Kirsten Niehuus: Nicht allein die Anzahl der Filme ist entscheidend, sondern auch, dass sie im Vergleich zu anderen Filmen wettbewerbsfähig sind, d.h. dass eine künstlerische Vision auch angemessen umgesetzt werden kann, große Bilder entstehen und ausreichend Drehtage finanziert werden können. Nicht zu vergessen,  dass die beim Film Beschäftigten angemessen entlohnt werden.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 7/2015 erstveröffentlicht.

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