Rundfunk:

„Es war an der Zeit, zu reagieren“

von am 12.08.2015 in Allgemein, Archiv, Interviews, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Es war an der Zeit, zu reagieren“
Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle

Die Deutsche Welle plant maßgeschneiderte Programmangebote in weiteren Sendesprachen

12.08.15 Interview mit Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle

Der deutsche Auslandssender Deutsche Welle (DW) hat Ende Juni ein neues englischsprachiges Fernsehprogramm gestartet. Damit gibt es neben den großen internationalen Informationssendern CNN, Al Jazeera, BBC und TV 5 Monde nun auch ein globales 24-Stunden-Programm aus Deutschland in englischer Sprache. Das Programm strahlt rund um die Uhr Reportagen, Nachrichten und Magazine aus. Die Deutsche Welle will auch weiterhin auf Deutsch senden. Allerdings nehmen 90 Prozent der Zuschauer die DW-Sendungen in den jeweiligen Fremdsprachen Englisch, Spanisch und Arabisch wahr. Die Finanzierung der Deutschen Welle durch den Bund wurde 2015 um 12 Millionen auf 286,7 Millionen Euro erhöht.

medienpolitik.net: Herr Limbourg, welche Funktion soll der englischsprachige Kanal erfüllen?

Peter Limbourg: Es war an der Zeit, auf die Veränderungen im Bereich der Auslandssender zu reagieren. Die Deutsche Welle wird mit ihrem neuen TV-Angebot insgesamt mehr Zuschauer erreichen. Am 22. Juni haben wir nicht nur den neu aufgestellten englischsprachigen Kanal auf Sendung gebracht. Wir haben auch unsere TV-Programme auf Deutsch, Spanisch und Arabisch neu konzipiert und die Verbreitungswege deutlich verbessert.
Neben Englisch senden jetzt auch die anderen TV-Kanäle der DW auf Deutsch, Spanisch und Arabisch rund um die Uhr in den jeweiligen Sendesprachen. Das war früher nicht so. Nur in den USA müssen wir wegen behördlicher Auflagen auf unserem deutschen Kanal vier Stunden am Tag auf Englisch senden.
DW, unser englisch-sprachiger Kanal, kann jetzt auch in Europa über Satellit und einige Kabelnetzwerke empfangen werden. Und Anfang August wird ein weiterer Satellitentransponder über Europa frei, den wir dann mit dem deutschen TV-Programm belegen. Damit kann die DW zum ersten Mal überhaupt in großen Teilen Europas auf Deutsch empfangen werden.

medienpolitik.net: Welche Inhalte verbreiten Sie damit weltweit?

Peter Limbourg: An der journalistischen Ausrichtung der DW wird sich prinzipiell nichts ändern. Unsere Zuschauer, Hörer und Online-Nutzer können sich immer auf unsere ausgewogene und objektive Berichterstattung verlassen. Besonders froh bin ich über die Programmfenster, die wir für Asien und Afrika entwickelt haben. In den jeweils einstündigen Sendungen werden die Themen behandelt, die in diesen beiden wichtigen Zielgebieten der DW relevant sind. Es gibt Hintergrund und Interviews, wobei die Erzählperspektive unserer Reporter in den Regionen entscheidend sind. Wir bieten weit mehr als den Blick auf die Welt aus einer Nachrichtenredaktion in Europa.

medienpolitik.net: Wer soll damit erreicht werden?

Peter Limbourg: Wir sprechen mit unseren Programmen alle Menschen an, die sich über die politische Entwicklung in der Welt, aber auch ganz besonders in ihren eigenen Ländern, objektiv informieren möchten. Jeder, der zum Beispiel an einem positiven Veränderungsprozess in Ländern mit eingeschränkten Menschenrechten mitwirken will, findet im Programm der DW Informationen, die er konkret nutzen kann. Und wir richten uns natürlich auch direkt an Menschen, die in offizieller Funktion an Entscheidungen und Reformen mitwirken.

medienpolitik.net: Sie wollen sich damit dem Wettbewerb mit anderen Auslandssendern wie BBC, CNN und Al Jazeera messen. Welche Konsequenzen hat das für Ihr Angebot?

Peter Limbourg: Die DW bietet eine von anderen Auslandssendern nicht vertretene europäische Sichtweise und Einschätzung. Das macht unser Programm, neben einer durchgängig positiven Bewertung unserer Glaubwürdigkeit, in vielen Regionen der Welt zunehmend attraktiver.

medienpolitik.net: Warum ist ein solcher Wettbewerb überhaupt notwendig?

Peter Limbourg: Auslandssender wie die Deutsche Welle, aber auch die BBC, oder bei unseren französischen Kollegen, gibt es seit vielen Jahrzehnten. Nach und nach haben Regierungen und Unternehmen in immer mehr Ländern entdeckt, wie wichtig ein internationales mediales Angebot ist.

medienpolitik.net: Über welche Wege ist dieser Kanal zu empfangen?

Peter Limbourg: Für den neuen englischen TV-Kanal setzen wir weiterhin auf die bewährte Verbreitung über Satellit. Wir erhöhen unsere Reichweite zudem durch Vereinbarungen mit Partnern, die besonders in den Zielregionen Asien und Afrika unser Programm in Kabelnetze einspeisen. Und über die neue DW-App sind alle TV-Kanäle im Live-Stream auch mit mobilen Endgeräten empfangbar.

medienpolitik.net: Inwieweit mussten für diesen Kanal Einsparungen an anderer Stelle bei der Deutschen Welle vorgenommen werden?

Peter Limbourg: Für den neuen englischen TV-Kanal haben wir nicht an anderen Programmen gespart, sondern das Einsparpotenzial der gesamten DW genutzt. Für die Modernisierung der technischen Infrastruktur in unseren Studios und Regien gab es eine einmalige Bezuschussung. Durch die vor nun knapp zwei Jahren angestoßene Programmreform sind wir in der Lage, die redaktionelle Leistung der Kolleginnen und Kollegen in allen Sprachredaktionen optimal zu vereinen. Das ermöglicht die Umstellung zum Beispiel auf stündliche Nachrichten im englischen Kanal und eine Verdopplung der Nachrichtenstrecken im deutschen Kanal, ohne dass es dafür in anderen journalistischen Angeboten der DW Abstriche geben müsste.

medienpolitik.net: Es gibt TV-Kanäle für spanisch sprechende Länder, den arabischen Raum und für Amerika. Ändert sich an diesen Angeboten etwas durch den englischsprachigen Kanal?

Peter Limbourg: Wir haben unsere TV-Kanäle für den arabischen Sprachraum und für Südamerika auch neu ausgerichtet. Im arabischen Fernsehkanal gibt es nun mehr Nachrichten, eine neue einstündige Informationssendung zur Primetime und neue Interviewformate. Südamerika bedienen wir auch mit neuen Programmen, darunter eine jetzt schon sehr erfolgreiche Sendung, in der unsere Moderatorin Pia Castro interessante Menschen aus dem Sendegebiet porträtiert. Von der umfassenderen Berichterstattung, die wir für den neuen englischen Kanal nun täglich in unserer Redaktion erstellen, profitieren natürlich auch die anderen Sprachangebote der DW.

medienpolitik.net: Inwieweit finden sich noch Inhalte von ARD und ZDF in den TV-Kanälen?

Peter Limbourg: Die Kooperation mit ARD und ZDF läuft hervorragend. Wir übernehmen von beiden öffentlich-rechtlichen Sendern viele hochwertige Programme, die wir aus unserem Etat nicht produzieren könnten.

medienpolitik.net: Haben Sie trotz der höheren Aufwendungen für den englischsprachigen Kanal noch Möglichkeiten auf bestimmte Krisenregionen aktuell zu reagieren?

Peter Limbourg: Absolut. Im Budget ist nicht nur der laufende Betrieb kalkuliert. Wir haben selbstverständlich auch eine Reserve eingebaut, um auf wichtige Ereignisse in angemessener Form reagieren zu können.

medienpolitik.net: Werden Sie einen russischsprachigen Kanal aufbauen?

Peter Limbourg: Die DW ist, was Russland betrifft, hervorragend aufgestellt. Vor kurzem erst hat die zuständige Behörde in Moskau unsere Sendelizenz für die DW-Fernsehprogramme in Deutsch und Englisch um zehn Jahre verlängert. Die DW hat auf die Krise um die Krim, die sich inzwischen zu einem Krieg auf dem Boden der Ukraine entwickelt hat, unmittelbar reagiert. Nicht nur mit Berichterstattung in unseren damals vorhandenen Nachrichtenprogrammen. Wir haben sehr schnell die Sprachredaktionen verstärkt und kurz nach Ausbruch der Krise Nachrichtensendungen auf Russisch und Ukrainisch entwickelt. Die Sendung Geofaktor wird von unseren TV-Partnersendern in Russland und in der Ukraine ausgestrahlt und ist zudem im Internet auf unseren Seiten abrufbar.
Und auf einer Reise in die baltischen Staaten konnte ich mit den Direktoren der staatlichen Sender in den drei Ländern Abkommen unterzeichnen, in denen wir die Programmabgabe von DW-Inhalten in nennenswertem Umfang vereinbart haben. Die Sender in Estland, Litauen und Lettland übernehmen zum Teil schon russisch-sprachiges Programm von uns oder sie adaptieren Magazine und Reportagen selber, die wir ihnen liefern.
Wir sind immer bemüht, unser journalistisches Profil bezogen auf Regionen zu verbessern. Ich freue mich deshalb sehr, dass ab August Zhanna Nemzowa, die Tochter des im Februar ermordeten russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow, in der Russland-Redaktion der DW arbeiten wird. Frau Nemzowa hat ihre journalistische Laufbahn in Russland beenden müssen, weil sie zahlreiche Drohungen erhalten hat. Mit ihrer Kenntnis und klaren Haltung ist sie ein echter Zugewinn für unsere Berichterstattung über Russland.

medienpolitik.net: Sie haben gesagt, der englischsprachige Kanal sei ein weiterer Schritt bei der Neupositionierung der Deutschen Welle. Welche Schritte folgen als nächstes?

Peter Limbourg: Es gibt einige Zielgebiete, die wir in absehbarer Zeit mit maßgeschneiderten Programmangeboten in weiteren Sendesprachen bedienen möchten. Dabei handelt es sich nicht um komplette TV-Kanäle. Wie wir das in Russland und in der Ukraine sehr erfolgreich mit täglichen Nachrichtensendungen demonstriert haben, sind weitere Sendungen für ausgewählte Zielländer und Sprachräume angedacht.

medienpolitik.net: Wie mobil ist die Deutsche Welle inzwischen?

Peter Limbourg: Die mobile Nutzung nicht nur von Informationskanälen nimmt weltweit mit einer großen Steigerungsrate zu. Das liegt an der immer besseren Versorgung mit Internet und Mobilfunk, aber gerade auch in einigen Zielgebieten der DW an der Verjüngung der Gesellschaften. Viele junge Menschen in Asien und auch in Afrika, zum Beispiel, steigen sofort mit Mobilgeräten ein. Auf solche Entwicklungen müssen Programmveranstalter reagieren. Gerade was die mobile Nutzung der Programmangebote der DW betrifft, haben wir einen enormen Sprung nach vorne gemacht. Zeitgleich mit dem Sendestart des neuen TV-Programms im Juni war unsere neu entwickelte App verfügbar. Sämtliche journalistischen Inhalte unseres Online-Angebots in allen 29 Sprachen sind auch über die App abrufbar. Und die vier TV-Kanäle der DW werden ebenfalls über die App live gestreamt. Dazu kommen noch Podcasts und der Zugriff auf unser Media Center.

medienpolitik.net: Wie werden diese Angebote genutzt?

Peter Limbourg: Die Downloadzahlen für die App in den ersten Wochen haben unsere Erwartungen übertroffen. Und die Bewertungen durch die User sind durchweg sehr positiv. Wir scheinen damit wirklich eine Lücke geschlossen zu haben.

medienpolitik.net: Sie haben in Ihre App jetzt eine Kommentarfunktion eingerichtet. Welche Rolle spielen künftig diese Informationen, die Sie von Ihren Nutzern erhalten, für Ihr Informationsangebot?

Peter Limbourg: Das direkte Feedback unserer Nutzer ist ein wichtiger Faktor in der weiteren Gestaltung unserer Angebote. Im Verhältnis der DW mit ihren Nutzern geht das bereits über den reinen Kommentar hinaus, der für uns natürlich sehr hilfreich ist. Wir geben unseren Nutzern auch die Möglichkeit, ihre Erlebnisse in Wort, Bild und Video auf unsere Server hochzuladen. Wir haben Prüfverfahren mit höchsten Standards installiert und wenn ein Beitrag eines Nutzers einmal geklärt ist, kann er ein interessanter Baustein in der Berichterstattung werden. Es geht im Programm von Auslandssendern mehr und mehr darum, lokale Kompetenz und Relevanz zu erlangen. Das geht nur im Verbund mit den Nutzern, weil kein Sender ein absolut flächendeckendes Netzwerk von eigenen Reportern unterhalten kann.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 8/2015 erstveröffentlicht.

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1 KommentarKommentieren

  • Manfred Korn - 27.07.2016 Antworten

    Als Auslandsrundfunkhörer (DXer) bin ich von der Deutschen Welle sehr enttäuscht, daß die Kurzwellensendungen insbesondere auf Deutsch eingestellt wurden. Angeblich soll die Anzahl der Hörer immer weniger werden. Das ist jedoch ein typisches Henne-Ei Problem. Weniger Sendungen > weniger Hörer usw. Die DXer sind zwar wenige, jedoch eine Gruppe, die sehr aktiv und engagiert ist. Sie meldet dem Sender stetig zurück, wie und was zu hören war. Wenn das jedoch in den letzten Jahren der DW ignoriert wird, steigen die Hörer aus. Wie bei den verbleibenden Sendern auf KW zu sehen ist, gibt es einen sehr aktive Gemeinde (Taiwan, China, Vietnam, usw). Als Steuerzahler kann ich nicht akzeptieren, daß die DW einfach das DW-Gesetz nach Gutdünken abändert und die Hörer im Regen stehen lässt. Bei der DW reagiert die Quote und das ist unwürdig für einen Sender in Deutschland, der mit Steurgeldern finanziert wird – das ist nicht die Aufgabe der DW. Herr Limbourg ist hier besonders negativ aufgefallen.

    Manfred Korn

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