Medienpolitik:

„Wir müssen neue und veränderte Finanzierungsquellen schaffen“

von am 27.07.2015 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Internet, Interviews, Medienförderung, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Regulierung, Rundfunk

<h4>Medienpolitik:</h4>„Wir müssen neue und veränderte Finanzierungsquellen schaffen“
Bernd Neumann, Präsident der Filmförderungsanstalt (FFA)

FFA-Förderung droht bis 2021 ein Rückgang der Fördermittel

27.07.15 Interview mit Bernd Neumann, Präsident der Filmförderungsanstalt (FFA)

Die FFA geht entsprechend eines Gutachtens davon aus, dass die Finanzmittel der Filmförderungsanstalt , die durch die Branche eingezahlt werden, aufgrund der veränderten Mediennutzung bis 2021 deutlich zurückgehen werden, wenn jetzt nicht gegengesteuert wird. In einem medienpolitik.net-Gespräch informierte Bernd Neumann, Präsident der FFA, dass dafür eine Finanzkommission unter Einschluss der Staatsministerin für Kultur und Medien gebildet werden soll. Mit den jetzigen Einzahlern – die TV-Sender, die Kinos und die Videowirtschaft – sollen detaillierte Gespräche über ihren künftigen Beitrag geführt werden. Zusätzlich sollen Plattformbetreiber – auch ausländische – sowie Kabelnetzbetreiber und Telekommunikationsunternehmen, die eigene Videotheken anbieten – an die FFA zahlen. „Wir gehen davon aus, dass es nicht nur juristisch korrekt, sondern auch mehr als gerecht ist, diejenigen Unternehmen mit Sitz im Ausland, die den deutschen Markt mit filmischen Inhalten bedienen und dort teilweise enorme Umsätze generieren, auch zur Filmabgabe heranzuziehen.“

medienpolitik.net: Herr Neumann, in den In einigen Medien wird darüber debattiert – auch im Zusammenhang mit dem Ausfall des deutschen Films in Cannes – ob die Fördergelder richtig verteilt werden. Die FFA hat 2014 85 Mio. Euro ausgegeben. Haben Sie die richtigen Filme gefördert?

Bernd Neumann: Die Frage, ob die FFA die richtigen Filme fördert, wird, mit Verlaub, sicherlich nicht dadurch beantwortet, ob sie in Cannes gezeigt werden. Bei aller Wertschätzung würde dies das Filmfestival wohl überbewerten – und darüber hinaus dem deutschen Film bei weitem nicht gerecht werden. Ich darf daran erinnern, dass wir im letzten Jahr den zweitbesten Marktanteil deutscher Filme seit dem Ausnahmejahr 2009 und nicht weniger als acht Besuchermillionäre hatten. So etwas gibt es nicht alle Tage. Und, ja, bei über 200 Filmen im Jahr kann natürlich nicht auch jeder Film ein Festivalerfolg sein. Aber von den über 200 Filmen landen immer zwischen 40 und 60 Filme bei internationalen Festivals, darunter viele große und angesehene Festivals, die deutsche Filme regelmäßig im Programm haben und dessen große Vielfalt gerne zeigen. Diese Festivals – aber auch das Publikum in diesen Ländern – finden den deutschen Film anregend, spannend und sehenswert. Ich habe den Eindruck, dass man es sich in der Frage des vermeintlichen Erfolgs oder Misserfolgs an dieser Stelle etwas zu einfach macht – und auch zu sehr von seinen persönlichen Kriterien leiten lässt. Im Übrigen werden durch die Berlinale, die drei Monate vor Cannes stattfindet, viele gute deutsche Filme „abgeschöpft“.

medienpolitik.net: Ein Film wie „Honig im Kopf“ erreichte in den deutschsprachigen Ländern sieben Millionen Zuschauer, wurde von einigen Länderförderern und auch der FFA für den Verleih gefördert. War das wirklich nötig?

Bernd Neumann: Zunächst einmal ist dies ja wohl ein Widerspruch in sich – einerseits wird moniert, dass die FFA die falschen Filme fördert, anderseits aber soll es dann verkehrt sein, wenn wir einen äußerst erfolgreichen Film haben und diesen in der Herausbringung im Videomarkt fördern. Zunächst einmal: Bei der FFA kann jeder einen Antrag auf Förderung stellen, wenn bestimmte formelle Voraussetzungen erfüllt sind. Dies gilt selbstverständlich auch für die Videoförderung, die Sie hier ansprechen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Film wie „Honig im Kopf“ auch auf dem Home-Entertainment-Markt funktioniert, ist sehr hoch – und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese als so genannte bedingt rückzahlbare Darlehen gewährten Fördermittel auch wieder in den Haushalt der FFA zurückfließen. So sichert man den deutschen Film. Außerdem: Angesichts der oft zitierten Filmschwemme wage ich mal zu bezweifeln, ob es wirklich sinnvoll wäre, sich bei der Verleih- oder Videoförderung auf Filme zu konzentrieren, die im Kino keinen Erfolg haben.

medienpolitik.net: Die Filmwirtschaft hat die große Sorge, dass die Mittel der FFA aufgrund der veränderten Mediennutzung ab 2017 geringer ausfallen könnten. Teilen Sie diese Befürchtungen?

Bernd Neumann: Diese Befürchtung ist nicht ganz neu. Deshalb muss man schon im Vorfeld geeignete Maßnahmen treffen, damit es eben nicht zu dieser für die Fördertätigkeit der FFA äußerst negativen Entwicklung kommen kann. Wir haben entsprechend eines politischen Auftrags eine Evaluierung über das Abgabeaufkommen prospektiv bis ins Jahr 2021 erstellt, die wir im Präsidium und im Verwaltungsrat diskutiert haben. Hier lautete die nicht ganz einfache Aufgabe, unter Berücksichtigung der zukünftigen Entwicklung des Films im Kino, in der Videowirtschaft und beim Fernsehen eine Berechnung zu erstellen, die die bisher erfolgreichen Förderleistungen der FFA erhält und auch neue Förderleistungen ermöglichen soll. Hierfür wurden dann verschiedene Möglichkeiten bzw. Voraussetzungen genannt.
Wir haben im Präsidium die Vorschläge andiskutiert und dann vereinbart, dass – allein schon wegen der Befangenheit der im Präsidium vertretenen Zahler sowie der Tatsache, dass BKM und der Gesetzgeber ohnehin eine beschlussreife Vorlage wird erarbeiten müssen – eine Finanzkommission gebildet wird. Deshalb wurde der BKM gebeten, unter seiner Moderation mit den jetzigen Zahlern ein detailliertes Gespräch zu führen, um daran anschließend den Referentenentwurf vorzubereiten. So hatten wir es ja auch schon bei der vorangegangenen Novellierung des FFG gehandhabt.

medienpolitik.net: Einen Ausgleich könnten die Plattformen schaffen, die Spielfilme verbreiten. Wie sehen Sie die Chancen, dass diese künftig stärker – oder überhaupt – zur Abgabe herangezogen werden und Brüssel dem endlich zustimmt?

Bernd Neumann: Ausländische Anbieter, die über das Internet Spielfilme im deutschen VoD-Markt verbreiten, sind ja schon zur Filmabgabe verpflichtet. Bislang hat die EU-Kommission diesen Absatz im aktuellen FFG allerdings noch nicht notifiziert. Wir gehen davon aus, dass dies juristisch in unserem Sinne geregelt werden wird. In welchem Zeitraum das geschieht, lässt sich schwer voraussagen, da hier eine Vielzahl von unmittelbar und mittelbar Beteiligten mitsprechen. Ich darf daran erinnern, dass wir an dieser Stelle auch im gesamteuropäischen Interesse einen engen Schulterschluss mit unseren französischen Nachbarn üben. Zudem ist die European Film Agency Directors (EFADs), das ist der Zusammenschluss der europäischer Filmförderungen, an dessen Spitze FFA-Vorstand Peter Dinges als Präsident steht, sehr aktiv.

medienpolitik.net: Bisher weigern sich diese Anbieter. Womit könnte man sie „locken“ oder überzeugen?

Bernd Neumann: Ich weiß nicht, ob es hier um locken oder überzeugen geht, zumal mir die Vergangenheit gezeigt hat, dass Überzeugungskraft auch ihre Grenzen hat. Wir gehen aber davon aus, dass es nicht nur juristisch korrekt, sondern auch den national operierenden Anbietern gegenüber mehr als gerecht ist, diejenigen Unternehmen mit Sitz im Ausland, die den deutschen Markt mit filmischen Inhalten bedienen und dort teilweise enorme Umsätze generieren, auch zur Filmabgabe heranzuziehen. Derzeit finden, ich sagte es bereits, auf vielen Ebenen Gespräche statt. Dies geschieht natürlich in erster Linie im operativen Dialog zwischen der BKM und der EU. Ich bin – und ich bleibe – optimistisch, dass wir hier über kurz oder lang eine Lösung in unserem Sinne finden werden.

medienpolitik.net: Auch von den Fernsehsendern fordern viele höhere Abgaben, zumal die privaten Sendergruppen Rekordgewinne einfahren und der öffentlich-rechtliche Rundfunk finanziell auch ganz gut ausgestattet ist. Lässt sich hier noch etwas „holen“?

Bernd Neumann: Um die FFA-Fördertätigkeit nachhaltig zu gewährleisten, werden wir nicht umhin kommen, neue bzw. veränderte Finanzierungsquellen zu schaffen. Dazu wird die bereits erwähnte Arbeitsgruppe noch vor der Sommerpause bei der BKM zusammenkommen. Ich habe schon häufiger gesagt, dass wir mit den Beiträgen der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten zur FFA-Förderung nicht zufrieden sein können, für die die kleine FFG-Novelle im Jahre 2010 gesorgt hat. Davor lagen die im Rahmen einer freiwillig vereinbarten Regelung gezahlten Pflichtbeiträge insbesondere bei ARD und ZDF deutlich höher. Hier, aber auch an anderer Stelle, sehen wir Nachholbedarf, zumal sich ja gezeigt hat, dass das Fernsehen ein sehr starkes Interesse an einem guten und erfolgreichen deutschen Film hat, um damit sein Programm zu schmücken. Ich darf daran erinnern, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch deshalb gebührenfinanziert ist, damit das Kulturgut Kinofilm gefördert werden kann. Dies sollte bei den Diskussionen über die zukünftigen Beiträge der Einzahler auch entsprechend berücksichtigt werden.

medienpolitik.net: Die Produzenten verhandeln seit zwei Jahren mit der ARD über eine bessere Vergütung bei der Online-Verwertung. Könnte man der ARD vielleicht dafür einen Teil der FFA-Abgabe erlassen? Denn der Rundfunkbeitrag wird – wie es aussieht – bis 2020 stabil bleiben.

Bernd Neumann: Ich teile hier die Position der Produzenten, die im Übrigen auch mit dem ZDF verhandeln. Nur, weil es die technischen Möglichkeiten erlauben – und von immer mehr Menschen auch genutzt werden –, kann es nicht angehen, dass die „Ware Film“ auch überall verfügbar ist, ohne dass die Produzenten an dieser Stelle angemessen partizipieren. Der Produzent hat selbstverständlich auch Ansprüche im Hinblick auf den Zweitverwertungsmarkt und benötigt solche Erlöse, um neue, möglichst erfolgreiche Projekte zu entwickeln. Wenn aber andere die Hände auch auf diesen Teil der Wertschöpfung halten, fehlt dieses Geld.
Früher oder später müssen wir hier zu einem Lizenzmodell kommen, wo andere wichtige Filmländer, wie England oder auch Frankreich, längst entsprechende Regelungen geschaffen haben. Hier ist der Produzent auch bei Auftragsproduktionen Inhaber der Rechte und tritt diese nur für einen begrenzten Zeitraum und für eine begrenzte Zahl von Ausstrahlungen – und nicht etwa bis an sein Lebensende – an die Fernsehsender ab. Danach bestimmt er selber, was, wie, wo und von wem ausgewertet wird und beteiligt den Auftrag gebenden Sender dann an den Erlösen.
Ähnliches gilt auch für die Diskussionen um eine mögliche Veränderung der 7-Tage-Regelung bei den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender. Die Ausweitung bzw. Abschaffung der 7-Tage-Frist in den Mediatheken von ARD und ZDF mag aus Sicht des Fernsehzuschauers sicherlich ein durchaus nachvollziehbarer Wunsch sein. Für die Produzenten, Autoren und Regisseure wäre es hingegen eine Katastrophe, weil sich kaum jemand noch die DVD, den VoD-Abruf oder die Lizenz eines Filmes kaufen dürfte, wenn dieser auf lange Sicht oder dauerhaft kostenlos und weltweit abrufbar ist. Sollte die 7-Tage-Frist in den Mediatheken entfallen und Inhalte künftig länger verfügbar sein, dann muss es zwingend auch eine faire Vergütung für Urheber und Produzenten geben.

medienpolitik.net: Es gibt verschiedene Überlegungen, den Rundfunkbeitrag – ob aus dem „Überschuss“ oder aus dem Anteil für die Landesmedienanstalten – stärker für die Förderung zu nutzen. Könnte das ein Erfolg versprechender Weg sein?

Bernd Neumann: Es stimmt, dass durch die Umstellung der Rundfunkgebühren auf eine Haushaltsabgabe ein Überschuss entstanden ist. Dass über dessen Verteilung jetzt natürlich auch an vielen Stellen laut nachgedacht wird, liegt in der Natur der Sache. Natürlich würde ich es sehr begrüßen, wenn man einen Teil dieser Mittel dazu verwenden würde, um den Programmanteil für Spielfilme zu erhöhen und dadurch letztendlich die Produzenten zu stärken. Allerdings gehen die Überlegungen der Ministerpräsidenten der Länder ja wohl in eine andere Richtung.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 7/2015 erstveröffentlicht.

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