Medienpolitik:

Medienpolitik völlig neu denken

von am 31.08.2015 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Journalismus, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Rede

<h4>Medienpolitik:</h4>Medienpolitik völlig neu denken
Olaf Scholz (SPD), Erster Bürgermeister Hamburgs

Verlags- und Medienbranche hat bei der Digitalisierung der Gesellschaft einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung

31.08.15 Von Olaf Scholz, Erster Bürgermeister Hamburgs

Manchmal drängt sich der Eindruck auf, dass man von Medien gar nicht sprechen darf, ohne auch von der Krise oder mindestens dem Wandel zu sprechen. Oftmals mischt sich ein melancholischer Unterton in die Debatte. Den halte ich nicht für angemessen, weil ich fest davon überzeugt bin, dass der Journalismus und die Medien ihre besten Jahre noch vor sich haben. Denn zunächst einmal ist festzuhalten, dass wir qualitativ hochwertige Medienangebote wahrscheinlich niemals dringender brauchten als heute.

Weil sich unser technologisch geprägtes Zeitalter so rasant verändert und weil sicher geglaubte politische und gesellschaftliche Überzeugungen fundamental herausgefordert werden, sind wir angewiesen auf die kommunikativen Orientierungsmarken, die Journalistinnen und Journalisten setzen können. Doch schon seit Längerem wird immer wieder die bange Frage gestellt, ob es sich künftig noch geschäftlich lohnen werde, diese wichtigen Marken zu setzen.

Wie funktionieren mediale Geschäftsmodelle im Digitalen? Mit dieser Frage ringt die Branche zu recht – und stellvertretend für viele andere. Normativ können wir es uns in der Beantwortung dieser Frage einfach machen: Es muss gelingen, weil wir gesellschaftlich auf Medien und Journalismus nicht verzichten können. Sie sind eine Grundlage einer informierten, einer aufgeklärten, letztlich einer demokratischen Gesellschaft.

Das ist richtig und wichtig. Das müssen wir immer wieder sagen und immer wieder betonen. Aber natürlich ist das für das wirkliche Leben zu wenig. Denn wer den Blick weitet, der sieht, dass wir nicht nur Gelerntes beutungsschwer verteidigen müssen, sondern dass sich faszinierende neue Möglichkeiten auftun:

Längst können Informationen weltweit verbreitet werden. Längst tragen wir alle permanent Geräte bei uns, auf denen wir jederzeit und immer journalistische Produkte lesen, hören oder anschauen können. Längst haben wir alle die Möglichkeit, unsere Meinung kundzutun und selbst in die gesellschaftliche Debatte einzusteigen. Und längst haben junge Unternehmen jede Chance, Märkte komplett umzukrempeln und neue Angebote zu machen.

Niemals zuvor in der Geschichte haben Medien mit ihren Produkten so viele Nutzerinnen und Nutzer so direkt und unmittelbar erreicht. Warum sollte es da nicht gelingen, mit dieser Reichweite auch ausreichend Geld zu verdienen. Genau für diese zutiefst kaufmännische Aufgabe sollte die Medienstadt Hamburg doch bestens gerüstet sein.

Ich glaube jedenfalls nicht an die Melancholie, die durch die Beschreibungen des journalistischen Endzeit-Romans „Die Unperfekten“ wehen. Und erst recht kann ich der plumpen Medienschelte nichts abgewinnen, die zunehmend von den linken und rechten Rändern aber auch wachsend aus der Mitte unserer Gesellschaft heraus artikuliert wird. Journalistische Medien haben alle Chancen, ihre bedeutende Stellung in unserer Gesellschaft zu wahren. Journalistische Medien besitzen nach wie vor hohe Relevanz.

Mit den neuen Technologien wissen Medien schließlich noch besser, was ihre Nutzerinnen und Nutzer wünschen und besitzen zugleich noch mehr Möglichkeiten, Informationen zu recherchieren und attraktiv aufzubereiten. Dieses Wissen kann eine wesentliche Grundlage des künftigen journalistischen Erfolges sein. Denn natürlich fällt es leichter, Communities of Interest zu bedienen, wenn ich die Interessen verlässlich kenne. Und dabei geht es nicht bloß, um den special interest. Wer in die Politik oder in den Journalismus geht, der verpflichtet sich immer auch auf den general interest. Auf das, was alle angeht. Auf das, was unsere Gesellschaft im Kern zusammenhält und was sie deswegen wissen muss.

Auch diese Aufgabe lässt sich mit den neuen technischen Möglichkeiten zumindest nicht schlechter erfüllen. Die Debatten über die Zukunft der Medien und ihren Wandel kreisen irgendwann immer um die Digitalisierung. Ich will da heute keine Ausnahme machen. Denn natürlich sind es neue technologische Möglichkeiten, die zu den beschriebenen Veränderungen führen. Informations- und Kommunikationsprozesse waren Gegenstand der ersten Digitalisierungswelle. Ihr folgten Industrie, Produktion und Logistik in einer zweiten Welle und mittlerweile der öffentliche Raum und die öffentliche Infrastruktur in einer dritten Welle. Die Diskussion über die Smart City zeigt, dass auch wir als Stadt selbst uns diesen Veränderungen nicht entziehen können – und es im Übrigen auch gar nicht wollen.

Letztlich wird das für alle Bereiche in Wirtschaft und Gesellschaft gelten – ähnlich wie im Zuge der Industrialisierung und später der Elektrifizierung wird auch der aktuelle Wandel alles umfassen. Wir können daher fest davon ausgehen, dass Computer perspektivisch alles erledigen werden, was sie erledigen können. Sich gegen diese technologische Zwangsläufigkeit zu stemmen, hat einen Hauch von falscher Romantik. Wichtiger ist es, präzise zu erkennen, wo die Maschinen an ihre Grenzen stoßen und wo die menschliche Ratio der digitalen Binärlogik stets überlegen sein wird. Hier den Unterschied zu markieren, ist eine der zentralen gesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit und Voraussetzung, die Chancen der Technik zu nutzen.

Die Verlags- und Medienbranche hat diesbezüglich einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung. Sie ist als eine der ersten Branchen mit dem Neuen in Berührung gekommen und weiß daher mittlerweile ziemlich gut, wie sie den Wandel produktiv annehmen und zum eigenen Vorteil nutzen kann. Wir alle können lernen von den Erfahrungen, die in der Medienbranche mit der Digitalisierung gemacht worden sind und noch gemacht werden. Wir sehen, was wir verändern müssen, wo wir Neues entwickeln müssen, und auch, wo wir Bewährtes bewahren können. Denn der Kern des Journalismus bleibt derselbe – ganz gleich ob gedruckt, gesendet oder digital.

Es geht um das Wissen über die Zusammenhänge und um das Angebot, alles Wesentliche zu einem Thema oder in einem bestimmten Zeitraum zu erfahren. Das kann mal eine Wundertüte sein und mal der streng thematisch gegliederte Überblick. Immer aber wissen wir, dass es Redakteurinnen und Redakteure sind, die sich gemeinsam darauf geeinigt haben, was wichtig ist und die aus der unüberschaubaren Vielfalt von Geschichten und Eindrücken das Wichtige und Wesentliche herausdestilliert haben.

Redakteurinnen und Redakteure übrigens, die unter anderem hier an der Henri-Nannen-Schule eine exzellente handwerkliche Ausbildung genossen haben. Es wäre vordemokratisch, eine so wichtige gesellschaftliche Leistung wie den Journalismus allein von Begabungsideologien abhängig zu machen. Zum Journalismus muss man nicht geboren werden oder berufen sein. Im Kern ist er ein faszinierendes Handwerk, auf das unsere freiheitliche Demokratie unabdingbar angewiesen ist. Das Versprechen von Überblick und Zusammenhang ist etwas, das in jeder modernen Gesellschaft zu jedem Zeitpunkt der Entwicklung attraktiv bleibt, wenn es ordentlich eingelöst wird. Davon bin ich überzeugt. Dieses Versprechen gewinnt sogar an Wert in einer Zeit, in der das Äußern individueller Meinungen so einfach war wie noch nie zuvor in der Geschichte. Denn aus der Vielzahl an Meinungsbeiträgen wird erst durch journalistische Bearbeitung auch so etwas wie eine öffentliche Meinung oder ein öffentliches Meinungsspektrum. Erst so entsteht Orientierung.

An diese Leistung kann man auch ein Preisschild hängen. Sie hat auch einen monetären Wert, den wir gesellschaftlich verteidigen müssen. Wie diese Leistung erbracht wird, wie sie aufbereitet und verbreitet wird – das verändert sich durch die Digitalisierung rasant. Und es lohnt, hier die neuen Möglichkeiten für den Dialog und die eindringliche Darstellung zu nutzen. Hier liegen neue Geschäftsmodelle, die auch hier in Hamburg entwickelt werden.

Deshalb haben wir das Thema Content & Technology 2014 auf die Agenda auch des IT-Gipfels der Bundesregierung gesetzt. Und wir haben die Initiative nextMedia.Hamburg gestartet, die bei der digitalen Transformation der Medien- und Kreativbranche helfen soll. Unsere Chance ist es, rund um die etablierten und erfolgreichen Unternehmen und Marken eine lebendige digitale StartUp-Szene wachsen zu lassen. Aus diesem Zusammenspiel entstehen die Innovationen, die wir brauchen, um die Zukunft der Medien zu gewinnen.
Ich freue mich, dass Gruner + Jahr diese Bemühungen ausdrücklich unterstützt.

Ebenso übrigens wie auch unsere intensiven Bemühungen zum Beispiel im Mediendialog Hamburg um eine Medienordnung, in der nicht mehr in erster Linie der Verbreitungsweg ausschlaggebend ist, sondern vielmehr die gesellschaftliche Leistung des Inhalts. Es ist gut, wenn sich auch die Verlagshäuser an dieser Debatte engagiert beteiligen und die digitale Medienordnung der Zukunft mit entwickeln. Neue Produkte entstehen, Kulturtechniken entwickeln sich weiter, Unternehmen verändern sich. Gruner + Jahr macht da keine Ausnahme. Sicherheit kann oftmals erst durch Wandel erreicht werden. Ich freue mich, dass das der Eigentümer genauso sieht und klare Aussagen zur Zukunft von Gruner + Jahr gemacht hat. Hier kann noch vieles Gutes entstehen.

Die nächsten 50 Jahre werden ereignisreicher und spannender als die zurückliegenden. Oder wie Barack Obama gesagt hat: „The best is yet to come.“ Das gilt für die Medien und Ihre Techniken selbst: Niemals zuvor war es möglich, neue Angebote so rasant und erfolgreich am Markt zu platzieren. Niemals zuvor aber sind Angebote auch so schnell wieder verschwunden. Das gilt für die politische Begleitung der Medien: Wir werden Medienpolitik völlig neu denken müssen. Wir werden uns verabschieden von den kleinteiligen Vorgaben und von den unterschiedlichen Regulierungsrahmen. Stattdessen werden wir uns auf klare Prinzipien einigen müssen, um das zu sichern, was uns was wirklich wichtig ist.

Und das gilt für unsere Gesellschaft insgesamt: Ich bin mir sicher, dass wir die Konsequenzen der digitalen Moderne noch nicht wirklich durchdrungen haben und dass wir uns ihres gewaltigen Potenzials noch nicht bewusst geworden sind. In den neuen Techniken steckt die Chance, das notwendige Wachstum mit einer steigenden Lebensqualität zu verbinden. Das, was früher in der Werbung mal Fortschritt durch Technik hieß – und woran die Sozialdemokratie ja auch Zeit ihres Bestehens festgehalten hat – ist heute umso mehr möglich. Aber es ist eben nicht voraussetzungsfrei, sondern bedarf der verantwortungsbewussten politischen und gesellschaftlichen Gestaltung.

Es ist gut zu wissen, dass wir sie dabei an unserer Seite wissen. Aus wirtschaftlicher Klugheit und aus demokratischer Verantwortung. Das ist in der Verlagsbranche meistens – ich will nicht sagen: immer – Hand in Hand gegangen. Das wird auch in Zukunft gelingen. Dabei wird der Wandel auch weiterhin das Beständige sein: Wenn dann unsere Nachfolger in 50 Jahren wieder zusammenkommen, um 100 Jahre Gruner + Jahr zu feiern, dann ist das einzige, was wir jetzt prognostizieren können, dass dieser Festsaal weiterhin so aussehen wird, wie heute – alles andere ist offen. Und das ist doch eine tolle Perspektive!

Aus der Rede von Olaf Scholz auf dem Senatsempfang 50 Jahre Gruner + Jahr am 26. August in Hamburg

Der Beitrag ist eine Vorveröffentlichung der promedia-Ausgabe Nr. 9/2015.

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