Rundfunk:

„Wir werfen die Flinte nicht gleich ins Korn“

von am 02.07.2015 in Archiv, Dualer Rundfunk, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Wir werfen die Flinte nicht gleich ins Korn“
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen I © ARD/WDR/Herby Sachs

ARD arbeitet an neuen Show-Konzepten, auch wenn das Zuschauerinteresse rückläufig ist

02.07.15 Interview mit Volker Herres, Programmdirektor Das Erste

Im Juli startet auch das Erste eine Art Casting-Show. Die 26-jährige Sängerin Beatrice Egli moderiert eine Musikshow mit vielen berührenden Momenten und emotionalen Überraschungen. Die Schweizerin begrüßt nationale und internationale Stargäste sowie Talente aller Art aus verschiedenen Genres. Die Talente, die von Beatrice Egli ausgesucht und vorgestellt werden, bekommen in der Sendung die Gelegenheit, ihr Können einem Millionenpublikum vorzuführen. Ihre Geschichten werden in Zuspielern, Talks und Aktionen gezeigt. Als Gewinnerin bei „Deutschland sucht den Superstar“ wurde Beatrice Egli 2013 über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Im März 2014 erhielt sie den Musikpreis Echo in der Kategorie „Newcomer International“.
Fragen an den Programmdirektor des Ersten Volker Herres zur angeblichen „Showkrise“, zu neuen Formaten und alten Adaptionen.

medienpolitik.net: Herr Herres, erleben wir 2015 – so sieht es ja nach den ersten Monaten aus – ein Kopf-an Kopf-Rennen zwischen dem Ersten und dem ZDF um die Marktführerschaft bei den Zuschauern ab 3 Jahre?

Volker Herres: Tatsächlich liegen Das Erste mit 11,7 Prozent und das ZDF mit 12,9 Prozent in der Zuschauergunst deutlich vor den großen Privatsendern, für die Werte zwischen 5,3 Prozent (ProSieben) und 10,1 Prozent (RTL) gemessen werden. Diese Zuschauerpräferenz zugunsten der öffentlich-rechtlichen Programme ist im Übrigen seit mehreren Jahren zu beobachten, also kein neues Phänomen.

medienpolitik.net: Wo konnte das Erste in den ersten Monaten des Jahres 2015 vor allem punkten?

Volker Herres: Abends, wenn die meisten Menschen fernsehen, ist Das Erste weiterhin am stärksten aufgestellt. Hier punktet Das Erste vor allem mit seiner Informationsleistung, allen voran durch die 20-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“, die linear über alle Ausspielwege insgesamt 9,58 Millionen Zuschauer einschalteten. Die Sonntagskrimis „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ haben ihren Zuspruch noch erhöht und kommen derzeit auf durchschnittlich 9,60 Millionen Zuschauer. Und für die Fußballübertragungen vom DFB-Pokal interessierten sich durchschnittlich 9,31 Millionen Zuschauer.

medienpolitik.net: Alle öffentlich-rechtlichen Angebote zusammen erreichen weiterhin einen Marktanteil von mehr als 40 Prozent der Zuschauer. Trotz zunehmender Bedeutung von VoD usw. Anscheinend „leidet“ der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht unter der veränderten Sehgewohnheit. Woran liegt das?

Volker Herres: In Analogie zu Bill Clinton könnte ich sagen: „It’s the content, stupid!“ Es liegt an der Programmqualität – denn am Ende kommt es auf die Inhalte an. Aber es gibt keinen Anlass zum Ausruhen. Viel stärker als die VoD-Nutzung machen sich die kleineren linearen Spartensender, öffentlich-rechtliche wie private, bemerkbar. Zum Beispiel ZDFneo und RTL Nitro, die jeweils rund 1,5 Prozent erreichen – das geht durchaus zu Lasten der großen Anbieter.

medienpolitik.net: Das Erste kam im April auf einen Marktanteil von 12 Prozent – nur auf das lineare Fernsehen bezogen. Wie hoch wäre der Marktanteil des Ersten, wenn alle Verbreitungswege erfasst werden würden?

Volker Herres: Nach wie vor hält die Mediatheks-Nutzung unserer Sendungen keinem Vergleich mit der linearen Live-Ausstrahlung auf dem Fernsehgerät stand. Da dies ausweislich der Videostreaming-Zahlen der GfK auch für die anderen Sender gilt, bleiben die Marktpositionen aller Sender unverändert.

medienpolitik.net: Die Unterhaltungsformate um 20.15 Uhr waren früher die „Quotenbringer“. Das hat sich anscheinend geändert? Wie sind Sie mit der Prime-Time-Unterhaltung zufrieden?

Volker Herres: Tatsächlich erleben wir derzeit ein leicht rückläufiges Zuschauerinteresse für die Show-Unterhaltung. Hier müssen wir unser Format-Angebot kontinuierlich auf den Prüfstand stellen. Insgesamt bin ich aber mit der Mischung aus Quizshows, musikalischer Unterhaltung und allgemeinen Shows zufrieden. Nicht zuletzt das Finale des Eurovision Song Contests mit 8,09 Millionen Zuschauern stellte erneut unter Beweis, was unterhaltendes Eventfernsehen zu leisten vermag.

medienpolitik.net: Die Shows von Hirschhausen und Frank Elstner erreichten in diesem Jahr knapp über 12 Prozent Marktanteil, auch „Dalli Dalli“ erreichte 12,3 Prozent – knapp über dem Senderschnitt?

Volker Herres: Ja, am Donnerstag liegen wir knapp über dem Senderschnitt. Am Samstagabend hingegen sind Unterhaltungsshows erfolgreicher, denken Sie etwa an „Verstehen Sie Spaß“ mit Guido Cantz mit durchschnittlich 17 Prozent Marktanteil.

medienpolitik.net: Frank Elstner klagt jüngst über eine „Showkrise“. Er beklagte vor allem die Risikoarmut der Sender, etwas Neues auszuprobieren. Hat er Recht?

Volker Herres: Das gilt jedenfalls nicht für Das Erste. Wir haben erfolgreich neue Formate entwickelt, zum Beispiel „Klein gegen Groß“ und das „Quizduell“. Und wir freuen uns auch über Alexander Bommes mit „Gefragt – Gejagt“ im Vorabend. Nach dieser Staffel wird dann Kai Pflaume folgen und die Quiz-Show «Wer weiß denn sowas?“ mit Elton und Bernhard Hoecker präsentieren. In Planung ist außerdem eine app-basierte Drei-Länder-Wissensshow: „Spiel für Dein Land“ (ARD, ORF, SRF) mit Jörg Pilawa. Daneben wird Kai Pflaume mit „Wo bist Du?“ ein neues Format präsentieren und „Zeig mir Deine Welt“ fortsetzen.

medienpolitik.net: Verändert sich die Fernsehlandschaft möglicherweise derzeit so stark, dass Show-Unterhaltung mehr und mehr zur Nebensache oder gar überflüssig wird?

Volker Herres: Was heißt Nebensache? Wir haben doch mit Erfolg eigene Formate entwickelt und Unterhaltungsevents wie der ESC erreichen nach wie vor ein großes Publikum.

medienpolitik.net: Wird es von „Einer wird gewinnen“ mit Jörg Pilawa eine Neuauflage geben?

Volker Herres: Nein, das ist nicht geplant.

medienpolitik.net: Im Juli startet die neue Show „Die große Show der Träume“. Wer träumt hier wovon?

Volker Herres: Unentdeckte Talente, die von der großen Bühne träumen und von Beatrice Egli ihren Wunsch erfüllt bekommen. Dafür ist die erfolgreiche Schlagersängerin zu Wasser, zu Land und in der Luft durch ganz Deutschland und die Schweiz gereist. Das Ergebnis ihrer großen Talentsuche präsentiert sie dann im Studio, unterstützt von nationalen und internationalen Stargästen.

medienpolitik.net: Ist das die neue „große“ Samstagabend-Show? Was überzeugt Sie an dieser Show, dass Sie mehr als 12 Prozent Marktanteile bringen könnte?

Volker Herres: Natürlich sind wir vom Konzept überzeugt und drücken die Daumen!

medienpolitik.net: Das „Quizduell“ erreichte mit der vorerst letzten Folge einen Rekordwert von 11.8 Prozent, nachdem es am Anfang so holprig lief. Warum hatte Sie mit dem „Quizduell“ so viel Geduld?

Volker Herres: Wir werfen die Flinte nicht gleich ins Korn, wenn wir von einem Protagonisten und einer Programmidee überzeugt sind. Vom Publikum werden wir schließlich auch ob unseres langen Atems geschätzt.

medienpolitik.net: Hat die Sendung das Potenzial auch für 20.15 Uhr?

Volker Herres: Ja, natürlich: Im Übrigen liefen bereits zwei Prominenten-Specials um 20.15 Uhr und wir denken auch über Fortsetzungen nach.

medienpolitik.net: Der Dokumentarfilm „Citizenfour“, den der BR und der NDR mit finanziert haben, hat einen Oscar erhalten. Wann läuft er im Ersten? Vielleicht 20.15 Uhr?

Volker Herres: Um ein möglichst großes Publikum für diesen herausragenden Dokumentarfilm zu erreichen, zeigen wir „Citizenfour“ im Feiertagsprogramm 2015/16. Erfahrungsgemäß ist das Interesse in diesem Zeitraum besonders groß.

medienpolitik.net: Warum läuft der Film nicht zu einem früheren Datum – jetzt wäre er doch hochaktuell?

Volker Herres: Zum einen wollen wir diesen Film in einer zuschauerstarken Zeit im Ersten zeigen und zum anderen bin ich davon überzeugt, dass das Thema noch länger sehr aktuell bleiben wird.

medienpolitik.net: Hat sich die Zahl „klassischer“ Dokumentationen zugunsten von Verbraucher-Tests wie „Hackfleisch im Test“ verringert?

Volker Herres: Nein, die Anzahl unserer Dokumentationen und Reportagen hat sich mit den „MontagsChecks im Ersten“ nicht verringert. Diese Verbrauchersendungen sind ja an Stelle der Ratgeber im Ersten getreten.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen eigentlich Dokumentationen/Dokumentarfilme für Ihre Quotenbilanz?

Volker Herres: Dokumentationen und Reportagen sind ein ebenso wichtiger wie unverzichtbarer Bestandteil im Programmangebot des Ersten. Wir sind stolz auf dieses Genre, das wir auch weiterhin mit unvermindertem Ehrgeiz pflegen. Natürlich erreichen diese, häufig mehrfach preisgekrönten Filme nicht den Marktanteil, den wir beispielsweise mit Fiktion erzielen. Nach dem Urteil der Zuschauer bietet Das Erste die besten Dokumentationen und Reportagen im deutschen Fernsehen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 7/2015 erstveröffentlicht.

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